Pfalzdorf

Anderntags ging es dann weiter Richtung Pfalzdorf. Die grüne Hölle des Niederrheins schluckte mich und mein Radl, Grastentakeln schnellten aus den Wiesen, nesselten an meinen Waden, vorbei gings an ackerwindenbekrochenen Rainen, die Morgensonne nahm Witterung auf, ich spürte, ich mußte da raus, mußte über die Grenze, rüber nach Holland, aber vorher stand nunmal Pfalzdorf auf dem Programm, ich hatte es mir fest vorgenommen, wollte unbedingt des Pälzerisch in diesem Landstrich hören, denn andernfalls würde ich seine Existenz an diesem Ort nicht glauben, ich fuhr also auf entlegenen Wegen und Trampelpfaden, aus dem Off blubberten und zirpten Geräusche exotischer Tiere wie man sie in Köln jenseits des Zoos kaum je zu Gehör bekommt, in der Ferne schienen Menschen meinen Weg zu kontrollieren, sie hielten an und starrten in meine Richtung, auf dem flachen Land ist sowas problemlos über viele Kilometer hinweg möglich. Aber sie starrten nur, machten keinerlei Zeichen, weder ermutigende, noch warnende, vielleicht wars auch nur, weil sie mich nicht kannten – und plötzlich, eh ichs mich versah, hatt ich irgendwelche Schienen überquert und war in den Außenbezirken Pfalzdorfs gelandet. Am Ende der Straße huschten zwei kleine Menschen unbestimmten Alters und Geschlechts hastig in ihre Behausungen. Die Behausungen, das waren hier freistehende Einfamilienhäuser plus Garage, auch in Reihe gebaute, farblich in hellem Staubgrau gehalten. Lungenkrankes Licht sammelte sich im Rinnstein und schwappte von dort ein wenig auf die Fahrbahn. Dies war also wieder ein Flecken Zivilisation. Ich fuhr ans Ende der Straße und bog in eine weitere ein. Den Vorgang wiederholte ich einige Male. Jedesmal ergab sich dasselbe Bild. Die Straßen in Pfalzdorf waren menschenleer. Sobald ich in Sichtweite kam, war bereits alles Leben geflüchtet und wahrscheinlich irgendwo in den langsam atmenden Häusern versteckt. Mittlerweile hatte ich die Innenbezirke Pfalzdorfs erreicht, die sich von den Außenbezirken in keiner Weise unterschieden. Nicht eine Seele unterwegs. Wenn ich hier des Pälzerisch hören wollte, mußte ich an Haustüren klingeln, in der Hoffnung, jemand würde öffnen und mit mir reden. Diese Hoffnung schien mir jedoch völlig unrealistisch und ich war drauf und dran, Pfalzdorf einfach so wieder zu verlassen, als ich sie unvermittelt entdeckte. Sie machte sich in einem zur Straße versetzten Garagenhof zu schaffen und hatte mein Kommen nicht bemerkt. „Guten Morgen“, grüßte ich. Der Schreck hatte sich all ihrer Glieder bemächtigt, sie nestelte ihr Kopftuch tiefer in die Stirn und schlug die Augen nieder. „Ein schöner Tag“, sagte ich und wies mit der Hand auf die Sonne. Sie änderte ihre Gesichtsfarbe, die ursprünglich bronzen gewesen war, in ein sehr blasses Blaß. Nickte oder verneinte mit dem Kopf, die genaue Geste war nicht auszumachen. Sie saß quasi in der Falle, mein Vorderreifen versperrte ihr den Weg zur Haustür. „Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir vielleicht sagen, wie ich aus Pfalzdorf wieder rauskomme? Ich möchte weiter nach Emmerich.“ Sie machte einen kleinen Schritt zurück und zuckte mit den Achseln. Dann spannte sie plötzlich ihren Körper an, ging schnellen entschlossenen Schritts um mein Hinterrad herum, sprang mit drei vier Schritten durch den staubgrauen Vorgarten und verschwand ohne jeden Mucks hinter der Haustür. Ich werde das ein andermal erneut probieren, des Pälzerisch am Niederrhein zu Gehör zu bekommen. Bis dahin halt ich alle Berichte darüber für bloße Kolportage.

RoN Schmidt aus Goch

Einst fuhr ich mit dem Fahrrad von Düsseldorf los, zielte mit dem Lenker auf Orte wie Kevelaer, Kleve, Weeze, letztlich Goch. Am Rande Gochs wohnt der Intensivverdichter und Spiritualclown RoN Schmidt und pflegt sein eigen Reich – dort harrten meiner Herberge, Wein und Wurst. Wir sprachen über das Grün der Wiesen, das Alter der Erde, Leben und Tod, sowie über Bedburg-Hau mit seiner berühmten Klapse und Pfalzdorf, eine Siedlung, in der angeblich mitten am Niederrhein pfälzisch gesprochen wird und die ich mir ob dieser Kuriosität anderntags erradeln und zu Gehör führen wollte. Es sollte an dieser Stelle erwähnt sein, daß das Grün der niederrheinischen Wiesen und Weiden sommers selbst den besten Mann kirre zu machen imstande ist, es streckt sich in jede Richtung und darüber kuppelt ein nuklearblauer Himmel, die punktschweißende Sonne zielt auf den Niederrheiner, insbesondere seinen Kopf, sie macht das auch mit Besuchern des Landstrichs, doch wer den niederrheinischen Sommer mit seinen Abermilliarden im seichten Wind wogenden Halmen komplett durchstehen muß, braucht eine Taktik, z.B. des Verdampfens, um in diesem Inferno göttlichen Sinns nicht den Verstand zu opfern. Auf dem Weg nach Goch hatte ich bereits dutzende Kilometer dieser grünen Hölle durchquert, mit Abstechern in leblose Ortschaften, Dörfer jenseits der Bundesstraße mit zur Mittagszeit verbarrikadierten Häusern und Läden, die Dorfbrunnen immerhin gaben kleine Trinkwasser-Rinnsale, ansonsten menschenabholde Stille, das Flirren über den Feldern nicht eingerechnet. Leblose Höfe, niemand zugegen im großen weiten Nichts. Doch überall schien sich etwas zu Mulm und Doom zusammenzutun. Hin und wieder brach ein Schauer herunter, irgendwann brach der Radweg ab: ich befand mich im Innersten einer unerforschten Region, die gemeinsam mit dem ebenso entlegenen, aber viel hügeligeren thüringischen Vogtland die prallen Arschbacken Deutschlands markiert. Am Spätnachmittag kippte der Tag vollends in sich zusammen und brodelte nurmehr müde, in der Ferne verzog sich in Jaucheschwaden das grausige Quieken großbetrieblich aufgezogener Schlachtschweine – in solcher Umgebung lebt seit Jahrzehnten der Geburtspreuße RoN Schmidt und läßt seine Gedanken schweifen, keine Berge hindern seinen Blick und nun schickte er mir den Hinweis auf vier seiner alten Videos, die just bei Youtube einzusehen sind, Meisterwerke niederrheinischer Lakonie in ihrem Bewußtsein des Wesentlichen, wie es nur auf dem Land noch in archaischer Reinheit zu beobachten ist, wenn überhaupt. Kürzlich wurde mir zugetragen, von Hanns Dieter Hüsch stamme sinngemäß der Spruch: „Wenn sich bei uns am Niederrhein zwei begegnen, geschieht das statt sonst weithin bekannter Grußfloskeln mit dem Satz „haste schon gehört, der und der ist gestorben““. Läßt sich nachvollziehen: Niederrheiner zwischen 14 und 40 sind am Niederrhein schwer anzutreffen. RoN Schmidt belebt diese Vitalitätslücke mit seiner schelmischen Kunst, in der er sich notfalls als der Landschaft angeglichene Frühkartoffel im Morgengrauen denkt und nebenbei deutsches Yoga lehrt: „SETZ DICH / NACKT / AUF EINEN / SPIEGEL / DENKE / ICH / BIN / ZWEI / ARSCHLÖCHER“

Hier gehts zu einem heute frisch eingestellten Poetry Video von RoN Schmidt auf Youtube: Hefeklöße.