Friederike Brun besucht die Via Mala

Vor uns steigen romantische Felsgestalten auf, und spalten bald in finstere Klüfte zerrissen, deren eine man mir als unsern Weg nach Via-mala bezeichnet. Warme Purpurtinten schiessen an die kalten Felszinken, Gold schwebt hoch in den Buschkränzen, — wir biegen um eine Bergecke, und das alte Thusis erscheint tief im Felskessel versenkt.
Den 10. Ich war lange vor der Sonne auf, die Nähe der Via-mala hatte mich nicht ruhen lassen. Schon der Name hat für ein Wesen meiner Art etwas einladendes; nur hörte ich beinahe mit Bedauern, dass sie bei weitem nicht so sehr via mala sey, wie ehedem; allein doch nur zu Pferde zu passiren. Noch standen die drei nackten Titanenhäupter der Felsen dunkelgrau mit mürrischem Ernst, und kleine Schneebärte hingen an ihnen herab; bald spielte ein lieblicher Sonnenstrahl quer durch eine Bergkluft noch unter ihnen an vergoldeten Waldbergspitzen: — die Murrköpfe achteten es lange nicht, bis das schmeichelnde Licht leise und freundlich (wie mit warmer Hand ein rosiges Mädchen die Stirn des grauen Grossvaters entrunzelt) bis an die nackten Scheitel stieg, die dann plötzlich vor der süssen Gewalt errötheten, und friedlich erhellt, gleichsam freundliche Blicke ins noch dämmernde tiefe Thal warfen, — durch welches wir über einen finstern Giessbach hinreiten, und bald an dem noch gegenüberstehenden Felsberge auf steilen Wegen uns erheben. Die begleitenden Tannen sinken neben uns; links kocht hart am Felssaum die schwarze Nola herunter; rechts steigen von Augenblick zu Augenblick höher die rund aus – und eingewölbten Felsenmauern; der Abhang links sinkt immer tiefer zum Abgrund; der Rhein entschwand uns schon gestern beim Anblick von Thusis; wir können ihm nicht ganz in seiner eignen Via-mala folgen, so ungern wir den lieben Freund auch verlassen haben.
Und nun ist eine einsame hohe Alpenwiese erreicht. Wir sehen die Sonne auf thauigem Grün funkeln; die schwarzen Köhler irren auf schwarzen Pfaden im hellen Grün, und sehen so unfreundlich aus, die Armen! als sey ihr ganzes Leben eine via-mala. Von hier beginnen die echten Alpensteige, von allen Schauern der Einsamkeit und Frühe durchwallt. Tief bergab versinkt Weg und Aug und Herz in die ewige Tannennacht! Uralte moosbehangene ungeheure Tannensäulen streben aus der Tiefe zu uns empor, hängen von grausenden Höhen auf uns herab, liegen um uns hergestürzt; fern, und dann immer näher kömmt uns das Aechzen des gefangenen Rheins entgegen; — wir sind an der ersten Brücke, sie ist kühn über dem Höllenschlund von einem umnachteten Gestade an das andere geworfen; der Rhein stönt in tiefer enger Kluft hindurch! Ich kann nicht viel Worte machen; ich
bin wirklich so beängstigt, dass ich kaum bei der zweiten Brücke auf immer mühsamer klimmenden Pfaden Luft geschöpft habe! Ein schäumender Wassersturz braust 80 Fuss hinab durch die Cozytische Finsterniss
«wo Todesahndungen walten
in grässlichen Spalten.«
Erst bei der dritten Brücke schöpfte ich Athem. Der Felsschlund reisst sich auseinander, man erblickt die Schneefelsen über dem hohen Schembserthale im Sonnenlicht. Rechts sind freundlich emporgetragene Wiesenhöhen mit Erlen, Buchen, Haseln- und Berberitzen-Büschen umkränzt. Links steht ein ungeheurer senkrechter, doch rund ausgewölbter Kalkfelsen. Der Rhein in ungebändigter Jugendkraft und Fülle tobt zwischen, unter, durch und über Granitblöcken, die er wohl selbst von den Wolkenhöhen der Urgebirge herabgerissen hat, muthwillig umher, und hüpft von Damm zu Damm, Wasserfall auf Wasserfall herab!
Hier frühstückten wir auf einem Felsenstück über dem laut-, doch fröhlichrauschenden Strom, uns des warmen Sonnenlichts inniglich erfreuend.
Und nun, lieber Leser, (oder wenn ihr nach Männerart zu störrig seyd) ihr meine lieben Leserinnen allein, seyd so gütig euch anzustellen, als wenn ihr noch gar nichts von der Via-mala gesehen hättet, sondern als wenn wir gestern vom Splügen herabgestiegen, und heute früh durch das Schambserthal bis hieher an die erste Brücke des Rheins beim Eintritt in die Via-mala geritten oder gegangen wären. Ich habe hiezu gute Gründe, denn erstens muss man grossen Ströhmen und grossen Menschen immer so nah wie möglich bis zu ihrem Ursprung folgen; — zweitens ist’s ja natürlicher, vom alten Italien hinab, als aus dem jungen Transalpinien hinaufzusteigen.
Nachdem wir genügsam ausgeruhet, verlassen wir unsern Standpunkt an der ersten Brücke und betreten muthig den finstern Weg, der anfangs leicht am Gürtel der umgrünten Felsen hinschwebt; über ungezählte Tannenlängen steigt das Auge wie von einer Leiter herab in die Tiefe, wo der zart-grüne junge Rhein mit schaumbedecktem Rücken hineilt: herrlich, voll Kraft und Harmonie, ist der Klang seines freudigen Rauschens! aber er versinkt schon allmählig tiefer zwischen wilderen Felstrümmern, doch scheint er sie noch mit unaufhaltbarer Kraft und Fülle, vielmehr vor sich hinzuschieben, als durch sie gehemmt zu seyn. Die immer engeren Pfade krümmen sich bergab in eine öde Wildniss, die eben der erste Sonnenstrahl über ungeheure Felsen steigend begrüsst; ein Giessbach schaümt links aus den steigenden Klippen über den Weg; eine hölzerne Lehne führt hinüber an ein gestürztes Felsenstück, welches Fluss und Abgrund verbirgt; um den Felsblock schlingt sich der Pfad; wir sind herum : — welche Wandlung! Das Gebirg hat sich plötzlich zusammengedrängt; erst senkrecht, dann überhängend, dann Luft und Himmel verschliessend, steigen sich die ungeheuren Klippen zusammen zur grausenden Schlucht, wo Stimm’ und Athem stockt; hoch
erscheint der Felsenrand mit Tannen behaart, im Abgrund windet der Rhein sich erst mühsam durch tiefe Engen, und wird dann von Sekunde zu Sekunde fester und finstrer umschlossen.
Die zweite Brücke erscheint von einer Klippenspitze auf die andere geworfen, und man steigt auf sie herab, doch hängt sie gleichsam am Absturz; denn rechts strahlt der Rhein in einem angstvoll gedrängten Sturz durch die enge, in die Felskluft gerissene Spalte tief in nächtliches Dunkel hinab. — Der Standpunkt auf der Brücke war nicht umfassend; neben ihr hing über dem Abgrund ein Häufchen abgerollter Steine ; ich stieg über die Brustwehr, und nahm Besitz von der schauerlichen Stätte! Die Sonne warf eben den ersten Blick (und es ist bald Mittag) durch die entsetzliche Spalte: die magische Wirkung dieser Erscheinung auf das grün in Schaum zerkochende Gewässer, auf die mit Wassertuff und Moosgrün angeflognen Höhlen und Ränder der Stromkluft — Lasst mich verschweigen! ich vergass dass ich über Grab und Tod, auf einem Häufchen gerollter Steine hing: dieser allmächtige Götterblick zog mich aus mir selbst empor!
Ach! ich sah nicht die Todesangst meiner lieben Gefährten, die theils vor dem Geräusch des Wasserfalls mir nicht zurufen konnten, theils mich gleich den Nachtwandelnden nicht wecken wollten, weil ein schneller Blick auf die Gefahr den Schwindel erregt, dieser aber unmittelbar den Tod nach sich gezogen hätte: ich stieg ruhig wieder über die Brustwehr, auf die Brücke; kaum war ein Bein hinüber, — so zogen sie mich pfeilschnell wie aus dem Feuer, — und es regnete Liebkosungen und Vorwürfe und Schmälen! Der Rhein aber gleitet nach seinem Salto-mortale, in die grässliche Tiefe unter der hochgewölbten Brücke, und wallt in ein kleines tiefes meergrünes Felsbecken, welches ihn wie ein Freundesschoos oder wie der Schlaf den Leidenden, ach! nur zur kurzen Ruh empfängt. Sogleich dämmen ihn zwei ungeheure Granitblöcke von neuem! Wie vom Schicksal getrieben, strömt er aus der stillen Gruft, umfluthet, überschäumt sie, und mischt im innern Kampf des Urstoffs, Schneeschaum und Krystallgrün in wechselnder Bewegung. Hohe, jetzt erst morgenröthlich bestrahlte Felsen, warfen ihren Abglanz hinab ins schaurig glatte Felsbecken, dann aufs Schaumgewoge, welches nie ein Sonnenblick erreichte. Bald waren wir zur dritten und letzten Brücke hinabgestiegen: — sie ist und bleibt doch der entsetzlichste Moment auf diesem Todeswege! Denn hier erstirbt alle Hofnung, hier wo die schwärzeste Nacht mit gleich schwerem Fittig den dunkelsten Abgrund und die schwindelndste Höhe umschwebt; wo fern, kalt und unerreichbar, des Aethers tiefe Bläue uber engem Raum dahingleitet, wo aus den Eingeweiden der Erde der klagende Laut des leidenden Stromes aus seinem kalten Kerker wie die Stimme eines Sterbenden ertönt! Dieser Ton des Rheines rührte mich bis zu Thränen; ich verweilte lange, ich vergass alles über ihm selbst, Felsen, Himmel und Erde! Er war mein junger unvorsichtiger, doch edler Freund. Er war hülflos im tiefsten Leid, er war mein Bruder! er war mein Sohn! Er war das erhabenste wahrste schönste Bild der menschlichen Jugend.
Jetzt wölben sich Felsendächer über dem engen Pfad, und nur verstohlen gleitet der Blick in die Höllennacht des Rheinbettes, wo er mühsam in Felsspalten sich durchkrümmt, — und bald wieder gänzlich entschwindet. Silberquellen rieseln von den Klippen über unsern Weg, wie Freundinnen mit sanftem Trostwort zu ihm in die Tiefe. Jenseit der Stromkluft steigen noch immer finster bewaldete unwirthbare Felsen; fernhallend seufzt er ungesehen aus der entsetzlichen Tiefe.
Plötzlich ist die Bergkluft auseinander gerissen, und der Blick fliegt wie ein entfesselter Adler dahin in die lächelnde Ferne des heitern weit aufgeschlossenen Domletschger Thales. — Dort spielt der Rhein muthwillig in der Ebene mit Hügeln und Wiesen, mit Dörfern, Schlössern und lieblichen Gebüschen umher.
»Vergessen ist all sein Leid,
«Er lebt in Herzensfreud.«
Ich war bei dieser Erscheinung der Zukunft wie festgewurzelt! Hier neben mir hör’ ich ihn aus tiefer Nacht unsichtbar klagen, — vor mir seh’ ich ihn unhörbar spielen! diese anti-Aristotische Schakespearische Zweiheit in der Handlung kann nur die
Alpennatur tu einem grossen Ganzen verschmelzen.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Via Mala: ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth

So zogen wir von Tusis aus, an einem düstern Morgen, über den kleinen Flus Nolla, in das wilde Gebirge hinein. Nachdem wir eine Zeitlang einen jähen, schlangenweis sich emporwindenden Pfad hinan, und dann in ein enges finstres Thal  hinabgestiegen waren,  befanden wir uns in der Via Mala. Stellt euch ein hohes Felsengebirge vor, das vom Gipfel herab in eine schmale Kluft auseinander gesprengt ist; unten in einer schwindlichten Tiefe der Rhein, der sich mit lauter Wasserfällen zwischen den Oefnungen der Felsen durchdrängt; in der Mitte der schroff aufsteigenden, oft überhängenden Felsenwände läuft an einem schmalen Rande, unmittelbar über dem Abgrunde des Stroms, der Weg in beständigen Krümmungen fort, und springt dann auf das entgegengesetzte Ufer. Die Brücke, die den Uebergang macht, ist mit einem einzigen kühnen Bogen über die Kluft hinüber gesprengt. Ich stieg iezt vom Pferde ab, um mit desto mehr Sicherheit mir einen Anblick, der der Einzige in seiner Art ist, zu verschaffen. Ich weis nichts mit der Empfindung zu vergleichen, die ich hatte, als ich über den Rand der Brücke gelehnt, in die schwarze Tiefe hinabsah, und das dumpfe Tosen des Stroms hörte, der hier einen Kessel bildet, und durch eine enge Ritze in Felsen weiter abfließt. Der schaudervolle Gedanke: da hinab zu stürzen! wiegt sich mit dem Bewußtseyn, du bist in Sicherheit! auf und ab; ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth erfüllt die Seele. Augen und Ohren empfangen die Eindrücke des Erhabnen; eine gewisse Tiefheit, ein feyerlicher Ernst ist die herrschende Empfindung. Und so wie einem in einer lachenden, heitern Gegend nicht selten ein paar Zeilen aus einem frohen Gesange, glückliche Stellen aus einem, mit der schönen Natur vertrauten Lieblingsdichter einfallen: so glaubt man hier in dieser furchtbaren Kluft, die Bilder jener gräßlichen Scenen aus den Gefilden der Hölle zu finden, mit denen Dante und Milton einst unsre Imagination erschütterten.
Nicht weit von dieser Stelle, war vor einiger Zeit ein Saumroß, von einer herabfallenden Schneelaue ergriffen und in den Flus hinab gestürzt worden. Weil sich unter seiner Ladung auch ein Beutel mit hundert Thalern befand, so wurde ein Prämie von sechs Dukaten, glaub ich, demjenigen geboten, der das halsbrechende Unternehmen wagen und den Beutel herausziehen würde. Unter den Einwohnern von Tusis fand sich auch wirklich ein solcher Wagehals. Er wählte sich noch einige Gehülfen, versah sich mit Stricken, Stangen und dergleichen Geräthen; so weit es möglich war, kletterten sie an der jähen Felsenwand hinab, und als sie nicht weiter fortkommen konnten, ließ sich jener an Stricken in die Tiefe hinunter, suchte so zwischen Felsen und Wasser schwebend, mit einem Haken das Gepäck von dem zerschmetterten Saumrosse loszumachen, und brachte auch einen Sack herauf, welches zum Glück gerade derjenige war, in dem sich die hundert Thaler befanden. Schade, daß dieser Muth um sechs Ducaten feil war! Als wir heute von Tusis ausreisten, begegneten wir eben dem Manne, der dieses unglaubliche Abentheuer bestanden hatte; dis gab denn Gelegenheit, daß Herr von Salis uns die Geschichte an Ort und Stelle erzählte.
Wir hatten auch einen wunderschönen und seltsamen Anblick an den unzähligen Eiszapfen, die gleich silbernen Franzen, an allen Ecken der feuchten Felsen, oft in Mannsgröße herabhingen.
Zwey Stunden brachten wir fast in der Via Mala zu, die sich endlich in das Schamserthal öfnet.

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)

Ein einsames Haus und eine Sägemühle

“In einem schmalen Seitentale des Vorderrheins, dem Tal der Yzolla, stand ein einsames Haus und daneben eine Sägemühle.” So beginnt John Knittels berühmter Roman Via Mala, der die gleichnamige wilde Rheinschlucht vom Tal des Hinterrheins in das fiktive Yzollatal verlegt. Die umgebenden Ortschaften heißen im Roman Nauders und Andruss und all diese Namen erinnern stark an die tatsächlichen Namen der Nolla, Thusis`, Zillis`, Andeers: “Dicht unterhalb von Nauders zwängte sich die Yzolla durch eine nur wenige Meter breite Felsenlücke, eine schäumende, kochende, tobende Wassermasse, und ergoß sich dann in eine höhlenartige Spalte, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte.” Die geografischen Verschiebungen im Roman bewirken, daß die Koordinaten des Bösen nicht mit den realen Koordinaten der Via Mala in Deckung zu bringen sind. Doch gerade aufgrund dieser Verzerrungen werden die Geschehnisse des Romans in der tatsächlichen Via Mala umso vorstellbarer und omnipräsenter: die gesamte Schlucht steht für das fiktive Verbrechen (nicht, daß sich nicht auch historische, aber weniger berühmt gewordene  Schrecken am bezeichneten Ort ereignet hätten). Die reale Schlucht besitzt sommers einiges an Idyllenkraft, ist heuer trotz steiler Passagen leicht begehbar, es führt sogar eine Autostraße hindurch bzw über sie hinweg. Knittel, der Fakten und Fiktion stets gut miteinander verrührt: “(…) um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts nahm die Regierung die Sache (…) in die Hand. Die hölzernen Bretterstege und wackeligen Stufen wurden beseitigt, und man konnte nun auf bequemer Straße reisen, ohne ständig Gefahr zu laufen, in einen Abgrund zu stürzen. In den allerletzten Jahren hat das kantonale Baudepartement in das Gestein Tunnels sprengen und Mauern und Zäune errichten lassen zum Schutze der modernen Touristen, die hierherkommen und mit ehrfürchtigem Staunen das Werk der Natur bewundern.” Touristenziel ist die Via Mala heute in eher geringfügigem Maße. Wer dort über Waldpfade und eine schwankende, aber sichere Hängebrücke in den Schluchtenrhein hinabsteigt, spürt die Fragilität menschlicher Sicherheit und die Großartigkeit der Natur, wer die hoch im Fels bezeichneten Saumwege früherer Zeiten erblickt, den erfaßt, wenn er nicht grad geübter Alpinist ist, auch heute noch schnell das Schaudern bei der Vorstellung, selbst dort herumkraxeln zu sollen. Im Roman ist die Gegend überhaupt nur während vierer Sommermonate querbar, den Rest des Jahres liegt der Paß “im Schnee begraben”. Die Langeweile der überlangen Winter habe den Sägemüller Jonas Lauretz zum Tyrannen seiner Familie geformt, heißt es im Buch. Nach solcher Lektüre wird verständlicher wie ein Ahnherr der Familie, die das Gasthaus an der benachbarten, einige Kilometer tiefer im Hinterrheintal gelegenen Roflaschlucht besitzt, über sieben solcher (wenngleich vielleicht nicht ganz so langer) Winter in unermüdlicher Kleinarbeit eine unfaßbare Galerie in den Felsen hackte, die heute als Touristenplattform dient: die Einflüsse der alpinen Jahreszeiten auf die Seele sind in erheblichem Ausmaße vorhanden, dieses gleichzeitig formbare und so schwer faßbare Organ reagiert jedoch recht individuell auf klimatische Ausgesetztheiten.

Zitate aus
John Knittel: Via Mala. Roman, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart/München (ohne Jahresangabe)

Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Thusis

Zwischen die Fernstraßen hingeworfen verliert die Via Mala von Mal zu Mal vom Speck ihres furchterregenden Namens, die Vorstellung etwa eines „Via Mala-Golfplatzes“ (bei dem sich mit Raubritterdarstellungen imprägnierte Bälle über die Schlucht schlagen ließen), die fortschreitende Ausbeutung, sowohl ideell, als auch fysisch, eines einstmals mythenbildenden Orts, läßt den Rhein schaudernd sich zusammenziehen, unsichtbar brüllende Schnecke in den Tiefen der Klüfte, versickerungswillig, nur mit erheblichem Unmut seine paar verbliebenen Schönheiten preisgebend, die eigenen Sagen abverkauft und in die allgemeine Nutzung übergeben, wo sie auf Einheitsbrei poliert dem Massengeschmack zum Fraß vorgeworfen werden. Das weiße Rauschen unten im Tobel, der in der Zwischensaison geschlossene Kiosk, die abgesperrten, sonst per Münzdrehkreuz benutzbaren Stiegen, der ganze wassergraue, bergverschattete Tag: ein einziges Szenario des Verschwindens. Aber was tun, wenn der Rhein nicht mehr will? Andre Flüsse auf seine Spur umleiten? Ihn selbst auf ein andres, frisch zu durchschreitendes Niveau lenken? Was wird in fünfhundert Jahren sein, wenn diese Landschaft und ihre Texte noch (oder besser: wieder) literarisches Interesse finden: „Angeblich soll hier über die erste Periode der Menschheit ein wichtiger Naturstrom die Landschaft zusammengehalten haben, wofür auch Beweise aus Grabungen existieren. Polymere Funde deuten auf eine verspielte, weiche, dem Wesentlichen entfremdete, vermutlich dem übersteigerten Gewinn an Luxus verpflichtete, ergo: maßlose Kultur. Das erhaltene Textmaterial ist jedoch (daher?) großteils unglaubhaft, zum wenigsten paradox: die geschilderten, irritierenden Verhaltensweisen könnten auf Systemkritik weisen – aber welche Art Kritik an was für einem System?“ Thusis Hauptstraße wird in 500 Jahren immer noch stehen, dann gereift zu einer Art Lloret de Mar der Schweiz. Außerirdische Werkstoffe werden dann für kostbarer gelten als Bergkristalle und Plüschmurmel. In sich stets neubildenden Rheinwasserbuchstaben wird das Ortsmotto über dem Themenpark, der nur zu Pferde betreten werden darf, mal als Schneeeinbruch, mal als Wasserfall durchritten: „Der Nolla hat mich zum Zittern gebracht / Die Feuersbrunst zu Asche gemacht / Das Thusner Gericht war wütend und schwer / Des Säumers Ruf erschallt nimmermehr“, retroromanisch gedoppelt natürlich. Und ein Schwung biochemischer Schafstelzen wird durch die Raster vibrationsfreier Sensationsakkumulatoren wippen.

Am Ende spricht man deutsch

Rheinsein kämpft sich im alpinen Dauerregen durch den stellenweise etwas wirren Spescha und stellt fest, daß manch ausgerottete Tierart Dezennien später sich wieder einrottet: „Gleich vor Sils theilen sich die Gewäßer und Thäler des Domläsker-Thals, und deßen rechter Arm nimmt seinen Bezug Thusis vorüber gegen Süden und Südwesten hin und erreicht alsbald den gräuslichen Schlund der via mala. Man nennt diesen Fluß bald Schamser-, bald Rheinwalder-Rhein. Den ersten Zufluß bekommt dieser Rhein von der Nolla, die (…) von Westnorden herrinnt. Hinter Runcaglia (=ausgereutetes Ort) und via mala breitet sich das Thalgeländ Schams aus und erfreuet den Wanderer nach der Wüstenei der via mala. Andaer ist Hauptort des Thals und hat ein Gesundbad. Es ist fruchtbar und nährt ein aufgewegtes und tapferes Volk, welches den reformirten Gottesdienst hält und romanisch spricht. Von beiden Thalseiten her empfängt der Rhein Zufluß, vorzüglich aber vom Averser-Bach, der aus dem Thale gleichen Namens, prächtig fallend, und der Matoner-Bach, welcher von Westnorden, schäumend, herbeieilen. Schams scheint seinem lateinischen Namen Sexamnium nach, das schon frühzeitig in der Geschichte vorkommt, von sechs Bächen herzuleiten; ich bin aber der Meinung, es stamme ehender von den Felsenwänden, über welchen es bewohnt, oder von jenen, mit denen sein Ein- und Ausgang verengt und beschloßen wird. Es sollte also ehender Saxamnium heißen. Das Seitenthal Avers nimmt bei dem verfallenden Schloß Bärenburg seinen Anfang und streicht nach Ostsüden bei 2 Stunden hinein. Es vertheilt sich in mehrern Seiten- und Hinterthälern, und am Ende spricht man deutsch. Deßen südlicher Grund ist mit sehr hohen Bergen und vielen Glätschern belastet, und von daher rinnt das meiste Waßer her. (…) Von der sogenannten Rofla thalhinein strömmt der Rhein von Südwesten her bis zum Rheinwald-Gletscher, woraus er entspringt, hervor; von dort aber neigt sich das Thal mehr gegen Westen, und verschiedene Bäche rinnen von den Thalseiten herab und verbergen sich unter ihm. (…) Im Hertergrund (…) erhebt sich der piz Valrhein über alle seine nachbaren Berge und ist einer der höchsten in der Centralkette der Alpen. Von ihm aus gehen 6 bis 8 Thäler in allen Gegenden der Welt, die mit ungeheuern Glätscher belastet sind, aus. Und wenn die wiederhohlte Sage wahr ist, daß der Bernardin-See, welcher auf der Anhöhe dieses Bergs (…) liegt, zwei Ausleehrungen: die eine in den Rhein und die andere in die Moesa habe, so steht das deutsche mit dem adriatischen Meer vermittelst dieses Sees in Verbindung, welches eine Seltenheit der Natur ist. (…) Wenn man aber das Thalgeländ von Domläsk (…) betrachtet, so stellt es eine seltsame Vermischung von Zahm- und Wildheit dar. Denn vom Weinstock und den niedlichsten Garten- und Baumfrüchten von Reichenau an bis zum feinsten Einhauch der Thiere und Menschen trifft man da an; und wir vermissen nichts von unsrem Alterthum hier als den Steinbock, der vom Anbeginn der Freiheit an bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgt worden ist. Denn man sieht hier aller Gattungen von Laub- und Nadelholz, von Getreid- und Pflanzenarten und von Menschen, welche verschiedentlich sich kleiden, sprechen und Gottesdienst halten. Wenn also das alte Sprichwort gilt, daß die Menschen nemlich nach der Verschiedenheit ein Belieben tragen, so findet man es da.“