Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben

Diese Herrnhutische Stadt, worin ich geboren wurde, versandet noch heute den Rhein, reizlos und ärmlich. Man hat dort die besten französischen Möbel geschreinert, und der Portwein der Herrnhuter, die ihre Töchter damals nach dem Los an Missionare verheirateten, war eine gute Sache. Schon morgens nahm man ihn im Elefantenstall. Dies Herrnhuter Viertel war rational und totenstill, geometrisch wie eine alte Jungfer. Die weißen Fenster blieben geschlossen, niemand schaute heraus, pedantisches Empire verbarg große Gärten, woraus mitunter eine weiße Haube lugte. Die Kirche war kahl wie ein Operationssaal, Gott als weißes Quadrat.
Der Pöbel wohnte im kleinen Frankreich, ebenso die Stadtverrückten. Dort hing Wäsche, und die Mädchen gingen auf die Rabeninsel am Rhein. Man erzählte Schauerliches. Am kleinen Frankreich vorbei, woraus hie und da ein Stein oder Fluch in die Schloßstraße flogen, ging man ins Fürstliche, beschaute idiotische Schloßpfauen und saß an der Rheinspitze, die den Fluß zerschnitt. Dort träumte man von Ausflügen nach Andernach und schaute nach dem Kirchturm von Leutesdorf hinüber.
Abends saß man vor dem Haus. In der Weinkneipe gegenüber grölten die Schützen gereimte Trinksprüche, man erzählte Mordsgeschichten, wenn man nicht in Sue, dem Zauberer von Rom, Dumas oder Gerstäcker steckte. Als Comble des Witzes wurde mitunter die Eingabe eines Schulmeisters an Friedrich den Großen vorgelesen. Diese langweilige Stadt scheint langsam zu sterben. Ich glaube, die andere Rheinseite hat mehr Verbindungen oder sonstwas. Doch immer noch speien die aufsässigen Männer des kleinen Frankreichs gelassen in den heiligen Rhein.
Nachts saß ich mit meinem verstorbenen Onkel um den runden Tisch. Wir rauchten und lasen Räubergeschichten aus der Leihbibliothek eines stotternden Buchbinders. Man ging spät schlafen und stand spät auf.
Auf der Schule machte mir die übliche Ignoranz der Lehrer einen häßlichen und dauernden Eindruck. Unwahrscheinlich deformierte Bürger dösten und quälten zwischen Stammtischen und Grammatik. Humanistische Monstres. Ein Altphilologe, der aus dem Manöver zurückkam, modernisierte den Cäsar, rüstete ihn mit Maschinengewehren aus und ließ die Legionäre locker ausgeschwärmte Schützenlinien bilden. Ein Wort beunruhigt mich heute noch: “frumentarium, das Getreidewesen”. Was ist das? Wir hatten einen Physikprofessor, einen schweigsamen Waldläufer, der einmal die Rede zu Kaisers Geburtstag halten sollte und damit begann: “Wenn ich zwei Frösche in ein Glas Wasser setze…” Von der Sexualität der Frösche kam er dann auf das geeinte Vaterland zu sprechen. Bei der Lektüre des Platon wurde der Hauptwert auf das “men te kai ouden” gelegt, mitnichten aber so wenn nämlich hinwiederum. Platon selbst hatten die Pauker so wenig begriffen wie wir.
Das entscheidende Erlebnis war natürlich Karl May, und der Tod Winnetous war mir erheblich wichtiger als der des Achill und ist es mir geblieben. Ich flog aus dem Abitur und kam in ein Landgymnasium. Sonntags betrank ich mich im Karzer und las Detektivromane, Wedekind oder Rimbaud. Das Nest war entsetzt, daß ich es wagte, die Wohnung eines früheren Majors des dort garnisonierten Dragonerregimentes zu beziehen. Der Pedell mußte mich stets in die Penne abholen. Nachmittags lief ich auf einen kleinen Berg und trank dort in einem Riesenfaß. Natürlich hieß die Kneipe “Perkeo”. Der Blick in die ermüdende Rheinebene war dermaßen verzweifelt, daß ich in diesem Faß zu schreiben begann. Die Kellnerin, die mich bediente, hatte mit einem bekannten deutschen Dichter ein Verhältnis; allerdings beklagte sie sich über dessen Nervosität. Dieser Mann wurde meine erste literarische Bekanntschaft.
Ich erinnere mich eines eigentümlichen Physikprofessors, der aus Religiosität nicht an die Gravitation glaubte, sowie des Lehrers im Griechischen, der im Dunst seiner bäuerlichen Pensionäre die Ursprachstämme suchte; dann gab es noch einen Direktor im blauen Gehrock, der unter einem Riesenphoto Goethes unablässig Iphigenie neu dichtete. Er glich vollkommen seinem mißgestimmten Griffon. Ich werde dieses ekelhafte Nest nie vergessen. Einmal besuchte mich ein Messias, der aus Bordeaux kam. Er schien aus Kleinasien zu stammen. Jedenfalls trank er fürchterlich und kannte sich ausgezeichnet in sämtlichen Hafenstädten aus.
Die wichtigsten Gebäude waren Zuchthaus und Schloß. Sonntags rasten die Bürger in dem französischen, geometrischen Park umher, grüßten je nach der sozialen Lage, während ich im Kirchturm regelmäßig meine Karzerstrafen heruntersaß. Ich zog es vor, dort still die Sonntage zu verschlafen, statt mir die Nachmittage durch den Blödsinn der Lehrer zu verderben. In einem Koffer brachte ich mir Nahrung, Alkohol und eine Decke mit. Ich erinnere mich, einmal nachts in einem Hausflur gegen einen Erhängten gerannt zu sein. Dann ging ich nach Berlin. Nachts erzählten wir uns Abenteuerromane. Ich hatte aus Paris die 34 Bände Phantomas mitgebracht. Die liebsten waren mir: Le pendu de Londres et le fiacre de la nuit. Damals schrieb ich Bebuquin: Blei druckte das in den Opalen, und damit war man zwanzig und in der Literatur.

(Carl Einstein: Kleine Autobiographie)

Coryat`s Crudities

Thomas Coryat, Verfasser von Coryat`s Crudities, einem extensiven Bericht über seine europäische Reise zu Beginn des 17. Jahrhunderts, gilt manchen Quellen als „der erste Tourist“. Das halten wir für unwahrscheinlich, großsprecherisch und witzlos. Dennoch haben wir Coryats Beschreibung einer glimpflich verlaufenen Begegnung mit Pfälzer Weinbauern vor rund 400 Jahren hier gerne präsentiert und sind auf der Suche nach weiteren seiner rheinischen Reiseerlebnisse. Sekundarquellen sprechen von Coryats Vorliebe für Hüpffroschmetafern und Hüpffroschvorkommensabgleiche, insbesondere Deutschland muß zu Coryats Besuchszeiten übervoll mit Hüpffröschen gewesen sein. Coryat soll als erster Bischof Hattos Geschichte nach England gebracht haben, wo sie dann auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte als willkommene horror story zur Kindererziehung gedient haben soll. Von der astronomischen Münsteruhr zu Straßburg soll Coryat so überwältigt gewesen sein, daß er in einem Überwindungsakt äußerster britishness den Einbau eines ähnlichen Fabrikats in die St. Paul`s Cathedral empfahl. In Hillman`s Hyperlinked and Searchable Chamber`s Book of Days steht wie „der exzentrische Coryat“ auf das Heidelberger Faß klettert, um es, Perkeo gleich, mit einem Glas Wein in der Hand als ein den sieben Weltwundern der Antike ebenbürtiges Menschenwerk zu beschreiben: „„When tie cellarer,“ says Coryat, „draweth wine out of the vessel, he ascendeth two several degrees of wooden stairs made in the form of a ladder, and so goeth up to the top; about the middle whereof there is a hung-hole or venting orifice, into the which he conveyeth a pretty instrument of some foot and a half long, made in the form of a spout, wherewith he draweth up the wine and so potmeth it after a pretty manner into a glass.““ Von diesen Gläsern soll Coryat einige genossen haben. Das Heidelberger Faß taucht unterdessen ab und erst wieder bei Jules Verne in der Literatur auf. Wir suchen unterdessen in Coryats umfangreichen, nicht immer flüssig zu lesenden Berichten nach den Stellen mit den Hüpffröschen – und falls wir solche oder andere bezeichnende rheinische crudities finden sollten, stellen wir sie später hier ein.