Die Sage von der Lurley

Hoch ob des Lurleys steilen Höhen
Jagt Pfalzgraf Albrechts kühner Sohn;
Der schönste Hirsch, den er gesehen,
Ist, nah schon seinem Speer, entfloh’n.

Er folgt ihm weiter, immer weiter
Bis an des Abgrunds starren Rand,
Und endlich wirft der wilde Reiter
Das Eisen glücklich und gewandt.

Getroffen sinkt von seinen Händen
Zur Erde hin das edle Wild.
Sieh – da entsteigt den Felsenwänden
Ein schilfbekränztes Frauenbild.

Hat er im Traume denn gesehen
Dies Antlitz, dieser Augen Blau?
Nein, ihre Locken sah er wehen
Vom Lurley oft durch’s Nebelgrau.

Oft hört er auch ein Lied erklingen,
Das süß um Lieb’ ihn angefleht,
Bald schien es aus der Fluth zu dringen,
Ward bald vom Fels ihm zugeweht.

Und oftmals dann im Mondenscheine,
Wenn leise der Gesang verhallt,
Taucht aus dem mild beglänzten Rheine
Empor die winkende Gestalt.

Wer wollt auf Männerschwur nicht bauen?
Stets flieht er treu zu seiner Braut,
Weil ihm vor Fee’n und Nebelfrauen
Und bleichen Wassernixen graut.

Doch endlich ist es ihr gelungen,
Er ward verlockt in ihren Bann,
Wo nun, vom Zauber rasch umschlungen,
Er nimmermehr entfliehen kann.

“Halt!” ruft sie jetzt mit sanftem Beben,
“Du jagtest auf verpöntem Land,
Und mir verfallen ist dein Leben,
Giebst du mir nicht ein hohes Pfand,

Tief unten in kristallner Helle
Steht mein uraltes Felsenhaus,
Leis’ rauscht darüber hin die Welle,
Und Fischlein ziehen ein und aus.

Viel schöne Frau’n und Recken wohnen
Bei mir in Frieden, still und gut,
Sie tragen schilfgeflochtne Kronen,
Und suchten Ruh’ einst in der Fluth.

Sie singen wunderbare Lieder
Und Sagen aus vergangner Zeit,
Die rauschen auf und rauschen nieder,
Mit Well’ und Wind in Ewigkeit.

Und willst du mein Gemahl nicht werden,
Und willst du nicht ihr König seyn?
Wir steigen fröhlich auf zur Erden,
Wir sinken seelig in den Rhein.

So gieb mir denn dein Herz zum Pfande,
Verfallen ist mir schon dein Leib,
Und nieder führ’ ich dich zum Strande
Als dein beglücktes, treues Weib.”

“Entfleuch du bleiches Bild von hinnen!”
Ruft Hugo jetzt voll Grau’n und Schmerz.
“Ich will kein Zauberweib gewinnen,
Und and’rer Liebe schlägt mein Herz.

Doch ob verfallen ist mein Leben,
Weil ich gejagt in deinem Bann,
D’rauf soll mein Schwert dir Antwort geben,
Wenn sie dein Kämpfer fordern kann.”

So spricht der Held mit strenger Stimme.
Doch weh’ ihm, dass er sie verschmäht,
Rasch fährt empor im wilden Grimme,
Die noch vor kurzem sanft gefleht.

Aus ihren Augen sprühet Feuer,
Aus ihren Locken brauset Sturm,
Zur Wetterwolke wird ihr Schleier
Und riesig wächst er wie ein Thurm.

“Schick Vater mir die weissen Rosse,”
So ruft sie laut hinab zum Strand,
Da brausen auf aus ihrem Schlosse
Zwei Wellen bis zum Felsenrand.

Sie schwingt ihn auf, sie fährt hernieder,
Vom hohen Lurley in die Fluth. -
Doch bald entsteigen sanfte Lieder
Der Tiefe, wo der Ritter ruht:

Er schläft auf weichem Lager,
Der kühne Heldensohn.
Ich hab ihn sanft gebettet,
Weh mir – er liebt ja schon.

Gern setzt ich eine Krone
Ihm auf das Lockenhaar,
Von tausend Diamanten,
Schön, wie noch keine war.

Gern gäb’ ich einen Scepter
Ihm in die starke Hand,
Vom Meere sollt’ er herrschen
Bis hoch in’s Schweizerland.

Wir lebten still in Frieden,
So lang der Rhein noch fliesst,
So lang den Lurleyfelsen,
Noch Mondenschein begrüsst.

Singt, Nixen, singt ihm leise
In’s Ohr mit Schmeichellaut.
Doch ach! er träumt vom Vater,
Er träumt von seiner Braut.

Am Ufer steht sie traurig
Und weint hinab zur Fluth,
Und auch sein greiser Vater
Klagt mit gebrochnem Muth.

Er zuckt im Schlaf zusammen,
Er fährt empor im Schmerz. – -
Schwer sind die Thränenperlen
Gefallen auf sein Herz.

Und tiefer, immer tiefer,
Neigt sich herab die Maid.
Weh mir! sie will ihm folgen,
In ihrem tiefen Leid.

Dann müsst ich ewig sehen,
Wie sie so glücklich sind.
Steigt auf, ihr weissen Rosse,
Tragt ihn an’s Land geschwind.

O Lurley, arme Lurley!
Dein Vater ist der Rhein,
Du fliehst mit deiner Liebe,
Mit deinem Schmerz allein.

Mancherlei Mähren und Sagen erzählt sich das phantasiereiche rheinische Volk aus der schauerlich erhabenen Bergschlucht, deren Hintergrund der Lurley bildet. Heilige, Gespenster und selbst der Teufel treten darin auf. Am lieblichsten aber ist die Sage von der Lurley, einer Undine, die hier in den Tiefen des Rheines wohnen soll. Der Felsenkoloß, welcher denselben Namen trägt, thürmt sich in seltsamen Formen und Zerklüftungen himmelan, und der Schall von Schüssen oder Waldhornklängen, in der Mitte des Rheines, oder gegenüber am rechten Ufer gegeben, tönt in vielfachem Echo zurück. Der Rhein, in ein enges Bett gedrängt, scheint sich mühsam einen Ausweg in freundlichere Gegenden zu suchen. – Rechts und links sind Salmenfänge, die vortreffliche Ausbeute liefern.
Schon im 13. Jahrhundert war der Lurleyberg von dem deutschen Minnesänger Murner, einem Zeitgenossen Frauenlobs, genannt.

(aus: Adelheid von Stolterfoth – Rheinischer Sagenkreis)

Rhein-Main-Donau-Kanal

Gestern kam es in der hiesigen Schreckenskammer zum Kölner Spitzentreffen donauischer und rheinischer Kräfte des litblogs.net-Verbundes. Natürlich wurden umgehend diverse rheinische und donauische Kultureigenheiten untersucht und verglichen, am Ende stellte sich gar die Existenzfrage. Ob nämlich der Rhein-Main-Donau-Kanal tatsächlich existiere? Natürlich gebe es den, behaupteten wir forsch. Ja, aber wo der Kanal denn dann in die Donau münde? Na, irgendwo in Bayern, lautete unsere ad hoc-Expertise. Und schon beschlichen uns Zweifel. Hatten wir diesen Kanal jemals zu Gesicht bekommen? (Eher nicht.) War er am Ende doch nur Legende? Es soll ja bei weitem nicht alles ernst zu nehmen sein, was auf Google Maps zu erblicken ist, aber dieses Beweisbild

maindonaukanal

sollte unser steiles Vorpreschen einigermaßen zementieren: es zeigt den Rhein-Main-Donau-Kanal, der korrekt verschlankt nur Main-Donau-Kanal heißt (oben im Bild) bei Kelheim, einem niederbayerischen Städtchen, und unten die Donau, wenige Dezimeter südöstlich des Bildausschnitts treffen beide zusammen. Wieviele Schiffe tatsächlich den kompletten Wasserweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer (oder umgekehrt) durchlaufen, bleibt jedoch fürs erste ungeklärt.

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Über den zugefrorenen Rhein

Die Winter müssen in früheren Jahren, wenn auch nicht schneereich, so doch viel kälter gewesen sein als jetzt. Wie hätten wir sonst Schlittschuhlaufen können? Mit dem Spiegel des Rheins pflegte das Grundwasser zu steigen und an den tiefergelegenen Stellen hervorzutreten. Der Kittelbach, der seinen Lauf unter der Clemensbrücke um die Nordbastei der alten Festung zum Rhein hin nahm, trat über die Ufer. Wenn der Frost einsetzte, ergaben sich erwünschte und ungefährliche Eisflächen unter dem Gutshof, dem Barbarossawall oder in „Abels Kull“.
In den Weihnachtsferien spürten unsere Brüder die günstige Gelegenheit aus. Bei scharfem Frost bildete sich die spiegelglatte Eisbahn zwischen den „Kribben“. Der Rhein strömte dicht vorbei, Eisschollen tragend, die leise knisternd, aneinander stoßend, vorüberzogen. Den Eisgang gab es in manchen Jahren auch ohne Gelegenheit zum Schlittschuhlauf. Anfang der neunziger Jahre erlebten wir es, daß der Rhein „stand“. Die Eisschollen hatten sich gestaut, ineinander geschoben und hatten nach Holland hin keinen Abzug. Da konnten wir auf einem bezeichneten Pfad zu Fuß das andere Ufer erreichen. In dem sehr kalten Winter 1928-29 hatten sich Schollen bei Wesel gestaut. Für den fälligen Wandertag des Oberlyzeums wurde dieses Ziel gewählt, um die Schülerinnen die seltene Fußwanderung über den Rhein erleben zu lassen.
Bei Eisgang war immer die bange Frage: Wo wird das Tauwetter zuerst einsetzen? Wenn es den Ober- und Mittelrhein traf, war zu befürchten, dass die strömenden Fluten die Ufer am Niederrhein überschwemmten. In dem ungewöhnlich kalten Winter 1929, als ich unter der Loreley die Autos über die Eisfläche des Rheins fahren sah, lösten sich die Eismassen zuerst in Holland, die Schollen schoben sich allmählich auseinander und glitten in ruhiger Folge der Nordsee zu. Die Gefahr war gebannt.

(aus: Luise Fliedner – Kaiserswerther Erinnerungen)

De Rynstroom (3)

Ghy schijnt een aerdsche regenboogh
Gekleed met levendige kleuren,
En tart den hemelschen om hoogh,
Die hierom nydigh schijnt te treuren.
De blaeuwe en purpre en witte druif
Verciert uw stedekroon en locken,
En muscadelle wijngerdkuif,
De vlieten staen met wijngerdstocken
Rondom u, druipende van `t nat,
En offren elk hun watervat.

Daer is de Main, een pijnberghs soon,
De Moesel met haer appelvlechten,
De Maes, die met een myterkroon
Om d`eer met onsen Rijn wil vechten,
De Roer, die `t hair met riet vertuit,
De Necker, met een` riem van trossen,
De Lip, gedost met mosch en kruid
Van overhangende eicke bosschen,
En duisend andren, min van roem,
Bekranst met loof en korenbloem.

Ghy streckt de voeten aen `t geberght,
Daer sich de Zwitsers in bescharmen,
Wanneermen hen om oorloogh verght:
Ghy grijpt de Noordzee met uw armen,
Waerin het heldeneiland leit,
Daer Bato sich ter nedersette,
En dat soo schuw van dienstbaerheid
D` uitheemsche beckeneelen plette,
En deê gevoelen, dat de Rijn
Geschapen was om vry te zijn.

Rheintiere

Heute im Kölner Zoo die Schautafeln gesehen, auf denen Elefanten auf den Trampelpfaden am Niehler Ufer und Kamele über die Zoobrücke flanieren: fotoshopgenerierte, recht lebensecht wirkende Vermengungen urbanen und selvatischen Lebens, eine hübsche Idee, zumal die Tiere im Zoo, darunter nun auch ein Tapir (ein veritabler Salatfreund) die Rheinluft zu schnuppern ja reichlich gewohnt sind (der Fluß fließt praktisch nebenan), daß es gradezu Wunder nimmt, daß nicht ständig tierische Ausbruchsversuche geschehen. (Immerhin: den himalayischen Halsband- und Alexandersittichen, die mittlerweile einige Städte der Rheinschiene und sogar noch ganz andere freifliegend bevölkern, wird nachgesagt, sie hätten ihren anhaltenden deutschen Eroberungsfeldzug vom Kölner Zoo aus begonnen.) Im angeschlossenen Aquarium findet sich die gesamte Rheinstrecke raumgrafisch stilisiert, darunter abgetrennte Becken mit jeweils der alpinen, bodenseeischen, ober-, mittel-, niederrheinischen Fischfauna, im Mündungsbereich des Rotterdamer Hafenbeckens zieht der aquaristische, ansonsten selten gesehene Sterlet seine ruhigen Runden und direkt gegenüber der amazonische Arapaima (ein menschenähnlich-mystisches Schwimmwesen, in dessen Visage Jahrtausende abzulesen sind), in einem Zwischenbereich der Piranha, der ja in einigen industrienahen Rheinzonen im warmen Abwasser leben, gar überwintern soll. Ich stelle mir einen Rheintsunami vor, eine Riesenwelle, die die Tiere anland, ins weitgehend unvergitterte Rheinland schwemmt. Clown- und Nasenfische ziehen an meinem Fenster zum Hinterhof vorbei. Überhaupt werde ich dort, in dieser Hinterhofmulde, eines Tages, wenn der Nordseespiegel steigt, meine Gondolieren festmachen, um Touristen auf den neuen Wasserwegen durch die Stadt zu schaukeln, lang kanns nicht mehr dauern und es wird mindestens ebenso romantisch werden und monetär sicher einträglicher als mein bisheriges Dichterleben.

Sieben mal

Ich gehe am Rhein spazieren
An einem warmen Tag in einem langen Sommer
Ich bin müde von der Arbeit und habe schwere Beine
Es ist später Nachmittag und die Sonne, schon leicht geneigt
Scheint mit unverminderter Kraft, blendet leise andauernd
Und beschwerend meine müden Lider
Die ich immer wieder aufreiße um mich am
Erfrischenden Blau im Abglanz des Himmels
Über dem undurchdringlichen Grün des Stroms satt zu sehen
Ich lenke meine Schritte über Sand und Kies
Knirschend mahlen sie als ginge ich in einem Meer aus Glas
Ein Meer aus Sand und Quarz, möchte hineingesunken sein
Die Kraft der Sonne speichern
Aufgeklappte Muscheln liegen zwischen Treibholzsplittern
Und präsentieren ihre leeren kalkigen Bäuche
Es riecht nach Fisch, nach faulenden Algen und Diesel
Drüben schlägt eine Glocke im Kirchturm
Dumpf schallt es herüber
Mein Blut pulst im Innenohr
Sanft fächelt eine Brise Kühlung über mein Gesicht
Wellen schlagen in einem ruhigen Gleichklang ans Ufer
Strudel glucksen, Wirbel ziehen ihre Bahnen
Möwen kreischen, halten Ausschau nach Essensresten
Von tuckernden Kähnen über Bord geworfen
Die flott vorüberziehen, eine mächtige Bugwelle vor sich hertreibend
Ich ziehe meine Sandalen aus und bade meine Füße im Rhein
Meine Füße sind blass, die Venen stehen dick und blau hervor
Von kühlem Rheinwasser benetzt
Ach könnt´ ich jetzt abtauchen
In die Mitte des Stroms und mich treiben lassen
Zum Meer, zur Nordsee und dann weiter in Ozeane
Wo seltsames Getier die See bevölkert
Zur Sargasso-See und den Glasaalen
Oder auf dem Grund des Flusses heraufwandern
Mit magischer Schwerelosigkeit ausgestattet
Der lastenden Strömung entgegen
Bis hinauf in die Schweiz, die Berge herannahen sehen
Die neue Brücke, ihre schöne, schlanke Silhouette
Knapp zwei Kilometer von hier kann ich mühelos erkennen
Sie überspannt den Rhein lässig und elegant
An dessen Grund der große Fisch, Grauer genannt
Allwissend in Massen schwarzen Schlammes gründelt
Seit alter Zeit und nichts verrät, weil er nur schweigen kann
Ich derweil bücke mich nach einem flachen, schwarzen Kiesel
Hole aus, ihn über die Wellen springen zu lassen
Lasse mitten im Schwung los und zähle die Sprünge:
Sieben mal.

(Ein Gastbeitrag von Rainer Vogel. Rheinsein dankt!)

Iso Camartin

Bin ich Europäer? fragt sich der als Rätoromane zumindest sprachlich, aber auch (ab)flußtechnisch mit den besten Voraussetzungen fürs Europäat aufgewachsene Iso Camartin in seinem gleichnamigen Essay-Band, untertitelt: eine Tauglichkeitsprüfung, und wählt, „natürlich“ bin ich geneigt zu unterstellen, den Rhein zum Motiv, von dessen Klängen er beginnt, genauer von den Zuflüssen, den reins, des Vorderrheins, die in seiner Erinnerung je ihren eigenen Klang besessen hätten (was ich ihm stante pede abnehme) und fügt eine sprechende Anekdote an: „An der Rheinquelle im Tomasee traf man ab und zu Holländer, die nahe an einer der Rheinmündungen in die Nordsee wohnten. Ich erinnere mich, daß ein Holländer einen Freudentanz über dem kleinen Rinnsal vollführte, das den Tomasee verläßt. Er konnte nicht aufhören, von einem Bein aufs andere hüpfend, fassungslos auszurufen: „Das ist der Rhein! Das ist der Rhein!“ Als er sich wieder beruhigt hatte, hörte ich zum ersten Mal das weiche Gleitgeräusch, mit dem das Wasser sich vorsichtig auf die Wanderschaft macht (…). Es ist zunächst ein wunderbar leises Fließen, das nur durch kleine Unebenheiten im schmalen Bett etwas lauter wird. Bis das Gelände steiler abzufallen beginnt und die Stimme des Baches laut wird.“ Der Tavetscherrhein birgt, kurz vor seinem Zusammenfluß mit dem Medelserrhein, einer Stelle, die bereits von Römern, Karolingern, Staufern, Sarazenen etc passiert wurde, Geisterstimmen und Geschichten aus den menschlichen Zeiten der alten Welt. Als dritten Ort nennt Camartin den Zusammenfluß bei Reichenau: „Es ist eine stille Vereinigung, die da vor sich geht (…). Nur entdeckt man jetzt, daß etwas Mächtiges entsteht. Das Wasser hat durch diese Verbindung geheimnisvoll an Tiefe gewonnen. Nixen und Wasserfrauen kann man sich oberhalb von Reichenau im Rhein eigentlich nicht vorstellen. Das Wasser ist zu transparent dafür, das Flußbett zuwenig tief für Geheimnisse. Hier aber beginnt sie: die ganz neue Dimension eines Stromes, mit den rätselhaft lockenden Wesen, die ihn bewohnen. (…) Die Loreley läßt grüßen.“ Hier bin ich geneigt zu widersprechen: zwar fließen beide Rheine tatsächlich mit beinahe beängstigender Ruhe, gleichsam als Symbol für Einigkeit und Friede, für beider Machbarkeit, ineinander, doch die Geräuschkulisse wird deutlich beherrscht vom Straßen- und Schienenverkehr, intervallartig gar so sehr, daß mitten aus dem Zusammenfluß beizeiten virtuelle Schrottskulpturen wild eintauchender Autos und Eisenbahnwaggons aufragen, um wieder in Licht und unterschwellige Stille zu verfallen. Und schwer erklärbare Wasserwesen habe ich in den Rheinen oberhalb Reichenau mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Händen berührt.

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.