Zwischenbilanz (5)

Das erste Halbjahr 2012 verbrachten wir weitgehend als literarischer Gastarbeiter am Bosporus. Diese höchst relative Rheinferne (denn unsere unmittelbaren Nachbarn im Künstlerghetto von Kuledibi waren stets Rheinländer) trug zu einer Dämpfung der Artikelfrequenz bei, wie sie auch für die erste Jahreshälfte 2013 zu erwarten steht, in der wir uns vornehmlich mit subterranen Themen beschäftigen werden, welche die Rheinregionen allenfalls gelegentlich streifen dürften. Längere vorübergehende Stillegungen rheinseins im kommenden Halbjahr sind derzeit nicht angedacht, könnten aber notwendig werden. (Bitte nicht wundern, falls mal 14 Tage lang kein neuer Eintrag auftauchen sollte.)

Wichtigstes Jahresereignis hinsichtlich unserer Feldforschungen war sicherlich die Expedition zur Rheinquelle. Vergangenen Sommer gelang uns der langersehnte Aufstieg zum Tomasee, der meist als Hauptquelle des Rheins angesehen wird.

Für die zweite Jahreshälfte 2012 notieren wir die höchsten Zugriffszahlen seit Bestehen und zunehmend externe Kooperationsangebote.

2013 wollen wir uns vermehrt auch Fragestellungen und Analysen zum Thema “Schreiben/Publizieren zwischen Analog und Digital” (Digiloges/anatales Werken) widmen. Dh, dem formalen status quo, seinen Entwicklungsmöglichkeiten, auch den Produktionsbedingungen rheinseins soll mehr Gewicht (evtl in Gramm Papier meßbar) verliehen werden, wobei die üblichen, fahrig-flirrenden Schnellartikelchen hier sicher erstmal nicht aussterben werden.

Zu Weihnachten gab es eine Sonderedition von Das Lachen der Hühner zu verzeichnen, eine streng limitierte, überarbeitete, numerierte und signierte Auflage unseres Erfolgsgedichtbands über Liechtenstein.

Abschließend möchten wir erneut auf einen jungen Ismus hinweisen, der sich noch tüchtig auswachsen soll, nämlich den

Terrilismus
Die literarische Methode des Sammelns, Sortierens, Häufens und Schichtens, eine multiple Technik, deren sich rheinsein zum Wachstum bedient und aus der es sich gleichzeitig speist, hat im November 2012 in Loos-en-Gohelle in Nord-Pas-de-Calais eine Entsprechung im sogenannten Terrilismus gefunden, den wir gemeinsam mit dem französischen Kollegen Dominique Sampiero und dem polnischen Fotografen Arek Gola entwickelten, wobei sich Terrilismus auf das französische Wort terril, zu deutsch Abraumhalde, bezieht. Neben dem Potjevleeschismus bildet der Terrilismus eine der beiden Hauptsäulen des Topowskismus, den zu erläutern an dieser Stelle zu weit führte.
Abraumhalden bestehen aus mehreren (Abfall-)Produkten des Bergbaus, darunter Kohle, Schiefer und andere Gesteine, die weiter verwertet werden können, z.B. im Straßenbau oder als künstliche Berge (Wander-, Ski- und Gleitschirmsport). Nicht selten entzünden solche Halden sich selbst und beginnen von innen zu glimmen und schwelen (wobei neue Minerale entstehen), auch vermögen sie Rauch auszuatmen und seltene Vegetationen und Tiere anzuziehen. Es ist diese terrilistische Technik des Sammelns, Häufens und Schichtens, des Fusionierens und Recycelns u.a. Merkmal/Ausdruck moderner/neuartiger literarischer Arbeitsweisen, wie sie in der (ausnahmebestätigten) Regel, wenn wir uns dafür interessieren/daran werkeln, mit fünf bis zehn Jahren Verzögerung einen Medienhype erfahren. (Vor 2014 ist also eher nicht mit einem solchen Hype zu rechnen.)

Unseren LeserInnen wünschen wir einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches 2013!

Zechenstillegung am Niederrhein

Am Freitag wurde das letzte Steinkohlebergwerk am Niederrhein stillgelegt: die Verbundzeche West mit Standorten in der Umgebung von Kamp-Lintfort. Damit ist das viertletzte Steinkohlebergwerk Nordrhein-Westfalens dicht – und das letzte am Rhein. Der Abbau ist bereits gestoppt, in den kommenden Wochen wird noch das Gerät über Tage verfrachtet, um voraussichtlich ins Ausland weiterverkauft zu werden. Das entnehmen wir der Website von Kamp-Lintfort, später fanden wir u.a. noch einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger.

Bevor wir auf diese Nachricht stießen, wußten wir nicht, daß am Rhein überhaupt noch Kohle abgebaut wurde. Um die Steinkohle ist es sehr still geworden, die Subventionszahlungen an den deutschen Bergbau, der wegen der hierzulande in 1000 Metern und tiefer unter der Erde gelegenen Kohleschichten, dem hohen technischen Standard unter Tage und den daraus resultierenden Kosten international nicht konkurrenzfähig sei, sollen nach und nach eingespart, das Energiemodell Kohle soll weiterhin abgelöst werden. Bis 2018, heißt es nun, werden auch die letzten Bergwerke (Bottrop, Marl, Ibbenbüren) schließen.

Daß uns diese Nachricht berührte und irritierte, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, daß wir gerade, parallel zu unseren rheinischen Aktivitäten, über die Folgen der Zechenschließungen in Nord-Pas-de-Calais arbeiten und heute ein Zeitungsartikel aus der Bergbauregion Oberschlesien in der rheinsein-Zentrale eintraf, der in kohleverbundartigem internationalen Schulterschluß über diese Arbeit berichtet. Während wir also gerade über eine Region schreiben, in der die letzte Zeche vor 20 Jahren stillgelegt wurde, passiert diegleiche Geschichte heute (immer noch) am Rhein, und zwar ohne großes Aufsehen. Die Ministerpräsidentin hält eine Rede, die Bergleute werden je nach Alter in den Ruhestand geschickt oder auf die verbleibenden Zechen verschoben. Eine halbwegs elegante Lösung.

Was bleibt, sind gigantische Tunnelsysteme, die nach und nach einstürzen und manchmal auch Trichter zur Erdoberfläche aufwerfen. Es bleiben die Abraumhalden, von denen einige innerlich glimmen, und die zu neuartigen literarischen Techniken inspirieren. Was bleibt, sind auch die teilweise unglaublichen Geschichten der Bergleute, die wir jedoch vornehmlich an anderer Stelle zu plazieren gedenken.

Raum – Zeit – Rhein (3)

(XIII)
Wie die Wahrnehmung des Ineinandergreifens technologisch beschleunigter Lebenskomponenten sich mit der Beschleunigung ändern wird, so wird auch der Charakter eines Werks, das aus dieser Wahrnehmung entsteht, sich im Vergleich zu Werken vorheriger Epochen ändern. Anbetrachts des rasanten Bedeutungsanstiegs etwa der Freiheits-, Überholtheits- und Massenaufkommensfaktoren (die jeweils einzeln näher zu betrachten wären) moderner Werke: wäre es nicht geradezu pervers, noch “abgeschlossene” Arbeiten zu präsentieren? Fragment (besser: Ausschnitt!), Patchwork (besser: Kaleidoskop!), Cut-up (besser: Synthese!), Recycling (besser: Fusion!) analoger und digitaler Ströme wären werkimmanente Symptome einer sich auftürmenden, von Beginn an ultratransparenten Zeitwelle, deren Transparenz sie so über-übersichtlich fragil gestaltet, daß ihr steter Zusammenbruch einerseits vor lauter Transparenz garnicht wahrgenommen werden kann, andererseits wieder stabilisierend wirkt (was ohne Unterlaß bricht, ist noch nicht kaputt). Bei aller Schärfenverschiebung und High Definition: zugrunde liegt die weiterhin gegebene, von diversen Denkströmungen teilüberbügelte Archaik im Angesicht des schlicht-dialektischen Systems der Klarwerte Null und Eins und der mit ihnen möglichen Progressionen.

(XIV)
Die literarischen Methoden des Sammelns, Sortierens, Anhäufens und Schichtens, eine Technik, deren sich rheinsein zum Wachstum bedient und aus der es sich gleichzeitig speist, hat im November 2012 in Loos-en-Gohelle in Nord-Pas-de-Calais eine Entsprechung im sogenannten Terrilismus gefunden, den wir gemeinsam mit dem französischen Kollegen Dominique Sampiero und dem polnischen Fotografen Arek Gola entwickelten, wobei sich Terrilismus auf das französische Wort terril, zu deutsch Abraumhalde, bezieht. Abraumhalden bestehen aus mehreren (Abfall-)Produkten des Bergbaus, darunter Kohle, Schiefer und andere Gesteine, die weiter verwertet werden können, z.B. im Straßenbau oder als künstliche Berge (Wander-, Ski- und Gleitschirmsport). Nicht selten entzünden die Halden sich selbst und beginnen innerlich zu glimmen und schwelen (wobei neuartige Minerale entstehen); sie vermögen Rauch auszuatmen und seltene Vegetationen und Tiere anzuziehen.