Der Rhein von oben

Fernsehgebühren sind, umso mehr ab nächstem Jahr, wenn die verpflichtende Regelgebühr auch für solche Menschen kommen wird, die nicht nur kein Empfangsgerät besitzen, sondern öffentlich-rechtliches Fernsehen sogar ablehnen, offenbar ein sprudelnder Goldquell für die empfänglichen Sender, ein mitunter verblendender, die weniger glänzenden  Hintergoldlandschaften ausblendender, denn was soll auch „konzipiert“ und gezeigt werden, wenn nicht die 127. Rheindoku, es könnte ja mal wieder eine innovative sein. Oder doch lieber eine für den ausgewerteten Durchschnittszuschauer, der irritierenderweise in einem Ort namens Haßloch über sich selbst befindet?

Nachdem das ZDF gerade den Rhein abgereist hat, um ihn von oben zu filmen, zieht nun der WDR mit Der Rhein von oben, „der aufwendigsten Produktion seit langem“ (Zitate: Rheinische Post) nach: „Aus der Luft wird der Rhein von der Quelle bis zur Mündung verfilmt.“ Wie sich die Worte, wie sich die Ideen bei ARD/WDR und ZDF gleichen! Zunächst heißt es natürlich abwarten, was wir tatsächlich doppelt (und dreifach, vierfach, fünffach usw) zu sehen bekommen werden… Immerhin soll die aktuell entstehende WDR-Produktion für einen Fünfteiler Material bieten, somit “ausführlichstes Bild des Rheins sein, das je gedreht wurde“. Das könnte, was eine Rheindokuserie  im deutschen TV belangt, sogar hinkommen – uns sind bisher maximal Vierteiler bekannt.

Spannend klingt die Presse-Vorankündigung leider dennoch genauso mäßig wie die weit überwiegende Mehrzahl der vorangegangenen 126 öffentlich-rechtlichen Rheindokus tatsächlich ausfiel. Eher nach einmal mehr salbungsvollen Heimatpreisungen durchs Objektiv mit einem Schuß grün vorgetragener Proporzkritik im Textanteil. Das Alleinstellungsmerkmal, genau wie beim jüngsten ZDF-Produkt Abenteuer Rhein: die Kameratechnik: hier nun kein Blimp, sondern „eine per Joystick gesteuerte Cineflex-Kamera, die am Helikopterbügel befestigt wird“. Wir freuen uns bereits auf die Musikauswahl, denn allzuviel Rotorgeratsche dürfte trotz der hochinnovativen Kameraführung dem Zuschauer kaum zugemutet werden.

Und: „Eine Folge soll sogar in 3D gedreht werden.“ Wir fänden es ja (mit Jürgen Klopp) richtig geil, die schiffsschraubendurchdröhnten Gründe der Kessler-Grundel und der Wollhandkrabbe, unserer subaquatischen Neozoenheere, in wagnerdeutschem Rundum-3D erblicken zu dürfen, also Unterwasseraufnahmen des Rheins zu sehen, wie sie sonst nur die BBC auf und tief in den Weltmeeren hinbekommt. Auch sähen wir gerne einen mit Spezialkamera bewehrten, verschiedene Vogeldialekte beherrschenden Nils Holgersson-Kleinstroboter bei den schrägen Nilgänsen des Rheins eingeschleust, welcher exklusiv aus deren Familienleben und ihrem Verhältnis zu urgermanischen Arten berichtete. Oder könnt ihr das nicht? Ufermauer-Crashtests mit „Hey Blondy, wo geht’s hier nach Köln, hahahaa!“-Jet-Boot-Hedonisten bei voller Kameraerschütterung. Mindestens fünf Minuten apokalyptisches Tasten in der Rauchwolke aus der Krefelder Düngemittelfabrik. Die ersten Filmbilder Gorrhs, des bisher nur in Literatur und Kunst vorkommenden, eindeutig  rheinischen,  auf  der Autobahn geborenen Superheldenalltagsgottzwitternongeschlechtlers. (Vorsicht, manchmal frißt Gorrh Helikopter.) Partikeln des Bösen, mal genauso wahrgenommen wie von der Bevölkerung. Mal wieder näher ran an die Leute, falls da noch was ist. Gern auch satellittös. Läßt sich vom Orbit wirklich jeder Pickel im Gesicht eines Rheinpunks scharfstellen? Was ist dran an der These, das Rheingold sei in Wirklichkeit seit Einführung der Rundfunkgebühren gehoben? Sagts uns! Und für die, die neue Loreleyansichten brauchen, wiederholt einfach die alten Loreleyansichten.

Es soll sich übrigens seit geraumer Zeit eine noch stille Bewegung unter künftigen Zwangsgebührenzahlern, die eigentlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder das Fernsehen insgesamt ablehnen, bilden, eine sehr deutsche Form des Protestes sozusagen. Die GEZ könnte demnach mit Einführung der Kopfgebühr mit Anträgen auf Empfangsgeräte überschwemmt werden. (Was uns an Ärzteklagen im TV nach Einführung der Praxisgebühr erinnerte: daß die Praxen nämlich plötzlich übervoll mit Leuten seien, “die nichts hätten”, nun jedoch täglich zur Konsultation auftauchten, um die einmal bezahlte Leistung bestmöglich in Anspruch zu nehmen.)