Wo viele andere längst die Fahne gestrichen hätten

„Schweinsfisch, Schlammbeißer, Mistgurre, auch Furzgrundel wird der Schlammpeitzger genannt. Dabei ist es ein besonderer Fisch, der nachweislich in Lebensräumen zwischen Philippsburg und Rastatt existieren kann, wo viele andere längst die Fahne gestrichen hätten. Den Namen Furzgrundel hat sich der Schlammpeitzger übrigens redlich verdient. Sein bevorzugtes Revier sind verschlammte Gewässer. Viel Sauerstoff kann der Fisch da nicht aufnehmen. Er kompensiert das durch Haut- und Darmatmung. Und dass dabei auch der ein oder andere „Furz“ freigesetzt wird, sollte ihm niemand verdenken. Seine Geräuschkulisse freilich ist so gut wie nicht wahrzunehmen – zum einen, weil er dort lebt, wo sonst kaum jemand hinkommt, zum anderen, weil es ihn nur noch selten gibt.“

Das Zitat stammt aus den Badischen Neuesten Nachrichten und veranlaßte uns, weitere Informationen über das seltene rheinische Wesen einzuholen. Die folgende Rundumbeschreibung ist eine Kompilation aus verschiedenen Quellen:

“Der Europäische Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) ist ein 15 bis 20 cm, selten bis 30 cm langer, bodenlebender, nur wenig mobiler, kleiner bis mittelgrosser Süßwasserfisch aus der Familie der Dornschmerlen mit aalähnlichem, aalartig langgestreckten, langgezogenen Körper, der vorne walzenförmig und im Querschnitt drehrund ist, mit kreisrundem Querschnitt, im hinteren Teil seitlich zusammengedrückt und abgeflacht. Nach menschlichen Maßstäben ist er weder schön noch anmutig. Zweckmäßigkeit steht bei ihm im Vordergrund.

Am vorderen Ende seines kleinen Kopfes befinden sich 10 Bartfäden. Das unterständige Maul ist eng, der Oberkiefer trägt sechs Barteln, der Unterkiefer vier. Zwei Paare längerer Barteln setzen am Oberrand des Oberkiefers an, ein anderes Paar in den Maulwinkeln und zwei Paare sehr kurzer Barteln befinden sich an der Unterlippe. Ins Maul eines großen Exemplars paßt ein 8er Haken mit zwei quicklebendigen Rotwürmern. Der Kopf ist meist bräunlich bis rötlich mit kleinen Punkten. Der für viele Schmerlen typische Dorn unter dem Auge fehlt.

Seine Haut ist stark schleimig, die Rundschuppen sehr klein und tief in die schleimige Haut eingebettet. Die Fische sind von brauner Farbe, braun bis orange, Seiten und Bauch sind gelb, die Bauchseite ist hell, seltener rötlich mit einem breiten und zwei schmaleren dunklen Streifen, die vom Kopf bis zur Schwanzwurzel ziehen. Die Flossen sind gewöhnlich gelbbraun mit dunklen Flecken, die Schwanzflosse ist abgerundet, die Seitenlinie unvollständig. Das Männchen hat eine um ca. ein Drittel größere Brustflosse als das Weibchen.

Schlammpeitzger leben als heimliche Gesellen in stehenden oder langsam fließenden Gewässern, verschlammten Teichen, Tümpeln und alten Flussarmen meist am Grund, in den sie sich zuweilen bis zu 70 Zentimeter tief einbohren. Der Fisch bevorzugt sehr strömungsarme Standorte mit einer lockeren Schlammauflage von 0,5-1 Meter Mächtigkeit und reichem Bewuchs mit Wasserpflanzen, welche ihm Schutz und Nahrung bieten. Oft handelt es sich bei solch sumpfigen Gewässern um Gräben (Sekundärbiotope). Im Oberrheingebiet stellen insbesondere wasserpflanzenreiche Altrheine und zufließende, verkrautete Gewässer/Gräben mit weichem Substrat günstige Habitate dar. Schlammpeitzger sind besonders in der Nacht aktiv und halten sich tagsüber verborgen. An manchen Standorten mit akutem Sauerstoffmangel sind sie nicht selten die einzigen lebenden Fische, denn sie können – nachdem sie an die Oberfläche geschwommen sind – Luft verschlucken.

Die Nahrung setzt sich aus Wirbellosen, Larven von Insekten, kleinen Krebsen, Schnecken und Muscheln und anderen Organismen die am Gewässerboden gesucht werden, zusammen. Die Art verfügt über eine ausgeprägte, akzessorische Darmatmung. Aus der an der Oberfläche geschluckten Luft wird der Sauerstoff im stark durchbluteten Darm aufgenommen. Dies unterstützt die Haut- und Kiemenatmung so gut, dass der Europäische Schlammpeitzger auch in sehr sauerstoffarmen Gewässern vorkommt.

Vor einem Wetterwechsel, vor allem vor Gewittern, wird die Art oft unruhig und schnappt häufig an der Wasseroberfläche nach Luft („Wetterfisch“).

Über die Vermehrungsstrategie des Schlammpeitzgers ist wenig bekannt. Männchen (Milchner) und Weibchen (Rogner) zeigen ein Laichverhalten, bei dem sie einander umschlängeln. Die Laichzeit liegt zwischen April und Juni, während dieser Zeit werden die Eier (pro Weibchen zwischen 12.600 und 170.000) an Pflanzen und deren Wurzeln abgelegt. Wenn es Winter wird oder das Wasser knapp, vergräbt der Schlammpeitzger sich im Schlamm und verfällt in eine Art Schlaf.

Wirtschaftlich ist der Europäische Schlammpeitzger unbedeutend.

“Bey bevorstehendem Regen oder Gewitter wird er allemal unruhig, macht das Wasser trübe und kommt auf die Oberfläche desselben, da er sonst immer tief unten auf dem Boden sitzt. Man hat ihn daher schon lange als ein beliebiges Wasserglas gehalten, indem man ihn in ein großes Zuckerglas thut, das etwa den 3. Theil mit Schlamm und Sand aufgefüllt ist. Er hält sich viele Jahre, wenn man ihn im Sommer zweymal und im Winter einmal mit frischem Wasser und Schlamm versieht.” (Bechstein, Naturgeschichte der Stubenthiere 1797)”

(Zitiert nach fischerweb.ch, fischlexikon.info, wikipedia.org, hessen.nabu.de, ruteundrolle.de, natura2000.rlp.de und Johann Matthäus Bechstein)

Mit dem Faltboot von Karlsruhe nach Köln

Mit dem Faltboot paddelte Stefan Mittler im Sommer 2012 auf dem Rhein von Karlsruhe nach Köln. rheinsein präsentiert in einer losen Fortsetzungsserie einige Fotos, die auf der Strecke, meist aus dem Boot heraus, entstanden.

strange weather

Smoke on the water: Enten baden im Morgendunst auf einem Altrheinarm vis-à-vis Philippsburg.

philippsburg

Die Naturzug-Nasskühltürme des Kernkraftwerks Phillipsburg aus der Flußperspektive.

brücke

Die Speyrer Rheinbrücke, eine als Autobahnteilstück genutzte einhüftige Schrägseilbrücke mit rechtsseitigem Pylon (zur gesamtlandschaftlich-visuellen Schonung des Speyrer Doms), hier mit Instandsetzungsgerüst. Beachtenswert ist neben dem totempfahlähnlichen Aufbau sowie den geometrischen Strukturen des Gerüsts auch die farbliche Abstimmung mit  Brückenseilen und -geländer. Wassertropfen auf der Kameralinse und der ins Bild ragende Faltbootbug verstärken die Authentizität des Gesamteindrucks.

rheingalerie

Am Ludwigshafener Ufer dräut die 2010 eröffnete Rhein-Galerie, mit “direkter Sichtbeziehung zum Rhein” (Wikipedia), ein riesiges Einkaufszentrum. Die Passage zwischen Mannheim und Ludwigshafen gilt unter Paddlern wegen des hohen Verkehrsaufkommens und schlechter Anlandemöglichkeiten als besonders knifflig.

industrie

Den Abend bestrahlende Industrie bei Worms, aufgenommen vom rechten Rheinufer. Mit dem Licht soll auch ein seifiger Geruch über den Fluß kriechen.

Oberrheingedicht

Dieser Tage ist der neue Gedichtband Scherbenballett von Matthias Kehle erschienen. Kehles Gedichte lesen sich als ruhige, essenzenfilternde Blicke auf seine Sujets. Hier erklimmt der Leser mit dem Autor die nördlichen Schwarzwaldausläufer, der Blick schweift gen Norden übers weite Rheintal bis zum Odenwald. Die beruhigende bis erhebende Wirkung des Innehaltens auf der Höhe schwingt in den Zeilen, aus denen gleichberechtigt mit den Türmen des Speyrer Kaiserdoms die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg ragen, welche die ansonsten wie aus der Zeit gefallene Stimmung in die Gegenwart rücken:

Blick über die Rheinebene
(Kreuzelberg, Ettlingen)

Geh langsamer
es ist noch früh

der Huflattich kommt
mit seinen Lockstoffen

von weitem heisere
Glocken bleib stehen

von hier siehst
du die Kühltürme

den Dom und rechts
den Melibokus

aus: Matthias Kehle: Scherbenballett, Gedichte, Verlag Klöpfer&Meyer, 128 Seiten, 16 Euro.  rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Textes!
Auf der Verlags-Website finden sich weitere Textproben, das Buch kann direkt dort geordert werden.

Karlsruhe und Umgebung (2)

Bei Rheinkilometer 375 läuft der Strom mit starkem Sog in die Auwälder aus. Schauflug und Schautauchen der Kormorane werden begleitet von Pappelrauschen und silberreinem Rotkehlchensang. Hin und wieder ruft der wilde Kuckuck auf Selbstfindung seinen bezeichnenden Namen durch Gestrüpp und Wipfel. Alt-Dettenheim wurde mitsamt seinen Malariasümpfen im Zuge von Tullas Rheinbegradigung so gut wie ausgelöscht, dh, es besteht noch aus zwei Häusern und einigen ringgebundenen Infotafeln, die von lokalen Fröschen berichten, die sich zur Paarungszeit aus unbekannten Gründen blau verfärben. In Rußheim, das sich im tiefen Tal voll grüner Au hinter einem teichrosenbestandenen Wasserlauf auftut, gibt es eine Herrgottstraße sowie äußerst schmackhafte Himbeer-Zitronenquark-Flechtteilchen, für die sich sicherlich ein schöner Name erfinden ließe, und um Mittag ein plötzliches, fantomartiges Mutterkindaufkommen, das die leergefegten, in eine trügerische Staubdunstschicht gehüllten Straßen für einen halluzinatorischen Moment belebt. Ein somnambuler Flecken, ganz und gar kontrolliert von seiner zeitlupenhaft tickenden, einzig aufs Unterbewußtsein wirkenden Kirchturmuhr. Und auch ich gerate in diesen Rußheimer Zeitstrudel, der sich ganz in der Nähe sogar zu einem Bunkermuseum verdickt, dh in seine abnehmende Quirlbewegung, die auf Stocken und Verharren weist, Speyer werde ich aufgrund dieser Verzögerung nicht mehr erreichen, ein seltsamer Zwang das Krabbeln der Feuerwanzen zu betrachten trägt dazu bei, auch die empfundene Notwendigkeit die Flugkurven gelegentlich und einzeln anfliegender Insekten zu berechnen, nicht wenige steuern direkt auf meinen Mund; dann geht ein Ruck oder ein Riß durch solche Rußheimsche Gefangenschaft, ich finde mich außerhalb Rußheims auf dem Sattel wieder und den Gießgraben querend erreicht Rheinsein das bereits im Lorscher Codex erwähnte Rheinsheim mit seinem Kleintierzuchtverein, seinen gefallenen Weltkriegshelden, seiner auffälligen Sandstein-Muttergottes-mit-dem-Kind vor der domartigen St. Vitus-Kirche, seinem aus scharfen, unübersichtlichen Kurven dringenden Durchfahrtsstraßenlärm und seinen sacht im Wind wippenden Kastanienblüten. Früher Nachmittag dümpelt über dem Ort, ich suche nach Anzeichen für das nahe Kernkraftwerk Philippsburg, ein paar Anwohner streicheln ihre Autos – nichts Besonderes.