Die Brücke von Ewijk

Gute zehn Kilometer stromabwärts von Nijmegen findet sich eine Grazie. Sie ist aus Beton. Verbindet sich aber teils mit einer anmutigen Landschaft, in der üppige Weiden sich am Wasser vergnügen, fast als hätte es nie Menschen gegeben, die sie hätten kappen wollen. Und als gäbe es nirgendwo auch nur das geringste Zeichen menschlichen Eingreifens. ewijkDem ist in der Wirklichkeit natürlich nicht ganz so: Den Weiden begegnet man an einem kleinen See im Deichvorland, Teil eines Naturschutzgebietes namens Beuningse Uiterwaarden. Bis vor 25 Jahren jedoch bestand dieses Areal, das sich von der westlichen Stadtgrenze von Nijmegen her über zehn Kilometer entlang des Waal erstreckt, noch aus ökologisch geringwertigen Weideland. 1989 wurde es dann abgegraben und umgekrempelt um dem Fluβ mehr Freiraum zu bieten, so wie gleichzeitig der Natur neue Entwicklungsmöglichkeiten (auch wenn dabei Interessen hin und wieder auf einander prallen: Schutz einer besonderen Salamander-Art vs. Klimawandelmaβnahmen) und den urbanen Menschen Erholungschancen.
Denen ist ein freier Zutritt gestattet, den man wenn erwünscht über die Betongrazie erwirbt. Sie ist nämlich eine Brücke, und zwar die Verkehrsbrücke zu Ewijk. Betrachtet man sie von östlicher Seite her, fügt sie sich geschmeidig in die Landschaft, als wären die beiden seit jeher für einander gemacht worden. Von westlicher Seite her, wo noch die Nutzlandschaft vorherrscht, erscheint sie wie von solcher Zweisamkeit ein Herold, Mahnzeichen für schutzbedürftige Naturschönheit. ewijk_2Eine Brücke bleibt aber immer ein Zweckgebäude. Um sich als solches umso besser zu behaupten, wird sie jetzt (zum ersten Mal seit ihrer Eröffnung 1976) einer weitreichenden Renovierung unterzogen, was aus deutscher Sicht, gewohnt die eigenen Brücken zerfallen zu sehen, wie eine Märchengeschichte aus irgendeinem Schlaraffenland erscheinen dürfte. Es kommt aber noch romantischer. Die ursprüngliche einige Brücke ist nicht länger einsam: Jetzt liegen zwei neben einander, ewijk_3und zusammen tragen sie einen Namen, der sogar auf die historische Bedeutung der ganzen Region verweist: die Tacitusbrücke. Tacitus nämlich berichtet in seinen Historien vom Aufstand der Bataven, ringsherum des heutigen Waal angesiedelt, die gegen die Römer aufbegehrten. Dieser Aufstand breitete sich aus über die ganze Region rundum Noviomagum (Nijmegen) und Colonia Ulpia Traiana, (Xanten). Die Geschichte wird von Tacitus aber nicht zu Ende erzählt: Sie bricht ab an einer ehemaligen Brücke, wo Delegationen der beiden Kriegsparteien sich zu einem Abkommen begegnen.
Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt ist sie endlich wiederhergestellt, diese Brücke. Damit auch der Verkehr wieder ungehindert flieβen kann, ewijk_4über diese wichtige Verbindung zwischen Nord und Süd: keine Staus mehr, wie es lange der Fall war. Darüber hinaus ist die Konstruktion der ersten Brücke erneuert und befestigt worden, wo sie doch zu zerbrechen drohte. Und wer sieht denn schon gerne so nah an einem Naturschutzgebiet eine ganze Herde Autos ins Wasser donnern? Die ganze Neugestaltung der Brücke soll für 30 Jahre reichen, wobei natürlich zu hoffen ist, dass sich der Verkehr in Zukunft in Grenzen hält, denn sonst bräuchte man vielleicht irgendwann ein drittes, zusätzliches Teil.
Und die Abgase, und wie steht es um den Klimawandel? Ach, der Fluβ hat eben mehr Freiraum, wenn auch nicht uneingeschränkt. Sowohl stromaufwärts wie auch stromabwärts wird, genauso tüchtig wie an der Brücke selber, an den Buhnen herumgewerkelt. Auch die werden näher ausgebreitet und befestigt, westwärts dabei von weidenden Kühen moralisch unterstützt: Wasserwerke ewijk_5und Viehstapel, holländischer geht’s kaum. Nur, was dürfte jenes unscheinbare, gestreifte Gebäude am Ufer gegenüber wohl auf sich haben? Wenn es auch sieht wie irgendeine Lagerhalle, hat es, noch keine fünf Kilometer von der Tacitusbrücke entfernt, weitreichende Bedeutung für die jüngste Geschichte der Niederlande. Die Wildgänse, die sich zu dieser Jahreszeit wieder sammeln in der Region, kümmert es nicht: Auch die zahmen Gänse des linken Ufers sehen es sich ohne Aufruhr an, als wäre das Kapitol sicher wie eh und je. ewijk_6Es hat aber mal Zeiten gegeben, wo am rechten Ufer Menschenmassen kundtaten von der Angst, die Sicherheit der Niederlande wäre von gestreiften Bauten bedroht.
Darüber mehr im nächsten Beitrag.

(Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal in Text und Bild. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Asciburgium

In das Umfeld der gallotrojanischen Legendenbildung am Niederrhein gehört auch der Mythos der bei Tacitus erwähnten Gründung des Ortes Asciburgium (Moers-Asberg) durch Odysseus, den es auf seinen Irrfahrten an den Rhein verschlagen haben soll.

„Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare.“

„Übrigens meinen einige, dass auch Odysseus, auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in jenen Ozean verschlagen, die Küsten Germaniens betreten habe und dass das am Ufer des Rheins gelegene Asciburgium, das noch heute bewohnt wird, von ihm begründet und benannt sei; ja, es sei sogar ein Altar, der von Odysseus unter Beifügung seines väterlichen Namens Laertes sei, an eben jener Stelle einst gefunden worden.“

(Wikipedia)

De Hollandsche natie. (Voorgezang.)

Bardenzang.
Koor van Barden.

Barst los! Bezielt u, heilge soaren!
De lofzang ruisch’ deze eiken rond:
‘t Gevoel stroome uit u hart, gewijde priestrenscharen!
Heft aan, o Wodans harpenaren!
‘t Geld de eer van d’ouderlijken grond.

Twee Barden.

(…) Wat oorden, in zijn kronklend zwieren,
De Rijngod met zijn urn bespaat,
Het schoon gewest der Batavieren
Schenkt hij een’ dubblen waterschat.
Waar wrocht natuur ooit schooner weiland,
Dan hier, op dit gelukkig eiland?
De grond biedt hier een zee van graan,
‘t Wild springt in schaauw der eiken kruinen,
En ‘t strand schenkt ons zijn eeuwge duinen
Ter borstweer tegen d’oceaan.
Roemt, Romers! op uw lauwerbosschen!
Onze eik staat als der boomen vorst.
Wat pocht ge op purpren druiventrossen!
Het nat des Rijns lescht ook den dorst.
Wat stoft ge op marmren schouwtooneelen!
Daar moet gij, slaven! zelf op spelen,
Bevallig sneven naar de kunst!
Gelukkig, zoo gij, in uw sterven.
Een nietig oogmerk moogt verwerven,
Een schandlijk blijk van ‘s dwinglands gunst. (…)

(Das Lob der Bataver, der germanischen Frühbevölkerung der Niederlande, im Vorgesang von Jan Frederik Helmers’ Epos „De Hollandsche natie“, in einem exemplarischen Ausschnitt. Die Barden preisen das konservativ-erdverbundene Germanentum im Abgleich mit dem römischen Fortschritt: der Rheingott sorgt für alles Notwendige, das Eigene ist das Wahre und Gute, das Fremde überflüssiger Bockmist. Die Dünen bilden das mehrdimensionale Elektroenzefalogramm der rheingeäderten Volksseele. Helmers trotzige Spitze, der Bataver habe, weil er das Rheinwasser besitze, den Wein nicht nötig, findet gleichsam vorab bei Tacitus ihre Relativierung: “Potui umor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus: proximi ripae et vinum mercantur. Cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem. Adversus sitim non eadem temperantia. Si indulseris ebrietati suggerendo, quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.”)

Tacitus über den Rhein und seine Anwohner

Vom Rhein als zentralem Grenzfluß (dessen Goldvorkommen er übersieht), vom widerwärtigen, unermeßliche Inseln umfassenden “nördlichen Ozean” und der Genealogie, dem Wesen wie den Sitten der Ureinwohner der waldstrotzenden Deutschländer, die einst auch Herkules und Odysseus gesehen haben sollen, berichtet Tacitus in seinen Neulandbeschreibungen Germania, die heute meist auf das Jahr 98 n. Chr. datiert werden:

“Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum immensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit.
Rhenus, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septentrionali Oceano miscetur.
Danuvius molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus plures populos adit, donec in Ponticum mare sex meatibus erumpat; septimum os paludibus hauritur.

Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim sed classibus advehebantur, qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur.
Quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit?
Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. Ei filium Mannum originem gentis conditoresque Manno tres filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur.
Quidam, ut in licentia vetustatis, plures deo ortos pluresque gentis appellationes, Marsos, Gambrivios, Suebos, Vandilios adfirmant, eaque vera et antiqua nomina.
Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam, qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis, evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox et a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.

Fuisse et apud eos Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina quorum relatu, quem baritum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur; terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille quam virtutis concentus videtur.
Adfectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repercussu intumescat.
Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare.
Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.

Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem extitisse arbitrantur.
Unde habitus quoque corporum, tamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida.
Laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove adsueverunt. (…)”

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Mme de Staël über den Rhein

Mit dem deutschen Wald greift Gorrh ein deutsches Urthema auf, das von Tacitus an zu den Beschreibungsriten unserer heimatlichen Landstriche gehört. Zu Zeiten Mme de Staëls waren die deutschen Urwälder bereits beträchtlich dezimiert, weshalb sie in ihren Ausführungen “De l`Allemagne” auch schnell zu den Flüssen übergeht:

“(…) L`Allemagne offre encore quelques traces d`une nature non habitée. Depuis les Alpes jusqu`à la mer, entre le Rhin et le Danube, vous voyez un pays couvert de chênes et de sapins, traversé par des fleuves d`une imposante beauté, et coupé par des montagnes dont l`aspect est très pittoresque; mais de vastes bruyères, des sables, des routes souvent négligées, un climat sévère, remplissent d`abord l`âme de tristesse; et ce n`est qu`à la longue qu`on découvre ce qui peut attacher à ce séjour. (…)
Néanmoins, quand on a surmonté ces sensations irréfléchies, le pays et les habitants offrent à l`observation quelque chose d`intéressant et de poétique: vous sentez que des âmes et des imaginations douces ont embelli ces campagnes. Les grands chemins sont plantés d`arbres fruitiers, placés là pour rafraîchir le voyageur. Les paysages dont le Rhin est entouré sont superbes presque partout; on dirait que ce fleuve est le génie tutélaire de l`Allemagne; ses flots sont purs, rapides, et majestueux comme la vie d`un ancien héros: le Danube se divise en plusieurs branches; les ondes de l`Elbe et de la Sprée se troublent facilement par l`orage; le Rhin seul est presque inaltérable. Les contrées qu`il traverse paraissent tout à la fois si sérieuses et si variées, si fertiles et si solitaires, qu`on serait tenté de croire que c`est lui-même qui les a cultivées, et que les hommes d`à présent n`y sont pour rien. Ce fleuve raconte, en passant, les hauts faits des temps jadis, et l`ombre d`Arminius semble errer encore sur ces rivages escarpés. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Première partie. De l`Allemagne et des moeurs des Allemands. Chapitre premier. De l`aspect de l`Allemagne.)

Ernst Jüngers Rheinvergleich

“Im wundersamsten Buch der Welt, in der »Tausendundeinen Nacht«, finden wir eine Reihe von Geschichten, die nach dem Muster der Erzählung von den zehn Einäugigen angelegt sind und in denen sich eine Figur ersten Ranges verbirgt. Es handelt sich darum, daß man den Schlüssel zu einem bestimmten Raum erhält, den man jedoch nicht betreten darf, wenn man nicht in ein Abenteuer verwickelt werden will, bei dem man das Licht eines Auges verliert. Zwar ist jedes dieser Abenteuer in sich von unendlicher Mannigfaltigkeit und durchaus von den anderen verschieden, doch allen gemeinsam ist der Punkt des Unheils, auf den sie unfehlbar zustreben und der sich eben durch den Verlust des Auges kennzeichnet.
Ganz ähnlich war es hier: ein jeder, der sich eines Abends heimlich durch das Tor der Kaserne davongemacht hatte, konnte nicht verhehlen, daß er nach einigen Tagen, von zwei Feldjägern wohl behütet, vor eben demselben Tore wiedererschienen war. Ich hatte diese Aufzüge, die in der Arrestzelle endigten, wohl gesehen; man veranstaltete sie gern recht öffentlich, und es gab dabei jedesmal ein großes und schadenfrohes Hallo. Und jeder, der auf diese Weise wiedererschienen war, wußte zu berichten, wie fein er alles eingefädelt hatte, bis auf den kleinen, unscheinbaren Punkt, an dem er unvorsichtig gewesen war. Der eine hatte von einem überwachten Brunnen Wasser geholt, der andere war in ein Dorf geschlichen, um Brot zu kaufen, der dritte hatte schon im Angesicht der Grenze nicht mehr die Nacht erwarten können und war auf eine berittene Streife gestoßen, und jeder beklagte sein ganz einzigartiges Mißgeschick.
Mir nun erging es wie dem Neuling, der in den betrübten Kreis der Einäugigen gerät: ich hielt sie alle für ausgemachte Dummköpfe. Es schien mir, daß der Einzelne in einer so unermeßlichen und fast unbewohnten Landschaft sicherer als die bekannte Stecknadel auf dem Heuboden verborgen sei; und ich bildete mir ein, daß ich nur hierher gekommen wäre, um den anderen einmal zu zeigen, wie ein solches Unternehmen durchzuführen sei.
Damit befand ich mich in einem jener Irrtümer, die keine Belehrung je beseitigen wird. Immerhin läßt sich sagen, daß man auf diese Weise das, was man an Aussichten verliert, an Einsichten gewinnt; und auf die Schilderung dieses Vorganges zielt unsere Erzählung ab. So begriff ich seitdem, wie unsere Vorväter nach der Schlacht im Teutoburger Walde römische Senatorensöhnchen an die vierzig Jahre lang als Kuhjungen beschäftigen konnten, ohne daß einem von ihnen die Rückkehr zum linken Rheinufer gelang, wie man das bei Tacitus nachlesen kann. In diesem Falle nannte sich der Fluß, der zu erreichen war, zwar nicht der Rhein, sondern die Muluya; aber es ist zu bedenken, daß solche Unterschiede wohl in der historischen, nicht aber in der magischen Geographie von Bedeutung sind, in welcher die Geschichte von den Einäugigen spielt.”
(aus: Ernst Jünger: Sämt. Werke, 3. Abteilung – Erzählende Schriften I, Band 15 – Erzählungen: Afrikanische Spiele. Mit Dank an Roland Bergère für die Quelle.)