Alpstein: kostspieliges Silberband des Rheines

appenzeller alpstein_2(Auszug aus “Der Appenzellische Alpstein. Streiflichter von J. B. Grütter – im Appenzeller Kalender 1891″ über die menschliche Gespaltenheit zwischen ideellen und materiellen Betrachtungsweisen)

Melander (2)

melander

Wir haben über den Melander berichtet, ein Lebewesen, das in freier Natur nicht vorkommt, sondern ausschließlich in einer Oberrieter Fabrik zum Zwecke des Verzehrs gezüchtet wurde, bis die Ostschweizer Behörden dem Frankensteinismus Einhalt geboten. Mit der Geburt des Melanders begann seine Mystifizierung. Das Bild zeigt eine grafische Darstellung des extraevolutionären Fischtiers. Solche Darstellungen finden sich auf Porzellanbehältern und sind heute in Brockenhäusern zu erwerben. Das altmodische Behälterdesign sollte womöglich Beständigkeit suggerieren, i.e. optisch über die wissenschaftliche Entstehung des Melanders hinweghelfen.

Altstätten

Altstätten eignet etwas Elsässisches, falls es erlaubt ist, einen solchen Vergleich für ein Ostschweizer Städtchen anzustellen (Elsässisches für Schweizer Verhältnisse jedenfalls): leichte Angeranztheit, ein lässiges Laissez-oublier, das zu Überlagerungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart führt: die „Metzg- und Wursterei von Paul Eugster“, deren ziervolle Inschrift an der Fassade so würdevoll als irgend möglich dahinbleicht, beherbergt längst eine plastique beworbene Dönerbude, in die markant angeschriebene benachbarte „Samenhandlung“ hat sich der obligatorische Rundumdieuhr-Videoverleih eingenistet. (Nicht ganz leicht, aber reizvoll, künftige Gewerbe-Entwicklungen aus solchen Variablen zu errechnen.) Vier aufgehübschte Altstadtstraßen bieten die im Umkreis gut bekannte Altstätter Atmosfäre zum im Sommer draußen rumsitzen und Pizza verspeisen. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Man flaniert und hockt sich hin und läßt dies leicht touristische Gemisch aus renovierter Geschichte und zeitaktuellem grellen Trash auf sich einwirken. Den Lyrikweg, der etwas vom Zentrum entfernt „Natur und Poesie in Einklang bringt“, sparen sich, obwohl es dort Donhauser-Verse zu lesen gibt,  die meisten Besucher (und zeigen damit,  nebenbei, einmal mehr das Dilemma der zeitgenössischen Lyrik). „Tagelöhnervermittlung, Cafeteria und Lädeli“ bringt wiederum eine  Türinschrift die moderne Altstätter Vielfalt sinnig aufn Punkt. Es ist doch so: der Rhein versammelt alle erdenklichen Zustände von Leben und seinen verklumpten Ansiedlungen (bzw Verklumpungsversuchen) und offenbart sich darin als kompletter Fluß, der jeden auf ihn angewandten Superlativ (welcher etwa seine=des Rheines kompletteste Komplettheit auszudrücken wünschte) nur beschämen kann. Mein Altstätter Film zeigt im Raffer eine florierende, gebrandschatzte, pestdurchseuchte, nach Ausräucherung erneut florierende, etc, am Rande der Moderne nach Luft schnappende, schließlich in gewagt kubischer Architektur, Zukunft und 3d-Animationen sich comicartig lösende, einem Schwebezustand zwischen Himmel und Erde anheimfallende, gleichsam am Berg aufsteigende, den Berg aber nicht berührende=bergfremde Kleinstadt, eine in klarsten Linien und komplexen, aber nachvollziehbaren Schlußfolgerungen verpuffende Idee: lediglich in Grafitlinien existierender Betonbuddhismus (muß nicht zwangsläufig Beton sein, Beton hier nur wegen des bildgebenden Klischees und gleichlautenden Anlauts, eher paßte ein nanochemischer Werkstoff mit ganz neuen/überraschenden Eigenschaften), sich durchschießende funktionslose Kästchenarchitektur mit Anleihen bei umgebenden Industriegebieten, wurzelloses, inhaltsarmes Zurückzurnatur, oder so: man stelle sich vor, eine Stadt ganz schmerzfrei aus ihrer Umgebung zu radieren und an diese Leerstelle etwas völlig unbedachtes, dem Auge gefälliges hinzuzeichnen, etwas aus Röhren und Kuben, anorganisch, von polymeren Kulturen bevölkert, lastentragende Rieseninsekten, systemimmanentes Handeln auf die Spitze getrieben, beliebige Schönheitsmaschinen, die zB perfekte Songs ausspucken („Oh graue Berge!“), das Büro des Archäologen als zentrale Anlaufstelle für die Jünger kreativen Traditionalismus (JkT), während die Reformatoren der „neuen seichtheit“ (ns), deren Glaube sich selbstredend kaum von JkT unterscheidet, hinter ungeputzten Schaufenstern verschanzen (ungeputzt, weil sie deren selbstreinigende Substanzen manipuliert haben in einem Akt bodenloser verzweifelter Rebellion), eine pari pari-Situation, über der nach wie vor derselbe Name schwebt: Altstätten. Bläser. Abgeschrägter Jodeleinsatz. Ende.

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)