Spleenige Lebensrettung auf dem Rhein vs. Tod durch Schwanenbiß

Nun beschloß ich, mir den Tod zu geben. Aber ich wollte auf “anständige Weise” sterben. In Bacharach blieb ich, mietete mir einen Kahn und fuhr in den Rhein hinaus, um in der prächtigen Sommernacht – ein Bad zu nehmen. Schon schwamm ich und schwamm und schwamm; das Boot mit meinen Kleidern war längst meinen Augen entschwunden. Und ich wurde nicht müde; und das wollte ich doch gerade… Plötzlich hörte ich nicht weit von mir einen Nachen schnell heranrudern und gleich darauf einen Fall in den Strom, Geplätscher, Hilferufe. Alle Kraft kam wieder in mich: ein Mensch in Gefahr. Ich schwamm auf die Stelle zu, packte einen, der im Untersinken begriffen war, und brachte ihn mit vieler Mühe ans Ufer.
Am andern Morgen saß ich dem von mir Geretteten in seinem Zimmer im Hotel gegenüber und erfuhr eine wunderbare Geschichte: Der etwa fünfzigjährige Engländer, den ich aufs Trockene gebracht hatte, war der dritte Sohn eines Herzogs. Er erzählte mir, daß er mich seit zwei Tagen beobachtet habe; er hätte bald bemerkt, daß ich die Absicht gehabt habe, mir das Leben zu nehmen. Und zur festen Überzeugung wäre ihm das geworden, als ich mich gestern Abend spät in den Kahn setzte; er sei mir nachgefahren, bei einer ungeschickten Bewegung über Bord gefallen, usw. Ich sei sein Lebensretter, er sei mir bis zum Grabe verpflichtet… Ob er mir (und er erzählte das so ruhig wie eine gleichgültige Wetterbemerkung) mit Geld aushelfen könne; ich hätte wohl Schulden und hätte deswegen die Erde verlassen wollen…
Ich war zuerst sprachlos. Aber er drückte mir so innig die Hand, gab mir so herzlich zu wissen, daß er Überfluß an Geld habe und daß es ihm ein großes Vergnügen machen würde, mir zu helfen, daß ich einschlug. Ich erzählte ihm von meiner jahrelangen Qual.
Am andern Tage hatte ich in Köln, wohin er mit mir gefahren war, die Summe, um meine sämtlichen Schulden bezahlen zu können.
Ich behielt meine dienstliche Stellung in dem kleinen polnischen Städtchen während der nächsten zwei Jahre, in denen mich mein englischer Freund mit namhaften Summen unterstützte. Da – es klingt romanhaft – starb der Engländer und hinterließ mir sein großes Vermögen, so daß ich sofort meinen Abschied nehmen und in eine große Stadt ziehen konnte. Und nun, als ich Geld hatte: wie leicht war es, durchs Leben zu kommen, zu rechnen, einzuteilen.
Nur weniges habe ich noch hinzuzufügen: Von Köln fuhr ich damals nach Posen. Ich wollte Stasia, die mit ihrer verwitweten Mutter zusammenwohnte, heiraten. Dies liebe Geschöpf. Aber als ich ihr Haus erreicht hatte, fand ich sie im offenen Sarge. In ihre dunklen Haare hatte sich ein Kranz von weißen Rosen so sehr verliebt, daß er sich unlösbar in sie verflochten. Stasia war beim Füttern der Schwäne in einem Parkteich von einem dieser tückischen Tiere geschlagen worden. Der linke Arm war gebrochen. Nach drei Tagen trat eine Herzlähmung hinzu, und das junge Mädchen verschied.
Der Engländer, der mir so gütig geholfen, der mir sein Vermögen vermacht hatte, schrieb mir in einem Briefe, der mir nach seinem Tode gesandt worden war, daß er durch Umstände, die er hier nicht wiederzugeben brauche, in Erfahrung gebracht habe, wie tief ich in Schulden gewesen sei. Er habe mich verfolgt, in Bacharach bestimmt gemerkt, daß ich mir das Leben habe nehmen wollen. Er, ein ausgezeichneter Schwimmer, habe sich nur als ein Ertrinkender gestellt, um Gelegenheit zu bekommen, mir durch meine Hilfe zu helfen. Ein wenig Spleen war allweil dabei – aber einerlei, er hatte mich gerettet aus edelster Menschenliebe.

(aus: Detlev von Liliencron: Letzte Ernte. Hinterlassene Novellen, Berlin 1909)