Eine heruntergekommene Stadt

“My Dear Sir,

You will allow that after the tedious proceedings of the tewo days` journey, I had a right to indulge a little more than usual, I accordingly lay in bed till eight, for do what I could, my ever-anxious, ever-insatiable curiosity would allow me no longer; I sat writing the notes of my journal till breakfast, which by the aid of Stenography, I easily accomplished, and after my morning repast, I sallied forth to explore this extensive and ancient city, the Roman colony founded by Agrippa, the son-in-law of Augustus Caesar.
Three centuries ago Scaliger thus eulogises it.

„Maxima cognati Regina Colonia Rheni,
Hoc te etiam titulo musa superba canet;
Romani statuunt-habitat Germania-terra est,
Belgia-ter felix! nihil tibi diva deest.“

I presume not to say, what might then be the condition of the city, and how far the poet flattered or bestowed just praise, but very different is the case now. I should rather apply, as nearer the truth, the language of Ossian, „I have seen the walls of Balclutha, but they were desolate.“ Ruin long begun, and still going on, marks its principal streets. The plaster is falling from the fronts of the houses, and no one seems disposed to renew it. The year of 1618, and others of that period, which you see on the outside, lead one to question, if aught has been renewed since then. Waving grass is growing in the streets, and as you enter many of the principal churches, you must keep in the narrow path, „the old path,“ or in rainy or wet weather, as it was when I was there, you will have cause to repent. Indolence seems painted on the countenances of the people, and they seem to move as if they knew not why, or whither, they were going. Many of the houses have fallen down, others are falling, and in many places you see ruins clearing away to add to the gardens, which already fill up two thirds of the space within the walls.
Cologne boasts of its antiquity, and of its greatness. Still Colonia Agrippae may often be seen in public inscriptions, and they tell you that full more than fifty thousand inhabitants remain to listen to its never-ceasing bells. It was once a place of great trade, but the banishment of the Protestants in the seventeenth century destroyed its industry. (…)”

(James Mitchell: A Tour Through Belgium, Holland, Along the Rhine, and Through the North of France, in the Summer of 1816: In which is Given an Account of the Civil and Ecclesiastical Polity, and of the System of Education of the Kingdom of the Netherlands; with Remarks on the Fine Arts, Commerce, and Manufactures, Chapter XIX, T. and J. Allman, 1819)

Goethe begoethet den Rheinfall

Dreimal war Goethe zeit (und laut) seines wohldokumentierten Lebens am Rheinfall, in dieser Hinsicht steht es bisher pari zwischen rheinsein und dem Alten. In Goethes Tagebuch von September 1797 finden sich, nachdem er am Vorabend im Schaffhauser Gasthaus zur Krone “einen gewissen stieren Blick der Schweizer, besonders der Zürcher” bemerkt, mehrere Einträge, welche die gewissenhaften Inspektionen Goethes am Objekte protokollieren. Frühmorgens macht er sich auf den Weg, eine gute Zeit, wie rheinsein aus eigenen Untersuchungen bestätigen darf, den Wasserfall zu betrachten, der je nach Sonnenstand dem Betrachter erkleckliche Differenzen in seiner Wirkung als ständiges Naturspektakel vermitteln kann.

“Den 18ten früh.

Um 6 1/2 Uhr ausgefahren. Grüne Wasserfarbe, Ursache derselben.
Nebel, der die Höhen einnahm. Die Tiefe war klar, man sah das Schloß Laufen halb im Nebel. Der Dampf des Rheinfalls, den man recht gut unterscheiden konnte, vermischte sich mit dem Nebel und stieg mit ihm auf.
Gedanke an Ossian. Liebe zum Nebel bey heftig innern Empfindungen.
Uhwiesen, ein Dorf. Weinberge, unten Feld.
Oben klärte sich der Himmel langsam auf, die Nebel lagen noch auf den Höhen.
Laufen. Man steigt hinab und steht auf Kalkfelsen.
Theile der sinnlichen Erscheinung des Rheinfalls, vom hölzernen Vorbau gesehen. Felsen, in der Mitte stehende, von dem höhern Wasser ausgeschliffne, gegen die das Wasser herabschießt.
Ihr Widerstand; einer oben, und der andere unten, werden völlig überströmt. Schnelle Wellen. Locken Gischt im Sturz, Gischt unten im Kessel, siedende Strudel im Kessel.
Der Vers legitimirt sich:
Es wallet und siedet und brauset und zischt pp.
Wenn die strömenden Stellen grün aussehen, so erscheint der nächste Gischt leise purpur gefärbt.
Unten strömen die Wellen schäumend ab, schlagen hüben und drüben ans Ufer, die Bewegung verklingt weiter hinab, und das Wasser zeigt im Fortfließen seine grüne Farbe wieder.”

Der hölzerne Vorbau: das Känzeli! – muß gleich mit dem Rheinfall entstanden sein. Ob Goethe auch auf den Schnitzel-Imbiß treffen wird? Zunächst notiert er

“Erregte Ideen.

Gewalt der Sturzes. Unerschöpfbarkeit als wie ein Unnachlassen der Kraft. Zerstörung, Bleiben, Dauern, Bewegung, unmittelbare Ruhe nach dem Fall.
Beschränkung durch Mühlen drüben, durch einen Vorbau hüben; ja es war möglich, die schönste Ansicht dieses herrlichen Natur-Phänomens wirklich zu verschließen.
Umgebung. Weinberge, Feld, Wäldchen.
Bisher war Nebel, zu besonderm Glücke und Bemerkung des Details; die Sonne trat hervor und beleuchtete auf das schönste schief von der Hinterseite das Ganze. Das Sonnenlicht theilte nun die Massen ab, bezeichnete alles vor- und zurückstehende, verkörperte die ungeheure Bewegung. Das Streben der Ströme gegen einander schien gewaltsam zu werden, weil man ihre Richtung und Abtheilungen deutlicher sah. Stark spritzende Massen aus der Tiefe zeichneten sich beleuchtet nun vor dem feinern Dunst aus, ein halber Regenbogen erschien im Dunste.
Bey längerer Betrachtung scheint die Bewegung zuzunehmen. Das dauernde Ungeheuer muß uns immer wachsend erscheinen; das vollkommne muß uns erst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige verständiger.
Das Meer gebietet dem Meer. Wenn man sich die Quellen des Oceans dichten wollte, so müßte man sie so darstellen.
Nach einiger Beruhigung verfolgt man den Strom in Gedanken bis zu seinem Ursprung und begleitet ihn wieder hinab.
Beym Hinabsteigen nach dem flächern Ufer Gedanken an die neumodische Parksucht.
Der Natur nachzuhelfen, wenn man schöne Motive hat, ist in jeder Gegend lobenswürdig; aber wie bedenklich es sey, gewisse Imaginationen realisiren zu wollen, da die größten Phänomene der Natur selbst hinter der Idee zurückbleiben.
Ich fuhr über. Der Rheinfall von vorn, wo er faßlich ist, bleibt noch herrlich, man kann ihn auch schon schön nennen. Man sieht schon mehr den stufenweisen Fall und die Mannigfaltigkeit in seiner Breite; man kann die verschiednen Wirkungen vergleichen, vom unbändigsten rechts bis zum nützlich verwendeten links.
Über dem Sturz die schöne Felsenwand, an der man das Hergleiten des Stromes ahnden kann; rechts das Schloß Laufen. Ich stand so, daß das Schlößchen Wörth und der Damm, der von ausgeht, den linken Vordergrund machten. Auch auf dieser Seite sind Kalkfelsen, und wahrscheinlich sind auch die Felsen in der Mitte des Sturzes Kalk.”

Die Angaben mag jede/r Interessierte nutzen, sich bei einem Rheinfall-Besuch selbst in Goethesche Position zu navigieren.