Der Rhein stank – Rolf Dieter Brinkmann packt sich das Internet

In den 60ern und bis zu seinem Tod am Piccadilly Circus* Mitte der 70er Jahre lebte Rolf Dieter Brinkmann in Köln. Das Haus in der Engelbertstraße, in dem er zur Miete wohnte, ist bis heute, wo dort weder eine Tafel angebracht ist, noch angeblich irgendjemand vom berühmten Vorbewohner weiß, beliebter Pilgerort für junge Schriftsteller. Mit Super 8-Kamera oder Tonband ausgerüstet schweifte Brinkmann seinerzeit durch die Stadt und formulierte, was er dabei sah, in einer Radikalität, die für Köln gänzlich untypisch erscheint und für deren Entstehen es wohl zwangsläufig einen Zugewanderten brauchte. So entstanden Dokumente aus Wut, Ekel, Distanz und Teilnahme zugleich. Ein vor klaren Worten strotzendes Beispiel eines solchen Original-Tondokuments findet sich mittlerweile unter dem Titel Fratzen in der Straßenbahn auf Youtube: Brinkmann ledert ab über „den stinkenden Rhein“ und „die schmierigen Rheinländer“: „Ich brauch mir die Kölner bloß in Kantinen angucken, da kriegt man das Kotzen.“ Und weiter im Fetzenstil: „Fette, schlampige, schweinsfüßige Kölnerinnen.“ „Pfusch, Gemuschel, Gemauschel, überall Durchwinseln und Arschkriechen, das tun sie hier.“ Brinkmann erregt sich über „kölnische Fressen“, ihre „Pellkartoffelmentalität“, brandmarkt ihre rheinischen „Muffwörter“, indem er anhand der Veedelsnamen meditiert: „Kölnische schleimische Wörter: Sülz, Sülze, Wackelpeter, schmierige Glibbermasse: Köln-Sülz“. Wiederkehrende Erregungen, wie sie durch allfällige Skandale in wechselnden, doch nahezu voraussehbar kurzen Intervallen für Köln charakteristisch sind, bringt Brinkmann darin ein für alle Mal auf den Punkt, im Grunde eine (weitgehend ungenutzte) Standardantwort bzw -absage an die rheinische Mentalität, seine finale Betrachtung der Stadt: „Zum Weggehen. Was ich tun werde. Was ich tue“ mengte sich schließlich am Piccadilly Circus ins allgemeine Weltenschicksal.
Etwas zurückhaltender, doch nicht weniger aussagestark tönt eine weitere Stadtbetrachtung unter dem Titel Köln. Montag, den vierzehnten Mai 1973 aus den Tagebüchern – beide Sequenzen von einem Nutzer namens Das Laken verfügbar gemacht.

* Gerüchten zufolge sollen seine letzten Worte eine Schimpfkanonade auf die zurückhaltende Art der Briten gewesen sein.