Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Rheinstipendien

Die Kulturförderung des Kantons Graubünden unterstützt Rheinsein nach einer sommerlichen Recherchespritze nunmehr mit einem Aufenthaltsstipendium in der Kulturwerkstatt Schloss Haldenstein, dem Spielplatz der “ersten Oper am Rhein”. Ob die Atelierwohnung Rheinblick bietet, ist noch nicht geklärt, jedenfalls wird Rheinsein ab morgen mit Dielhelm, Spescha und Konsorten vom Basiscamp Haldenstein aus den Lauf oder die Läufe des Vorderrheins, sowie die tieferen Tiefen, höheren Höhen und flächigen Fluchten Liechtensteins examinieren, denn auch die Kulturstiftung des alpinen Fürstentums unterstützt Rheinseins Forschungen für deren Kombination mit einem lokalen Projektextrakt. Rheinsein bedankt sich herzlich für das Vertrauen und die freundliche Förderung!

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Rheinquellen

Erquickend zu sehen, wie der Rhein bei Wikipedia verläuft. Die Informationen zum Thema wachsen und werden zunehmend differenzierter dargestellt. Bei Rheinseins letztem Wikipedia-Besuch sah die Informationslage zur Rheinquelle lediglich den Tomasee vor. Mittlerweile steht dort eine Beschreibung des Wassersystems aus zahlreichen Quellflüssen, wie sie klarer formuliert (und dazu noch kostenlos!) andernorts kaum zu haben sein dürfte. Zu erfahren ist nun also, daß die Entfernung der oberhalb des Tomasees liegenden Quelle des den Tomasee durchfließenden Rein da Tuma (der nach einem Keltenfürst benannt sein soll) bis zum Zusammenfluß von Vorder- und Hinterrhein etwa 71 Kilometer betragen soll. Sowohl im Vorder- als auch im Hinterrheingebiet existieren jedoch einige mündungsfernere Quellen: Rein da Medel, im Mittellauf auch Froda, in seinem Tessiner Oberlaufgebiet Reno di Medel genannt (etwa 76 Kilometer); Rein da Maighels (etwa 75 Kilometer); Rein da Curnera (etwa 74 Kilometer); Rein da Nalps (etwa 71 Kilometer); die beiden von den Gebieten Puozas und Milez (in der Nähe des Oberalppasses) herunterkommenden Quellbäche (etwa 70 Kilometer); der aus dem Val Val herunterkommende Quellarm (etwa 70 Kilometer). Ganz hervorragend die vagen Kilometerangaben, tragen sie doch der Beweglichkeit ihrer Objekte/Subjekte Rechnung. Im Gebiet des Hinterrheins, vereint mit dem Albula-Landwasser-System, kommen hinzu: Dischmabach (etwa 72 Kilometer); Flüelabach (etwa 70 Kilometer); desweiteren die in der Regel etwas kürzeren Totalpbach, Julia, Madrischer Rhein und der Albula-Quellarm Ava da Ravaisch. Auch die Aare, die bei ihrem späten Zusammenfluß mit dem Rhein die deutlich größere Abflußmenge aufbringt, wird nun im Artikel „Rheinquelle“ bedacht. „Die Rheinquellen“ lautet ein weiterer, der sich jedoch einer gleichnamigen Bündner Zeitung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts widmet. Nach den Literaten (s. Spescha, s. Rheinsein) kommen nun also auch die Wikipedianer zum Schluß, daß bei der Rheinherkunft von deutlich mehr als zwei Quellen gesprochen werden kann, darf, muß. Die weiteren Aussagen des Artikels beziehen sich eher trocken auf Abflußmengen, Einzugsgebietsgrößen und Subsysteme.

Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Ils reins

Leo Tuor, der romanisch schreibende Autor aus der Surselva, hat die ganzen historischen Rheinstellen gelesen, Caesar, Seneca, Spescha, Hölderlin natürlich, nur den seltenen Dielhelm vielleicht nicht. Als Bergler versteht er in seinem Essay „Ils reins“ die gewachsene und weiter wachsende Berg-, Tal-, Bach- und Flußnomenklatur des Vorder- und Hinterrheins zu entwirren, sich gleichzeitig tief ins System der Täler zu begeben, wo bei Wetterumschwüngen jeder automatisch in die Irre gerät und, um sie zu bannen, um zu überleben, ein paar passende Worte zur Hand haben muß; denn die Natur wechselt unaufhaltsam ihre Positionen, Täler und Flüsse verschieben sich oder verschwinden, Regionen dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, Wälder wandern und dünnen aus, erweitert um Prozesse aus Beton, also Wall- und Schanzarbeiten, und erstmals lese ich ernsthaft bestätigt, deutlich ernsthafter als bei Spescha, was ich droben bei den Quellen empfand: sie festlegen zu wollen sei grober Unfug, Wasser sei nun mal nicht festzulegen, Tuor redet beim Rhein von hunderten Flüssen, und davon, daß niemand wisse, wer der Rhein sei, weil er ein Zauberer sei, ein Meister der Verwandlung. Ich empfand die Quellszenerie als touristisch unbeachtetes Weltwunder und die prächtigen Fortbewegungsarten des entspringenden Wassers als Stilmittel der größten Erzählung überhaupt, die Zeit und Raum überbrückend im selbsterzeugten Rauschen aufgeht. Tuor gesteht dem Rhein 12000 Verlaufskilometer zu und meint vielleicht eine Addition seiner Seitentäler plus seiner historischen, wie Krampfadern aus der Landschaft gezogenen Windungen, vielleicht auch der Flüße unter dem Fluß. Tuor bezeichnet die Bergwässer als Drachen, dessen Zungen bis unter die Gletscher und weiter hinein in die Dunkelheit reichen und zitiert zur Sicherung den Engadiner Durich Chiampell mit einem Notat aus dem 16. Jahrhundert: „Obwohl unser hochgebirge mit ewigem schnee bedeckt ist, hatt dasselbe dennoch viele sonnige Felspartien, höhlen, gegen mittag geöffnet, wo der lintwurm sich gerne aufhält und nach art der schlangen und eidechsen an der sonne liegt.“ Auch berichtet Tuor von einem frühmorgendlichen Gang durchs dunkle neblige Gebirge, als er plötzlich im Schein seiner Lampe zwei gelbe Augen antraf, die (meine sofortige Vermutung: „der böse Anogl“ weder bestätigend noch verwerfend) womöglich nur einem Fantasma gehörten, das ihn immerhin an Don Cirongilio de Thracias Kampf mit der Wasserschlange erinnerte; es gibt im Dunkeln, unter Wasser und hinterm Fels diese anderen Tiere, frühe Schriften bezeugen das, und wer lange genug dem Rheinrauschen lauscht, differenziert darin auch die Botschaften solcher kryptischen Spezies. Steinige und plätschernde Elemente der romanischen Sprache bringt Tuor in seinem abschließenden Statement besonders zum Klingen: „Sco ei ha entschiet, aschia cala ei: Ina aua en pliras auas, dapertut e negliu. Inagada alvas e blauas. Sereinas ni neras els lags. Aur tgietschen ellas palius. Sgurghigliem verd e bugliadetsch. Spema, ramur, mar.“

Der Essay „Ils reins“ findet sich im Bildband: Der Rhein – quellnah. Fotografien von Catja Rauschenbach – ein Jahreslauf, u.a. mit Essays von Wolfgang Mörth, Hansjörg Quaderer, Leo Tuor, herausgegeben vom Bündner Naturmuseum Chur, Küefer Martis Huus Ruggell und Museum Rhein-Schauen Lustenau im Alpenland Verlag

Dielhelms Vorderrhein (2)

Über frühere Tage des ersten Rheinklosters Disentis weiß der Rheinische Antiquarius die eine und andere Anekdote (- nichts für schwache Nerven!): “Dies Dissentis / lateinisch Disertina, oder Desertum, genannt, ist eine uralte berühmte Benedictiner Mönchs=Abtey, dessen erster Ursprung von dem heiligen Siegbert / einem Schottländer und Jünger Sanct Columbanus hergehohlet wird, welcher im Anfang des siebenden Jahrhunderts nebst Sanct Gallus in die Schweitzerische Lande gekommen seyn, und allda den christlichen Glauben unter den noch meistentheils dem abgöttischen Heydenthum anhangenden Leuten zu predigen und zu pflanzen angefangen haben soll. (Anm.: und wie überall in Berg- und Kluftgegenden stehen jede Menge vermeintlicher, geraunter Kultstätten, Vorstellungen von blutig-orgiastischem Triefen evozierend, eigentlich ganz grau und harmlos im Gelände. Fortschritt durch Christentum.) Dieser Siegbert war ein Liebhaber des Einsiedlerlebens, derohalben er im Jahr 614. sich im Urseler Thal am Gotthardsberge in einer Zelle aufgehalten, und weil es ihm da nicht einsam genug zu seyn schiene, so begab er sich über den Crispaltenberg in die Räthische Gegend, und baute sich eine Zelle an dem Orte, wo jetzt das Kloster Dissentis stehet. Er wurde, sowohl seiner lehrreichen Predigten, als auch seines frommen und strengen Lebens halber, gar bald unter dem herum wohnenden Volke bekannt, bekam auch Jünger, die in seine Fußtappen zu treten verlangten, unter welchen sonderlich Placitus, ein zu Thrums (Anm.: wo immer das sei; womöglich verschwunden) wohnhafter Ritter und Oberherr dieser Landesgegend, war. Von diesem melden die Mönchshistorien und Legenden, daß, als er auf Befehl seines Landsherrn Victors (dessen Tyranney und ärgerliches Leben er gestraft habe) enthauptet worden, das abgeschlagene Haupt aufgehoben, in eine Tuch gewickelt habe, damit fort gewandert sey, solches einer ihm ohngefehr begegnenden Frauen zugeworfen (Anm.: oha, gegen die Damen impulsiv noch dazu, der fromme, strenge Herr!), und also ohne Kopf zu seinem Lehrmeister gekommen sey, welcher ihn mit grossem Schrecken und Herzeleid empfangen, und bey seiner Zelle begraben, eben an dem Orte, wo er, Siegbert / hernach auch hingelegt worden. (Anm.: verwundert nicht übermäßig, vor solcher Kulisse, ein derart freakiger letzter Gang, die Alpen stecken voller ziehendem Nachtvolk, Widergängern, Aufhockern und Kopflosen. Der Rhein als Gespensterrhein auf klösterlichem Terrain.) Lange Zeit darauf wurde alldorten eine Kirche zu Ehren des heiligen Placitus samt einem Kloster erbauet, welches endlich durch Mildthätigkeiten und Beysteuren vermöglicher Leute an Reichthum, und dessen Aebte an Ansehen angewachsen, und in den heutigen blühenden Stand gelanget ist. Der dasige Prälat führet den Titel eines Reichsfürsten, jedoch ohne Sitz und Stimme auf dem Reichstage; Den Bundstägen des obern Grauenbunds wohnet er gemeiniglich in Person bey, und hat bey der Wahl der Aemter und Behandlung der Polizeysachen die erste Stimme, auch das Recht, alle drey Jahre aus dem Hochgerichte Dissentis, den Boten des Grauenbunds drey Personen vorzuschlagen, aus welchen sie einen zum Landrichter und Haupt des Bundes erwählen können; allein auf dem allgemeinen Bundestage der Graubündter hat er keinen Sitz und Stimme, stehet anbey im Graubündtner Land in besonderm Ansehen und Gewalt, und hat die Münzgerechtigkeit. Im übrigen aber besitzet das Kloster vortrefliche Einkünfte, und genieset herrlicher Rechte und Freyheiten. Sonst giebt es in dasiger Gegend große Gebürge, worinnen unterschiedene Kupfer= Eisen= und Kießbergwerke anzutreffen sind, so dem dortigen Abt zuständig, und eine Zeit her fleißig sind gebauet worden. Von dem gemeldeten dasigen großen Gebürge sagt man: Montes hic celsissimi, Valles vero miserrimae, Beati, qui non vident & tamen credunt! Das ist: Hier sind die Berge am höchsten, die Thäler aber am elendesten. Seelig sind, die nichts sehen und doch glauben!” (Ob Spescha den Dielhelm kannte; ähnliche Beschreibungssystematik.)

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“

Rheinbeschaffenheit

Weiter aus dem Spescha:
„Die Helligkeit seines Waßers ist kaum vergleichlich. Alle Gebirgswäßer sind zwar, wenn sie durchgeseicht und als Brunnquellen zum Vorschein kommen, rein und nehmen jene Farbe an, welche ihre Unterlagen darbieten. Sie werden aber zu Zeiten, und vorzüglich des Sommers, durch Tauwitterung und Regengüßen getrübt. Besonders aber geschiecht dieses, wenn die Glätscher zu schmelzen beginnen und starke Regengüße, welche den Staub der Kalk- oder Thontrümern, welche auf dem Schnee oder Eise durch Verwitterung aufgelöst werden, wegschwemmen, erfolgen. Und alsdann nehmmen die Gewäßer jene Gestalt der Farbe an, die sie vom Staub der Auflösung bekommen haben. Sie verlieren aber allmählich ihre Trübe bei ihren Fortwälzungen und Ruhestätten und werden weißgrünlich. (…) Was ihn aber am meisten trübt und unansehnlich macht, sind seine Zuflüße, welche von vermoderten und eisenschüßigen Thonschiefer weggespühlt und zugeschwemmt werden. Vom Geschmack des Rheinwaßers läßt sich`s wenig schreiben, weil er vom Gaumen eines jeden beurtheilt wird. (…) Die Waßerfälle des Rheins sind insgemein und insbesondere merkwürdig und ziechen jährlich viele Menschen aus fremden Landen dahin, um sie zu beschauen. (…) Die Seen, welche dem Rhein Zufluß bringen oder von ihm durchgefloßen werden, sind äußerst mannigfaltig und spiegeln unvergleichlich. (…) Kaum wird man in Europa eine Stein- oder Mineralart finden, welche im Geschiebe des Rheins und seinen Zuflüßen nicht vorgefunden werden. Denn, um von den gemeinen Stein- und Mineralarten zu schweigen, wälzt er sich vom ersten bis zum niedrigsten Alpenkamm Versteinerungen von Menschen, Meer-Thiere und Pflanzen, Stücke von Jaspis und Jaspisachat, von Carneol (ist wohl ein Irrthum), Chalcedon, Achat, Onix u.d.m., von Topasen, Chrystallen und Granaten und Niederschläge von Silber und Gold etc. (…) Seine Quellen entspringen nächst unter dem Luftraum, dringen meist durch Granit- und Gneißgebirge; sein Waßer muß also das reinste und schmackhafteste seyn; wie können hiemit die Thiere, welche darin leben und schwimmen, anderst als die reinsten und schmackhaftesten werden? (…) (Dieser ganze Abschnitt muß wegbleiben:) Nicht eine andere Wirkung hat dieser Fluß als jene, die ihm der Schöpfer der Natur gegeben hat. In Rücksicht deßen hat er, im allgemeinen Verstand, jene Wirkungsnatur wie andere, denn er fallt, rinnt und dünstet aus etc. wie andere Flüßen. Er fällt nemlich, weil er vom Luftkreis betrückt wird; er rinnt, weil er von seiner eigenen Schwere zum fortwälzen bestimmt ist; er dünstet aus, weil er sein Naturspiel forttreiben muß und damit er immer fortfließen könne. Er wirkt in das Feuer und mäßiget es; er wirkt in die Luft und bereichert sie; er wirkt in das Meer und füllt und verdünstet es; er wirkt auf die Erde und befeüchtet sie und macht sie fruchtbar; er wirkt auf Menschen und Thiere und belebt und erhaltet sie. (…)“

Der Name des Rheins

Aus Placidus Speschas „Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen im Kanton Graubündten nebst der Beschreibung vieler Gebirgsreisen in dieser wenig besuchten und erforschten Alpengegend“:

„Zum Grundsatz angenommen, daß die Babylonier das Land Lydien in klein Asien unter der Anführung des Lud in Besitz genommen; die Lydier aber eine Kolonie unter der Leitung ihres Anführers Tyrrhenus nach Hetrurien in Italien verschickt und diese das Poland, welches ehemals Thuscien und nun das lombardische Königreich genennt wird, bevölkert haben; müßen die in Räthien um das Jahr 620 vor Christi Geburt eingewanderten Thuscier den Namen des Flußes beigelegt haben. Allein hier gehet eine andere Frage hervor: ob nemlich das Wort Rhen, wie wir`s noch zum Theil aussprechen und die Lateiner Rhenus schrieben oder wie es gegenwärtig Rhein geschrieben und allgemein gesprochen wird, ein abgeleitetes oder ein ursprüngliches Wort sey. Ich aber meines Theils halte es für ein abgeleitetes und entweder mit der mittlern Sylbe des lydischen Kolonieführers Thyrennus oder von dem Stammvater der rhätischen Nation Rhaetus hergeleitetes Wort. Denn wir haben noch mehrere Namenwörter in unserer Sprache, welche auf das Althertum unserer Geschichte hinweisen, (…)“

„Der Rhein hat eine hochadeliche Geburt; allein schon zur Römer Zeit ging er gehörnt zum Abgrund des Meers zu, und jetzt eilt er nach seiner bestimmten Ruhe ohne Ehre und ohne Namen. (…) Wie Strabo das Gebirg, wovon der Rhein entspringt, Aduallas nennt, so nennt Ptolomäus es Adula. (…) Die Räthier sprechen noch jetzt duals, uals und auals aus, wenn sie Bäche oder Wäßer bezeichnen wollen. Wenn sie aber: zu den Bächen oder Wäßer sagen sollen, sprechen sie: a duals oder ad uals und ad auals. Wenn ich aber das Wort Adula einzel betrachte, so kommt es mir vor, die Alten wollten die Flüße Adda und Arola, mit Weglaßung einiger Buchstaben, in einem Wort verbinden.“