Vis-à-vis

Ich wußte nichts von Deinen Ufern!
Nina Hagen

Seinen Hut setzte er noch im Haus auf und zog ihn tief ins Gesicht. Ach wie oft er sich nicht schon gemahnt hatte, diese Geste offensichtlichen Verstecken-Wollens zu unterlassen, es gelang ihm auch diesmal nicht. Zu groß war die Übereinstimmung von körperlichem Ausdruck und innerem Befinden. “Eine Tarnkappe wäre das Ideale”, dachte er darum und ließ den Hut, wo ihn seine Beschützerhände so vorsorglich platziert hatten um, ja um, aus dem Haus getreten, direkt in die Arme seiner Gemeindereferentin zu laufen.

“Ach, wo wollen Sie denn so schnell hin?” fragte diese. Aber Gott sei Dank war er darauf vorbereitet und hatte die Antwort bereits mehrfach erfolgreich angewendet. So zögerte er kaum einen Moment, (und vielleicht war das gerade das Auffällige daran, denn hätte er sich nicht, unter normalen Umständen, zunächst einmal nach dem Befinden der Angerempelten erkundigen müssen?) ihr die bewährte Geschichte von dem alten Schulfreund aufzubinden mit dem er sich noch ab und an – Man-muß-ja-auch-mal-was-And’res-machen – zum Schachspielen traf. Er sei auch schon spät d’ran, die Fähre ginge jede Minute, denn jener wohne ja op de schäl sick, sie entschuldige dann wohl, morgen sei er wieder zu sprechen, vielleicht könne ihr ja inzwischen schon Frau Gerbig weiterhelfen…?

Sprach’s und strebte der Via Veneto zu, der Straße, die ihn zum Ufer des großen Stroms führen würde, wo tatsächlich die Fähre auf ihn wartete. Er war zivil gekleidet, wie immer zu diesem Anlass und zunehmend auch sonst. So satt war er es, ständig als Instanz unterwegs zu sein, von allen erkannt, angesprochen oder doch zumindest angestarrt zu werden. Es war mal wieder Zeit war für die monatliche Reinigung der Sinne von all dem seelischen Dreck mit dem abzugeben er sich verpflichtet hatte.

Jesus, wenn er damals gewußt hätte, wie lang ein Leben alleine werden kann. Über die 33 war er schon ein Drittel drüber und erfreute sich noch immer bester Gesundheit, sah man mal von dem empfindlichen Magen ab, der ihn hier und dort für einige Tage aus dem Verkehr zog. In Anbetracht seiner Reise Ziel über den doppelten Wortsinn grinsend, trat er gerade von der Brücke aufs schwankende Schiff, dem Fährmann auf seine Frage: “Wie, iss att widde ne Mons eröm?” ein munteres “Ja und der Bursche will geschlagen sein!” zurückgebend.

Auch hier hatte er sein perfekt erfundenes Alibi zum Einsatz gebracht. Und war er erst auf der anderen Seite, so kannte ihn niemand mehr, denn der Strom trennte an dieser Stelle eine endemische Welt von der anderen. Nur wenige Berufspendler, Ausflügler oder Durchreisende kreuzten den Fluss mit den hochsubventionierten Fähren, die auf diesen 60 Stromkilometern ohne Brücke nur eine Illusion von Verbindung schafften. In Wirklichkeit blieb jeder auf seiner Seite und wenn man doch mal ausflugsweise rüber fuhr, so verblüffte einen die Fremdartigkeit dieser so nah und doch so fernen Welt.

Statt sich aber der Entdeckung jenes unbekannten anderen Ufers zu widmen, wird die Aufmerksamkeit nahezu jeden Uferwechslers von einer besonderen Eigenart des Szenarios gebannt. Der Entdeckung nämlich, dass wir am nun anderen Ufer ins Unbekannte verrückt die alte Heimat ausmachen, die uns sonst nie so gegenüber stand. Und schon suchen unsere Augen nach Orientierungspunkten, da der Italiener, da drüben das Rondell, dazwischen die Via Veneto. Alles klar, wir sind wieder daheim.

Er würde erst danach, aufgewühlt und erleichtert zugleich, auf der Überfahrt wie eine Schlange in seine Haut fahren, das wildere Ufer wieder in den Anblick zurück verwandelnd, der es für Gewöhnlich war – bis zum nächsten Mal.

(Ein Gastbeitrag von ZaZa Blitz)