Echternacher Springprozession

Eine der exzellentesten, meistgeglaubten und liebstfrequentierten Realitäten liefert in der Neuzeit das Fernsehen. Noch im Mittelalter hätte Television für ein Wunder gegolten und wäre diverserseits nicht allzu fern der Ketzerei eingeordnet worden – die meisten Ansichten tragen sich standhaft durch die Zeiten, nur unter verschiedenen Vorzeichen und wechselnden Parteilichkeiten. Pfingsten am Rhein, das sind beispielsweise Schützenfeste, Jugendfußballturniere und die Echternacher Springprozession. Die in ihren Ursprüngen auf das erwähnte Mittelalter rekurriert und für Wunder ebenso bekannt ist, wie sie als heidnisch von Staat und Kirche bereits verboten war wie, hier schließt sich aufs Eleganteste der Kreis der Geschichte, das Fernsehen berichtet. So seh ich also aus der Ferne auf Datenträger gebannte Eifeler springen, sozusagen mit den Füßen beten, zu St. Willibrord, der sie alle einst katholiziert hat, genau: im Mittelalter. Da ziehen sie ihren Glaubensweg über grüne windradverspargelte Eifelwiesen, von Waxweiler aus, von Prüm und Bollendorf, vorbei an Weiden und Kühen, selten sieht man die Eifeler derart lustig und lebensfroh, zunehmend werden sie dafür auch von Touristen bestaunt, für ambulante Überlandbeichten ist gesorgt, für simultane Massengebete und medizinische Betreuung natürlich ebenso, es ist eine Schau und Mühsal, doch wo es früher nur drei Schritte vor und dann einen entscheidenden zurück ging, beim Springen, geht es seit 1945, wie in so vielen anderen Dingen, nur noch voran und wo Karl Marx behauptete, Religion sei Opium fürs Volk, stimmt ein hochneuzeitlicher Prozessionsteilnehmer überein: „Eine ganz tolle Sucht! Die schönste Sucht, die man sich denken kann: mit dem Körper zu beten.“ Auf ihre trockene Art verleihen die Brudermeister die Ehrenabzeichen für fünfzigste, fünfundsiebzigste und hundertste Teilnahmen, und nach einem Schluck hausgebranntem Obstler packen die die eher schweigsamen Prozessionsveteranen sogar die alten Geschichten aus, von der Dorf-SS und dem heiligen Schmuggel von Genußwaren über die Sauer: „Wenn ma damit aufjewachsen is, dann meint ma, dat müßt so sein.“