Rhein vs Niger

4-Seasons, das Hausmagazin des Reiseausstatters Globetrotter, führt in einer aktuelleren Ausgabe ein Interview mit dem Reiseschriftsteller Michael Obert, der aus Breisach stammt und u.a. den Niger von der Quelle bis zur Mündung bereist hat: „(…) Ich bin am Rhein aufgewachsen, habe im Fluss schwimmen gelernt, jede freie Minute geangelt, den Frachtschiffen nachgesehen und mich an Bord geträumt. Irgendwann hat sich der Niger in meinem Kopf festgesetzt – und die Idee, dass ich ihn einmal auf voller Länge bereisen würde. (…)“ Am Niger glauben die Flußleute, daß es auf dem Stromgrund Dörfer gibt, in denen Götter und Geister wohnen. Im Gegensatz zu den Geschichten der Rheingläubigen werden die des Nigers nach wie vor hauptsächlich in mündlichen Überlieferungen weitergegeben, sind drum jedoch nicht weniger alt oder sogar älter und gleichzeitig womöglich lebendiger. Ein in Europa ausgebildeter Geisteswissenschaftler aus dem Kamerun erzählte uns vor Jahren, daß er in seiner Heimat auf dem Land Leute kenne, die für eine Weile auf dem Flußgrund lebten, teils, indem sie sich in Tiere verwandelten. Dies erzählte er mit demselben Ernst, mit dem er über die Filosofen der Aufklärung sprach: Transformationsprozesse und ihre vielfältigen Ausprägungen. Mitteleuropa zähmt die wilden Ströme, und baut dann gigantische Bagger um Begradigungsfolgen auszugleichen, auch diese begehbaren Druckkammern, die auf den Rheingrund gelassen werden, mit deren Hilfe die Fahrrinne gereinigt wird: der technische Fortschritt implantiert sich der Natur, es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste Mischwald aus herkömmlichen und elektronischen Bäumen entsteht – Westafrika pflegt weiterhin mystisch-zaubrische Naturtechniken und läßt dem Fluß seinen selbstgewählten Lauf. Auf die Frage, was für ihn Heimat bedeute, beschreibt Obert ein Ritual, das wenig europäisch anmutet: „Wenn ich meine Mutter in Breisach besuche, gehe ich hinunter an den Rhein, an eine Stelle, wo ich als Junge oft zum Angeln saß. Dort tauche ich meine Hände ins Wasser. Lange Zeit ist das für mich am ehesten „Heimat“ gewesen: meine Hände in „meinem“ Fluss spüren. Mittlerweile fühle ich mich überall auf der Welt geborgen, aufgehoben, zugehörig, wo ich die Hände in die Strömung tauchen kann. (…)“ Bei Breisach herrscht Dreirheinigkeit: Grand Canal, Tullarhein, Altrhein. Uns am ehesten vorstellbar, daß Obert eine Stelle am Altrhein meint. Obert erzählt im weiteren, wie Patrick Leigh Fermors „Die Zeit der Gaben“ ihn zur Reiseschriftstellerei inspiriert habe und davon, was den Rheinanwohner mit dem Nigeranwohner verbindet: „Schon als Junge spann ich Geschichten über den Rhein zusammen: Auf dem Grund des Flusses lebten Wesen, halb Mensch, halb Tier, ich sprach mit ihnen, brachte ihnen Geschenke, bat sie um kleine Gefallen. Ich glaube, ich habe nie aufgehört, nach dieser geheimnisvollen Welt und den Wesen, die sie bevölkern, zu suchen. Dann komme ich an den Niger – und dort ist diese Welt ganz alltäglich, dort leben die Geister auf dem Grund des Flusses, Menschen gehen bei ihnen in die Lehre, heiraten sie sogar oder tanzen mit ihnen, andere verwandeln sich in Krokodile, Seekühe werden zu Frauen. Am Niger ist die Welt des kleinen Jungen vom Rhein plötzlich lebendig geworden – uralt, fantastisch, rätselhaft.“

Stupor Mundi

Weils eine typische Seite der rheinischen Mentalität von außen beleuchtet, und weil sie an dieser Stelle exemplarisch für die deutsche im Jahre 1933 hergenommen wird, nicht zuletzt weil diese Passage ganz allgemein das Staunen der Welt besonders gelungen widergibt, zitiere ich nochmal aus dem Fermor (siehe Eintrag vom vergangenen Freitag): „In einer jener dem Untergang geweihten rheinischen Städte, ich weiß nicht mehr in welcher, konnte ich einen kurzen Augenblick lang sehen, wie unvermittelt der Wechsel für viele Deutsche gekommen war. In einer Arbeiterkneipe freundete ich mich spätabends mit einigen Fabrikarbeitern an, die gerade von der Spätschicht kamen. Sie waren ungefähr in meinem Alter, und einer von ihnen, ein fröhlicher, übermütiger Bursche, bot mir an, ich könne bei ihm auf dem Feldbett seines Bruders übernachten. Als wir die steile Treppe zu seiner Dachkammer erklommen hatten, stellte sich heraus, daß sein Zimmer ein Hitlerschrein war. Die Wände waren über und über mit Flaggen, Fotografien, Plakaten, Parolen und Abzeichen bedeckt. Seine SA-Uniform hing fein säuberlich auf einem Kleiderbügel. Er präsentierte diese Kultgegenstände mit glühendem Eifer und zeigte mir zum krönenden Abschluß das Glanzstück seiner Sammlung. Es war eine Automatikpistole, eine Luger Parabellum, wenn ich mich recht entsinne, sorgsam geölt und in wasserdichtes Tuch eingeschlagen, zusammen mit einem Stapel grüner Pappschachteln mit Munition. Er nahm die Pistole auseinander, setzte sie wieder zusammen, lud das Magazin, ließ es mit Schwung einrasten und entfernte es wieder, legte einen Gürtel mit Brustriemen und Halfter an, ließ die Pistole geschickt hinein- und wieder hinausgleiten wie ein Cowboy, schleuderte sie in die Luft und fing sie wieder auf, ließ sie um den Finger kreisen, tanzte mit einem zugekniffenen Auge durch das Zimmer, als nehme er ein unsichtbares Ziel ins Visier, und tat mit lautem Zungenschnalzen, als drücke er ab… Als ich fragte, ob ihm mit all den Sachen in seinem Zimmer nicht beklommen zumute sei, lachte er, setzte sich auf die Bettkante und sagte: „Mensch! Du hättest es letztes Jahr sehen sollen! Du hättest dich krankgelacht! Da war hier alles voll mit roten Fahnen und Sternen, überall Hammer und Sichel, Bilder von Lenin und Stalin, Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Damals habe ich zugeschlagen, wenn einer das Horst-Wessel-Lied sang! Für mich gab es nur die Rote Fahne und die Internationale! Ich war nicht bloß ein Sozi, ich war Kommunist, ein waschechter Bolschewik!“ Er hob die Faust zum Gruß. „Du hättest mich sehen sollen! Straßenkämpfe! Wir haben die Nazis nach Strich und Faden versohlt, und sie uns. Wir haben uns totgelacht. Aber als Hitler dann an die Macht kam, ist mir mit einem Mal klargeworden, daß das alles Unsinn war, nichts als Lügen. Ich begriff, daß Adolf mein Mann war. Einfach so, aus heiterem Himmel!“ Er schnippte mit den Fingern. „Und hier bin ich also!“ Was aus seinen alten Frenden geworden sei, wollte ich wissen. „Die sind auch alle rübergewechselt! – die ganzen Jungs aus der Kneipe. Alle ohne Ausnahme. Die sind jetzt alle in der SA.“ Ob sich denn auch viele andere so verhalten hätten? Viele? Er riß die Augen auf: „Millionen! Ich kann dir sagen, ich habe gestaunt, wie schnell die alle die Seite gewechselt haben!““

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007