Gorrh (9)

im Sekundenschlaf, beim Rübernicken in den Winterschlaf, in den Rübenäckern, den entrübten, der oberrheinischen Tiefebene, im Wein hängend, selbstrebend, raschelnd im Einheitsmais, schickt er den Schnellzügen mit kunstfertigen Handbewegungen günstige Winde, knickt und errichtet Baukräne, Überlandleitungen, Handymasten, gründet die für die 10er Jahre des begonnenen Jahrtausends so maßgebliche Zeitschrift “BAU:LÄRM” (mit CD- und Hologrammbeilage), betrachtet entzückt das Flattern der Flaggen vor Firmengebäuden, speist Graureiher und Maiszünsler als notwendige Diät in Vorbereitung auf seinen Kampf mit dem Greif und dem Wolpertinger, den Dreiershowdown am Kinzigufer, tarnt sich als freistehende Weide, als Weindorf, als Ablage, rast mit seinem roller suit (von Jean-Yves Blondeau) die Schwarzwald-Bahnstrecken auf und ab, nachts, umwickelt seine Pfoten und Tatzen mit Tabak, raucht seine Pfoten und Tatzen, wirft mit Oktobergold als wärs Blattgold, sägt Bretter zurecht, erwirbt auf diese Weise sein langersehntes Zertifikat “Freund der EU-Norm”, streift durch dialektsichere Siedlungsblöcke, raut seine Haut am Waschbeton, läßt Scheiben klirren und Balkone brechen, grollt, kickt mit den Fersen gegen die Berge, reißt Laternenpfähle mit den Zähnen aus der Erde, wirbelt Lichter, frißt die Nacht, schnallt sich den selbstgebauten Badisch-Vocoder um, hält e paar Schwätzle in de Schreebergärde, kickt kurz für de Offeburger Efffau, macht sogar e Törle, wird ausgewechselt, reißt dem Trainer den Kopf ab, setzt den Zuschauern die Köpfe zwischen die Ohren, wird ausgebuht, metzelt sich den Weg zum Bahnhof frei, hinterläßt eine Blutspur, gespickt mit Gliedmaßen. “Wir kannten Gorrh nur als freundlichen, zuvorkommenden, hilfsbereiten Nachbarn, seine Brille war etwas komisch, aber sonst… Eine solche Tat hätte ihm niemand hier zugetraut. Wir stehen alle unter Schock.” Gorrh reißt sich die Zunge aus dem Rachen, verbindet sich damit die Augen, verknotet das Zungenstück nach Seemannsart doppelt und dreifach gesichert am Eisenring an seinem Hinterkopf. Ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Noch ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Zur Sicherheit erschießen mehrere weitere Sondereinsatzkommandos Gorrh. Die Erschießung wurde nötig, nachdem Gorrh auf dem Marktplatz ein Kind verspeist hatte. Gorrhs Knochen klappern. Archaischer Klappertakt. Technoid. Die Winde, die Gorrh gehorchen, agieren als scharfe Streicher. Die SEK-Beamten feuern auf den Wind. Die Landschaft beugt sich auf und nieder. Die Landesschau berichtet.

Durchs Höllental

Höllisch stickig ists im Oberdeck (mit Panoramablick) der Höllentalbahn. Ein Opfer der in den Schlagzeilen grassierenden Fettleibigkeitsepidemie kollabiert auf dem Gang. Flugs wird er entsorgt, der Zug kann starten. „Reserviert für Klimahelden“ hängen Banner über den Fahrradstellplätzen der grünbeoberbürgermeisterten Umweltstadt. Bald plätschern und branden die grünen Hügelwellen des Hochschwarzwalds, spielen Ebbe um die Bahntrasse. Kirchzärtelnde Ortschaften fügen sich ins Altpelagial, Kraftfahrzeugherden unter Einfluß von Umleitungsschildern im Wechsel mit Weiden, Bächlein, Koppeln. Bussarde beim Herbstmanöver. Der Zugpilot hält direkt auf eine majestätische Hügelwelle, Ausweichen scheint unmöglich, doch zu Füßen der Welle stoppen Zug wie Landschaft ab und verharren in einer Himmelreich genannten Schneekugel, ein (ähnlich der Torte und dem Schinken) besonderes Schwarzwälder Fänomen, HURENSOHN steht an eine schmale, vom Strotzen der Sonnenblumen- und Gladiolenfelder niedergemähte Wand getagged, ein paar Häuser lungern seit Tagen herum beim Versuch sich zu zersiedeln. Der Zug taucht nun geradenwegs in die Welle, die eben noch verfestigt schien und sich jetzt fahrplanmäßig wieder löst. Seepferdchengroße Hirsche torkeln an den Panoramascheiben vorüber, schwarzwaldhüttenähnliche Korallen knospen knubbelig aus den Grünstürzen. Hirsche, und immer mehr Hirsche. Über plötzliche Asfaltschneisen schliddernde Rotwildhufe, von splitzenden Wildwassern gespült. In schnellem Wechsel dunkelts und tagts, in den Sonnenfasen räumen warnwestenbekleidete Hirscharbeiter die Piste von Tageswechselresten, Schwemmpflanzen und Kadavern. Zarge und halbzarge Spießtannen rauen die konischen Landschaftskuppen auf, plötzlich befinden wir uns mitten im Wald. Hier entsteht in klandestinen Senken mittels hinterzärtlerischer Verwirbelungen der Höllentäler, ein Fallwind, der hunderte Höhenmeter tiefer, drunten im Oberrheintal das altehrwürdige Freiburg mit Tannenduftatemluft versorgt. Der Zug quert zuletzt die berühmte Quadratmeile der Skisprungschanzen und Olympiasieger in Hügelwalddisziplinen. Dann erscheint Titisee.

Worum trennt uns e Rhi?

worum-e-rhi

Im Freiburger Seepark – Fanfaren hirnwegblasender Engelstrompeten durchwirren die dünnen Altweibersommerlüfte, welche der Höllentäler speist und schrabbt, ein lokaler Wind, so sehr geschätzt, daß ihm der Freiburger extra eine Durchzugsschneise in den Hauptbahnhof geschlagen hat – verweilen die Gedanken beim über der lokalen Universität angeschriebenen, von dort aufgeschnappten und mitgeschleppten Bibelspruch “Die Wahrheit wird (euch) frei machen” und zugleich Faulkners, hier (schonmal) frei wiedergegebenem Diktum, daß, wer nach der Wahrheit suche, besser vorab damit rechnen solle, daß er sie am Ende tatsächlich finden könnte. Mitten im schönsten Sinnen über vielerlei Wahrheiten stoßen wir unvermittelt auf eine halbierte, in den Himmel ragende, sozusagen auf den Rücken gefallene Brücke, auf der in elsässischer Sprache der nächste Sinnspruch angebracht ist und bedanken uns innerlich für das öffentliche Denkstoffangebot der oberrheinischen Bildungsmetropole.

Rheinische Tierwelt (2)

Innert einer Woche zweimal die Kunde von „regnenden Weidenbäumen“, einem mir bis dato unbekannten Fänomen: aus den oberrheinischen Auen in Form eines Augenzeugenberichts sowie aus dem Riet bei Nendeln in Gerüchtform (ein entsprechender Annäherungsversuch meiner Informantin in Nendeln fand sein frühes jähes Ende im dortigen Morast). Fehlt die Erstwelt-Erfahrung, schafft die Zweitwelt Ersatz:

„Der Schaumwurm (Gäschtwurm): besonders häufig auf Weidenbäumen, denen die Larve im Frühjahr den Saft aussaugt, und ihn in Gestalt eines Schaums (des so genannten Kuckucksspeichels), unter welchem sie oft versteckt ist, wieder von sich gibt. Daher auch die Sage von regnenden Weiden.“ (Zitiert nach: Johann Friedrich Blumenbach – Handbuch der Naturgeschichte 1821)

Obige Stelle findet sich ganz ähnlich bei Friedrich Philipp Wilmsen in seinem „Handbuch der Naturgeschichte für die Jugend und ihre Lehrer“, ebenfalls aus dem Jahr 1821, dort jedoch wechselt der sagenhafte Wurm in die moderne Nomenklatur: „(…) Ferner die Schaumzikade, welche auf Gräsern, und besonders auf Weiden, den Saft einzieht, und ihn als Schaum wieder von sich giebt; er wird Kukuksspeichel genannt, und hat, da er bisweilen in Tropfen herunterfällt, Gelegenheit zu der Sage von regnenden Weiden gegeben.“

Auf Wikipedia klingt dies heute, im Artikel über Schaumzikaden, wie folgt: „Neben der kennzeichnenden Eigenschaft der Schaumnester, in denen sich die Larven der Schaumzikaden entwickeln, gibt es eine Reihe weiterer Besonderheiten in dieser Tiergruppe. Manchmal treten die durch die Larven der Bunten und der Braunen Weidenschaumzikade (Aphrophora pectoralis, A. salicina) erzeugten Schaumflocken in Weiden (Salix) so groß und zahlreich auf, dass Flüssigkeit aus ihnen heraustropft und es aus dem Baum gewissermaßen regnet. Landläufig spricht man dann von „tränenden Weiden“.“

Randnotiz (3)

Vor gut einem Jahr ist Rheinsein, dank großartiger Unterstützung aus dem litblogs.net-Umfeld, aus Googlelanden auf die jetzige .de-Domain umgezogen. Die alte blogspot-Adresse lief bisher nebenbei weiter, gestern habe ich sie vom Netz genommen. Obwohl dort seit einem Jahr nichts mehr passierte, fand die Seite weiterhin ein zwei Handvoll Besucher pro Tag. Mag es an Google liegen: die Besucher der alten, nun abgeschalteten Seite interessierten sich vornehmlich für Tierartikel, die (wie alle anderen alten Einträge auch hier erhältliche) Liste mit Rheinfischen wurde an die 2000 Mal angesteuert, die Artikel über Moby Dick, den Beluga im Rhein und den Ochsenfrosch, das Monster vom Oberrhein erreichten ebenfalls die Besucher-Top Ten, in denen auf der aktuellen Seite Textstellen von/über James Fenimore Cooper, Martin von Tours und Hanns Martin Schleyer stehen.

Dreiländeroper

Im oberrheinischen Dreiländereck Basel – Elsaß – Baden entsteht gerade eine multimediale Oper, geleitet von Bruno de Chénerilles, schreibt die Badische Zeitung vom 28. Mai, aus der Bdolf einen Ausriß schickt. Um Klänge und kulturelle Hintergründe der Region zu erforschen, befragte ein Beteiligungskampagnen-Team Passanten auf den Marktplätzen der Region zu Lieblingsklängen und -landschaften. Hierzu ein kurzer Auszug aus dem Interview:

BZ: Was haben Ihnen die Menschen geantwortet?
De Chénerilles: In vielen Antworten ging es um den Rhein oder um den Schwarzwald – und um den Flughafen. Niemand hat den Euro-Airport als Lärmbelästigung abqualifiziert, obwohl er für die Menschen Lärm und Schmutz bedeutet. Wenn sich jemand über den Flughafen äußerte, hatte man den Eindruck, der Flughafen ist seine Tür zur Welt.

BZ: Haben Sie eine Art Heimatkunde betrieben?
De Chénerilles: In gewisser Weise ja. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Gegend, dass sich die Menschen stark mit ihr identifizieren. Sie müssen sich vorstellen, da erzählte uns jemand, wie sehr er es liebe, von sich zu Hause aus das Starten und Landen der Flugzeuge zu sehen. Es gibt da eine gewisse Enge durch die Nähe der Grenzen und dann ist das dieser Flughafen, der die Enge durchbricht. Ich selbst habe das gespürt. Aber die Tatsache, dass jemand, der dort lebt, es aussprach, gab der Tatsache eine besondere Qualität.

(Im Hinterhof geht seit vier Stunden mit unbeschreiblichem Lärm der Rasenmäher, ganz bestimmt ein am TÜV vorbei aufgemotztes Fabrikat im Besitz der hiesigen Hausmeisterdynastie, um mit völlig unkölnischer Hartnäckigkeit jeden Ansatz von Wildwuchs zu vernichten. Ich kann diese Flughafenanwohner nicht bis ins Detail verstehen. Aber der Rasenmäher führt ja auch nicht aus Köln hinaus, sondern verwirft, wie in Köln üblich, lediglich den Hof und seine Anwohner auf ihr bedröhntes Selbst.)

Sélestat – Bibliothèque humaniste (2)

Aus der Eigenauskunft der Bibliothek: “1441 ernannte der Schlettstädter Magistrat den Westfalen Ludwig Dringenberg zum Leiter der städtischen Lateinschule, einen begnadeten Lehrer, der mit viel gesundem Menschenverstand den Unterricht lebendiger und anziehender gestaltete. So entstand am Oberrhein die erste Schule humanistischen Geistes. Unter seinen Nachfolgern Kraft Hofman (1477-1501), Hieronymus Gebwiler (1501-1509) und Hans Sapidus (1510-1525) wuchs das Ansehen der Schule weiter. Gegen 1510 zählte sie 900 Schüler; sozusagen die komplette erste Generation elsässischer Humanisten ging aus ihr hervor. Natürlich brauchte eine solche Schule auch ihre Bibliothek. Die Anschaffung von Büchern war damals jedoch eine äußerst kostspielige Sache: Handschriften waren selten und Wiegendrucke sehr teuer. Da die Schule nicht über zureichend Finanzmittel verfügte, war sie auf Schenkungen angewiesen. 1452 vermachte ihr Stadtpfarrer Johann von Westhuss seine Handschriftensammlung, bestehend aus rund 20 dicken Bänden. 1470 schenkte der Kaplan Johann Fabri zwölf Bände. Kurz vor seinem Tod vermachte Dringenberg seiner Schule alle seine Bücher. Sein Schüler Jakob Wimpfeling schenkte ihr jedesmal kostbare Druckwerke, wenn er seine Heimatstadt besuchte. Stadtpfarrer Martin Ergersheim vermachte ihr seine reiche Privatbibliothek, die aus mehr als 100 prächtigen Bänden bestand. Die Schulbibliothek war in einem Extraraum über dem südlichen Seitenschiff der Pfarrkirche untergebracht, die meisten Bände lagen auf Tischen oder Pulten, an denen sie, um Diebstähle zu verhüten, angekettet waren. Einige Tage vor seinem Tod im Jahre 1547 überließ der berühmte Gelehrte Beatus Rhenanus seiner Vaterstadt sein kostbarstes Erdengut: seine Bibliothek. Öffentliche Büchereien waren damals unbekannt, jeder Gelehrte bedurfte daher zwingend einer Privatbibliothek. Bereits als Schüler in Schlettstadt besaß Beatus Rhenanus ungefähr 60 Werke. Während seines vierjährigen Aufenthalts an der Sorbonne erwarb er 188 Werke. Es folgten Jahre fruchtbarer Tätigkeit in Straßburg, Basel, Schlettstadt. Allmählich füllten sich die Regale seines Studierzimmers. Sein beträchtliches Privatvermögen erlaubte es ihm, alle Werke zu kaufen, die er für seine literarischen und historischen Studien benötigte. Andere wurden ihm von ehemaligen Schülern und befreundeten Humanisten geschenkt. Viele stammen vom Basler Drucker Froben, bei dem er als Korrektor angestellt war. Die komplette (ungefähr 670 ledergebundene Bände), für jene Zeit äußerst ungewöhnliche Sammlung (zumal mancher Band zehn bis 20 unterschiedliche Werke umfaßt), ging also 1547 an Schlettstadt. Ihr Wert wird noch dadurch vergrößert, daß es sich um die einzige Humanistenbibliothek handelt, die beinahe unversehrt die Zeiten überstand. Die reichen Bibliotheken von Erasmus, Reuchlin und Spiegel wurden zerstört. Die Rhenana bleibt einziger Zeuge aus jener für das europäische Denken so maßgeblichen Zeit.”

Unterlinden

Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen gießt die Sonne ihren Goldschmelz über die Vogesen, dringt in deren Mulden ein, in deren Tiefen wiederum sie sich dem Magma verschwistert; in der Stadt färbt sie, wie eine übereitle Mutter ihrer Tochter den eigenen Stil aufzwängt, das Blattwerk der Pappeln. Zwischen Bahnhof und Musée weist General Rapp heroisch auf die rhythmisierten, von herkunftslosen Slidegitarren unterlegten Wasserspiele der Departementshauptstadt Haut-Rhin samt Präfektur. Im Musée interessiert zunächst der Isenheimer Altar, ein monumentales Flügelgebilde, so monumental, daß es in Originalzusammensetzung garnicht in die Räumlichkeiten paßt, weswegen es nun, veraudioguidet, in vier Reihen umsortiert, großzügig doppelseitig beäugbar, zerzupft zwar, darob jedoch nicht weniger imposant, vor den Kunsttouristen posiert. Ein wenig enttäuschend zunächst, daß die Farben, selbst jene der Auferstehungsszene, deutlich weniger knallen als im Internet. Dargestellt sind Stationen aus den Lebensgeschichten Jesu und des heiligen Antonius. Extrem die Versuchung des letzteren, umstellt von allerlei Monstren (darunter ein knüppelbewehrter Habicht mit menschlichen Oberarmen, Panzerdronte, Zahnkröte, Pestgnom, Schweinepriester, Trolpertinger und Reptilbock). Antonius selbst mit Anzeichen von Brandiger Hautrose (dem durch Mutterkornverzehr ausgelösten „Antoniusfeuer“), Syfilis und Beulenpest, eine ziemlich kräftige Mischung. Aus Mutterkorn synthetisierte unweit Colmars Albert Hofmann in einer ganz anderen Zeit Lysergsäurediäthylamid, dessen Bilder dem jener Versuchungsszene, wie es gern heißt: gleichen. Gleich nebenan knallen (nun wirklich) die Farben Martin Schongauers, der in seinen biblischen Szenen nicht mit umzäunten Gärten, Einhörnern, Folterpunks und Arschgesichtern spart, ein reicher Fundus an oberrheinischer Kunst vom Neolithikum bis zur Humanistenperiode, erweitert um das düstere „Le char de la mort“ von Schuler stehen Ankäufen von weiter her (in der Moderne) gegenüber, und draußen tut Colmar, von seiner anhaltenden Schönheit linde dauerberauscht, als sei nichts geschehen.

Urrhein

Sehr zurückhaltend beging Rheinsein vor rund drei Wochen den zehnmillionsten Geburtstag des Rheins – nicht zuletzt, weil die Quellenlage (so z.B. Ernst Probst in „Rekorde der Urzeit“) u.a. auch von mindestens zwölf Millionen Jahren Rhein spricht. Damit wäre der Rhein nicht der älteste deutsche Fluß, wilde erste Ströme ohne Namen schossen, soweit bekannt bis behauptet, bereits im Kambrium (vor ungefähr 570 bis 510 Millionen Jahren) durch Süddeutschland und Mecklenburg. Ein Großteil des heutigen Deutschland lag damals noch unter Wasser. Im Gebiet des heutigen Oberrheins verlief das Gefälle im Eozän (vor ungefähr 45 Millionen Jahren) von Norden nach Süden. Ein Vor-Urrhein floß dort hinab, wo wir heute zu sagen hätten: hinauf. (Landschaften sind schon unzuverlässige Gebilde/Gebolde/Täuschkörper.) Die Grube Messel mit ihren fossilen Funden wie Prachtkäfern, Ibissen, Schwanzprimaten, der Messelralle oder dem Propalaeotherium (einem Zwergpferdchen) gehört zu den Seen seines Systems. Wie die meisten großen der gegenwärtig verfügbaren Flüße der Alten Welt bildete sich der Rhein im Miozän. An seinen Ufern tranken, grasten und rissen Bärenhunde, krallenfüßige Huftiere, Prägorrhoiden, Riesenrüßler, Säbelzahntiger, großäugige Insekten, Panzergnarle und die vorgeblich letzten Menschenaffen Deutschlands, das freilich noch nicht so hieß. Als Urrhein soll er am Kaiserstuhl entsprungen sein, dieweil die Alpen wie eh und je fleißig mit Falten beschäftigt ihre Wasser bevorzugt gen Thetys sandten. Die Urmosel mochte, so schwer vorstellbar das auch klingt, bis vor gut zwei Millionen Jahren sogar mächtiger als der Rhein gewesen sein. In den Warmzeiten des frühen Eiszeitalters beherbergte der Rhein Flußpferde – wo sind sie gebliehieben? Die Donau wurde als des Rheins jüngere Schwester übrigens erst fünf Millionen Jahre später kreationistisch designt. Ebenfalls natürlich mit ganz anderen Quellen und Verläufen als den heutigen. So wurde die Donau zwischen Miozän und Pliozän von der Aare gespeist, die gerne da und dort als der „eigentliche“ Rhein angepriesen wird, weil sie diesen so kräftig bezuschußt, was die Donau deutlich dezenter und unterirdisch erledigt. Ein brüllender Inzest unter Flußgottheiten ist es dennoch. Und wohin mit dem ganzen Wasser? Ernst Probst: „Das größte Flußdelta der letzten Eiszeit vor etwa 115.000 bis 10.000 Jahren lag östlich von Südengland. In dieser Gegend mündeten damals der Rhein, die Maas und die Themse ins Meer.“

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”