Eine kurze Geschichte des Rheins

„Die Erde, versichern die Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Schreibt der ehemalige Leiter der Kölner Stadt-Bibliothek Horst Johannes Tümmers in seinem 1994 erschienenen Buch Der Rhein – Ein europäischer Fluß und seine Geschichte. Tümmers hat wie sein Vorgänger Hübner den Rhein zu Fuß abgewandert. Und wie Dielhelm und Simrock beschreibt er den kompletten Verlauf. Anders als die Vorgänger ordnet Tümmers dabei jeden Flußabschnitt einem Oberbegriff zu, beim Alpenrhein ist es die Geologie. Natürlich läßt Tümmers Rechenexempel in seinem Geologie-Kapitel eine anschließende Kalkulation außer Acht. Innerhalb der Geschichte der letzten 10.000 Jahre, und da ganz besonders auf ihren letzten paar Seiten, sozusagen zum Zeitpunkt einer volksweiten Verbreitung der Schriftkultur, wurde soviel über ausgerechnet diesen Rhein zu Papier gebracht, daß man heuer neben Mikrofilm gar elektronische Speicherverfahren nutzen muß, um diese Textflüsse und -wüsten auch nur ansatzweise aufzufangen, auseinanderzusortieren und zu bewahren. Zumal herkömmliche Archive kaum mehr sicher stehen, seit der zeitgenössische U-Bahnbau mit seiner komplexen wie feindseligen Hintergrundmatrix aus Filz und Beton gegen die oberflächliche Bewahrung kultureller Zeugnisse antritt. Die Archäologen der Zukunft werden vermutlich über in tiefen Schächten und seltsam hammerförmig einbetonierte Zeugnisse des Mittelalters rätseln und wie nebenbei zu ganz treffenden Schlüssen über den heutigen Typus Kulturmensch gelangen. Falls sie dann nicht ohnehin hauptsächlich in den naiven Frühformen des Internets recherchieren. Für die sie, ebenso wie für frühzeitliche Grabungsformen, spezielle Passierscheine zur und Recherchebefugnisse auf der Erde erhalten. Den Rhein, so wie er sein sollte, nämlich das Optimum jeglicher Flußidee, hat man ja längst in der Biosfäre von P37 rekonstruiert.