Obélix am Rheinfall

obelix

Jean-Claude Vithe ordnet die Megastars der bandes dessinées neuen/fremden Kontexten zu. Nachdem er bereits Spiderman Schaffhauser Gischt schnuppern ließ, meldet sich Vithe mit einer neuen Heldenverpflanzung: „Obélix, (R(h)ein gefallen?)” Schlafwandlerische Sicherheit aufgrund selbstgenügsamer Mißachtung selbst extremster landschaftlicher Reize geleitet den berühmten Gallier seit jeher von Panel zu Panel. Vithe deutet nun an, daß der Fels inmitten des Rheinfalls seine allhin bekannte Zwiegespaltenheit der Hinkelsteinfabrikation eines durchreisenden, leicht gedankenverlorenen Aremorikaners auf Edelweißsuche verdanken könnte.  (Daß Obélix einst Helvetien besuchte, ist zwar historisch nachgewiesen, über seine tatsächliche Bekanntschaft mit dem Schweizerrhein allerdings kann bis heute nur spekuliert werden.)

Asterix am Rhein

Im Rahmen der Berichterstattung zu Asterix` 50. Geburtstag wurde (einmal mehr, wie auch zu seinem 40.) jenes Kuriosum ins Feuilleton gespült, das den berühmten kleinen Gallier als rheinischen Germanen Siggi verortet. Mitte der 60er Jahre nämlich hatte Rolf Kauka (lt. Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf in der taz ein „stockreaktionärer, deutschnationaler Zeitgenosse“) die deutschen Lizenzen für seinen Verlag erworben und brachte die ersten vier Asterix-Bände in seiner Zeitschrift „Lupo modern“. Dafür wurden Asterix und Obelix zu Siggi und Babarras, und das nur mit der Lupe auffindbare aremoricanische Widerstandsnest zum rheinischen Bonnhalla. Aus dessen Bewohnern wurden, diversen Quellen zufolge, von der Wiedervereinigung träumende Germanen, die restlichen gallischen Stämme wiederum zu westgotischen Kapitalistenstrolchen. Die Römer waren keine Gegner mehr, sondern coole, Kaugummi kauende “Boys“. Das Feindbild übernahmen die doofen Ostgoten und deren in roter Schriftfarbe sächselnder Führer und Genosse Hullberick. In “Siggi und die goldene Sichel” heißt es zur Einführung: “So um die Zeitenwende herum müssen sich die Germanen verzweifelt gegen ungebetene Gäste aus allen Himmelsrichtungen wehren. Bis auf die kleine Fliehburg Bonnhalla am rechten Ufer des Rheins ist ganz Germanien besetzt. Dort hat sich ein Häuflein aufrechter Krieger gegen die erdrückende Übermacht der Feinde eingeigelt…” Der Druide Miraculix hieß Konradin, in Anspielung an Adenauer. Troubadix nannten alle nur Parlamet (wie Parlament) und meinten, er solle besser die Klappe halten. Majestix wurde zu Hein Mark, den die Dörfler mal mit “Cedeuh”, mal mit “Heil Hein Mark” begrüßen. Obelix trug einen Schuldkomplex in Hinkelsteinform mit sich herum und fragte hoffnungsvoll: “Ist endlich wieder Krieg?” Nach knapp einem Jahr wurde 1966 Kaukas Lizenz auf René Goscinnys Veranlassung gekündigt.

Obélix am Rhein

Meter um Meter stapfe ich voran ins elsässische Kernland, das innert 150 Jahren fünfmal seine Staatszugehörigkeit wechselte. Kirchturmspitzen ragen aus den Feldern, über denen Greife rütteln, die etwas mickriger ausfallen als auf der badischen Rheinseite. Fußgänger scheinen nicht vorgesehen im Elsaß, hier heizt man entweder mit einem möglichst röhrenden Motor unterm Kühler bzw Arsch durch die Gegend oder fährt wenigstens irgendein auffälliges Zweirad. Ich suche also Schleichwege Richtung Neuf-Brisach entlang, aber weit genug abseits der tödlichen Nationalstraße, die mehrfach zu über- bzw unterqueren ansteht, gelange durch ausgelagerte Einkaufszonen, vorbei an den gewaltigen Rücken sonntagsstummer Hypermarchés, Rudeln kläffender Schäferhunde auf Wache hinter Lagerzäunen und neugierigen Geißböcken in den Vorgärten abgeranzter Nebenstraßen. Rue du Genie, Volgelsheim: hier hat sich bezeichnenderweise der Reifenhandel angesiedelt, verweist auf den universellen Dreh- und Auswechselbarkeitscharakter der Dinge, und damit auf ihren kommerziellen Aspekt. (Typisch französisch: das Geistige mit dem Praktischen zu kombinieren.) Bei Algolsheim grüßt ein knautschiger Stroh-Obélix aus den Halmen – im Dorf mit dem allgallischen Namen finden Uderzos und Goscinnys aremoricanische Widerstandsdörfler ihr elsässisches Sommerwochenendexil.