Das Teufelsloch

In der Gegend über Sax und Gams erhebt sich eine senkrechte Felswand. In der Mitte hat die Wand ein Loch, und über die Entstehung dieser Öffnung erzählt die Sage:
Ein Bauer verpfändete dem Teufel seine Seele, wenn er in einem Tag das ganze Schaaner Ried abmähe und einfechse. Aber vor dem Abendläuten müsse die Arbeit vollendet sein, sonst habe der Vertrag keine Gültigkeit mehr. Der Teufel ging fest an die Arbeit und war schon bis zum Binden des letzten Fuders gekommen, als einermal und unerwartet die Abendglocke vom Benderer Kirchturm ertönte. Im grössten Zorn über die mühevolle, fast vollendete und doch vergebliche Arbeit und im bitteren Verdruss, dass ihm des Bäuerleins arme, christliche Seele entgangen war, fasste der Teufel den Wiesbaum und schleuderte ihn mit solcher Gewalt von dannen, dass er wie ein mächtiger Pfeil die Breite des Tales durchfuhr, über den Rheinstrom flog und im Gebirge jenseits das Loch schlug, das man von der Zeit an das Teufelsloch nennt.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Der Untergang von Trisona

triesen gumpt_2Das Dorf Triesen war einst eine schöne Stadt und hiess Trisona. Die Bewohner aber lebten gottlos, so dass grosse Strafe über sie hereinbrach.
Es flog ein Engel mit einem feurigen Schwert in der Hand über die Stadt und rief: “Wer dem Untergang entgehen will, fliehe gegen Sant’ Amerta!” Aber nur ein einziges Weib folgte dem Ruf. Seine zwei Kinder liess es daheim und gab ihnen gedörrte Obstschnitze zum Naschen und Spielen. Das Weib kniete im Kirchlein nieder und betete, als ein furchtbares Getöse sie aufschreckte. Sie trat unter die Türe und sah zu ihrem Entsetzen das ganze Trisona durch eine Rüfe überschüttet. Jammernd schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und wusste nichts anderes zu tun, als wieder in die Kapelle zu fliehen und zu beten. Als sie abermals heraustrat, war ganz Trisona untergegangen, nur ihr Haus stand noch, und als sie dahinkam, sassen die zwei Kinder in der Stube hinter dem Tisch bei den Schnitzen.
Dieses Haus zeigt man noch heute. Es sticht durch Grösse und Altertümlichkeit von allen anderen Häusern ab und ist auch in der ganzen Gasse das einzige, das eine “Bsetzi” hat. st-mamerta_4Auf der Anhöhe über dem Dorfe steht unversehrt die St-Amerta-Kapelle.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

Der Geiger auf dem Vaduzer Galgen

Geiger Hans-Jöri ging spät abends von Sargans über den Rhein in die Grafschaft Vaduz, wo er zum Tanz aufspielen sollte. Als er unter Balzers hinkam, dunkelte es schon tief. Unversehens wurde er da an der Strasse von schön gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft.
Man hiess ihn auf eine Bühne sitzen, wo er auserlesenes Essen und Trinken vorfand; ein Herr aber bedeutete ihm, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf, aber er schwieg, spielte und liess sich’s schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt, nur kümmerte sich niemand um ihn, so dass er sich schliesslich doch langweilte. Der Mahnung vergessend, sagte er nach seiner Gewohnheit in sich hinein: “Gesundheit, Hans! Gesegne dir’s Gott, Hans! So geschieht dir nichts!”
Kaum war ihm das über die Lippen gekommen, war alles verschwunden. Es ging gegen den Morgen, und der Geiger fand sich auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Zum Galgen entrückt

holzbrücke vaduz_5Eine halbe Stunde von Grabs liegen in der Talebene einige Güter, und dorthin wollte sich bei Anbruch der Nacht ein Grabser begeben, sein Vieh zu besorgen.
Lange lief er schon und hatte sein Ziel immer noch nicht erreicht. Er lief, bis er sich todmüde niederlegen musste, und verlor sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer fremden Gegend. Neben ihm standen gemauerte Säulen und über sich erblickte er einen Querbalken. Er hatte unter dem Galgen bei Vaduz gelegen.
Er war überzeugt, verhext gewesen zu sein, denn über den Rhein führten damals noch gar keine Brücken.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966; Bild: Heidi Starck)

Die Guschger Sennpuppe

In der Alpe Guschg am Schönberg haben im Sommer einmal die Alpknechte nicht gerade viel zu tun gehabt und infolgedessen zur Kurzweil allerhand Spässe getrieben. So haben sie einmal aus Lumpen eine grosse Puppe gemacht. Sie haben mit ihr geschwätzt, sie auf dem Arm gepöpplet, ihr auch Milch und Mus gegeben. Manchmal haben sie ihr auch Schläge gegeben, weil sie gar nicht zu reden anfangen wollte.
Wie der Herbst kam, haben sie wieder zu Tal fahren müssen, und alle Knechte haben noch einmal zusammen gegessen. Da hat auch die Puppe wieder dabei sein müssen, und während des Essens haben sie wieder allerlei Unfug mit ihr getrieben.
Bevor sie mit dem Essen fertig wurden, hat die Puppe auf einmal zu reden angefangen. Darüber sind alle zusammen sehr erschrocken und sind mäuschenstill geworden und haben einander nur so angeschaut. Ganz fürchtige Augen aber haben sie gemacht, wie die Puppe ganz ernst und böse einen nach dem anderen angeschaut und dann gesagt hat: „Ihr anderen könnt alle heimgehen, aber der Senn da – und sie hat auf ihn gezeigt – muss bei mir bleiben.“
Weil es dann so hat sein müssen, ist der Senn geblieben, und die anderen haben abgetrieben. Als sie ein Stück weit von der Hütte entfernt waren, haben sie an den Sennen gedacht und aus Neugier noch einmal zurückgeschaut. Da ist ein Schrecken durch sie gefahren, und am ganzen Leib haben sie gezittert. Denn auf dem Dach der Sennhütte haben sie die Haut des Sennen ausgespannt gesehen, und daneben sass die Puppe und lachte höhnisch.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Das Luser-Wible

triesen-je-t-aime_klEin Triesner hatte eine böse Frau, und der Mann liebte die Reinlichkeit nicht besonders. Das Weib nannte ihn mit Vorliebe “Luser”, dem Mann war es aber auf Dauer zu bunt, und im Zorn warf er seine Ehehälfte kurzerhand in den Rhein.
Solange es dem Weiblein möglich war, rief es aus den Wellen heraus noch immer “Luser, Luser”, und als ihm das Wasser schon in den Mund floss und es nicht mehr reden konnte, hob es die Daumen und Zeigefinger beider Hände in die Höhe und deutete die Bewegungen des Läusefangens an; so standhaft war sie.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Die Irrwurzel

triesen_wunderland Ein Mann ging in einer Winternacht von Vaduz nach Triesen, doch er kam nicht ins Dorf. Vier Stunden lang lief er im Schnee, ohne das Licht eines Hauses zu sehen. Um zwei Uhr nachts war es ihm, als ob er aus einem Traum erwache, und er erkannte, dass er beim Galgen von der Straße abgewichen und nun beim Rhein draussen war, von wo er bald nach Hause kam.
Am nächsten Morgen ging er zum Galgen hinunter, um zu sehen, wo er gelaufen war. Die Spuren im Schnee zeigten ihm, dass er herumgeirrt war, vier volle Stunden lang. Er glaubte fest daran, dass er auf eine Irrwurzel getreten sei.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

In Gottes oder in Teufels Namen

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Eines Abends wurde am Triesner Oberdorf um zehn Uhr, wie es Brauch war, eine Spinnstube geschlossen, und die Unterdörfler fuhren mit ihren Schlitten heimzu. Ein Bursche lud sein Mädchen zur Fahrt ein.
“Ja, so fahren wir halt in Gottes Namen”, sagte es. “Fahr du in Gottes Namen, ich fahre in Teufels Namen”, war die Antwort, und dahin ging es. Bald fiel das Mädchen vom Schlitten, nahm aber keinen Schaden. Der Bursche aber konnte nicht mehr halten, fuhr geradewegs in den Rhein und ertrank elendiglich.
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(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

Liechtensteiner Sage

Es war einmal ein Bauer, der friedlich seinen Acker pflügte. Da hopste der Teufel wieder einmal durch das Fürstentum, weil er hoffte, einen Liechtensteiner, dessen Landsleute äußerst seltene Vögel in seinem Feuerreiche waren, zu erwischen. Gerade im Zusammenhang mit dem Teufel hat uns Otto Seger eine köstliche Begebenheit überliefert. Wie Eugen Nipp, der diese Sage erzählte, später mitteilte, starb der vorwitzige Bursche noch gleichen Tages. Er war schon hochbetagt, als er zum Sterben kam. Aber er fand keine Ruhe. Das mußte auch der Wirt jenes weitherum bekannten Bades und Gasthauses, das zwischen Nofels und Ruggel etwas abseits der Straße lag, bitter erfahren. Wer ihn einmal sah, vergaß die schreckliche Gestalt mit den riesigen Flügeln auf dem Rücken, den Hörnern am grausigen Kopf und den flackernden bösen Augen nicht mehr. Er bat seine Gäste, wacker zuzugreifen, und wünschte ihnen einen gesegneten Appetit. Es war furchtbar. „Dem fehlts im Kopf“, sagten sich die Leute mit Recht; aber sie kamen alle hergelaufen, groß und klein, und einige glaubten am Ende auch, vielleicht habe es in der Jauche Fische. Ja, es gibt oft merkwürdige Geschehnisse auf dieser Welt, und man muß deshalb in mancher Hinsicht vorsichtig sein. Ist es nicht so, daß es fast in jedem Dorf absonderliche Leute gibt, die so seltsam durchs Leben gehen, als wären sie nicht von dieser Welt, geheimnisumwittert, oft verspottet von den Kindern, oft scheu gemieden? Die Leute standen noch eine Weile beisammen, besprachen die Angelegenheit und sagten sich auch: „Merkwürdige Leute gibts heutzutage.“ Da wurden sie aus ihrer Versenkung aufgeschreckt durch ein furchtbares Getöse und Rauschen. Denn vor Zeiten geschah es, daß der Fuhrmann – er hatte zwei Wagen aneinandergespannt – über den Rhein wollte. Er hieß eigentlich Paul, aber man nannte ihn nur den Poli. Die Sage erzählt, wie er den Eidgenossen, Erbsen streuend, vorausging. Das war noch in den alten Zeiten, da die Welt schon hinterm Gartenhag unbekannt und voller Abenteuer war.
(aus: Dino Larese – Liechtensteiner Sagen; geschüttelt und leicht gerührt)