Chur (2)

„Die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne.“ (Thomas Bernhard)

„Wer Chur je mit eigenen Augen gesehen hat, der weiß, daß es sich hier um eine sonnige, herzenswarme, liebliche Stadt handelt.“ (Iso Camartin)

Ob Thomas Bernhard nicht sonderlich herumgekommen ist oder sein erfolgreich-auf-Nörgeln-gepolt-Sein ihn zu seiner Feststellung verleitet hat (grad keine Vergleiche zu Bernhardschen Aussagen über andere Städte zur Hand): Chur vermittelt, insbesondere winters von Norden betreten, anfangs schon einen recht depressiven, von Bergen zugeklappten, dunklen Eindruck (etwa den eines Betonwaldes, aus dessen dampfstrahlgereinigten Modergebieten kahlköpfige Hochhauspilze ragen), der sich aber beim Verweilen flugs in hellere, sehr helle und Zwischentöne löst und bei Sonnenschein sowieso innert Minuten, wenn auch nicht rückstandslos, dahinschmilzt. Insofern dürfte sich Iso Camartins heimatverteidigender Satz vor allem auf Ausschnitte, und hierbei vor allem ältere, der ältesten Stadt der Schweiz berufen. Nun geht es in puncto Finsternis stark auf den kürzesten Tag des Jahres zu, Chur glimmt, von Haldenstein aus betrachtet, ab spätestens 17 Uhr wie eine weihnachtsbeleuchtete Kröte (oder sonst ein rundlich-fettes Krippentier) drunt, von hier aus links des Rheins gruppiert, ein Anblick, wie ihn jedes in Talgründen gelegene Schweizer Städtchen mehr oder minder bietet: gewiß kein allzu kalter. Rabiate, dem Wortsinn entsprechende, Finsternis mag der Literat zwar überall, aber im Städtevergleich doch eher z.B. in Phnom Penh als herrschend vorfinden, Finsternis gepaart mit Kälte, wenn es denn sein muß, z.B. in den Polarregionen, Gelsenkirchen oder Kattowitz. Chur enttarnt Bernhards Urteil bei aller Vorsicht (wer weiß, was Bernhard Grauenhaftes in Chur widerfahren sein mag?) somit mindestens zur Hälfte als vorurteilsgenährte Selbstentlarvung eines Kaumgereisten. So soll man immer aufpassen. (Ich sperre vorsorglich die Kommentarfunktion für Gelsenkirchener.) Letztlich sind beide Zitate Korsettstangen einer kleinen Stadt mit (zum Wohnen) hübschen Winkeln und häßlichen Flächen, welch letztere über ihre bergblickbietende Funktionalität jedoch, auf Dauer, einen ästhetischen Zugewinn entwickeln (oder dann doch eines Tages besser abgerissen werden) mögen. Von den Gewerbe-und Industriezonen bliebe, daß auch sie schweizerisch clean erschienen, von der Stadt an sich, die im Gesamten schon wie hingeworfen-wo-Platz-ist wirkt, die tallängs wenig Ausbreitungsbestrebungen zu besitzen scheint und doch das Zentrum einer ganzen Region voll berühmter Ferienorte in ehemals und teils bis heute wilden Haupt-, Seiten- und Rheintälern vorstellt, läßt sich sagen, daß sie dieses an sie herangetragene Selbstbewußtsein mit Gelassenheit zu tragen scheint. Ein freundlicher, zurückhaltender Schlag geht dort shoppen oder verkauft sein Birnbrot, auf kleinem Areal ist die gesamte Kultur einer zerklüfteten Region (zumindest museal) verfügbar und in der munizipalen Linie „dr Bus vu Chur“ erklingen die Haltestellenansagen im lokalen Dialekt.

Teilzeitrheinfee

Gott hat graue, mit Abwasser vollgesogne Putzlumpen unterm Himmel aufgespannt, eine Art Open Air-Scherz: alle zehn Minuten preßt er sie aus. Im Regen läßt sich die Stadt leichter erkunden. Alles wirkt distanzierter, wie erstmals echt. Irgendwann: ich fuhr runter zum Fluß, so ähnlich wie in dem Springsteen-Lied, nur mit dem Fahrrad und meine Süße war auch nicht dabei, bestenfalls in einer verwackelten Erinnerung (Selbstauslöser). Der Fluß strich über die Zeit, ein kältelahmes Reptil aus Wasser auf Beutezug durch die staubigen Hallen meiner Sehnsüchte: ziemlich leere Hallen, ziemlich unterbelichtete Aufnahmen. Durch meinen Schädel gingen unterdessen ein paar Strudel, der Rhein selbst driftete unentwegt von rechts nach links, schiens, ohne jemals zu verschwinden. Dann erreichte ich die Stelle, an der sie so glücklich aussah, damals, in einer Vergangenheit, die nur noch per Computer rekonstruierbar sein würde. Das Hochwasser hatte seine Pfützen am Ufer hinterlassen. Darin einige seltsame Tierchen. Für sie wäre das allenfalls Gewürm gewesen, oder Ungeziefer, sie hatte so eine indifferente Haltung selbst gegenüber den einzigartigsten Naturfänomenen: “Ich komme aus dem Großstadtslum, Autos sind meine Tiere.” Ich hatte diese Tierchen noch nie zuvor gesehen. Sie flitzten sinnlos durch die Pfütze, irre Choreografie, sowas wie “Jagen und Verstecken”, von jeglichem herkömmlichen Zweck befreit. Ich schaute mir das Durcheinander eine Weile an. Minuten und Stunden zogen vorbei wie der Fluß, ganz unbeteiligt. Allgemeines Patt vor Nieselkulisse. In schwer bestimmbarer Entfernung schlummerte die Kathedrale. Vielleicht pißte sie auch heimlich in den Strom. Kein Mensch ließ sich blicken, weit und breit. Schließlich entschloß ich mich, das Gewürm zu untersuchen. (Mußte meine deutsche Ader gewesen sein, die mich auf diese Idee brachte.) Einmal gefangen, machten die Viecher den Eindruck schleimiger grauer Flußgarnelen, an Land waren sie völlig hilflos, wälzten sich im Matsch und verkrümmten ihre schlammigen Leiber, fuhren die Füße ein, asselten und krampften ganz mitleiderregend. Die Tiere erinnerten mich an ihre asiatischen Schwestern, ein paar hundert Mal größer als dieses Rheingewürm, Mekong-Garnelen, wie sie auf den Speisekarten der Edelrestaurants in Phnom Penh zu finden waren. Diese Mekong-Flußgarnelen hießen Demoiselles, Frolleins also, oder Jungfern. Als ich durch Phnom Penh streifte, fuhr sie mit dem Moped durch Sansibar, beide stopften wir unsere Sommerlöcher und schoben die darob ermittelten Daten per E-Mail hin und her, gespickt mit halben Lügen wie sehr wir uns vermißten. Ich schnippte die Rheintierchen zurück in ihre Pfütze. Der Fluß stand auf einmal senkrecht. Dahinter, auf der anderen Seite der Welt, saß sie als vages Schema an ihrem Schreibtisch und frisierte unsere Daten.

Rhein vs Irrawaddy vs Tonle Sap

„Road to Mandalay“ heißt, nach dem fantastischen Gedicht von Rudyard Kipling, heute ein 1964 in Köln erbautes Rheinschiff, das seit Mitte der 90er zum Luxusliner umgebaut auf dem burmesischen Irrawaddy unterwegs ist. ARD-Asienkorrespondent Robert Hetkämper hat eine Doku darüber gedreht, die den ein oder anderen Vergleich mit dem Rhein geradezu herausfordert. Ähnlich wie 2007 an den Ufern des Tonle Sap in Phnom Penh, als Rheinsein sich von einer Halluzinogene verschießenden Vollsonne plötzlich durch gleißende, sich im von mächtigen Zahnlücken geprägten Gelächter uralter Nonnen auftuende, Tunnel hindurch in imaginäre Rheinwelten, wie sie Köln vor 150 Jahren noch ähnlich gekannt haben mag, versetzt fühlte, halb im weichen Asfalt, halb im Uferschlamm versank, durch Schlick und Schnecken watend mit irgendeiner abstrusen Limo in der Hand wieder zu sich kam, unter einem lumpigen schattenfächelnden Plastiksegel in einer an allen Ecken und Enden zerfetzt wirkenden Siedlung halbnackter Handnetzfischer und Fährarbeiter, bietet auch der Irrawaddy der Kamera zunächst „romantisch-idyllische“ Bilder schlichter Fischerhütten und Bambusflöße, ähnlich den Burgruinen des Mittelrheins ragen Tempelkuppeln pittoresk, wie es gern und treffend heißt, aus den Hügeln. Direkt hinter der Romantik aber liegt seit den Tagen ihrer Erfindung überall auf der schönen großen weiten Welt nichts weiter als die nackte Realität. Von Schmutz und Prunk, in diesem Fall. Entlang des Irrawaddy und zwischen den Pagoden der Zauberstadt Bagan siedelt die Armut mit freundlichem Gesicht. An Deck der “Road to Mandalay” entspannen Touristen mit Cocktails im Bordpool, in den Ortschaften, die sie passieren, ist der Irrawaddy selbst das einzig bekannte fließende Wasser, die Kreuzfahrt wirkt beschämend, unumgänglich entsteht der Eindruck, ein paar reiche Gaffer würden da durch einen Menschenzoo geschleust, während nächtliche Kamerabilder von der Pflege buddhistischer Heiligtümer eine nahezu unberührbare Kultur suggerieren, die sich wie nebenbei unter Tourismus und Regime wegduckt, aufs Eleganteste bei sich bleibt, vielleicht ein paar goldene Schweißtropfen verliert, nach denen sich die Jäger authentischer Eindrücke vergeblich bücken, weil sie sich bei Berührung in nichts auflösen. Zum buddhistischen Lichterfest schließlich setzen vom Luxusliner engagierte Dorffischer tausende schwimmender Laternen auf den nächtlichen Irrawaddy, die wie Lichter versunkener Metropolen flußab geistern – und erinnern an die pompösen Rhein in Flammen-Spektakel, die sie mit ihrer ergreifenden Naturnähe um Längen übertreffen.