Über Marcel Crépon

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. In einer weiteren Vernissagenrede näherten wir uns der Person Marcel Crépon anhand der raren privaten Einlassungen in seinen Texten und unserer Korrespondenz der vergangenen Jahre, sowie mit Hilfe einer Netzrecherche:

“An einem Sommertag vor fünf Jahren meldete sich Marcel Crépon bei rheinsein, per E-Mail, mit einem fotografisch illustrierten Bericht über seinen Besuch in Andernach. Umgehend fielen mir sein eigenwilliges Interesse für Nebensächlichkeiten und die hochgradig originelle Sprache auf. Damals habe ich seinen Text auf ein paar wesentliche Informationen gekürzt und ins Netz gestellt, im Glauben, dass es sich, was häufig vorkommt, um eine einmalige Einsendung handeln würde. In Abständen von mehreren Monaten langten jedoch weitere, ähnlich geartete und schließlich immer ausführlichere Berichte von Monsieur Crépon bei rheinsein ein. Nach und nach bemerkte ich, dass in Frankreich ein Autor der Randseitigkeiten sich meinem Rheinprojekt verbunden fühlte. Denn an keiner anderen Stelle hat Crépon bisher veröffentlicht. Auffällig auch, dass die zeitlich, geografisch und inhaltlich sprunghaften, nur auf den ersten Blick desorganisiert erscheinenden Beiträge perfekt mit Idee und Anlage des rheinsein-Projekts korrespondieren, das in ähnlicher Weise mit Chaos und Verdichtung arbeitet. Zunehmend kam es mir in den vergangenen Jahren vor, als würde Marcel Crépon seine Reisen an den Rhein eigens für rheinsein unternehmen, auch wenn keiner seiner Sätze direkt darauf hindeutet und ich ihn auch nicht – wie im Falle anderer Autoren geschehen – darum ersucht hatte. Was mir anfangs befremdlich vorkam – nämlich, dass ein derart für rheinsein engagierter und investigativ arbeitender Beobachter in der Korrespondenz persönliche Rückfragen konsequent ignorierte – habe ich nach dem zweiten vergeblichen Versuch einfach akzeptiert; die eigenwilligen Berichte sind eigentlich beredt genug, sich den Charakter dahinter vorzustellen: jemand, den das Abseitige, Spleenige anzieht, der zumindest ein ausgesprochenes Talent besitzt, schräge Bekanntschaften zu machen, der darüber hinaus eine nihilistische Ader zu verfolgen und gern hinter den Dingen und Fänomenen zurückzutreten scheint, vielleicht aus Scheu oder weil sie ihm absolut oder auch nur fragwürdig genug erscheinen, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten und vielleicht auch, um in diesem Abseits, paradoxerweise, selbst zum Fänomen zu werden. Jemand, dem Kommunikation offenbar vor allem dazu dient, Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln. Jedenfalls bin ich für diese Ausstellung, und das habe ich Marcel Crépon auch mitgeteilt, auf eigenständige Spurensuche gegangen, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Weder eine fysische Adresse, noch seine Telefonnummer hat Marcel Crépon mir jemals mitgeteilt. Die Ausstellungsstücke erreichten mich in unausgesprochener, leicht erkennbarer Absicht in Verpackungen ohne Absender. Eine Ausnahme gibt es: die hier zu sehenden Fotos lagen in einer Versandrolle mit der Absenderadresse „Rue des Degrés“. Ein Scherz offenbar, denn in dieser sehr kurzen Straße im 2. Pariser Arrondissement, die eigentlich eine Treppe ist, gibt es weder Hausnummern noch Wohnungen. Sie erlangte sogar Ruhm, als Hauptschauplatz des Films „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Persönliche Informationen, die sich aus Crépons Texten ergeben, sind spärlich und stets vage. Auch wenn es sich dabei um reine Fiktion handeln könnte, selbst der Name könnte ein Pseudonym vorstellen, verleitet mich mein Instinkt, den meisten davon zu trauen. Nur helfen ein paar grobe zeitgeschichtliche Erwähnungen und die an einer Stelle angeführte Behauptung, er bereise keinen Ort der Welt je ein zweites Mal, in Hinsicht auf ein Personenprofil nicht sonderlich weiter.
Marcel Crépon bewahrt, wo er sich schon öffentlich äußert, definitiv, und das ist alles andere als selbstverständlich in unserer Enthüllungsgesellschaft, mit Geschick und leisem Witz die Würde der Privatheit.
Also habe ich mich, beginnend mit der in imposante Ferne zurückreichenden Herkunft des Familiennamens, auf eine Basisrecherche verlegt, die wenigstens sein Umfeld beleuchten könnte, um auf diese Weise vielleicht einen Schattenwurf zu fixieren:

In der Normandie existiert im Département Calvados ein 200-Seelendorf namens Crépon. Viele Indizien in seinen Texten, aber auch seine in Frankreich registrierte Mail-Adresse, deuten darauf hin, dass Marcel Crépon, obgleich er sich trittsicher im Deutschen bewegt, Franzose ist und in Frankreich lebt. Aus diesem Dorf dürften also seine Vorfahren bzw. Familie ursprünglich stammen, wobei die Toponymie den Namen als „Anhöhe“ deklariert. Crépon selber äußert sich an keiner Stelle zu seiner Herkunft.

Die normannischen Crépons sollen skandinavischen Linien entstammen, was eine Hinwendung nach Deutschland allenfalls mäßig erklären würde. Sie gehen zurück auf Roricon de Crépon, geboren ungefähr 870 n. Chr. Mit Guillaume de Crépon (besser bekannt als William FitzOsbern) starb im Jahre 1071 in der Schlacht von Cassel ein früher prominenter Namensvetter und möglicher Verwandter. Der (vermeintliche) Hinweis auf einen ersten Crépon mit Deutschland-Neigungen geht allerdings fehl, da diese Schlacht nicht im hessischen Kassel, sondern bei einem französischen Ort gleichen Namens in der Nähe von Dunkerque geschlagen wurde.

Danach klafft eine Jahrhunderte währende Lücke bezüglich öffentlich aufgetretener Familien- bzw. Stammesmitglieder. Laut Internet existierte im 19. Jahrhundert ein Illustrator namens L. Crépon, der mit Holzstichen wie „Fuchsteufelssabbath“ oder „Sportdarbietung in Kyoto“ in Erscheinung trat.

Ein Crépon mit gänzlich unbekanntem Vornamen arbeitete im Schlachthof von Diego Suárez, dem heutigen Antsiranana, auf Madagaskar, bis er 1895, offenbar fristlos, entlassen wurde. Die entsprechende Meldung ist zu finden im Journal Officiel de la République Francaise, das, Zufall oder nicht, auch Marcel Crépon in seinen Ausführungen zu Victor Hugo auf rheinsein erwähnt, weil er es liebe, auf der Suche nach journalistischen Perlen durch alte Magazine zu blättern. Die kurze Meldung ist der erste und einzige Link zwischen Marcel Crépon und einem seiner möglichen Vorfahren, der allerdings, wie alle anderen Hinweise auch, letztlich ins Leere, zumindest ins Ungewisse führt.

Besonders auffällig ist Marcel Crépons namentliche Nähe zu Marc Crépon, einem zeitgenössischen französischen Filosofen, der, ähnlich wie Marcel Crépon, des Deutschen mächtig ist, der mit Jahrgang 1962 in etwa im gleichen Alter – wenngleich wohl doch etwas jünger – sein dürfte und sich, eine interessante Koinzidenz, auf Aspekte des deutschen Denkens spezialisiert hat. Marc Crépon hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen. Außerdem ist er Vorsitzender des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und leitet die Filosofie-Abteilung der École normale supérieure. Leider konnte ich Marc Crépon nicht rechtzeitig vor dieser Ausstellung für ein Statement gewinnen.

Außerdem existiert in Saint-Maurice-de-Lignon im Département Haute-Loire eine Rue Marcel Crépon, was unserem Crépon bekannt ist, wie sich seinen Tagebucheinträgen entnehmen lässt, in denen er die Existenz einer Straße mit seinem Namen in einer eleganten Denkkurve, weil Straßen eben nicht nach lebenden Personen benannt würden, als erfreuliche Garantie für seine Anonymität deutet. Was einmal mehr bestätigt, wie sehr ihm letztere am Herzen liegt.

Erstaunlich bei aller Toponymie und Ahnenkunde: das französische Wort „crépon“ bedeutet auf Deutsch: „Krepp“ oder „Trauerflor“. Marcel Crépon zählt in seinem Tagebuch eine ansehnliche Reihe von französischen Wortspielen, Witzen, Hänseleien und Verballhornungen auf, denen er als Kind wegen seines Nachnamens ausgesetzt war. Er selbst identifiziert sich mit der Übersetzungsvariante „Trauerflor“.

Zusammengefasst: Dem Tagebuch und zeitlichen Ereignissen zufolge, die er in seinen Berichten erwähnt, lässt sich Monsieur Crépons Alter auf „ungefähr Anfang 60“ einordnen. Der Wohnsitz ist höchstwahrscheinlich Paris, darauf lassen mehrere, aber nicht alle Poststempel und einzelne Textpassagen schließen. Crépon reist, auch wenn die Reisen nur zu einem geringen Teil von eindeutigen Zeugnissen belegt sind und er den Sinn des Reisens in seinen Texten infrage stellt. Seine Reiseberichte klingen gerade aufgrund ihrer abstrusen und trotz einiger nachweislich fiktionalisierter Passagen großteils glaubhaft – zumindest für jemanden wie mich, der ähnliche Reisen unternommen und einen Gutteil der beschriebenen Orte mit eigenen Augen gesehen hat. Erwähnenswert sind exzellente Deutschkenntnisse, wobei Grammatik und Wortwahl gelegentlich den Franzosen verraten. Seine Texte spielen bisweilen mit Elementen aus beiden Sprachen. Unser Mann ist definitiv gebildet, zitiert aus Gewohnheit Werke der Weltliteratur und hegt ein besonderes Interesse für Randzonen der Kulturgeschichte. In einer kurzen Labilitätsfase offenbart er eine gewisse Zugänglichkeit für Traumdeutung und esoterische Praktiken, denen er sonst kühl gegenübersteht. Crépon gesteht in einem Text, dass er sich gerne in Warteräumen (wie Bahnhöfen, Arztpraxen oder Krankenhaus-Caféterien) aufhält. Er raucht oder war früher einmal Raucher.

Seine Rheinaffinität erklärt Crépon mit keinem Wort, wodurch sie eine, für mich nur halb verwunderliche, Selbstverständlichkeit erlangt. Sie korrespondiert mit dem Begriff „Grenzforscher“, den Crépon, nebst der Alternative „Sammler von Momenten“, angab, als ich ihn fragte, mit welcher Bezeichnung ich ihn vorstellen solle. Nach meinem Verständnis stellt der Rhein für Marcel Crépon ein Symbol dar, mit dem er als junger Mann per Zufall konfrontiert wurde und über das nachzudenken ihn seither antreibt: den schmalen Grat, die „dünne rote Linie“, die für jeden Menschen existiert, entlang derer das Leben in seiner ungleichmäßigen Gleichmäßigkeit und Zerbrechlichkeit verläuft. Seine Rheinbegehungen sind Balanceakte, auf dem Hochseil der experimentellen Erkundung entzieht sich der schwanke Blick der Diktatur der Norm.

Bevor ich kurz auf zwei Exponate eingehe, sollte Marcel Crépons Faszination für ein bestimmtes Objekt Erwähnung finden: den Eimer. In den Ankündigungen für diese Ausstellung war von einer fetischfreien Berührung mit diskreten Objekten und Texten die Rede. Auffallend ist aber doch das ständige Vorkommen von bzw. die häufige Beschäftigung Crépons mit Eimern in Text und Bild, sowie als Objekt.
Womöglich aus einer fehlerhaften Übersetzung Epiktets an einer Stelle bei James Joyce abgeleitet, empfindet Marcel Crépon, so schrieb er mir in einer Mail, das Wasser als Symbol für die Seele und den Eimer entsprechend als Seelenbehälter. Wahrscheinlich bei keinem anderen Autor (und Crépons Schriften sind bisher noch übersichtlich) häufen sich in vergleichbarem Maße Gedanken, die das Gebilde eines Eimers bzw. den Eimer-an-sich zum Ausgangspunkt nehmen.
Z.B. notiert Crépon in seinem Tagebuch eine Äußerung des Taikonauten Yang Liwei, der während der Weltraummission des Shuttles Shenzhou 5 nicht ortbare Klopfgeräusche „wie mit einem Holzhammer, der gegen einen Eimer schlägt“ wahrgenommen habe. Spätere Missionen bestätigten das mysteriöse Geräusch. Bei Laurence Sterne findet Crépon eine Stelle, die ihn zu poetisch-pragmatischen Analogien zwischen einem Wassereimer und dem Ozean anregt. Ob einen Eimer voller Farbe auf eine Leinwand zu werfen nicht die Essenz von Malerei bedeute, stellt er eine unbeantwortet bleibende, dringliche Frage. Plastikeimer bringt Crépon in einem gewagten Gedankensprung mit der schamlosen Enthüllung der Identität Godots in Verbindung, dieweil Zinkeimer sein Vertrauen erweckten. So geht das immer weiter. Eine Stelle des Tagebuchs fasst sein gesamtes Vorgehen, womöglich sein Weltbild, in einem mystischen, zugleich glasklaren Eimer-Aforismus zusammen: „Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.“

Zum Exponat der fotografierten Nebellandschaft
Das Bild einer Nebellandschaft passt sowohl zum Ausstellungstitel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss, als auch exemplarisch auf den Beginn der Beziehung rheinsein – Crépon, als ich seine Berichte noch in indirekte Rede gesetzt in den rheinsein-Textdschungel entließ. Monsieur Crépon beschreibt zu diesem Bild extensiv sein gespenstisches Irren durch den mit märchenhaften Täuschungsmanövern aufwartenden Novembernebel – den Fluss, sein eigentliches Ziel, für das er mit dem Auto aus Frankreich angereist war, konnte er an diesem Tag, so behauptet er zumindest, trotz Mitführens moderner Navigationstechnik nicht entdecken. Ein wenig erinnert die Beschreibung an die Verlorenheit des Monsieur Hulot in den Filmen von Jacques Tati, aber auch an einen Jäger auf falscher Spur, der vor der plötzlichen Erkenntnis erschrickt, dass so etwas wie eine richtige Spur womöglich gar nicht existiert und er selber die Beute sein könnte. (Natürlich schwingt im Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss auch eine zutiefst rheinische Metafer für die Unlösbarkeit der Frage nach dem Sinn mit.)

Zum Exponat der in einer Vitrine befindlichen Papierkugeln
„Was ist das für ein Mensch, der sucht, und nichts findet?“ fragt eine seiner Bekanntschaften Crépon ausgerechnet in einem Baumarkt, ausgerechnet während eines Gesprächs über Heidegger. Marcel Crépon gibt sich selbst zur Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich habe wahrlich schon genug gefunden, ohne es gesucht zu haben.“ Auch so lässt sich Marcel Crépon leicht vorstellen: als jemand, der hinnimmt und dokumentiert, was ihm im Leben begegnet, weil das als Herausforderung mehr als genügt. Doch kann dies bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn sobald ihn ein Thema, und sei es noch so abseitig, gepackt hat, geht Marcel Crépon ihm auf den Grund, recherchiert und nutzt dabei in auffälliger Weise einen Filter für getriebene Personen, Spinner, Lebenskünstler. Über Stunden und Tage setzt Crépon sich deren Manien, Ideen und Produktionen aus, um sie minutiös zu protokollieren. Zur Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Vorgehens gesellen sich Hintergründigkeit und abrupte Brüche, sobald ein Gedanke sich abgenutzt hat.
heideggerkugeln
Exemplarisch für die Absurdität einiger seiner Fundstücke stehen die durchgekauten und zu Kugeln geformten Buchseiten, hinter denen eine lange Geschichte steckt: es soll sich um besonders zähe Passagen aus dem Werk Martin Heideggers handeln. Der typische Künstlerhumor, das Wortspiel zum Objekt zu transformieren, greift hier nur bedingt, denn eine künstlerische Absicht war ursprünglich nicht gegeben.

Hinter diesem wie allen anderen Exponaten stehen meist schräge, oft auch verwirrende Geschichten, die den ausgestellten Stücken nicht ohne weiteres anzusehen sind. Auf rheinsein hat Marcel Crépon sie alle erzählt, ein paar habe ich kurz angerissen, an unserem Ausstellungsrechner, in einem Buchunikat und natürlich auch zu Hause oder sonstwo können sie bei Interesse im Netz genau nachgelesen werden.

Ein letztes noch: Meine Bitte, seine Sammelstücke in Burgbrohl ausstellen zu dürfen, beschied Monsieur Crépon in einer für unsere Korrespondenz typischen Art mit insgesamt drei lakonischen Sätzen: „Machen Sie, was Sie für richtig halten.“ „Schreiben Sie mir, was Sie brauchen.“ Und, auf die Frage, wie er angekündigt werden wolle: „Das ist mir gleich.“ Eine Haltung, die, was Ausstellungen betrifft, ihresgleichen sucht.”

Das erste Mal

Vergangenen Herbst, als sich die aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl stattfindende Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss zu Marcel Crépons außergewöhnlichen, bisher einzig auf rheinsein dokumentierten Rhein-Erkundungen und unterwegs erworbenen Fund- und Sammelstücken abzeichnete, übermittelte uns der Autor (1) mehrere Materialsendungen, die “einen bestimmten, vergangenen und eigentlich nicht wiederholbaren Rhein” in Wort, Bild und Artefakt beinhalten: ein per Mail und klassischer Post portionsweise eingelangter, im Bernstein menschlichen Ausdrucks eingeschlossener Fluss, aus dem wir mit Hilfe des ausstellungserfahrenen Kölner Künstlers und rheinsein-Korrespondenten Roland Bergère behutsam eine Auswahl trafen, die dem Rahmen einer öffentlichen Präsentation gerecht werden soll.

Wir flankieren die analoge Ausstellung mit einem April-Block erstmals veröffentlichter Créponica. Zu diesem Konglomerat gehört der Text Das erste Mal. Er handelt von Erinnerungen und Ausführungen zu den Abenteuern eines jungen Mannes, der sich mittlerweile in seinen frühen 60ern befinden dürfte. (2) Seinerzeit angestiftet von einem älteren Ehepaar, begibt sich Marcel Crépon auf seine erste Rheinreise, wahrscheinlich zugleich seine erste Auslandsreise. Seine Deutschkenntnisse sind zu diesem Zeitpunkt im Anfängerstadium. Für den jungen Mann ergeben sich erstaunliche, unübersichtliche Szenerien, die gleichwohl den Auftakt zu einer unbestimmten, aber erklecklichen Zahl weiterer Erkundungen teils unter den absonderlichsten Aspekten geben, die bisher zum “Rheinreise”-Topos niedergelegt wurden.

***

Liebes rheinsein,

Einem Fisch im Aquarium gleich, der sich fragt wie die Wesen jenseits der Scheibe bloß überleben können, stand ich am Fenster, zog an einer Zigarette, und starrte durch das Glas, während eine verirrte Biene hilflos um meinen Kopf herum summte. Es dämmerte. Aus dem gerade ausgepusteten Rauch schienen zwei Gestalten hervorzutreten. Zunächst als recht unförmiges Etwas, dann als Körper, welche einige Quadratzentimeter des Bürgersteigs in Anspruch nahmen: bescheidene Pfützen, in denen sich jedoch das Unermessliche von Zeit/Raum eines bald abgelaufenen Lebens verdichtete. Er in einen Rollstuhl gekrümmt, sie über ihn gebeugt, so als ob sie an ihn geschweißt oder genäht worden wäre. Sie hielt die Lehne fest, schnaufte und schob. Langsam gingen sie, so langsam, dass das Tempo der anderen Passanten und Verkehrsteilnehmer in der Wahrnehmung beschleunigt erschien. Vielleicht bewegten sie sich überhaupt nicht von der Stelle, während die Welt sehnsüchtig nach Sinn um sie herum raste.
Genau dengleichen Endruck hatte ich bereits zuvor einmal empfunden, vor Jahrzehnten, als ich in die Wohnung der Velloins eintrat. Monsieur Velloin saß in einem abgenutzten Ledersessel. Ein Schleudersitz, dachte ich, der ihn jeden Moment ins Jenseits katapultieren könnte. Hinter ihm stand Madame, dünn und trocken wie ein Blatt Pergament, das man vergeblich  zu zerreißen versuchen würde. Beide strahlten die Unerschütterlichkeit des Dreisatzes aus. In der Wohnung fand ein Kampf zwischen Licht und Schatten statt: schwer zu erkennen, ob die helleren Flächen die dunkleren zu verschlingen drohten oder umgekehrt. Wie auch immer. Der Grund meines Besuchs war nicht, darüber zu richten. Monsieur Velloin war Lehrer gewesen, von der Sorte, die die “écriture républicaine” als Zeichen der Einheit zwischen Geist und Körper verstand, und seine Schüler mit wohlwollendem Sadismus vor arithmetische Probleme stellte: “Ein vraquier verlässt den Hafen mit 2545 Tonnen Sand im Frachtraum, in verschiedenen Anlaufhäfen lädt er 7,5 Prozent seiner Fracht ab. Wie viele Häfen muss er besuchen, bis von seiner Ladung nichts mehr übrig ist?” Seine bevorzugten Fächer waren jedoch Geographie und Geschichte. Große Achtung hatte er vor Sebastian Münster, vor seiner Leistung, es geschafft zu haben, die gesamte Welt zu beschreiben, ohne sich dafür zu bewegen, oder doch zumindest kaum. Als Folge eines gerade noch überlebten Myokardinfarkts war Monsieur Velloins Bewegungsverminderung unfreiwillig. Zum Frührentner erkoren, nutzte er die geschenkte Zeit, um an seinem “Livre des ouï-dire” (Buch vom Hörensagen) zu arbeiten. Hunderte von Schulheften hatte er säuberlich und akribisch gefüllt mit Anekdoten aus der Stadt, Erinnerungen, umgeschriebenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln, zusammen getragenen Fernseh- und Rundfunkmeldungen, kurz: Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Für die Illustrationen war Madame Velloin zuständig. Ihre Inspiration fand sie in alten Schulbüchern, deren bunte Abbildungen sie geschickt nach Bedarf umzeichnete, transformierte, aquarellierte. Nun wollte sie etwas Moderneres wagen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung davon hatte. Was sie bereits probiert hatte, holte sie aus einer Schublade hervor. (Die Probe durfte ich später zur Inspiration mitnehmen.)

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Es sei nur eine Idee, also nicht fertig, betonte sie. Ein Foto hatte sie aus einer Schweizer Touristik-Broschüre ausgeschnitten, und eine ihrer Zeichnungen darauf geklebt. Das Model dafür war eine Abbildung aus einen alten Katalog des Auktionshauses Druot. Ein Arzt, ein guter Freund ihres Mannes, hatte eines Tages von einem Bericht erzählt, den er im Archiv des Krankenhauses, in dem er tätig war, gelesen hatte. Der Verfasser beschrieb den Fall der Madame L. Als er sie zum ersten Mal sah, lag sie regungslos und zwar buchstäblich im Dreck. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sie hochgebildet war. Sie war fest davon überzeugt, in Rheinnähe geboren zu sein, wo sie, ihren Angaben zufolge, Opfer von Soldaten der Revolutionären Armee wurde. Sie schilderte mit schwindelerregender Präzision wie zwei engelsgleiche Volksvertreter der Rheinarmee den Befehl erteilt hatten, ihr den Kopf einzuklemmen und damit unwiderruflichen Schaden verursachten: für immer, so Madame L., seien dabei ihre moralischen Empfindungen verloren gegangen. Als die Armee von Bitche in Richtung Landau marschierte, blieb allein das ”ekelerregende Wesen L.” zurück. Ihr Versuch, sich im Wasser zu reinigen, war erfolglos geblieben, was ihr verwahrlostes Erscheinen erklärte. Das Bild, so Madame Velloin, stellte den Augenblick dar, in dem L. das Eintreffen der Armee wahrnahm.

Madame Velloin bat mich, einige photographische Hintergründe für sie zu realisieren, die sie als Vorlagen verwenden wollte. Dafür hatte sie eine Wunschliste verfasst, die sie mir überreichte. “Der Rhein ist der Fluss der Träumer,” sagte sie lächelnd, “träumen Sie also, lassen Sie Ihr Objektiv träumen, und sparen Sie sich die von Hugo zu Tode beschriebenen pittoresken Landschaften.” Das waren Worte! Mit einem bezwingenden “Nehmen Sie!” drückte sie mir eine Interrail-Fahrkarte in die Hand, sowie einen Briefumschlag, den ich unbesehen einsteckte. Der wahre Historiker fragt nicht nach Sinn oder Unsinn der Dinge, sondern geht einfach der Sache nach. Ich war jung, es war Sommer, ich würde fremde Länder besuchen und den Rhein sehen – warum nicht?
Schon am Anfang der Reise meldeten sich zwei Legenden, die zwar mit dem Fluss in keinerlei Verbindung standen, jedoch in meiner Erinnerung geblieben sind, weil ich kurz vor seiner Überquerung und kurz danach Notiz von ihnen nahm. Die erste hob sich in höchste Höhen empor, auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe fiel die zweite. Beim Verlassen des Zuges in Mülhausen hatte ein Reisender ein Musik-Magazin auf seinem Sitz liegen lassen: nicht darin zu blättern wäre töricht gewesen. Es enthielt einen Bericht über die Sex Pistols wie sie das silberne Thronjubiläum der Königin mit einer lärm- und bierreichen Ehrenrunde auf der Themse gefeiert hatten. Im muffigen Fernsehzimmer der Pension, in der ich später Unterkunft gefunden hatte, lief ein Western, als Andenken für den frisch aus dem Leben geschiedenen Elvis Presley. Fröhlich bunt hatte London im Magazin ausgesehen. Recht verschneit dagegen Texas, des schlechten Empfangs wegen.
- Der King is’ tot, kommentierte einer der Gäste, und nippte an seinem Bier.
- So isses, bestätigte ein anderer, mit seinem Schaum gurgelnd.
- Der King of Rock’n'Roll…
- Trotzdem reingefallen.
- ???????
- Ins Todesloch…
”In den Rhein gefallen”, hatte ich verstanden. Im Rhein ertrunken war also Elvis. Dachte ich. (Aufgedunsen wie er war, hätte er doch eigentlich schwimmen können.) Wie die Party in die Themse gefallen war, nach Intervention der Bobbies. Breit und kräftig trug der Fluss beide Legenden mit seiner Strömung fort, das Vergangene und das Aufgehende, um sie später in der Nordsee mühelos auszuspeien, bei seiner eigenen Entlassung in die weite Welt des offenes Meeres.
Ich setzte meine Reise fort, als stiller Peregrinus, den Fluss entlang, so nah als möglich an seinen Ufern, einen Monat lang, mal in der damals noch so genannten BRD, mal in Frankreich, mal in der Schweiz oder sogar in den Niederlanden, gebeugt über meine Brownie Flash, in deren Sucher die Welt verkehrt herum aussah. Hier und da schoss ich Photos, immer 12 Aufnahmen. Dann wechselte ich die Filmrolle aus und setzte die Jagd nach Motiven fort. Den Wünschen und Anweisungen Madame Velloins nachzugehen erwies sich mehr als schwierig, denn genauer betrachtet war ihre Liste ein fein zusammen getragenes Durcheinander.

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Die daraus resultierende Verwirrung festzustellen war eine Sache, damit umzugehen eine andere. Glücklicher Carpaccio, der einfach und gekonnt venezianische zu rheinischen Gebäuden ummalte, die Kronen der Feinde der Republik als kölnische Wappen umdeutete, ottomanische Krieger hinter Hunnen versteckte. Ein Armbrustschütze zielte auf einen Vogel, eindeutig war die Botschaft: für die Heldin der Légende Dorée bedeutete es schlicht das Massakriertwerden. Ruhig und glatt lag der Rhein im zarten Lagunenlicht. Frühmorgendunst. Es war Herbst. Es war Sommer und als ich den Hauptbahnhof verließ, schlug mir die erdrückende Luft eines bald darauf ausbrechenden Gewitters ins Gesicht, während herumziehende Männerbünde mir die Ohren mit ihrem Gegröhle vollstopften. Vom Gewölbe der Hohenzollernbrücke geschützt wartete ich und bezüglich der Ankunft Ursulas hatte ich keine Frage mehr. Nun, welcher Hintergrund passte zu “Et quos nascentes explorat gurgite Rhenus” oder “Rheni mihi Cæsar in undis / Dux erat, hic socius, facinus quos inquinat, æquat”? Mein Latein, liebes rheinsein, ist schon beim Aufschreiben der Worte am Ende. Und was halten Sie von einer 1609 Meter langen Brücke des Heiligen Geistes, welche angeblich von Brückenbrüdern über dem Fluss erbaut wurde? Würden Sie das Biotop der Ephemera longicauda erkennen? Und das des Misgurnus? Wann läßt der Barsch sich sehen, wo versteckt sich die Mulette? Die Strecke, welche d’Enghien von Bingen aus schwamm, um seine Geliebte in Rüdesheim zu besuchen, wäre noch zu erkunden und photographisch festzuhalten, schwieriger nur der Weg, welchen Harpalos auf Bimsstein zurücklegte, wie ein gewisser Dr. Müller einst schilderte. Wo ein Laufkäfer weilt, sind die Ägypter nicht weit. Laut Voltaire gab ihre Lieblingsgöttin Paris seinen Namen, verehrt wurde sie von den dortigen Schiffern, die ihren Kult, samt anderen Waren, zu ihren Kollegen ans Rheinufer paddelten. Kulissen für die dabei praktizierten Rituale brauchte Mme Velloin selbstverständlich auch. Augenentzündungen kuriert der Philosoph übrigens mit einem Cocktail aus Maas-, Weser-, Elbe- und Rheinwasser, eine passende, magische Quelle musste also her. Natürlich durfte das Geburtshaus Sebastian Münsters nicht fehlen, ebenso wenig adäquate Schauplätze für Poum, den Polizeihund (sic!). Aufgelistet war desweiteren ein geeigneter Hintergrund für die Strandidylle der Schwanenritter und die schöne Kleverin – Lohengrin ließ also ebenfalls grüßen, oder sein Cousin. Puzzolanerden, Rhein-Pottasche, oberbergisches Lignit sollten als Gedächtnisaufbewahrer und damit als Geschichtenerzähler erkundet und unter die Lupe bzw. das Objektiv genommen werden, nicht zu vergessen das Echo, welches ein Ton 17 Mal zu wiederholen imstande ist. Über den geistigen Zustand Mme Velloins stellte ich mir, wie gesagt, keinerlei Frage, sondern suchte pragmatisch nach Lösungen, ihre Bitten zu erfüllen.
So versuchte ich, an diesen fliehenden Wassermassen abzulichten, was sie inspirieren könnte, auch das, was an ihrer Oberfläche schwamm, schimmerte, navigierte, abtrieb, schäumte, auftauchte, versank, sich spiegelte, wellte, von links rückwärts geschaukelt nach vorne rechts gezogen zickzackte, wippte, was an den Ufern schwappte, wuchs, gedieh oder unter der Augustsonne verdorrte, abblätterte, verblichene Palisaden, schattige Promenaden, dichte Gebüsche, zu Tode urinierte Grasflächen. Auf Brücken stand ich, dem Vertigo trotzend, um ganze Panoramen zu erfassen, welche aufgrund der geringen Brennweite meiner Kamera höchstwahrscheinlich Eisenbahn-Landschaftsmodellen ähneln würden. Wie unentbehrlich Reisen für die allgemeine Bildung ist, bewies die Symbiose zwischen dem französischen ”pays-bas” und der Niederlandschaft, die ich für das Porträt eines holländischen Offiziers G. Courbets auswählte.
Auf der Rückfahrt in erhöhte Gefilde trat eine Frau ins Abteil, in dem ich halb im Schlaf zu rekapitulieren versuchte was ich alles schon im Kasten hatte. Sprachbrocken und Handzeichen gestatteten eine Art wackeliger Unterhaltung. Meine Kamera lieferte genügend Informationen für den Grund meiner Anwesenheit im Zug, auch wenn der Zweck für sie recht mysteriös blieb. Ihrerseits erzählte sie – besser gesagt: ich glaubte zu verstehen, dass sie es erzählte –, sie käme aus der Nähe eines vulkanischen Sees. In der Umgebung wußte sie eine Stelle, an der eine Art Lachgas aus der Erde entweichen würde, womit sie und ihre Freunde sich genüßlich berauschten. Was die Skizze, die sie trotz des ruckelnden Abteilwagens in mein Notizbuch kritzelte, mir verdeutlichen sollte.

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Spuckte ein Ufer eine Legende aus, fing das andere sie ab und schickte sie zurück. Und so ging es weiter und weiter, doch besaß der Interrail-Fahrschein die gleiche Eigenschaft wie das Chagrinleder. Je mehr ich davon Gebrauch machte, desto weniger Zeit blieb mir, ihn zu verwenden. Kurz: ich trat die Rückfahrt an – bis zur Wohnung der Velloins. Darin war der Schatten zu Licht und dieses zu Schatten geworden, wenn ich mich recht erinnere. Die belichteten Filmrollen übergab ich Mme Velloin. Mr. Velloin rieb sich die Hände, tunkte seinen Federhalter in ein Tintenfass aus Porzellan und schrieb sorgfältig neue Einträge nieder.
Nun, liebes rheinsein, Sie werden sich bestimmt fragen, ob die Fotos, die ich damals schoss, ihren Zweck erfüllt haben? Ich erfuhr es nie. Einen Tag nach Abgabe der Filmrollen verließ ich die Stadt und kehrte nie wieder dorthin zurück.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

(1) Berufsbezeichnungen wie Autor gefallen Marcel Crépon nicht sonderlich. Wenn es sich schon nicht vermeiden ließe, schrieb er in einer seiner wenigen, stets überaus kurz gehaltenen Repliken auf unsere Nachfragen, möge er als Grenzforscher oder Sammler von Situationen angekündigt werden.
(2) Marcel Crépon gibt über seine Person so gut wie keine direkte Auskunft. Ob seine Verweigerung biografischer Daten aus Scheu, Konzept oder sonstigen Gründen rührt, ist rheinsein nicht bekannt. So sehr wir diese Haltung respektieren, kommen wir hinsichtlich der Ausstellung nicht umhin, einige Spekulationen über den Autor (denn ein solcher ist er, auch wenn ihm die Wortwahl nicht behagt) anzustellen, die sich aus verstreuten Indizien zusammen puzzeln lassen.

Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon (3)

Nichts mit dem Morgengrauen anfangen können, mit dem Tag, der ausbricht zwar, jedoch hinter den Vorhängen.

Sie rief eines Abends aus dem Süden an, wo sie lebte, da sie nicht mehr im Norden wohnte, der allerdings weder Norden, noch Süden war, sondern ein ungenaues Dazwischen, keineswegs geografisch. Der Raum zwischen dem Griff und dem Eimer, einen Kreisbogen ziehend, sich im Wasser reflektierend, oder auch nicht, wenn der Eimer nämlich leer ist.

Er ist so voller Geschichte, dass er dribbelt.

Und wenn wir, diesem im inneren England verlaufenen Seehund gleich, uns außerhalb unseres Lebensraums verirrt haben, wissen wir, dass es Züge gibt, die uns, auch wenn nur für einen kurzen Moment, in unsere Welt (hohe See) zurückbringen können.

Früh losgefahren, um die Dunkelheit so lange wie möglich zu genießen, bis das Skelett der Hochspannungsmasten präziser würde, während am Horizont erste Hügel sich trauten, durch den Nebel zu scheinen. Das Ziel war noch nicht voll erreicht, da wurde es bereits durch das Abfliegen der Langstreckenmaschinen angekündigt. Der von den Bahngleisen sichtbare Flughafen verschwand schnell hinter den Böschungen und kam dann kurz in Sichtweite zurück. Der Zug fuhr nicht mehr mit Höchstgeschwindigkeit, verlangsamte aber auch nicht wirklich. Und dann war der Bahnhof da. Und noch ein anderer. Den Parkplatz überqueren, die Brücke über den Gleisen betreten. Licht in einem strategischen Winkel: die Zusammenfassung eines Lebens, dessen drei Phasen die Einheit erfüllen, die der Tragödie eigentümlich ist, und für welche Blumenkompositionen vorgeschlagen werden, illustriert durch eine Blume, deren Grimasse einen ebenso zum Theater zurückbringt wie die berühmte Regel, die die Fortsetzung des Spaziergangs missbraucht und zur Explosion bringt. Bevor man tiefer in die Zeit eintauchen, in das Alphabet durchdringen wird (20), bis mindestens auf dieses Stumme (21). Zwischenhalt in einem Celtic, warum so viele Bar-Tabacs so genannt werden?

Ein Café: Au Carrefour. Es befindet sich an einer Kreuzung wie die Bar du Coin an der Ecke zweier Straßen, und das Café de la Place auf dem Platz zu finden sind. Alles ist in Ordnung. Die Kellnerin fegt den Boden mit ihrer Müdigkeit, verkündet, dass im Laden der Kaffee 2 Euro kostet, an einem Tisch in der Mitte des Raumes 1,50 Euro – “Und 1 Euro am Tresen?”, fragte ich. Wie ein Gummiband, das zu große Spannung nicht aushält, verkleinerte sich ihr Lächeln, nicht durch schlechte Laune, sondern durch eine Müdigkeit.

In einem der Ausstellungsräume (22) fand ich mich vor dieser Maxime bzw. diesem Sprichwort wieder: “Eines Tages oder an einem anderen muss man seinen Mut im Grabe nehmen.” Vorausgesetzt, man hat einen zur Hand oder besser immer noch unter dem Fuß, was nicht immer der Fall ist, was nicht der Fall war, in diesem präzisen Fall, viel präziser als diese Notizen, dieses Tagebuch, ich selbst… Welche “Präzision” gäbe es zu erwähnen, die mich betrifft? Sollte die Anzahl der Knochen, welche zur guten Leistung meines Skeletts beitragen, die Anzahl der Kilometer meiner Nerven und verschiedenen Gefäße, die Spannung meiner Hirnimpulse sie repräsentieren? Bleiben wir ernst.

Ein Tagebuch sollte nur beschreiben, was man tut, aber was nützt es, es zu schreiben, wenn man es doch tut? Und wieso es tun, wenn es genauso gut geschrieben werden könnte?

Stunden abschälen, öffnen, zerteilen, um die Minuten in einer Soße von Sekunden zu genießen.

Zwischen dem Eimer aus Plastik und dem aus verzinktem oder nicht verzinktem Weißblech gilt meine Vorliebe instinktiv dem zweiten. Der erste provoziert bei mir dasgleiche wie die Veröffentlichung der wahren Identität Godots in einer Zeitung.

Worte abnutzen, wie man das Geschirr spült: darauf achten, die Knochen von den Gräten, das Fett vom Mageren, die Samen vom Kern zu trennen, und alles im Waschbecken abzuspülen, um es sauberer zu vermischen.

Wieder dieser verstopfte graue Himmel, oder stummes Grau, das besonders die dunkle Kugel eines unbesetzten Nestes betont, auf der Birke, auf der linken Seite vor dem Balkon.

Im Halbschlaf dieser Satz, angeblich von Chateaubriand, welcher aber weder in seinen Memoiren, noch – na ja, nehme ich an – in einem anderen seiner Bücher zu finden ist: diese Franzosen mit dem Blick auf die Seiten konzentriert, wo sie hoffen zurückzukehren, um endlich an der Reihe zu sein und nach… [unlesbar]

Als ich ihm von meiner Absicht, eine kurze Reise zu machen, mitgeteilt hatte, antwortete er, ohne Fröhlichkeit oder Traurigkeit, dass das Alter ihm einen entscheidenden Vorteil verschafft habe: er verspürte nicht mehr die Notwendigkeit des Reisens. Warum Ruinen von verlorenen Zivilisationen sehen oder wiedersehen wollen, wenn man seine eigenen auf der Hand hält?

Alles wird nach und nach verwirklicht und auf ähnliche Weise verworfen, aber viel schneller.

Der Mann ging langsam, wie jemand, der sich nicht bewegen wollte, auch wenn er keine Wahl hatte. Den Kopf nach unten, schien er nicht der Bewegung seiner Füße zu folgen, sondern dem Bitumen, das unter seinen Sohlen hinweg rollte. In der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der Glas und Metall fröhlich aneinander stießen, das zweite, um das erste zu brechen, und dieses verteidigte sich, so gut es konnte. In der anderen Hand verzehrte sich zwischen zwei Fingern eine Zigarette. Die ganze Zeit des Marsches (ich ging hinter ihm her), sah ich ihn nicht einen einzigen Zug nehmen. Vielleicht sollte sie dazu dienen, würde die Glut die Epidermis erreichen, den Mann zu wecken?

Und plötzlich, wenn du ihn am wenigsten erwartest, steigt er an die Oberfläche: der üble Beigeschmack der Jugend.

Wenn sie noch zusammen leben, ist die Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier nicht mehr das, was sie gewesen sein mag. So wurde Kerion Celsi bei einem Lumpensammler diagnostiziert, der das Wasser aus dem Eimer seiner mit Trichophyta befallenen Pferde für seine tägliche Wäsche zu benutzen pflegte.

Theodor Eimer.

Der Ausdruck “to kick the bucket” bedeutet: sterben. Den Eimer schlagen oder den Eimer wegschießen … Abtreten, den Eimer treten, auf den Eimer schießen … oder einfach nur: ihn nach unten lassen, oder besser noch, ihn kräftig mit den Armen hochziehen, um ihn zu leeren, für den Fall, dass er irgendetwas enthalten würde – ein Leben?

Sie füllen einen Eimer mit Eis oder Eiswasser, stellen sich in einen Hof oder Wintergarten, der eine vor eine Videokamera, der andere vor sein iPhone, seine Webcam, sie befinden sich in einem Badezimmer oder auf freiem Feld, auf einem Platz oder in einem Garten, sie halten den Eimer in die Höhe und gießen den Inhalt über sich aus. In einigen Fällen ist eine zweite Person für die Entleerung des Eimers verantwortlich.

Es gibt sicherlich weniger Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu sterben, als Menschen, die bereit sind, für eine andere Idee zu töten, so dass die Zahl der ersten paradoxerweise höher ist als die der letzteren.

C’est en plongeant la tête dans un seau que l’on saisit le ridicule de la politique autruchienne (23).
Indem man den Kopf in einen Eimer taucht, begreift man die Lächerlichkeit der Straußenpolitik.

Wäsche zum Trocknen auf Balkonen, in Fenstern oder Gärten. Das Knattern der Tischdecken, Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher. Gestikulierende Hosen, semaphorenartige Hemden oder Pullover. So viele Gebete. Von wem? Für wen?

Vielleicht sind es nicht Gebete, sondern Beschwerden, die aus all diesen Wäschestücken entkommen? Das würde das Verbot für Stadtbewohner erklären, ihre Wäsche an Fenstern oder zwischen zwei Gebäuden hängen zu lassen. Als ob wir versuchen würden, sie zu ersticken, diese Beschwerden. Das ist absurd, der Lärm der Straße und der Mieter übertönt sie ziemlich schnell.

Ich erinnere mich an einen Mann, der verärgert über den Anblick von Bettwäsche war, die täglich von einem Mieter des gegenüberliegenden Gebäudes gelüftet wurde. Er sammelte “Beweismaterial”, um die Anzeige zu stützen, die zu erstatten er beschlossen hatte, indem er das Verbrechen monatelang fotografierte und mehrere Alben füllte, die während des Verfahrens konsultiert wurden. Bei vier Schnappschüssen pro Seite ergab das ungefähr 200 “Beweise” pro Album. Immer aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet, zeigten diese Schnappschüsse das immer gleiche Fenster, aus dem das Bettzeug in geometrischen oder figürlichen Motiven überfloß und an jene Bilderserien des Fujiyama erinnerte, die mit derselben Konstanz fotografiert wurden. Der Mann gewann den Fall, die Jury stützte ihr Urteil auf die Tatsache, dass die Stadt X. weder in Italien noch auf dem Balkan lag.

Sitzend, um genau zu sein, zwischen dem Tick der Uhr und dem Tack des Weckers. Ab und zu das Geräusch von Fahrzeugen, unsichtbar, weil die Jalousien herunter gelassen sind. Der Klang des Tacks scheint manchmal schwächer zu werden, um dann wieder anzusteigen, als ob zuweilen die Intensität der Zeit abnehmen oder einen Trick anwenden würde, als ob sie sich kurz versteckte, um dann mit ihrer Anwesenheit zu überraschen.

Ein kleiner Bahnhof, menschenleer, nur durch das Licht existent, das ihn übrigens kaum definiert. Und dann fällt plötzlich die Anzeige des Zuges, welcher eintreffen sollte, aus. Es ist dann möglich, nirgendwo hin zu fahren.

***

(20) “In das Alphabet durchdringen”. s. Virginia Woolf, La Promenade au phare, (To the lighthouse, 1927).
(21) Von der Cité de la Muette im Pariser Vorort Drancy ist die Rede, deren Wohnblöcke ein U zeichnen. Der Name “Muette” wird jedoch von “Meute” abgeleitet.
(22) “Oulipo, la littérature en jeu(x)”, Bibliothèque de l’Arsenal, Paris.
(23) Wortspiel mit Autruche (Strauß) und Autriche (Österreich).

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

Flyer_Vorderseite
Der rheinsein-April steht ganz im Zeichen Marcel Crépons. Im Zuge seiner Rheinbegehungen hat der französische Grenzforscher in den vergangenen Jahren Fundstücke gesammelt, Fotografien, Zeichnungen, Reproduktionen und Artefakte, die sich schwerlich kategorisieren lassen. Die meisten davon sind, eingebunden in Crépons originelle, wunderbar randseitige, mäandernd-nihilistische Forschungsberichte, auf rheinsein nachgewiesen. Im Kunstpavillon Burgbrohl wird nun unter dem Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Rahmen der Ausstellungsreihe Absurde Phänomene des Realen erstmals eine Auswahl aus der Sammlung Crépon in Originalen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vorab und ausstellungsbegleitend schätzt rheinsein sich glücklich, Marcel Crépon in seinen eigenen Worten präsentieren zu dürfen. Crépons Beschreibungen und Gedanken zu Orten wie Bad Breisig, dem Elsaß, dem Land Gling-glang oder dem Rhein in Paris und über historische und zeitgenössische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Franz Liszt oder Schàrel Grians und weitere charmant beschriebene Reisebekanntschaften haben sich in den vergangenen fünf Jahren auf diesen Seiten akkumuliert und innerhalb des ausufernden rheinsein-Kosmos einen eigenwilligen Crépon-Kosmos herausgebildet. Im Laufe des Aprils werden an dieser Stelle noch Marcel Crépons während der Vorarbeiten für die Ausstellung aufgefrischte Erinnerungen an seine erste, lange zurückliegende Rheinreise, sowie mehrteilige Auszüge aus den Tagebuchnotizen erscheinen, die weniger über den Rhein, als vielmehr von den Denkweisen des Autors sprechen. Hinzu kommt die Dokumentation von Materialien, die eigens für die Ausstellung entstanden.

Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss eröffnet am 14. April um 19 Uhr mit einer Vernissage im Kunstpavillon Burgbrohl. Es sprechen Karin Meiner (Betreiberin des Kunstpavillons), Johannes Beil (Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal), Rita Anna Tüpper (Kunsthistorische Einordnung) und Stan Lafleur (Annäherung an das Phänomen Crépon). Die Ausstellung läuft bis zum 25 Mai.

Ik volg de rivier, ik ben de rivier

“Ich folge dem Fluss, ich bin der Fluss” lautet der Titel eines überaus lesenswerten Prosagedichts von Maarten Inghels, der als Antwerpener Stadtdichter im Jahr 2016 den Lauf der Schelde, deren Mündungssystem sich dem des Rheins vermengt, von ihrem französischen Ursprung bis Antwerpen zu Fuß verfolgte. Das zugleich als Verlag tätige Antwerpener Antiquariat Demian gab vergangenes Jahr den Text in Kombination mit geschöpftem Scheldewasser heraus. Das Dichter-Ich durchforstet entlang des Schelde-Laufs für ihn als Stadtmensch unbekannte, Staunen und Ängste freisetzende Sequenzen “in der Großstadt Natur”, konstatiert die Automatisierung und Kapitalisierung des Flusses und sieht sich mit der Fortsetzung alten Mythenzaubers in die eigene, moderne Lebenswirklichkeit konfrontiert. Auf der Website des belgischen Magazins Knack ist der gesamte Text im Original nachzulesen. Als Teaser für das deutschsprachige Publikum übersetzt rheinsein die ersten drei Strophen:

“1
In der Schule lernte ich dass Regen in einen Bach strömt der in einen Fluss mündet der in einen Strom mündet der ins Meer mündet der ins Weltgewässer mündet.
Ich folge der Schelde von der Quelle im französischen Gouy-Le-Catelet bis nach Antwerpen, eine Wanderung von 284 Kilometern in ungefähr 11 Tagen. Ich prüfe den Strom auf Unregelmäßigkeiten und Unebenheiten.

2
In meinem Rucksack trage ich: einen Block Hartkäse, Nusskuchen und Cracker, ein Taschenmesser Opinel Nr. 8, zwei braune Hefte, fünf Bücher, Unterwäsche, Wollhemden, eine zweite Hose, einen Pulli, eine Regenjacke, Turnschuhe, ein Telefon mit Ladegerät und Ersatzbatterie, eine Taschenlampe, einen Nagelknipser, Pflaster, eine Karte von Nordfrankreich, ein weißes Hemd.
Ich packe stets ein weißes Hemd ein. Du weißt nie ob du eine Einladung zum Dinner im Pariser Ritz erhältst.

3
Ich fülle eine Flasche während das Brunnenwasser eiskalt in meine Haut sticht. Der Ursprung des Flusses hat eine beschauliche Schönheit – das Wasser ist kristallklar und rein. Da kommt ein altes Pärchen an, das einen Klapptisch aufstellt, Sekt einschenkt, Wurst aufschneidet und anstößt. Das ist ein mögliches Ende einer Geschichte.
Ich suche nach dem Ende und dem Anfang der Dinge, doch gleitet die Zeit mir durch die Hände. Der Fluss ist ein Seil aus Wasser mit zwei zappelnden Enden.
Ich weiß dass die Stadt an der Mündung auf Walgebein und Mammutknochen und den Überresten von Wollnashörnern ruht und dass man deswegen lange dachte dass dort Riesen lebten. Ein Riese presste einen Fels mit seinen Händen und molk den Fluss aus dem Stein.
Ich eile durch hohes Gesträuch. Mein Trab geht auf in der Bewegung des Baches. Der Fluss ist noch nichts weiter als ein mageres Mädchen das auf brackigem Wasser lebt. Schüchtern schneidet er tiefer ins Moor, teilt für ewig und drei Tage den Backstein entzwei. Hinter der ersten Biegung liegt ein Becken mit anderthalb Meter tiefem Wasser, doch die opalblauen Flecken machen es verdächtig. Soll ich ein Bad nehmen bis meine Haut vor Kälte rot und blau wird?”

(nach Maarten Inghels: Ik volg de rivier, ik ben de rivier, Uitgeverij Demian, Antwerpen 2017)

speak white

redd wiss
nêger
wiss ésch scheen
wiss ésch nôwel
wiss ésch gschît
wiss ésch fránzeesch
fránzeesch ésch wiss
wiss un chic
elsasser
elsassisch degaje
net
zall ésch brimidîv
vülgêr
pfùi!
drum redd wiss
nêger
illnêger brischnêger môdernêger
drum redd wiss
wiss wi z báriss
un dunk dini nêgersprôch
en formôl
un schank se em müséum
drum redd wiss
nêger
dáss d wiss wursch
andli
wiss un gschît
wiss un chic
wiss wi z báriss

(André Weckmann in: A. Finck, A. Weckmann, C. Winter: In dieser Sprache – Neue deutschsprachige Dichtung aus dem Elsass, Hildesheim 1981)

Dem Erbprinzen von Weimar, als er nach Paris reiste. In einem freundschaftlichen Zirkel gesungen.

So bringet denn die letzte volle Schale
Dem lieben Wandrer dar,
Der Abschied nimmt von diesem stillen Thale,
Das seine Wiege war.

Er reißt sich aus den väterlichen Hallen,
Aus lieben Armen los,
Nach jener stolzen Bürgerstadt zu wallen,
Vom Raub der Länder groß.

Die Zwietracht flieht, die Donnerstürme schweigen,
Gefesselt ist der Krieg,
Und in den Krater darf man niedersteigen,
Aus dem die Lava stieg.

Dich führe durch das wild bewegte Leben
Ein gnädiges Geschick!
Ein reines Herz hat dir Natur gegeben,
O bring es rein zurück!

Die Länder wirst du sehen, die das wilde
Gespann des Kriegs zertrat;
Doch lächelnd grüßt der Friede die Gefilde
Und streut die goldne Saat.

Den alten Vater Rhein wirst du begrüßen,
Der deines großen Ahns
Gedenken wird, so lang sein Strom wird fließen
Ins Bett des Oceans.

Dort huldige des Helden großen Manen
Und opfere dem Rhein,
Dem alten Grenzenhüter der Germanen,
Von seinem eignen Wein.

Daß dich der vaterländ’sche Geist begleite,
Wenn dich das schwanke Brett
Hinüberträgt auf jene linke Seite,
Wo deutsche Treu vergeht.

(Friedrich Schiller)

Europa? Europa!!

Plan B aus Sicht eines Rheinländers
(nicht ganz) ernst gemeinte Einschätzung, Anfang Juli 2017

Die EU wird eher halten als zerbrechen.
Sonst wär’ ein Plan B: gemeinsamer Nenner.
Binnenhanse wecken: Wesel, Solingen
und andere Lebensadern in Ländern.

Durch Luxemburg fließt die Mosel. Die Maas
durch Liège. Aachen ist mit Vatikanstadt
verbunden. Die liegt in Rom. Rauf bis Xanten
alles römische Gründungen. Klare Kante

für’n Kerneuropa aus rheinischer Sicht.
Griechisch-römisch und christliches Erbe. Gewicht
genug, bestehende Länder zu stärken.

Deutsches Grundgesetz bleibt in Kraft, Wesenskern.
Bis hierhin alles realistisch dies.
Zudem: auch für Nato gilt Charta von Paris.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)

Marcel Crépon über Franz Liszts Platane (2)

(…) Ich muss gestehen, liebes rheinsein, dass ich recht erstaunt, ja etwas dumm da stand, fasziniert zu sehen wie der Disput sich entflammte, so als ob die jeweilig vertretenen Ansichten aus reinem Schießpulver bestünden. Ich sah beide Liszt-Anhänger, kurz zuvor in der Kirche noch von Harmonien und Melodien durchtränkt tief in sich versunken, nun zwei Frachtern gleich mit voller Kraft voraus und bereit zum Aufprall. Wer zuerst Gewalt anwandte, vermag ich heute nicht mehr zu erinnern. Auf einmal standen sie in der wenig beleuchteten Außenseite der Kirche, und während der Mann sich seine errötete Wange mit der linken Hand rieb, ergriff die rechte das Haar der Frau, die sofort mit geballter Faust in des Gegners Magen zurückzuschlagen versuchte, doch nur die Rippen traf, jedoch nicht kräftig genug, um den Mann daran zu hindern sie an den Schulter zu packen und heftig zu schütteln, wobei er seine Deckung aufhob und den Weg frei gab für ein feindliches Knie, das zwischen seinen Beinen einen Totalschaden angerichtet hätte, wäre nicht der Wintermantel vorhanden gewesen, der auch dafür verantwortlich war, dass die Frau leicht ihr Gleichgewicht verlor, was sie jedoch zu ihrem Vorteil nutzte, um dem Mann einen Kinnhaken zu verpassen, der ihn einen Augenblick verunsicherte, doch ließ die Parade nicht auf sich warten, indem er, sich daran erinnernd, dass auch Frauen einen sensiblen Genitalbereich vorweisen, hinterlistig einen Fuß in die erwähnte Region erhob, was die Frau geahnt haben musste, denn sie schritt instinktiv und flink beiseite, und umschlang ihn, um weitere Angriff zu vereiteln, eine Taktik, die von ihm sofort imitiert wurde, und zwar so kräftig, dass beide zu Boden fielen, die Umarmung mit den Beinen erweiterten, was den Kampf als einen leidenschaftlichen, furiosen Liebesakt erscheinen ließ, in dem die von Eros und Thanatos freigesetzten Energien beide Liebenden im besten Fall annihilieren. So weit kam es jedoch nicht. Die Bellizisten honorierten einander mit weiteren Schlägen, Strangulationsversuchen, Rupfen, Beschimpfungen, wie eben nur der selbstlose Egoismus der Liebenden es zustande zu bringen vermag. Sollte ich eingreifen, oder dem Kampf seinen Lauf lassen? Ich erinnerte mich wie in Alice im Wunderland der Siebenschläfer die Aufmerksamkeit des irrsinnigen Teetrinkers zu sehr auf sich lenkte, und in eine Teekanne gestopft wurde. Das gleiche Schicksal hätte mir drohen können, in einer herumstehenden Mülltonne. Also schwieg ich, und schaute weiter. Bald ließen sowieso Heftigkeit und Präzision der Angriffe nach, bald lagen die Kontrahenten erschöpft, wie zwei von der Ebbe zurückgelassene Strandgüter. Es röchelte, sabberte, stöhnte, wimmerte, spuckte. “Eine Platane war es…”, seufzte dann der Mann, “ich weiß es, ich war dort”. Die Frau drehte ihm langsam den Kopf zu. “Ja, ich bin auf der Insel gewesen. Um auf die Insel zu gelangen, nutzte man damals eine Fähre mit Seilen. Den Betreiber fragte ich halb auf Englisch, halb mit Zeichensprache, ob er mich übersetzen könnte. Er verneinte, es sei denn, ich wolle zum Friedhof. Meine Absicht war es gewiss nicht, d.h. nicht wie dieser Charon es vielleicht meinte. Doch so war es: auf die Insel kam man nur, um die Toten zu besuchen (vielleicht hätte mich als Nachfahre der arme Trochet, oder der arme Toulié, die 1794 auf der Insel verstarben), zu beten oder wenn man im Mädcheninternat eingeschult ist. Damals war es auf jeden Fall so.” – “Und was geschah dann?” wollte die Frau wissen. “Den Rest des Nachmittags verbrachte ich in einer Gaststätte, beobachtete die Aktivität auf dem Fluss, machte Fotos.

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Nachts wagte ich mich zur Insel. Zwischen ihr und dem Ufer ist der Rhein wirklich nicht breit, kaum 100 Meter und so gut wie ohne Strömung. Ich hatte also leichtes Spiel. Am Ufer angekommen waren es nur ein paar Schritte bis zur Plat…” – “Pap…” – “Sagen wir bis zum Baum”, unterbrach ich. “Und danach? Haben Sie sich wie ein billiger Verführer zu den Mädels geschlichen?” – “… ??????? Nein, ich kniete am Fuß des hoch ragenden Stammes, schloss die Augen, berührte die Rinde, die einst von Liszts Fingern angefasst wurde, und weinte. Nach einer Weile schwamm ich dann zurück, als fast das Blatt, das ich mitgenommen hatte, als ich kurz Luft schnappen wollte, vom Wasser weggespült worden wäre.” Die Unbekannte hörte schweigend zu, nickte mit dem Kopf, hielt dennoch an ihrer Pappel fest, bezeichnete sie als Todessymbol. Die Rheininselidylle verdüsterte sich allmählich, bis sie von “Nonnenwerth suicide”, von Vorahnung sprach und versicherte, dass Liszt, als er den mit bunten Bändern geschmückten Baum zu pflanzen gebeten wurde, eine Pappel sah, ähnlich denjenigen, die den Kenotaphen Rousseaus umstehen auf der Île des Peupliers, und er nicht den Kenotaphen sah, sondern, statt seines ersehnten Refugiums, das Grab seiner Liebe für Marie d‘Agoult. Es sei ja bei einer Pappel geblieben. Mit Volldampf habe Liszt vor seinem Geburtstag links und rechts die Rheinufer mit Konzerten bombardiert, seinen musikalischen Feldzug danach fortgesetzt, Berlin, Sankt Petersburg und wo sonst noch – und mit wem… Doch sei ein Wunder geschehen: aus der einen Pappel sei schließlich eine ganze Allee geworden, wie sie Christine von Hoiningen-Huene in ihren Erinnerungen… Der Mann stoppte die Lawine: “35, 40 Jahre später niedergeschrieben… Wer mag da zwischen Platane und Pappel unterscheiden? Die Beschreibungen eines Augenzeugen sind da zuverlässiger; Marie von Czettritz und Neuhauß spr…” – “Ja, von Austern, Leberpastete, Torten, Ananas, Wildschweinkopf kann diese Frau in ihren Briefen reden, von Thermometern, Medaillen, von bemalten Inseln, von in Drachen verwandelten Inseln oder was weiß ich? Sie mag das Äußerliche, das Unwichtige detailgetreu wiedergeben, was aber ist mit dem Innerlichen?” – “Meinen Sie, der Baum wäre äußerlich ein Populus gewesen, und im Inneren ein Platanus? Oder verstehe ich falsch? Welch Unding! Was zählt ist das Blatt, das ich gegen den Strom zurückeroberte und mit nach Hause nahm.” Um eine Fortsetzung des Kampfes zu unterbinden, schlug ich vor, wenn es dem Mann recht wäre, das Blatt anschauen zu dürfen. (…)

Fortsetzung folgt.

***

Marcel Crépon für rheinsein aus Paris. Im folgenden und abschließenden dritten Teil seines Berichts wird die Frage, ob es sich bei Liszts auf der Insel Nonnenwerth eigenhändig gepflanzten Baum um eine Platane oder Pappel handelt, endgültig entschieden.

Marcel Crépon über Franz Liszts Platane

Liebes rheinsein,

wie ein schlafgestörter Siebenschläfer durchstreifte ich die kalte, nasse Misere eines winterlichen Pariser Abends, und “blätterte”, in Erwartung den Müdigkeitsprozess in Gang zu setzen, im offenen Buch des Straßengeschehens: Wände, Fenster, Schaufenster, Stadtmöbel, bis ich vor einer Ladentür stehen blieb. Mehr als der programmatische Inhalt war es das Flattern eines fahlen grünen Plakats gewesen, welches meine Aufmerksamkeit erweckte hatte. Eine bescheidene Schwarz-Weiß-Fotokopie, mit Tesafilm auf der Scheibe befestigt, die mit anderen, auf Glanzpapier gedruckten vierfarbigen Ankündigungen, um die Gunst der Passanten konkurrierte. Ich beobachtete die Reaktion einer abgerissenen Ecke auf jeden Luftzug, die manchmal mit hektischen, manchmal mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen ausfiel, als in meinen Rücken eine weibliche Stimme erklang: “Mögen sie Liszt?” Darüber nachgedacht hatte ich noch nie. Lausche ich Musik, ist das mehr zufällig als infolge irgendeiner Präferenz. Ich drehte mich um, bewegte die Gesichtsmuskeln so, dass keine interpretierbare Äußerung möglich war, und skizzierte mit den Händen in die Luft geschickte, bedeutungslose Gebärden. Kurz: ich legte mich nicht fest, lenkte lieber auf die Programmgestaltung ab, laut der neben Liszt Stücke von Jean Cras und Antoine Mariotte musiziert werden sollten. Die Frau zog einen subtilen Bogen von „Die Nonnenzelle“ über „La Maison du Matin“ hin zu „Le Temple au Crépuscule“, irdische Einrichtungen, die den weltlichen Rumor einzudämmen wüssten, allein um der Welt einen würdigen Eintritt in den Geist zu gewähren. Es fiel mir aufrichtig schwer, ihren Gedanken zu folgen. Es reichte ja, wenn ich sie zum Konzert begleiten würde, neugierig zu hören was erklingen würde. Denn wie das Morgenhaus am Meer lachte und der Tempel sich vielleicht in einem Tümpel spiegelte, so war gewiss die Nonnenzelle vom Wind des Rheins belüftet. So stellte ich sie mir vor: karg eingerichtet und voller Demut, still, doch von erhabener Idiotie vibrierend, feucht vom Gebetsschweiss, eng, doch majestätisch wie die Kuppel des Panthéons, welche hinter den Dächern aufragte und der wir uns näherten. Fast am Ende der rue des Carmes angekommen, machte die Unbekannte ein Zeichen und wir gingen durch einen kleinen Hof bis zum Eingang einer Kirche, erbaut im XIV. Jahrhundert, umgebaut im XVII., und zuletzt 1733 im Barockstil neu errichtet. Darauf hatte die Revolution die Wappen ihrer letzten Gönner vom Portal gehämmert, und sie mal als Gefängnis, mal als Lager genutzt; 1925 wurde sie der syrisch-katholischen Kirche übergeben; aufgrund ihrer ausgezeichneten Akustik werden dort heute regelmäßig Konzerte veranstaltet, wie ich einem Informationsblatt entnehmen konnte, während die Unbekannte die Karten zahlte. Wir traten ein. Als wir wieder herauskamen, schwebte sie wortwörtlich. Ihre Bewunderung für Liszts Opus war in eine Art Verzückung übergegangen. Körperlos schien sie über das Pflaster zu gleiten. Lächelnd beschrieb sie, wie jeder Akkord, jede Note sie an das sanfte, zarte Geraschel von Blattwerk im Sommerwind erinnerte.
- So ist es, fügte ein uns folgender Melomane hinzu. Man könnte glauben, man säße unter Liszts Platane, deren Blätter von der Flussbrise gestreichelt werden und friedlich säuseln, und siehe da: aus des Wassers Welle taucht einsam die Klosterzelle auf, wie es im Gedicht Felix Lichnowskys so schön dargestellt wird.
- Welche Platane? fragte ich.
- Liszts Platane, sagte ich bereits, die er vor fast 200 Jahren auf der Insel Nonnenwerth…
- Es war aber eine Pappel, erwiderte die Unbekannte, die blitzartig auf den Boden der Realität zurückgefunden hatte.
- Eine Platane, Madame, 1841 vom Maestro eigenhändig, am Tag seines 30. Geburtstags gepflanzt.
- Warum nicht eine Kokospalme oder ein Gummibaum?!
- Liszt war ein Poet, kein Plantagenaufseher. (…)

Fortsetzung folgt.

***

Offenbar hielt sich Marcel Crépon vor kurzem in Paris auf. Das entnehmen wir einer ausführlichen, mit Fotos illustrierten Mail unseres treuen Leserreporters, die, einer großstädtischen Laune zufolge, den Aufenthalt Franz Liszts auf der Rheininsel Nonnenwerth zum Thema hat. Wir stellen Monsieur Crépons rheinisches Erlebnis zu Paris in drei Teilen vor. Soviel vorweg: Teil 2 wird eine furiose Kampfszene enthalten.

Quel dommage, monsieur, que nous soyons en Allemagne !

(…) Nous avions quitté les chemins briquetés de Hollande. Le pays était toujours très plat, très vert, mi-polders, mi-champs de cultures, avec, çà et là, de petits villages tranquilles, entourés joliment de bouquets de bois, et des petites maisons basses — fermes et laiteries — aux façades chaulées, aux toits de tuiles, dont le rouge jouait discrètement, sous un ciel gris perle, très profond et très doux.

Ce n’était plus la Hollande et ce n’était pas encore l’Allemagne. C’était un reste de Hollande dans très peu d’Allemagne, quelque chose d’intermédiaire qui donnait au paysage je ne sais quoi de plus gentiment mélancolique, un charme de chose très jeune ou très ancienne — je ne saurais dire — assez émouvant.

Et la route unie, sans une courbe, sans un ressaut, invitait à la vitesse.

Nul obstacle nulle part. Pas un caniveau, pas un dos d’âne : une piste bien entretenue de vélodrome. Scrupuleusement, les voitures que nous dépassions tenaient leur droite, et les charretiers, attentifs à leurs chevaux, nous saluaient au passage, sans servilité, presque en camarades.

Brossette me dit :

— Quel dommage, monsieur, que nous soyons en Allemagne !
— Pourquoi donc, Brossette ?
— Parce que je n’aime point ces gens-là… Et puis, monsieur, parce que voilà une route épatante où nous ferions facilement du quatre-vingt-dix… plus, peut-être…

Et, après un silence :

— C’est curieux !… Monsieur est bien sûr, au moins, que nous sommes en Allemagne ?
— Voyons !… Et la frontière ?… Tout à l’heure ?
Il haussa les épaules.
— Ça ? Une frontière ?… Oh ! là là !… Givet, oui… voilà une frontière… Mais du moment que monsieur est sûr ?

Et il grogna :

— Sale pays, tout de même !

Nous marchions lentement, comme dans une forêt enchantée, une forêt pleine d’embûches, de traquenards, de dangers, une forêt pleine d’ours, de tigres et de lions… Anxieux, nous interrogions l’horizon… Nous fouillions du regard, à droite et à gauche, la campagne, avec la peur de voir tout à coup surgir le casque à pointe du Règlement, avec la terreur de tout ce que devait cacher d’inconnu, de barbare, ce calme insidieux.

Et la 628-E8 était impatiente. On la sentait, toute frémissante d’élans retenus… Elle semblait encapuchonner son capot, comme un ardent étalon, son encolure, sous le mors qu’il mâche et qui le maîtrise. On eût dit vraiment qu’elle tirait sur le volant, comme un cheval sur ses guides… Je vis à l’horloge municipale d’un village qu’il était quatre heures et demie. Nous avions plus de deux cents kilomètres à faire, avant d’atteindre Dusseldorf, où nous eussions bien désiré arriver avant la nuit.

Pourquoi, à ce moment, songeai-je à la guerre de 70 ? Pourquoi justement, au lieu de ses horreurs, me revint à l’esprit cet épisode intime et consolant qu’au retour mon père m’avait conté ?

Il avait dû loger, pendant un mois, un général prussien, son état-major et sa suite. Très discret, d’une éducation parfaite, d’une bonne grâce très délicate, ce général n’avait pris de notre propriété que ce qui était indispensable à lui et à ses services. Il s’efforçait, par tous les moyens, de rendre moins humiliante, moins pénible, cette occupation, et il veillait à ce que rien – autant que cela était possible – ne fût changé des habitudes de la maison. Il se conduisait comme un hôte bien élevé, non comme un conquérant.

Un matin, il se fit annoncer chez mon père :

— Je viens d’apprendre, monsieur, lui dit-il, que vous avez un fils à l’armée de la Loire ?… Est-ce vrai ?
— Oui.
— Avez-vous de ses nouvelles ?
— Je n’en ai plus depuis longtemps déjà.
— Depuis quand, exactement ?
— Depuis Patay… soupira mon père.
— Ah !…

Puis :

— Voulez-vous me permettre de m’informer ?… Moi aussi, monsieur, j’ai des enfants… Je sais… Je sais… Cela ne vous désobligera pas que…
— Je vous en serai reconnaissant, au contraire… J’avoue que j’ai de grandes inquiétudes…

Le général demanda quelques renseignements complémentaires… et, saluant :

— À bientôt, j’espère…

Quelques jours après, il se présentait à nouveau… Il était tout souriant :

— J’ai des nouvelles de monsieur votre fils… Il est au Mans… Il se porte très bien… Je suis heureux d’avoir pu…

Puis :

— Je crois que nous touchons au terme de cette affreuse chose…

Puis encore :

— Voulez-vous me permettre de vous serrer la main ?

J’entendais encore mon père me dire qu’il n’avait jamais été plus touché par la bonté d’un homme, et que, jamais, il n’avait serré une main française avec autant de joie qu’il étreignit cette main allemande… C’est que mon père était, lui aussi, un brave homme… Dieu merci, il n’avait rien d’un héros de théâtre.

Sous l’impression de ce souvenir, je m’exaltai :

— Ma foi ! tant pis… m’écriai-je tout à coup… Arrivera ce qui pourra… Allons-y, Brossette, allons-y !

L’air était frais, la carburation excellente. La bonne C.-G.-V., lâchée, bondit et roula comme une trombe sur la route.

— L’accélérateur, Brossette !… Nous verrons bien…
— Sale pays ! répéta Brossette, en réglant ses gaz et donnant méthodiquement de l’avance à l’allumage.

En quelques minutes, nous fûmes à Emmerich, où nous traversâmes le Rhin, sur un bac à vapeur très puissant ; en quelques autres, à Clèves, dont nous escaladâmes les rues sinueuses et montueuses, à la grande joie des promeneurs – c’était un dimanche, – et sous la conduite d’un petit pâtissier, très fier d’être monté sur le marchepied, et qui nous mit gentiment sur notre chemin, de l’autre côté de la ville.

Ah ! quelle route !

Quelle route que cette route où nous mena le petit pâtissier de Clèves, la plus belle de ces belles routes du Rhin, construites par Napoléon, pour les affreux défilés de la guerre, et où, maintenant, passe ce que l’automobilisme apporte avec lui de civilisation moins rude, de sociabilité universelle et d’avenir pacificateur.

Elle était, cette route, bordée d’une double rangée de magnifiques ormes, avec du printemps très tendre, très jeune, entre leurs branches, une poussière de printemps, à peine rose, à peine verte, à la pointe de leurs branches ; elle était large, étalée, comme notre avenue des Champs-Élysées, douce et unie comme si elle eût été tendue de soie, et toute droite, si droite qu’on n’en voyait pas le bout, sinon, là-bas, tout là-bas, aux confins du ciel, un tout mince ruban jaune, un tout petit trait de pastel jaune que nous ne pouvions jamais atteindre… Et le soleil de cette fin de journée faisait avec les entrelacs de l’ombre, comme un tapis, tel que n’en tissèrent jamais les plus subtils artisans de la Perse.

Sur ce sol merveilleux, la machine, emportée au rythme d’un ronflement léger, régulier, infiniment doux – bruit d’ailes ou souffle de vent lointain – glissait, volait, ainsi qu’un oiseau rapide qui rase la surface immobile d’un lac.

Brossette ne disait plus rien, ne répondait plus à mes questions. Il était grave, regardait la route d’un œil légèrement bridé, et il écoutait chanter la belle chanson des cylindres.

Les champs me frappèrent par leur terre grasse, leur air cossu, leurs belles cultures, l’abondance de leurs troupeaux. Les villages, très propres, les seuils lavés, les fenêtres claires, les portes aux cuivres luisants avaient un aspect d’aisance tranquille. Partout cela sentait le travail, la sécurité, la richesse, je ne dis pas le bonheur, car le bonheur, c’est autre chose. Il ne se voit pas tout de suite aux yeux des hommes, comme le bien-être aux fenêtres des maisons. Il ne se voit qu’à la longue, il ne se voit pas souvent, il ne se voit presque jamais.

Nous prîmes de « la benzine » dans une petite ville dont je n’ai pas retenu le nom, ville de cinq mille habitants, à peu près, rebâtie, presque toute neuve, avec des rues larges, coupées de places ombragées, et des maisons où semblait régner un confort solide. Deux ponts, l’un tout neuf, l’autre très vieux, enjambaient, le premier, d’une seule courbe, le second, de deux arches gothiques, les deux bras d’une rivière, que bordaient de petites industries qu’à leur air actif et coquet l’on pressentait prospères.

Comme dans toute l’Allemagne, les édifices administratifs s’imposaient aux contribuables par leur monumentalité un peu effrayante, d’un goût horrible souvent, d’une opulence orgueilleuse et bien assise, toujours. Je m’étonnais grandement de voir, dans un endroit si peu important, tant de magasins de toute sorte, des boutiques de luxe, des soies drapées, des velours à traîne, des maroquineries étincelantes, des bijoux, des étalages de victuailles enrubannées, des charcuteries architecturales, ornées, comme des églises, un jour de fête. Partout l’abondance, la sensualité, la richesse.

Et je me disais :

— Ces objets ne sont pas là pour le simple plaisir de la montre. Il y a donc, dans ce petit pays, des gens qui les désirent et qui les achètent.

Je me disais encore, non sans mélancolie :

— Comme je suis loin de la France, des petites villes de France, de leurs rues mortes, de leurs maisons lézardées, de leurs boutiques sordides et fanées !… Chez nous, on ne travaille qu’à Paris, dans quelques grands centres, quelques villes du Nord, et dans le Sud-Est… Le reste s’étiole et meurt chaque jour. D’immenses richesses dorment inexploitées, partout. Qui donc, par exemple, songe à arracher aux Pyrénées le secret de leurs métaux ? Qui donc oserait confier des capitaux improductifs à cette jeunesse hardie qui, faute de trouver chez elle l’emploi de son activité et de sa force, est contrainte de s’expatrier et de travailler à l’enrichissement des autres pays ?… Comme je suis loin ici, de ces bons Français, rentiers et gogos, qui se disent toujours la lumière et la conscience du monde, et que je vois perpétuellement assis au seuil de leurs boutiques, devant la porte de leur demeure, abrutis et amers, crevant de leur paresse, s’appauvrissant de leur épargne, passant leurs lourdes journées à s’envier, se diffamer les uns les autres ! Nul effort individuel, nul élan collectif… Quand je reviens dans des régions traversées quelques années auparavant, je les retrouve un peu plus sales, un peu plus vieilles, un peu plus diminuées ; et chacun s’est enfoncé, un peu plus profondément, dans sa routine et dans sa crasse. Ce qui tombe n’est pas relevé. On met des pièces aux maisons, comme les ménagères en mettent aux fonds de culotte de leur homme. On ne crée rien. C’est à peine si on redresse un peu ce qui est par trop gauchi, si on remplace aux toits les ardoises qui manquent, les portes pourries, les fenêtres disloquées… N’ayant rien à faire, rien à imaginer, rien à vendre, rien à acheter, ils économisent… Sur quoi, mon Dieu !… Mais sur leurs besoins, leurs joies, leur dignité humaine, leur instruction, leur santé… Affreuses petites âmes, que ce grand mensonge antisocial, l’épargne, a conduites à l’avarice, qui est, pour un peuple, ce que l’artériosclérose est pour un individu. Ce n’est pas de leur bas de laine que la France a besoin, mais de leurs bras, de leur cerveau, de leur travail et de leur joie… Et ce n’est pas leur faute, après tout… On ne leur a jamais dit : « Vivez ! Travaillez ! » On leur a toujours dit : « Épargnez ! » Ils épargnent…

(aus Octave Mirbeau : La 628-E8, Bibliothèque Charpentier – Fasquelle, 1907)