Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Liechtenstein (2)

Ein Artikel aus dem Liechtensteiner Volksblatt von Ende 1985 hält unter dem vielsagenden Titel „Ein abergläubisches, albernes und dummes Volk“ Rückschau auf Volksmentalität und Landeszustand vor (damals) 200 Jahren – aus Sicht hoher Beamter der fürstlichen Hofkanzlei zu Wien (der Landesvater residierte seinerzeit noch nicht im Lande selbst). Einige Zitate: „Von einer besseren Schul-Ordnung wollen sie gar nichts hören, sondern sagen gleich, es sei auf diese Art schon lange gut genug gewesen, und sie wollten nicht wie in den Österreichischen Landen eine neue Ketzerlehre einführen lassen. Denn so wird die allgemein nützliche Volksschule, wie sie in den k.k. Staaten eingeführt wurde, von den hiesigen Leuten betitelt.“ „Es ist eine weltbekannte Sache, dass überall viele Feiertage aufgehoben worden sind. Und in welchem Lande wäre es wohl notwendiger, nützlicher und anständiger als im hiesigen Reichsfürstentum Liechtenstein, da viele Grundstücke wegen der Menge der Feiertage nur schlecht kultiviert werden? Tatsächlich halten die Untertanen die vielen Feiertage nicht ein und können diese auch gar nicht einhalten. Die benachbarten Reformierten halten sich darüber auf, wenn die Katholiken ihre Feiertage nicht ordentlich halten, obwohl sie selbst nichts von Feiertagen halten. Allem diesem könnte durch die Aufhebung der Feiertage abgeholfen werden.“ „Die Polizei betreffend, so mag dieses Wort wohl mal gehört worden sein, ohne aber dass die innerliche Bedeutung desselben bewusst worden wäre. Genug wäre es gewesen, wenn man nicht eine gute, sondern nur ehrliche Mannszucht angetroffen hätte. Wir mussten aber leider erfahren, dass die hiesigen Untertanen grob, ungesittet und ungezogen sind, die – weil sie rings umher mit Republikanern umgeben sind – auch selbst Republikaner zu sein glauben und nur zum Schein einen Landesherrn und die Obrigkeit in so lang erkennen, als es ihnen gefällig.“ „Es ist ein albernes, abergläubisches und von den dümmsten und gröbsten Vorurteilen eingenommenes Volk, dem weder etwas von einer wahren Religion oder Chrstentum noch Tugend bekannt ist. Ihre Sache ist nur äussere Scheinheiligkeit und Verstellung. Daneben herrschen unter ihnen alle Laster der Untugend, sie sind auf die alte heidnische und höchst verderbliche Missbräuche versessen, zur Schwelgerei, zu Unhändeln, zum Prozessieren sehr geneigt, hingegen in ihren Arbeiten sehr nachlässig und träg.“ „Von der Polizei und dem Finanzwesen wäre gar unendlich viel zu reden. Ich will aber nur von den notwendigsten Hauptgegenständen eine Meldung machen: Dass dies nämlich ein Land ist, in welchem die Untertanen jedem herrenlosen Wegler, Kessler und Diebesgesindel den Unterschlauf geben, ungeachtet sie hören, es seie dieser oder jener Nachbar ausgeraubt worden. In den meisten Dörfern hat es keine Nachtwache und keine Feuerkübel. Es gibt kein Spital oder Krankenhaus, in welchem ein armer, kranker Bettler oder sonst ein bedürftiger Mann versorgt werden könnte. Alles wird elend administriert, und sagt eine nachgesetzte Obrigkeit etwas, so heisst es, dies gehe die Obrigkeit nichts an. Im ganzen Reichsfürstentum gibt es keine Manufakturen oder Fabriken, ja nicht einmal die nötigen Handwerksleute. Die Gemeinden besitzen schöne Weingärten, Äcker, Wiesen, Alpen, Auen oder gemeine Weidgänge und Waldungen, alles wird aber grösstenteils schlecht bearbeitet. Kurz der grösste Teil der Untertanen sind arme Fretter. Geht man auf die Untersuchung, woher dies alles komme, so wird man keinen anderen Grund finden als die schlechte Erziehung und den fehlenden Unterricht der Jugend.“

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.

Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!

Felsrose

Wahnsinn, diese Alpen! Mit der Frümsener Luftseilbahn hoch auf den Stauberen (1750 Meter). In der Kabine der Werdenberger Chronist samt Gattin, die frohgemut Rheinlieder anzusingen beginnt, als sie von meiner Profession erfährt. Rachiges Schwyzerdütsch, felsiger Singsang. Kuhglocken und Sennhütten, restlos unglaubhaft für einen Höhenschwindligen, aber sie existieren, auf ihre extrem steilheitsannehmende Art und Weise. Oben: atemberaubende Blicke aufs Fürstentum im Dunst, seinen kantig eingefaßten Rhein, das vorarlbergische Österreich, Appenzell, den Bodensee, wie der klaffende Kiefer eines Tyrannosaurus Rex spannt ein zerfurchter Gipfel zur Linken, zur Rechten der Hohe Kasten, blumenübersäte Alpen (Teufelskralle, Felsrose, Pulsatilla, Siebenmänteli, Pimpinelle, Knorpellattich, Rindsauge… von rund 360 Alpenblumensorten gedeihen auf diesen Wiesen angeblich und glaubhaft 320) beflattert von sommerisch torkelnden Widderchen, Trostlosfaltern und Schwalbenschwänzen. Rasend ziehen Dunstfelder hangan, verschwinden überm Gipfel, lösen sich auf in strahlendes Nichts. Es ist eine alpenrheingeborne Muse, die mich führt in zeitloser Schönheit, ein paar hundert Meter in diese Richtung, ein paar hundert Meter in jene, bis eben immer zum allergeilsten Ausblick, „fall nicht!“, sie ist besorgt um mein Verhältnis zum Sog, den solche Höhen auf mich ausüben. Sie quatscht und quatscht, die Muse, läßt alles Lebenswichtige Revue passieren, für mich, vor diesem Panorama, lacht über meine kargen Repliken, sorgt sich, nimmt mich, wo ich zu taumeln drohe ob all der ungeheuren, massiv energetischen Pracht, zärtlich bei der Hand, schimpft auf das ferne Meer, lobt die letzten zerrieselnden Schneefelder auf den Hängen, bestellt Apfelmost in der Hütte, während ich mir ein dünnes Appenzeller Quellwasserbier genehmige. Tadelnde Fragen, ob mir dieser Ausblick denn poetisch etwas eingebracht habe. Sie spielt und sie meint es ernst. Ein Leben haben wir auf Erden.