Köln in Köln (15)

Die Kölnisierung Kölns als Autoreproduktion an den eigenen Fassaden schreitet stur, mit selbstbewusstem Schwung und unaufhörlich, fast steht zu fürchten: ins Indefinite fort. Neue Bildbeispiele der Selbstliebe einer Stadt aus dem Kwartier Latäng, Nippes, Mauenheim und vom Hauptbahnhof:

köln in köln_41_mckölnaldsMcKölnalds am Bahnhof

köln in köln_38_nippesNippeser Kranhäuser

köln in köln_38a_nippesLanggestreckte Kölnsilhouette in einem Nippeser Hinterhof

köln in köln_39_mauenheimBeliebtestes Motiv zeitgenössischer Mauenheimer Malerei und Schaufenstergestaltung

köln in köln_40_dasselstrSupermarkt-Glasfassade an der Dasselstraße

Köln in Köln (14)

köln in köln_37Nippes

köln in köln_36Belgisches Viertel

köln in köln_35Belgisches Viertel

köln in köln_34Kwartier Latäng

Presserückschau (November 2016)

1
30 Jahre Sandoz-Katastrofe
“In der Nacht auf den 1. November 1986, kurz nach Mitternacht, ereignete sich die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Basler Pharmaindustrie: In der Lagerhalle 956 des Chemiekonzerns Sandoz (heute Novartis) brach ein riesiges Feuer aus.
Am Morgen heulten die Katastrophensirenen in Basel zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen durften ihre Häuser nicht verlassen und wurden mit Polizeidurchsagen aufgefordert, ihre Fenster zu schliessen und Radio zu hören. Über 1300 Tonnen hochgiftige Chemikalien verbrannten in jener Nacht. Die Flammen und der orangegefärbte Himmel waren in der ganzen Region sichtbar. (…) Um 5 Uhr am Morgen hatten die Feuerwehrleute den Brand im Griff. (…) Das Löschwasser wurde vom Brandort mitsamt 20 Tonnen Chemikalien direkt in den Rhein geschwemmt. Der Fluss verfärbte sich rot, es kam zum grossen Fischsterben. Bis zur Nordsee war das Wasser vergiftet. Die gesamte Aalpopulation auf einer Länge von 400 Kilometern wurde ausgelöscht. (…) Das frische Wasser aus den Alpen spülte den Strom durch und die meisten Organismen konnten sich innerhalb einiger Monate erholen. (…) Doch der Dreck ist immer noch da. Nach 30 Jahren sind immer noch Spuren des Pestizides Oxadixyl im Boden messbar. (…) 2017 soll entschieden werden, ob die Messungen weitergeführt oder abgeschlossen werden, oder ob zusätzliche Massnahmen zur Bodensanierung vorgenommen werden müssen.” (Blick)

“Sandoz war ein Unglück, in gewisser Hinsicht aber auch ein Glücksfall. Das Bewusstsein für Umweltschutz stieg, Industrie und Politik wurden wachgerüttelt. Ich habe 1971 angefangen zu fischen. Damals roch man den Rhein, bevor man ihn sah. Als ich meinen ersten Fisch nach Hause brachte, sagte meine Mutter: Den essen wir nicht. Die Situation hat sich gebessert. Sandoz war aber ein gewaltiger Einschnitt. Die Äsche, die ganz empfindlich ist, war zum Beispiel schlagartig weg – der Bestand hat sich nie erholt. (…) Sandoz hat die Fischer hart getroffen. Es ging zwei Jahre, bis man wieder fischen konnte.” (Hans-Dieter Geugelin im Interview mit der Badischen Zeitung)

2
Eierstöcke
“Das größte Problem des Rheins sind mittlerweile die diffusen Schadstoffeinträge. Fast alle Pflanzenschutzmittel und gut die Hälfte der Schwermetalle, die im Fluss nachgewiesen werden können stammen aus diffuse Quellen. (…) Es machen sich mehr und mehr Hormone, Antibiotika, Schmerzmittel oder übermäßiges Blutfett, im Oberflächenwasser breit. Ein Teil dieser Wirkstoffe scheidet der Körper unverändert aus und es gelangt so ins Abwasser und in die Flüsse. Obendrein werfen viele Menschen überzählige Pillen in das Abwasser. Prof. Dr. Frank Sirocko vom Institut für Geowissenschaften der Universität Mainz verweißt auf männliche Fische in Flüsse, denen Eierstöcke wachsen. Menschen scheinen noch nicht darunter zu leiden, denn im Trinkwasser sind die Dosierungen bislang zu gering für einen nachweisbaren Effekt.” (report-K)

3
Berliner Mauer
“Wegen des Hochwasserrückhalteraum Bellenkopf/Rappenwört, das voraussichtlich 186 Millionen Euro kosten wird, streitet man derweil schon seit Monaten teilweise leidenschaftlich über die Knackpunkte: In Karlsruhe treibt Bürger vor allem das Vorhaben um, das an den Rhein grenzende Rheinstrandbad bei Daxlanden – ein beliebtes Erlebnisbad mit Rutsche – mit einer vier Meter hohen stählernen Spundwand zu „ummanteln“. Eine solche Wand ist auch für das angrenzende, in den 1930-er Jahren im Bauhausstil gebaute Naturschutzzentrum Rappenwört geplant. Erst im Sommer nannte Robert Mürb, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Oberrheinischer Waldfreunde, das Vorhaben eine neue Berliner Mauer.” (Stuttgarter Nachrichten)

4
Frankfurt am Rhein
“Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, und irgendwo am Vater Rhein liegt plötzlich Frankfurt/Main.“ So muss man den ollen Schlager von Vico Torriani selig wohl künftig singen. Und in der Commerzbank-Arena, pardon: Natürlich im Waldstadion schallt es künftig von den Rängen: „Eintracht vom Rhein, nur du sollst heute siegen…“ (…) Heutzutage befragt doch jedes Kind und jeder Weltreisende Google zum Beispiel danach, welcher Fluss da gerade an einem vorbeimäandert, während man am Ufer die Seele baumeln lässt, den Kölner Dom im Rücken. Wie also kommt der Rhein hier in den Main? Ganz einfach: Weil ein Online-Reisevermittler offensichtlich einen kleinen Vogel hat. „TravelBird“ heißt das niederländische Unternehmen. Und weil das Internet nun mal ein Dorf ist und Sydney von Santiago de Chile nur ein Klick entfernt, haben sich die Reisevögel aus Amsterdam halt mal im Fluss vertan. Ist nicht so schlimm.” (Frankfurter Neue Presse)

5
Nippeser Volksgarten
“Dass zwischen Nippeser Tälchen und Schillstraße einst ein Weiher lag, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Dieser war aus einer ehemaligen Rheinrinne entstanden, maß etwa 300 Meter in der Länge und 20 Meter in der Breite und wurde vom Grundwasser gespeist. Belegt ist der Teich, der mal größer, mal kleiner war, seit dem 13. Jahrhundert, vermutlich gab es ihn aber schon zur Römerzeit. Lange wurde der Weiher nur als Fischteich genutzt, mitunter brachen im Winter Brauereien Eis aus dem vereisten Gewässer heraus, um ihr Bier zu kühlen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

6
Bürgerliche Kampfschrift
“Die Deichwächter haben ein Buch zur Düsseldorfer Rheinlandschaft herausgebracht. Es dokumentiert deren Schönheit, widmet sich aber vor allem ihrer ständigen Bedrohung – durch ehrgeizige Planer und die Politik. (…) Und so führt das Buch auch durch eine selbst den meisten Düsseldorfern unbekannte Landschaft, die aus Löwenzahn, Storchenschnabel, aus dem Frühlingshungerblümchen dem Wiesenfuchsschwanz und dem Knaulgras besteht. Eine Miniatur-Welt, die das Biotop Rheinwiese bildet, die Grüne Lunge der Stadt Düsseldorf. Der Leser erfährt aber auch, wie die Menschen sich dem Fluss genähert haben und weiter nähern. Die Autoren beschreiben lohnende Ausflugsziele, architektonische Höhepunkte und widmen den Düsseldorfer Brücken ein Kapitel. Sie dokumentieren den Bau der Rheinuferpromenade und des Medienhafens und würdigen noch einmal den Schäfer Gerhard Siegfried, der jahrelang mit seiner Herde von Heerdt nach Lörick zog und 2015 verstarb.” (Rheinische Post)

7
Leistungsfähigerer Rheinkorridor
“„Der Rhein – die europäische Wasserstraße“ war das Leitmotiv der dritten Rheinanliegerkonferenz, auf der Politiker und Experten aus der Hafen- und Logistikbranche in den Düsseldorfer Rheinterrassen über Zukunft des Rheinkorridors für die Transport- und Logistikketten diskutierten. (…) Die Verkehrsminister der Rheinanliegerländer forderten zum verstärkten Ausbau des Rheins als Europas bedeutendste Verkehrs- und Wirtschaftsachse, dass die Infrastrukturprojekte des aktuellen Bundesverkehrswegeplans zügig umgesetzt werden müssten. So seien zur Steigerung der Transportkapazitäten auf dem Rhein vor allem bei Niedrigwasser die Beseitigung von Hindernissen und Untiefen in der Fahrrinne schnellstmöglich anzugehen. Dazu müsse das Planungspersonal der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) projektorientiert, das heißt räumlich und zeitlich konzentriert, eingesetzt werden.” (Bundesverkehrsportal)

8
Nilgans
“Die Nilgans, deren ursprüngliche Heimat die afrikanische Fluss- und Binnenseenlandschaft ist, breitet sich in den letzten Jahren immer stärker in Europa aus. Sie gilt als sehr erfolgreiches Neozoen, welches zunehmend heimische Arten aus deren Lebensraum verdrängt. Über die Niederlande und Belgien, wo die Nilgans in Parks und Vogelgehegen gehalten wird, hat sich die Nilgans ausgewildert und verbreitet sich nun sprunghaft, vor allem entlang der Flusslandschaft des Rheins (Südkurier)

9
Seidenstraße
“Die Neue Seidenstraße endet in Duisburg – und somit in unmittelbarer Nachbarschaft des Rhein-Kreises. Gemeint ist die Schienenverbindung, auf denen Güterzüge mehrmals pro Woche Waren von China nach Europa bringen – und umgekehrt. Die Transportzeit gegenüber dem Schiff wird halbiert, die Preise für Luftfracht deutlich unterboten. Die Neue Seidenstraße ist ein Lieblingsprojekt der chinesischen Regierung, insbesondere von Staatspräsident Xi Jinping, der 2014 eigens nach Duisburg reiste, um den ersten chinesischen Handelszug am Rhein zu begrüßen.” (Rheinische Post)

10
Wilde Schafsjagd
“Eine Herde von 30 Schafen hat (…) von der französischen Seite aus den Rhein in der Nähe des Altenheimer Hafens schwimmend überquert und damit einen Feuerwehreinsatz ausgelöst. Vier der Tiere habe die freiwillige Feuerwehr Neuried mit ihrem Mehrzweckboot retten müssen, berichtete (…) der Pressesprecher der freiwilligen Feuerwehr Neuried. Zwei Schafe konnten die 15 Feuerwehrleute am Wehr in Richtung Kehl nur noch tot bergen. Wieso die Tiere den Rhein überquert haben sei noch nicht bekannt.” (Baden Online)

Oder anders gezählt: “Vier der sechs Tiere konnten die Feuerwehrleute lebend an Land bringen, zwei davon mussten von einer herbeigerufenen Tierärztin wegen mehrerer Knochenbrüche noch am Einsatzort eingeschläfert werden. Außerdem fand die Feuerwehr auf dem Rhein noch zwei weitere tote Tiere.” (Badische Zeitung)

11
Reifenfriedhof
“In einer gemeinsamen Aktion haben die Stadtverwaltung und die Mondorfer Niederlassung des Wasser- und Schifffahrtsamts Köln jetzt zahlreiche Autoreifen beseitigt, die kürzlich im Rhein zwischen Rheidt und Niederkassel-Ort entdeckt worden waren. „Acht Mitarbeiter des städtischen Bauhofs und des Wasser- und Schifffahrtsamtes haben einen ganzen Arbeitstag benötigt, um rund 150 Reifen aus dem Schlamm des Uferbereichs zu bergen, das sind etwa 80 Prozent der Altreifen, die dort vermutlich liegen“, schildert der städtische Beigeordnete Sebastian Sanders. Auf welche Weise die Reifen an das Niederkasseler Rheinufer gelangt sind, konnte bislang nicht geklärt werden. „Von der Lage der Reifen spricht aber einiges dafür, dass ein Großteil angeschwemmt wurde“, so Sanders. „Der Bereich ist vom Land aus nur schwer zugänglich, wir halten es deshalb für unwahrscheinlich, dass jemand alte Reifen in größerem Stil vom Land aus in den Fluss entsorgt hat.“” (Kölner Stadt-Anzeiger)

12
Rheintoter
“Der Mannheimer Grünen-Politiker Wolfgang Raufelder ist tot. Der 59-Jährige war Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg. Von Polizei und Staatsanwaltschaft hieß es, seine Leiche sei am Montagmorgen in Brühl bei Mannheim gefunden worden. Ein Passant hat sie am Rheinufer entdeckt. (…) Die Polizei geht von einem Suizid aus. Die Obduktion habe keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben. Nach Informationen der “Bild”-Zeitung soll Raufelder in Flammen gestanden haben. Seine Leiche sei weniger Meter von seinem Fahrzeug entfernt gefunden worden.” (n-tv)

Köln in Köln (13)

köln in köln_30Friesenviertel

köln in köln_31Merkenich

köln in köln_32Nippes

köln in köln_33Eigelstein

Düsseldorf in Köln

ddorf in kölnIn jüngster Zeit beobachten wir eine enorme Zunahme von Stadtsilhouetten auf Autos, in Schaufenstern, ja selbst als ad hoc-Kunsthandwerk auf dem Asfalt: Köln ist vor lauter Kölnpanoramen kaum noch zu erblicken. In Zeiten der Migration erlangt die Identifikation mit dem Standort eine hohe Ausdrucksquantität, die im Einzelfall stets auch von Qualität spricht. Verirrt sich unter all die Kölnpanoramen ein Düsseldorfpanorama (aufgrund ihrer geschichtlich verankerten Rivalität nennen Kölner und Düsseldorfer die jeweils andere die Verbotene Stadt) wie hier am Nippeser Markt, zieht es sofort die Aufmerksamkeit des als tolerant geltenden Kölners auf sich, dessen Gehirnhälften automatisch auf den Kampf um die Bewertung verfallen, ob das überraschend eingetretene Bild eher einen Störfaktor oder einen Farbtupfer darstellt.

Freiburger Notizen (13)

“Schöner Mittag” sagen die Freiburger, wenn sie sich gegenseitig einen solchen wünschen. Manchmal sind sie weitaus schwerer zu verstehen. Gestern, bei meiner Ankunft in Betzenhausen, vermeinte ich zunächst, reichlich verblüfft, einen Muezzin rufen zu hören, bis mir klar wurde, daß vielmehr die Nachbarn mithilfe extrem gedehnter alemannischer Lautfolgen das Achtzehnuhrwetter besprachen. Der schöne Mittag zu Betzenhausen indes besteht aus einer Reihe seltsamer Hausumschwungspflegegeräusche, etwa als bohrten überdimensionierte Insekten aus dem Weltall die petuniären Rabatten auf. Dazwischen ein rätselhaftes Scharren, nicht unrhythmisch, aber auch nicht richtig rhythmisch. Amseln linsen durchs Fenster, schotentragende Glyzinien wuchern, die Feige reckt sich anklägerisch dem selten bedeckten südbadischen Himmel entgegen. Auf der Herfahrt im Zug hatte ich begonnen, Markus Orths Alpha & Omega zu lesen, ein Roman, in dem sich Anleihen bei Douglas Adams und Laurence Sterne finden lassen und der zu guten Teilen in Freiburg spielt. Entsprechend tragen Teile des Personals urbadische Charakterzüge. In Birte “Bitch” Winter z.B., die eine Art Gottesmutter vorstellt und esoterische Neigungen hegt, vereinen sich bodenständig-lässig spirituelle Bestrebungen wie ich sie für die oberrheinische Provinz stets als typisch empfunden habe. Apfelbäume und Räucherstäbchen. Eine geradezu essentielle Freiburg-Figur ist Harry Schmelzer, bekannt als der Blinde Autonome, der als Bettler die Fußgängerzone bevölkert. Die Geschichte seiner Erblindung spielt wiederum auf dem Parkplatz des weithin bekannten Freiburger Musikschuppens Crash.

Angekommen in Freiburg bin ich erst, wenn ich am Münsterplatz eine Bratwurst verspeist habe. Ich meine mich zu erinnern, daß früher eine einzige Bratwurstbude auf dem Platz stand, heuer waren es sechs oder sieben, feierlich nebeneinander aufgereiht, ihren unwiderstehlichen Dunst auf hundert Meter verströmend. Der Markt am Münster ist vorwiegend mit Produkten aus dem Freiburger Umland bestückt und im Schnitt etwa doppelt so teuer wie der Nippeser Markt am Taj Mahal. Sicher, der Freiburger hält die Produkte, die er ersteht, generell für qualitätsvoll, das Kompositum Lebensqualität ist ihm tägliches Mantra, und die roten Rettiche, die ich heute auf dem Markt erwarb, kamen tatsächlich nicht übel auf der Zunge – derart immens war der Unterschied zu in Nippes feilgebotenen Rettichen (was für den Rettich gilt, gilt in diesem Fall auch für die Erdbeere und andere marktgängige Kulinarien) jedoch nicht, daß sich der Preisunterschied allein aus Qualitätsdifferenzen rechtfertigen ließe. Vielmehr scheint es die täglich mehrfach beschworene Lebensqualität, die Freiburg zu einem teuren Pflaster macht.

Apropos Pflaster: ins Pflaster der Innenstadt sind zahlreiche Mosaiken aus Rheinkieseln eingelassen. Das ist schlicht und hübsch anzusehen. Am Rande der Straßen und Gassen fließen die sogenannten Bächle, ein venezianisches System en miniature. Kinder ziehen kleine Schiffe an Schnüren die Bächle entlang, ein Treideln wie aus den Erzählungen Lemuel Gullivers. Es sind viele Sprachen zu hören, aber kaum türkisch, nichtmal auf dem Markt, noch so ein Gegensatz zu Nippes. Das Pflaster ist, wie auch im allgemeinen die Wände, Grund zu Parolen. Z.B. das der Wiwilíbrücke, deren Bogengeländer gern von studentischen Trainspottern erklettert wird. Politisch ist man in Freiburg allemal, dieses Schablonen-Graffito gilt einem Mann, der namentlich zwar bestens nach Freiburg passen könnte, jedoch keine konkrete Beziehung zur Breisgaumetropole pflegt:

fr_brüderle

Köln in Köln (9)

köln in köln_7_15_richterfensterStromverteilerkasten in Nippes mit kolossalem, verteufelt schwarzen Gesellen Dom (Altstadt), telekomatisiertem Colonius und Herkules-Hochhaus (beide Ehrenfeld). Die Kölner Wahrzeichen liegen unter Wasser, was auf einen hohen Pegelstand bzw den alten Rheinarm, auf dem Nippes erbaut ist, deutet. Deutlich zu erkennen sind die umstrittenen Richter-Fenster der Kathedrale, aus deren einem die Schlange der Versuchung bzw der Weltaal lugt.

Jonathans Selbstmord

„Ich bin der einzige Engländer“, sagt Jonathan.
Wir sitzen seit zehn Minuten gemeinsam an einer Theke am Alter Markt. Es ist 2 Uhr – nachmittags natürlich, denn um 2 Uhr nachts kann man sich nicht mehr vernünftig unterhalten. Jedenfalls nicht über Selbstmord.
„Du meinst, der einzige Engländer in diesem Pub hier?“ frage ich.
„Nein“, sagt Jonathan, „der einzige Engländer in Köln. Ich wäre auch der einzige Engländer in England.“
Jonathan erinnert ein wenig an John Cleese – Ironie, Hypochondrie, konstruktiver Fatalismus. Was er ernst meint und was nicht, ist schwer zu trennen.
„Man hat mir meinen Führerschein weggenommen. Mein Konto ist gesperrt. Und heute Morgen haben mich die Cops eingesackt. Eine Prügelei, frag mich nicht.“
„Ich frag nicht.“
Direkt vor uns zapft die Kellnerin ein neues Guinness hoch. Sie hat hat lange, schöne Finger, die auch Jonathan auffallen. Er will wissen, warum ich hier bin. Ich sage:
„Ich mach Pause. Und du?“
„Ich denke darüber nach, mich gleich im Rhein zu ersäufen.“
„Ist ein guter Fluss dafür.“
„Ich weiß“, sagt Jonathan. „Aber die Themse wär mir lieber.“
Jonathan wohnt in Nippes. Er wirft ein paar Worte aus, von denen er glaubt, sie klingen Kölsch. Außerdem hat er die Idee für ein Theaterstück: Im Bauch der sinkenden Titanic; sechs Todgeweihte, was sie denken, was sie tun in ihren letzten Minuten. Womit wir wieder beim Wassertod wären.
„Meine Ex ist ein Biest“, sagt Jonathan.
„So ist das“, antworte ich, mittelwitzig, „mit Echsen.“
Statt der avisierten drei Kölsch bin ich inzwischen beim achten. Da kann man nicht mehr nur Goldtaler ausspucken.
„Und meine Kinder sind 8 und 6. Ich bin ein später Vater.“
Ich nehme einen tiefen Schluck, und das eiskalte Bier stanzt einen letzten Dukaten aus meinem benebelten Sprachzentrum.
„Dann sieh wenigstens zu, dass du´s noch eine Weile bleibst.“
Jonathan sieht mich zum ersten Mal geradeheraus an, starrt dann eine Weile in sein Bier, grinst unsicher und sagt: „Vielleicht bin ich ja doch nicht der einzige Engländer.”

(Ein Gastbeitrag von Bernd Imgrund, rheinsein dankt! Der Text erschien zuerst in der Reihe Thekentänzer (Nr. 74) auf Bernd Imgrunds Köln-Blog beim Emons-Verlag. Jeden Mittwoch gibt es dort neue Geschichten, Gedichte, Anekdoten, Zitate und Interviews zum Thema Köln, sehr häufig in Nahdistanz zu einem der zahllosen Tresen der Stadt.)

Kölnsfinx

Frühkölnische Bartsfinx als Wandgemälde im Römisch-Germanischen Museum. Das geflügelte Löwen-Menschenzwitter-Mischwesen trägt eine Vorläuferform des Nippeser Schnäuzers.

Das Rheinland riecht nach Maggi

Maggikalypse now: zahlreiche Online-Medien berichten heute von einem „würzigen, ätzenden Geruch“, der, seit den frühen Morgenstunden von Köln ausgehend, sich via Leverkusen, Dormagen und Neuss über das Rheinland breite und mittlerweile (Stand: High Noon) in den südlichen Düsseldorfer Stadtteilen angekommen sei. Herkunft und Bestandteile des Geruches seien unklar, die Feuerwehr ermittle fieberhaft, aber bisher ergebnislos mit Massenspektrometer und Luftgas-Chromatografen. Die in der Gegend ansässigen Farmaunternehmen „wüßten von nichts“. Zuerst am Niehler Ei, dann in ganz Köln sei das Fänomen aufgetreten, das nach Maggi oder Majoran rieche. Im Laufe des Vormittags konnte rheinsein einen leichten Maggi-Geruch auf unserem Kölner Balkon bestätigen. Ein Mitarbeiter des benachbarten Nippeser Bürgeramtes habe Übelkeit beklagt und sich ins Krankenhaus bringen lassen. Inzwischen wirkt zumindest die Balkonluft wieder rein bis geschwängert von schweren Hollerblütenschwaden aus dem Hinterhof. Richtung und Tempo des bizarren Maggi-Wandergestanks nach zu schließen, scheint er sich an die Vorgaben des Rheins zu halten. Ob er bis in die Niederlande vorzudringen gedenkt, ist bis dato noch ebenso unklar wie ob er Köln, seine offenkundige Homebase, bereits vollständig verlassen hat.

Jägerlatein im Heimathirsch (2)

Zurück von der höchst rheinisch motivierten Heimatkunde-Show Jägerlatein im Nippeser Heimathirsch. Kaum zuhause angekommen, schickte Stefan Reusch von Die Ableser, unseren Premiere-Stargästen, seinen kurz zuvor unter rauschendem Applaus vorgetragenen Kabarett-Text zum Abendthema Liechtenstein:

“Liechtenstein. Tief im alpinen Gehölze liegt die Gold- und Sickergrube Europas, ein echt scheichreiches Fürstentum: Liechtenstein.
Liechtenstein ist halb Kaufladen, halb Kuhfladen, tagtäglich kommen viele rastlose Menschen auf der Suche nach Sicherheit hierher, ihr einziger Wunsch: nix wie weg von zuhaus – stiften gehen! Sie treffen sich im Schatten des hoch aufragenden Massivs des Großen Knausers. Es sind Steuerflüchtlinge, boat people, na ja: yacht people, auf der Suche nach einer Oase, zum Anlegen. Und das kann man hier vorzüglich. Anlegemöglichkeiten so weit der Reiche äugt, das Auge reicht.
Und so kommen sie von weither aus ihrem Elend rein, ihren Ländereien, nach Liechtenstein. Hier genießt man sein Leben offen, in vollen Zügen. Motto des offenen Vollzugs: „Wer den Taler nicht ehrt, hat wohl genug davon.“
Und dann heißt es plötzlich: verdeckte Ermittler konnten verdeckte Konten ermitteln. Ja, wo ist denn da die Gerechtigkeit? Die Reichen sollen ihr ganzes Tafelsilber verscherbeln, während andere bloß den Löffel abgeben? Und damit der Staat was bauen kann, sollen die Reichen Steuern zahlen, wozu? Denn: sie brauchen doch gar keinen Staat, sie haben doch alles, Steuern zahlen, das ist ja schlimmer als zur Strafe ohne Abendbrot in die Champagnerbar, uijuijui…
In Liechtenstein, das wollen wir nie vergessen, treffen sich Leute, die von Hause aus nie eine Chance hatten, in Deutschland Wohngeld zu erhalten.
Immer stand ihnen irgendein Aufsichtsratsposten im Weg.
Und Liechtenstein hilft. Ein Zwergstaat mit wahrhaft astrognomischen Ausmaßen. Klein, aber oho! Und wenn wir leise sind, leise wie ein toter Briefkasten, also stille Post, gell, ja, dann können wir hören, wie die schwarzen Schafe gierig durchs Dunkel der Berge tappen, und hoffnungsfroh mähen: wenn du meinst es geht nichts mehr rein, kommt von irgendwo ein Liechtenstein. Mäh!”