Simplizissimus im Rhein

Der abenteuerliche Simplizissimus Teutsch, der größte aller deutschen Romane (inkl. Odyssee, Robinsonade und Thomas Mann-Stil), enthält, neben vielen rheinischen Schauplätzen und Denkweisen, natürlich auch eine vollwertige Rheinpassage: „Also giengen nun unser neunzehn einsmals miteinander durch die Undermarkgrafschaft hinauf, oberhalb Straßburg einem Basierischen Schiff aufzupassen, wobei heimlich etliche weimarische Offizierer und Güter sein sollten. Wir kriegten überhalb Ottenheim ein Fischernachen, uns damit überzusetzen und in ein Werd zu legen, so gar vortelhaftig lag, die ankommende Schiff ans Land zu zwingen, maßen zehen von uns durch den Fischer glücklich übergeführt wurden; als aber einer aus uns, der sonst wohl fahren konnte, die übrigen neune, darunter ich mich befande, auch holte, schlug der Nachen ohnversehens um, daß wir also urplötzlich miteinander im Rhein lagen. Ich sahe mich nit viel nach den andern um, sondern gedachte auf mich selbst. Ob ich mich nun zwar aus allen Kräfte spreizte, und alle Vörtel der guten Schwimmer brauchte, so spielte dennoch der Strom mit mir wie mit einem Ballen, indem er mich bald über – bald under sich in Grund warf; ich hielte mich so ritterlich, daß ich oft über sich kam, Atem zu schöpfen; wäre es aber um etwas kälter gewesen, so hätte ich mich nimmermehr so lang enthalten und mit dem Leben entrinnen können: Ich versuchte oft ans Ufer zu gelangen, so mir aber die Würbel nit zuließen, die mich von einer Seite zur andern warfen, und ob ich zwar in Kürze unter Goldscheur kam, so wurde mir doch die Zeit so lang, daß ich schier an meinem Leben verzweifelte. Demnach ich aber die Gegend bei dem Dorf Goldscheur passiert hatte und mich bereits drein ergeben, ich würde meinen Weg durch die Straßburger Rheinbrücke entweder tot oder lebendig nemmen müssen, wurde ich eines großen Baums gewahr, dessen Äste unweit vor mir aus dem Wasser herfürreichten; der Strom gieng streng, und recta drauf zu, derhalben wandte ich alle übrige Kräften an, den Baum zu erlangen, welches mir denn trefflich glückte, also daß ich beides, durchs Wasser und meine Mühe auf den größten Ast, den ich anfänglich vor einen Baum angesehen, zu sitzen kam; derselbe wurde aber von den Strudeln und Wellen dergestalt tribuliert, daß er ohn Unterlaß auf und nieder knappen mußte, und derhalben mein Magen also erschüttert, daß ich Lung und Leber hätte ausspeien mögen. Ich konnte mich kümmerlich darauf halten, weil mir ganz seltsam vor Augen wurde; ich hätte mich gern wieder ins Wasser gelassen, befand aber wohl, daß ich nit Manns genug wäre, nur den hunderten Teil solcher Arbeit auszustehen, dergleichen ich schon überstritten hatte; mußte derowegen verbleiben und auf ein Ungewisse Erlösung hoffen, die mir Gott ungefähr schicken müßte, da ich anderst mit dem Leben davonkommen sollte. Aber mein Gewissen gab mir hierzu einen schlechten Trost, indem es mir vorhielt, daß ich solche gnadenreiche Hülfe nun ein paar Jahr her so liederlich verscherzt; jedoch hoffte ich ein bessers und fieng so andächtig an zu beten, als ob ich in einem Kloster erzogen worden wäre; ich setzte mir vor, inskünftig frömmer zu leben und tät unterschiedliche Gelübde: Ich widersagte dem Soldatenleben und verschwur das Parteigehen auf ewig, schmiß auch meine Patrondäsch samt dem Ranzen von mir, und ließe mich nit anderst an, als ob ich wieder ein Einsiedel werden, meine Sünden büßen, und der Barmherzigkeit Gottes vor meine hoffende Erlösung bis in mein End danken wollte: Und indem ich dergestalt auf dem Ast bei zwei oder drei Stunden lang zwischen Forcht und Hoffnung zugebracht, kam dasjenige Schiff den Rhein herunder, dem ich hätte aufpassen helfen sollen. Ich erhübe mein Stimm erbärmlich und schriee um Gottes und des Jüngsten Gerichts willen um Hülf; und nachdem sie unweit von mir vorüberfahren mußten und dahero meine Gefahr und elenden Stand desto eigentlicher sahen, wurde jeder im Schiff zur Barmherzigkeit bewegt, maßen sie gleich ans Land fuhren, sich zu unterreden, wie mir möchte zu helfen sein.“