Lantsch

Der in quietschrotes Saumleder geschirrte Capricorn von Lantsch, Schnapsfaß umn Hals: schweigsam zieht er zu thorschen Zopfstrudeln aus rollenden Amboßklängen, großzügig verwebt mit verärgertem Steingegrummel, im Nachtgewitterleuchten über ausgezackte, schneekostümierte Sommergrate, dimensioniert sich etwas über, wie eben Männchen der meisten Species dies allenthalben mit Vorliebe tun, erregt heimeligen Grusel: Huhaa! Hörner am zitternden Himmel! Am nächsten Morgen, sweet fourteen degrees, hängen die Hörner als Jagdtrofäen untern Giebeln der ansässigen Tgeasas, Igls und Tschavns, haben einige Dimensionen eingebüßt, rauscht nurmehr das Lantscher Bächlein, plätschern die Lantscher Brunnen, surren auf der Frequenz von zehntausend Hummeln die Trockengebläse der Lantscher Heuschober vor Joghurtdeckel-Panorama: grün-stahl-weiß-blau im sfärischen Lichte. Selbst fonduegeborne Nachtmahre, Succubi etc blinzeln und zerfallen vor solchem Naturgeprange. Tgangs alla tschinta! Heiligkeit strömt durch den Ort, il spir besegelt die Mauern, zwiepscht nonfrequent über diplom-korrekteingeparkte allradgetriebene Motorgeräte (mit denen Nietzsche(*) bereits in Sils-Maria vorfuhr), auf den Straßen keine Sau, dafür Hans Ardüsers Heiligenreste an den Fassaden. Die Begräbniskirche St. Maria vorm Beinahdreitausender Piz Beverin ziert ein verwischter Hohlkopf-Heiliger mit Dreischneuß-Hirnventilator und Palmpuschel (resp Siebenschwänziger Katze?) und öffnet nur alle Jubeltage, eben wenn ein neues schmiedeeisernes Kreuzli angepflanzt wird. Schmetter- und Schnatterlinge auf dem tiptop begärtnerten Gottesacker, der zu den schönsten der Welt zählen mag, und dessen knappe Grabausmaße zu Vermutungen Anlaß geben, die Särge dürften wohl senkrecht ins Erdreich getrieben sein. Einige ans eiserne Kreuz geschlagene Heilande sparen sich den erhebenden Blick aufs Albula-Tal. Fortgesetzter und fortzusetzender Lantscher Bilderreigen: Rotkäppchen betet zu Maria im heiligen Scheine; Repro von Gottes Originalhänden (“entkömmst ihnen nicht!”) am Pfarrhaus; “sur refugi digl martgea / vainsa te predestino / da noss bab naus vain irto / nossa tgeasa sur igl pro”; Euterprämierungsmarken (vor den jeweiligen Prämierungen werden die venendurchsetzten Kuhunterleiber dampfstrahlgereinigt und mit diverserlei Euterschein hochgejazzt); Sempervivum-Himmelsherold-Flühblümchen-Menschenkraut-Ensembles; Ardüsers Heilige Anna Selbstdritt. Der älteste Mann der Welt zeitlupt als Fels über die Dorfstraße, holt sich die tägliche Kanne Milch beim (inzw so etikettierten Bio-)Bauern ab, “naturbedingte Ereignisse führen zu Sperrungen an folgenden Alpenpässen und -straßen: …”

(*) Nietzsche: “Ich schreibe nichts von der ungeheuren Großartigkeit der Viamala. Mir ist es, als ob ich die Schweiz noch garnicht gekannt hätte. Die neuen allradbetriebenen Kraftfahrzeuge bezeugen des Bergmenschen Hoheit. Als auf Gottes entlassenen Hengsten geht es scharf die Pisten entlang. (…)”