Österrhein

österrhein

Kurz vor Erreichen des Bodensees verlaufen der Alpenrhein, der Lustenauer Kanal und die Dornbirner Ach von der Rheinregulierung parallel kanalisiert durch Vorarlberger Grund. Von Damm zu Damm lassen sich trockengefallene Stellen queren. Bei entsprechender Körperhaltung ergeben sich Ausblicke auf streifenartige Mondlandschaften unter schwindelerregenden Himmeln. Einmal mehr weist der Rhein weit über sich hinaus. Die Bodenrisse erinnern u.a. an Kartenwerke. Gleich mehrfach zu erkennen ist Spanien, daneben verschiedene afrikanische Länder. Macchie und Savanne sprießen. Bei längerem intensiven Hinniederschauen wölbt sich der Boden dem Betrachter entgegen, rundet sich und fällt an seinen Polen ab wie ein grün behaarter Flickenfußball oder ein im Entstehen begriffener, noch ausführlicher zu wässernder Planet, dessen Bruchkanten seine künftigen Alpentäler markieren.

Bregenz (2)

Mit dem ÖBB-Wiesel von Feldkirch an den keltisch-römischen Bodensee. So ganz flink bewegt sich das Wiesel nicht, eher schleicht es ruckhaft durch die Vorarlberger Dörfer, Gleisparks und Städtchen entlang des Österrheins: Anfahren und Bremsen. Die Ortschaften tragen Namen wie Haselstauden oder Klaus in Vorarlberg (aus dem das verbleicht-zerfressene Stationsschild K in Voranberg macht). Immerhin nur läppische 9,10 Euro kostet eine Tageskarte. Dem Bregenzer Bahnhof direkt gegenüber liegt die imposante Seebühne, welche gerade für eine Oper über den während der Revolutionswirren guillotinierten französischen Lyriker André Chénier umgebaut wird. Promenade und Innenstadt geben sich typisch bodensee-touristisch, nur daß an Märzwerktagen vielleicht grad anderthalb handvoll Touristen durch die Straßen schleichen. Ein hübsches Fleckchen stellt die Oberstadt vor, mit dem Stadttor mit seinen eingeritzten Sprüchen („Nutz Diene Zit / Mahn fule Lüt / Meid Bösen Strit / Duld Truglug it“), von dem ein mumifizierter Hai herabbaumelt, als Kuriositätenzentrale. Rekorde: der Martinsturm gilt als größter Zwiebelturm Mitteleuropas – in der Tat: ein Brett! Die Hausfassade Kirchstraße 29 gilt als schmalste Ganzeuropas: mit 57 Zentimetern Breite – um den Rekord abzurunden imaginieren wir eine Flucht von 500 Metern Länge hinter der unscheinbaren Holztür. Die zum Kapuzinerkloster gehörige Lourdesgrotte mit der Statue Unserer Lieben Frau, die nach Angaben der Müllerstochter Bernadette verfertigt und einst als erste Statue in der Erscheinungsgrotte zu Massabielle aufgestellt wurde, gilt als das ehrwürdigste Lourdes-Heiligtum Österreichs. Ansonsten begegnet uns Bregenz als Stadt der Fahrradschieber, schon die Kleinsten üben sich auf den gepflasterten Anstiegen Richtung Bergwelt. Über/regionale Berühmtheit erlangt hat das „Running Sushi & Buffet Tokyo“, ein All you can eat-Fließband-Sushirant, das eine dem asiatischsten Metropolenverkehr nachempfundene, übereinander verlaufende Warm- und Kaltspeisendoppeltrasse anbietet, die sich durch weite Teile des in einer Shopping Mall situierten Ladens schlängelt und dem günstigen Preis entsprechend überraschend vielfältige (mit brauner Süßpaste gefüllter Olm?!) zwar, aber fade Ware anbietet. Ein letzter Blick auf den Dunst überm See und zurück geht’s durch österrheinische Feld-, Wald- und Wiesengebiete, über denen majestätisch Arl und, immer einen Flügelschlag voraus, Vorarl kreisen.

Rheinspitz

Der Alte Rhein bei Gaißau stellt sowohl den Grenzübertritt zwischen der Schweiz und Österreich als auch den westlichen Arm des rein österrheinischen (vorarlbergischen) Mündungsdeltas in den Bodensee vor. An seinem Westufer streckt sich, hinter Baum- und Buschwerk versteckt, ebendies Gaißau mit Kläranlage, Häusergruppen, Häfen und an der Mündung: Campingplatz und Gastronomie (hier schön von oben). Direkt hinter der Grenze ankert das imposante Restaurantschiff Hu Bin (ehemalige MS Höri) der chinesischen Familie Hu und beweist einmal mehr Diversität/Internationalität des Stroms selbst an entlegeneren Stellen. Das Ostufer flankiert lieblicher, abseits der Wege auch auf Trampelpfaden begehbarer Auwald, im Unterholz ringelt sich die Natter, Amseln geraten in Dialog mit Meisen, es schniept und schmätzt und kuckuckt, Krähen jagen Greife durchs Blattwerk zum puren Zeitvertreib, hinterm Waldrand schmarotzt blattgrünfrei der Rötliche Schuppenwurz, schmaucht das Pfeifengras den Torf ausm Boden, solls angeblich auch zwergdommeln. Kurz vor Seeeintritt versickert (anders als auf dem Video) der Alte Rhein, das Mündungsufer begrast von schottischen Hochlandrindern, Aromen von Brackwasser. Dem unbekannten Deicharbeiter (Torfstecher? Sumpfkumpel?) gewidmet ragt eine spatenschwingende Metallskulptur meterhoch in den bodenseefarbenen Himmel. Kiesstrand mit Muschelschalen. Die letzten Alpenkiesel mit ihren wilden Zeichnungen und Farben, bewohnt von unsichtbaren Insekten, die winzige Löcher sowohl in die Steine als auch die gesamte Gegend fressen, luftdurchzogene Löcher im ununterscheidbaren Gespiegel zwischen Seeoberfläche und Himmeln, darin Sämtliches, das in die Lüfte sich zu erheben vermag, sich hoffnungslos zwischen den Räumen und ihren täuschenden Grenzen verliert. Auf dem See selbst: Taucher, Säger, Kricker, Kräcker, Kreischer, Knatter und Gurren: ufernahe Wasservögel im Bann binnenozeanischer Weite. Von Osten her scheint in gemessener Entfernung ein weißer Rhein weit in den See hineinzutreiben, das Ufer vertorft und verzuzzelt als Wiese, zurück geht’s in den Auwald und dem vermuteten weißen Rhein des östlichen Mündungsarms entgegen.

Hohenems

Wege zur Weisheit: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ steht eins der Hohenemser Volksschulgebäude sicherlich ganz volksschulgerecht überschrieben – die Furcht des Herrn (vor wem oder was?) oder doch die Furcht vor dem Herrn? Mehrdeutige Sprüchlein besitzen in der Region scheinbar Öffentlichkeitsrecht. Der gesamte Österrhein ist wahlkampfplakatiert: „Unser Handeln braucht Werte“, „Ohne Mut keine Werte“, „Zeit für klare Worte“: beispielhafte bis -lose Dreierfolge (created by FPÖ?). Auf den Plakaten das verdruckste Foto einer bieder bis latent bösartig anmutenden Frau Jedermann im grafisch leeren Raum. Über der Stadt die Burgruine Alt-Ems (wie immer Anlaß zu Gedanken, welche Schicksale solche Mengen Steine solcherart steile Anhöhen emporschleppten), in Serpentinen zu Fuß erklimmbar. Der zu durchklimmende Hang beherbergt Österreichs größtes Bärlauchreservoir (der Bärlauch wird unten im Schloß in verschiedensten Darreichungen verkloppt, dennoch bleibt genug der Pflanze am Hang stehen, um ganze Dynastien von Bärlauchmillionären hervorzubringen). Von oben, im Bärlauchdunst, Blick aufs Tal mit Altem und Neuem Rhein, die Schlaufe des ersteren und das über letzteren sich ins Österreich wölbende schweizerische Diepoldsau. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein (darin ein schneller heller Fisch, auf- und abschießend: Höllenfisch?) plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Spiegelt sich in einem Schaufenster, das die üppige Pokalsammlung der F.C Hohenems Türkgücü Sportvereine präsentiert. Davor parkt ein aus diversen TV-Krimiserien bekannter „verdächtiger Wagen“ mit plattem Vorderreifen. Die Handschriften A und C des Nibelungenlieds tauchten im 18. Jahrhundert in der Schloßbibliothek auf (tauchten auf? wurden zuvor übersehen und plötzlich gefunden?) und wanderten bald nach Deutschland. Die beachtliche jüdische Gemeinde verschwand im Dritten Reich, heut gibt’s ein Museum und eine Schautafel, die das einstige Judenviertel rekonstruiert. Die Straßen entlang des Österrheins sind überschildert, massig Hinweise auf Firmen, Fabriken, Einzelpersonen – ließen sich (von Irrenden) ebenfalls als Wege zur Weisheit betrachten, als Weisheitslabyrinth.