Baummusik

Die alljährliche Rheinbegehung mit Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère fand heuer erneut in Köln statt und führte durch die vom aktuellen Hochwasser etwas sumpfigen Wiesen des Niehler Ufers. Zwei Kanadagänse übten auf dem Rhein das Trompeten, als wir, bevor wir losmarschierten, als einzige Gäste des just öffnenden Schwimmbad-Biergartens den traditionellen Auftaktkaffee zu uns nahmen. Die Kölner schienen die Osterferien am Meer oder in den Bergen zu verbringen – außer vereinzelt anzutreffenden Anglern war der Uferstreifen entvölkert. Im Rücken des Cranachwäldchens gerieten wir unvermittelt in eine stattliche Schafherde, die sogleich in polyfones Geblöke ausbrach.

Es gelang uns, einige besonders mutige Tiere beim Trinken aus dem Rhein zu fotografieren, ein gefährliches Unterfangen (für die Tiere), denn Schafen wird nachgesagt, daß sie, sobald sich ihre Wolle beim Trinken in Flüssen mit Wasser vollsaugt, zu schwer für die Fortbewegung würden und untergingen. Ob auf dem Rheingrund Schaffriedhöfe liegen? Ein aufmerksamer Hütehund trieb das erkundungsfrohe Häuflein zur Herde zurück. Als der grau bedeckte Himmel aufbrach, hatten wir die Sandbuchten oberhalb des Hafengeländes erreicht. Inspiriert von der frischen Frühlingssonne, der französisch-deutschen Geschichte und Seruni Bodjawatis wayang-lastigen Kunstfilmen, unter interessierten Blicken erfolgloser Angler, improvisierten wir us d’r Lamäng ein Schattentheaterstück:

asterix vs siegfried_roland_2 Asterix vs Siegfried – Showdown am Rhein, mit Anklängen an Murnaus Nosferatu – Symfonie des Grauens.

Auf der Mauer der Niehler Hafeneinfahrt schließlich die verdiente Rast. Sie mit geschlossenen Augen zu begehen käme gewiß einer Passage durch den berühmten Tunnel zur Ewigkeit gleich. Die Sonne unterdessen lockte daheimgebliebene Kölner samt ihrer Hunde nun doch in Scharen ans Flußufer. Kataraktisch sprudelte der Rhein über die Gipfel der Kribbengebirge. Enten beim Paarungskampf. Linkisch einherhüpfende Wacholderdrosseln. Auf einem Sockel mitten im Strom spross ein karges Bäumchen denkmalgleich vor sich hin. In den Uferbäumen zerrissene Fahnen aus Abfallbeuteln. Das Geschwemmsel: Elektromüll, Löffel, Verpackungen. Dann der Fund des Tages: ein Baumstück in Form einer Musikwalze, deren Muster wiederum als Partitur angelegt schien. Der Dokumentation des Fundes folgte seine Bearbeitung: Monsieur Bergère legte, gewürzt mit einer Spur Willkür, die passenden Notenlinien über das Baumstück

baummusikund las die solcherart entstandene Komposition in seinen Rechner ein, welcher seine ihm eigenen Algorhythmen beisteuerte. Et voilà: ein zweiminütiges Stück rheinischer Baummusik!

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Peter Schlemihls Schatten auf dem Weg zum Rheinfall

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Emil Laub aus Altbach in Baden-Württemberg beschäftigt sich als Fotograf vornehmlich mit dem Fänomen des Schattens und, beeinflußt von einer Sichtung Ahasvers, des “Ewigen Juden”, in seiner Heimat im Jahr 1766 mit dem Thema Migration, dabei insbesondere mit dem Zweig der Zwangswanderung. Beide Hauptfelder seiner Arbeit überschneiden sich geradezu exemplarisch in obigem Bild, das Emil Laub bereits im Sommer einsandte, das wir aber erst jetzt, nach einigen Nachfragen und Verifizierungen, publizieren möchten.

Nicht direkt vor dem herrlichen Naturschauspiel der Wasserstürze des Rheinfalls, aber eindeutig auf dem Weg dorthin, wie aus dem Bild selbst hervorgeht, gelang es Emil Laub oben zu sehenden Schatten einzufangen, nachdem er sich, wie er von selbst mitteilte, mit “einer gewissen Besessenheit” über Jahre hinweg mit “detektivischem Eifer” daran gemacht hatte, Peter Schlemihls Schatten ausfindig zu machen, zu stellen, und mithilfe seiner Kameras zu bannen. Weil das ein wenig ungewöhnlich klingt, haben wir mehrfach bei Herrn Laub nachgehakt und dabei folgende Geschichte erfahren:

Seine Suche habe anfangs der nach einer Nadel im Heuhaufen geglichen. An vielen Orten der Welt habe er zunächst “ohne Sinn und Verstand” dem berühmten Schatten aufgelauert. Ein Erfolg habe eigentlich nie wirklich in Aussicht gestanden, denn zu dürftig seien die Hinweise auf den Aufenthalt des Schattens in der Literatur gewesen. Während die Fluchtroute Peter Schlemihls, nachdem er seinen Schatten verkauft hatte, aus Chamisso und nachfolgenden Autoren, welche Schlemihls wundersame  Geschichte aufgenommen und bearbeitet hätten, einigermaßen bekannt sei, wüßten wir über den Verbleib des Käufers und eben des verkauften Schattens im Grunde nichts. Er, Laub, habe sich nach einigen Hals-über-Kopf-Expeditionen schließlich überlegt, daß a) die zwanghafte Wanderung Schlemihls in mit wissenschaftlichen Methoden allerdings kaum feststellbarer Weise auch seinen abhandenen Schatten beeinflußt haben könnte, in etwa in der Art wie man sich telepathische Kommunikation vorzustellen habe, daß also der Wandertrieb Peter Schlemihls seinem Schatten zumindest “irgendwie bekannt” hätte sein müssen, wenn er nicht gar b) automatisch, aufgrund all seiner klassischen Eigenschaften als Schatten, den Impuls seines Herrn verspüren würde, denn Schattenhandel sei an und für sich moralisch nicht zu legitimieren und daher bei gesetzlicher Prüfung ein Verkauf (“zumal für ein “nie versiegendes Säckel Gold”) wohl als ungültig, weil sittenwidrig anzusehen, weshalb der Schatten mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin de iure und auch dem eigenen Empfinden nach der Schatten Peter Schlehmils geblieben sein dürfte und sich nicht etwa dem fragwürdigen Käufer angeheftet habe, der ohnehin bereits einen eigenen Schatten besaß. Falls mindestens einer dieser beiden Punkte zuträfe, so Laub, sei anzunehmen, zumindest nicht auszuschließen, daß der Schatten ebenfalls einen Wandertrieb entwickle, sei es um die Bewegungen seines Herrn aus der Ferne zu imitieren, sei es, um zu ihm zurückzukehren. Natürlich, diese Annahmen seien dürftige Grundlagen, aber wer Erfolg habe wolle, dürfe sich durch nichts entmutigen lassen, so Laub, und daher habe er mit Dartwürfen auf eine selbstgefertigte Karte, die das Gebiet von Peter Schlemihls literarisch bekannter Wandertätigkeit begrenzte, mit der aleatorischen Suche nach dem Schatten begonnen und bei seinen nicht mehr ganz so kopflosen Nachforschungen nun tatsächlich die ein oder andere Information erhalten, denn es seien weit mehr Menschen an diesem Schatten interessiert als er es sich zuvor habe vorstellen können. In Gesprächen mit Leuten, die teilweise jahrzehntelang sich mit der Geschichte beschäftigten, darunter Akademiker, Dachdecker, Steinheilerinnen, habe er in Erfahrung bringen können, daß der Schatten mehrfach gesichtet worden sei, zuletzt allerdings vor mehr als 20 Jahren, und daß er normalerweise, aus Gründen der Tarnung, ausschließlich nachts sich bewege. Er sei, so Laub, sogar mit Schattenfallenstellern umhergezogen, deren Methoden ihm letztlich zu brutal erschienen seien. Auffällig sei gewesen, daß die Schattenjäger wie auf stillschweigende Vereinbarung ihre Reviere eingrenzten. Derartige Insider-Nachrichten hätten ihn bereits in den Harz, an die Opalküste und zuletzt in die Gegend des Rheinfalls gebracht, wo er seine eigene, sanfte Fallenstellermethode angewendet habe, indem er sich als auf Parkbänken schlafender Wandersmann tarnte, dieweil im Gebüsch seine Kamera mit einem Hell-Dunkel-Bewegungssensor auf vorüberziehende Schatten, die natürlich in den meisten Fällen an Menschen, Tieren, Fahr- oder Flugzeugen hafteten, reagierte.  Als er nach einem solchen Nickerchen nahe der oben abgelichteten Unterführung erwacht sei, habe er bei Durchsicht der Kamerafalle kaum seinen Augen trauen mögen: einen menschlichen Schatten ohne den dazugehörenden Menschen habe er zuvor nie, schon gar nicht in solcher Klarheit eingefangen. Natürlich könne niemand garantieren, daß der zu sehende Schatten derjenige Peter Schlemihls sei, auch habe der Schatten, das sage er, Laub, allerdings nicht in vollem Ernst, eine gewisse Ähnlichkeit mit Nosferatu, doch wessen Schatten, wenn nicht Peter Schlemihls, sollte es sonst sein, frage er sich und jeden, den es interessiere, denn es seien außer diesem ja keinerlei weitere alleinstehende, womöglich freilaufende Schatten verbürgt. Sicher, das Bild widerspreche der These von der ausschließlichen Nachtwanderung, andererseits kenne er, Laub persönlich, keine Regel ohne Ausnahme. Und auch falls dies letztlich nicht Peter Schlemihls Schatten sei, so stehe es ihm, als Entdecker eines herren- und namenlosen Schattens, zweifelsfrei zu, diesen zu benennen und so habe er sich entschlossen, diesen Schatten den Schatten Peter Schlemihls zu nennen, der er mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit schlußendlich auch sei.