Nikolaus in Annenach

Andernach, 06. Dezember 2016

Wintersonnende Eiskronenbäume,
Frostäcker und Gewächshäuser,
auf der anderen Rheinseite Leutesdorf.
Den Bahnreisenden, von Norden kommend,
grüßt der Alte Krahnen.
Der verlud 350 Jahre lang, bis 1911,
Mühlstein und Wein.

Johannesplatz heißt der Kreisverkehr
in Bahnhofsnähe, nach dem
Heiligen Johannes von Nepomuk,
dessen Statue dort
in einem gittergeschützten Unterstand
durch eine Traditionsnachbarschaft betreut wird,
die auch herbstliches Döbbekooche-Essen veranstaltet.

Nach Unterqueren der Gleise
findet sich hinter der Brücke
stadteinwärts in der Bahnhofstraße
auf einer Basaltlavaplatte eine
Wegmarke der US Army aus dem Jahre 1945:
„Montana „Butte“ 7943 mls Ohio Los Angeles 7365 mls Old Liry”

Entlang Kebabhaus, Backstuben,
Apotheke und Mobilphonshops,
lokalem Modehaus und Bücherwelten
zur alten Stadtmauer samt erhaltenen Halbrundtürmen,
an deren Innenseite sich teilweise Wohnhäuser schmiegen.

Im Garten der kurkölnischen Burgruine
auf einem Betonquader ein metallenes Modell
der Anlage plus Erläuterung in Blindenschrift,
zur Stunde achtlos mit Zigarettenkippen bestückt.

Auch das Koblenzer Tor, Teil der Stadtbefestigung,
wird von einer Nachbarschaft betreut;
eine Tafel kündet von deren Fünfhundertjährigem,
anno 2013.

Gegenüber Hindenburgwall Ecke Konrad-Adenauer-Allee
am Rhein die Zollbastion Bollwerk,
ein Rundbau, in dessen Innerem
ein Denkmal an die Gefallenen
der jüngsten Weltkriege erinnert –
im Boden eingangs ein steinernes Skelett mit Sense.

Von dort fällt der Blick auf
eine Neubausiedlung stadteinwärts
(vermutlich oberhalb bekannter Hochwassergrenze)
sowie
ein Schild auf der Wiese
mit der Abbildung eines kackenden Hundes
und der Botschaft: „Ich bin unschuldig!
Herrchen / oder Frauchen/ räumt es selbstverständlich weg!!
Vernunft, Anstand und Gesetz gebieten es!“
(Tatsächlich ist das Areal haufenfrei –
mit Freundlichkeit lässt sich mehr erreichen
als durch Drohung und Verbot.)

Auf Neuwieder Seite
röhren winterliche Kettensägen
in braunkahlen Ästen,
von Oberkörpern geschwungen,
gekleidet in orange,
das mit dem anthrazitnen Funkeln des Rheins harmoniert.
Der betongestützte Hang von sinkender Nachmittagssonne beschienen.
Das Immergrün der Tannen dezent schön über nackten Laubbaumstämmen.

Kahle Baumkronen
(temperaturbedingt momentan vor allem linksrheinisch)
blickverzaubernd,
da im kühlen Schatten
eisiger Reif auf ihnen glänzt.

Ein Paar schwimmt vorbei,
Ente und Erpel.

Schiffsanlegestellen im Winterschlaf.
Die Sitzbänke an der Allee gleichwohl gepflegt,
in Höhe Flusskilometer 613.

Zug, Auto, Schiff passieren
die Andernacher Pforte,
wo sich nach Norden hin
- gegenüber rechtsrheinisch Leutesdorf –
das Flusstal aus dem
Neuwieder Becken heraus
wieder verengt.

Im Doppeltorinnenbereich des
Rheintors gurren Tauben
vielleicht zur Unterhaltung
der beiden tuffsteinernen Torwächter,
Bäckerjungen genannt.
Rheinseits weisen Hochwassermarken
über die Jahrhunderte immer wieder hohe Stände aus,
eine jüngere von 1995 –
wohl ein Grund der Entstehung der traditionellen Nachbarschaften,
wechselseitige Hilfe.
An der stadtwärtigen Innenseite des Tors
oberhalb des Durchgangs
zwei Bienenstöcke.
Durchs Tor über den Fluss blickend
das dortige Hügelpanorama,
links (nördlich) flankiert durch den weißgetünchten
Kirchturm von Leutesdorf, graubedacht,
rechts (südlich) in der Ferne Neuwied.
Drüben auf der Bundesstraße fährt ein DHL-Laster
seine charakteristischen Farben stromaufwärts.

Für den Kaltwassergeysir,
laut Infotafel eine durch CO2 ca. zweistündig bis zu 60 m hoch
schießende Fontäne auf dem Namedyer Werth,
ist es zu kalt,
selbst wenn ein Schiff nach dort führe.

Aufwärmen gelingt im
Mariendom.
Und im historischen Rathaus
vor der Glastür zum Keller
mit der Mikwe, einem mittelalterlichen
jüdischen Kultbad.
Freilich ist die Tür verschlossen,
da das Bad nur im Rahmen einer Stadtführung
betreten werden kann – was just nicht
möglich wäre, da eine Warnlampe blinkt
und hohen CO2-Gehalt signalisiert.

Das Wahrzeichen Andernachs,
der 56 m hohe Runde Turm
trägt eine trotzig-stolze Wunde,
ein Loch in der Westseite von einem
missglückten Sprengversuch französischer Truppen 1689,
dem er standhielt.
Die Narbe eindrucksvoll beschienen
durchs für heute letzte Sonnenlicht.

Schafbachstraße Ecke Am Helmwartsturm
(nach dem gleichnamigen Teil der Stadtmauer
samt nachgebildeter Wehrbrücke aus Holz)
geht’s zum Markt,
jahreszeitlich bedingt mit Adventsbuden.

Ein Nikolaus aus Fleisch und Blut
belohnt Kinder, die Weihnachtsgedichte aufsagen,
mit solchen aus Schokolade.

Eher eine Knecht-Ruprecht-Aufgabe
erfüllt ein Marktaufseher,
der Verkäufer/innen eines Straßenmagazins
mehr oder weniger höflich „Tschüsss!“
des Marktareals verweist
(woraufhin diese außerhalb der ihnen gesetzten
Grenzen umso intensiver „Chef, Chef, eine Frage…“
um Absatzkunden werben müssen).

In der Tourist Information
beantwortet eine Dame
die Frage nach
dem Geburtshaus des Dichters Charles Bukowski
einerseits mittels eines ausgehändigten Stadtplans
und andererseits, indem sie ungefragt von sich aus
zusätzlich noch Information zum Schriftsteller ausdruckt.
Sehr freundlich dies.

Es findet sich fußläufig
etwas oberhalb des Kreisverkehrs Johannesplatz
in einem Eckgebäude an der Aktienstraße 12.
Dort ist eine Gedenktafel angebracht,
unterzeichnet von der
Charles-Bukowski-Gesellschaft und der Stadt Andernach.
Das Haus beherbergt heute ein Geschäft für Karnevalsbedarf.
Just von einem aufmerksamen Mond wach beschienen.

(GrIngo Lahr streift für rheinsein durch Andernach, verpaßt den Ausbruch des Kaltwassergeysirs und findet das Geburtshaus von Charles Bukowski.)

Maas-Waal-Kanal

I

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Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

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So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

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Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

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Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

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Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

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Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

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Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

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Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

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man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)

Puissant et bon saint Nicolas

„Les contrées que le Rhin traverse sont richement pourvues de traditions poétiques et de ballades. Le grand fleuve allemand, bordé de burgs historiques et légendaires, serré dans un long couloir de rocher remplis d’écueils et de précipices redoutés des bateliers, a tout naturellement aussi sa ballade de saint Nicolas qu’ils doivent invoquer souvent sur leur barque en péril.
Quand, passant près de Bingen, ils craignent de sombrer dans le tourbillon au milieu du Rhin, ils font encore un voeu qu’ils tiennent plus consciencieusement que le batelier de la ballade suivante, si bien traduite par M. N. Martin.

- Puissant et bon saint Nicolas,
Préserve-nous de couler bas
Dans ce tourbillon où chavire,
Près de Bingen, plus d’un navirte ;
(Ma promesse vaut un contrat)
Un cierge aussi grand que mon mât!
Soudain le soleil perce l’ombre
Et l’esquif passe sans encombre.
- Merci, grand saint ; mais franchement,
Le danger n’était pas si grand,
Ce ciel serein, ce flot docile,
Rendaient le miracale facile ;
Et c’est au plus si l’on te doit
Un cierge gros comme le doigt!
Pensée ingrate autant qu’impie,
Et que tôt le marin expie ;
Une trombe roulant sur l’eau
Engloutit l’homme et le bateau.“

(Amédée de Ponthieu, Légendes du vieux Paris (1867))

***

http://www.lexikus.de/bibliothek/Glimpf-und-Schimpf-in-Spruch-und-Wort-Teil-1/Du-kriegst-nit-dat-Nikeloeschen

(Als Kommentar:)

Du kriegst nit dat, Nikelöschen

(Du kriegst das nicht, Nikolaus). Mit dieser niederrheinischen Redensart, wobei noch ein Schnippchen geschlagen wird, fertigt man einen Bittenden, den man zu foppen beabsichtigt, in den Rheinlanden ab. Über den Ursprung dieser Redensart erzählen sie bei Bingen am Rhein: Der Patron aller rheinischen Schiffer ist St. Nikolaus. Es besteht bei ihnen die Sitte, dass, wenn der Schiffmann zur Reise das Ufer verlässt und das Schiff klar im Fahren ist, er der Mannschaft zuruft: Betet. Jeder zieht den Hut, betet ein Paternoster und empfiehlt dem heiligen Nikolaus Leben und Gut. Vor langer Zeit aber fuhr ein Schiffer ohne Gebet von Bingen ab, und im Loche überraschten ihn heftige Windstöße und brachten das Schifflein aus dem Fahrwasser. Er schrie nun den heil. Nikolaus ängstlich um Hilfe an und gelobte reiche Opfer. Der Wind legte sich und glücklich kam der Schiffer durch das Loch. Als aber die Gefahr vorüber war, stach ihn der Übermut. Er schlug ein Schnippchen und rief: „Du kriegst nit dat, Nikelöschen!“ Doch dem Hohn folgte die Strafe; ein heftiger Windstoß schlug das Schifflein in Grund. Der Schiffer ertrank und als seine Leiche bei St. Clemens ans Land geworfen ward, fehlten der rechten Hand die Finger.

Schergenteufel (2)

(…) Es giebt Leute, die man für die Frömmsten und Heiligsten hält: die dem Glauben sehr ergeben, die nicht straucheln auf der Bahn des Rechts, tief erfahren in der Heilkunst, voll wissenschaftlichen Ernstes, von gradem Lebenswandel, kurz, reich an mannichfachen Titeln. Aber wenn ich das Herz recht auskundschaftete, so kam ich allemal zu dem unwidersprechlichen Schluß: diese Leute sind wahrhaftig nicht so, wie sie sich stellen; es ist Schminke, Falschheit und Heuchelei dahinter. Es stellen sich viele, als wollten sie etwas sein und sind es doch nicht; viele stellen sich nicht also, sind es aber doch. Daher sagt der Spanier: der Spanier stellt sich weise und ist närrisch; der Franzmann stellt sich weise und ist närrisch; der Italiener stellt sich närrisch und ist weise; der Deutsche stellt sich närrisch und ist weise.

Viele wissen sich mit Worten vor den Leuten nicht gering genug zu machen und zu demüthigen, nur damit sie mehr vorgezogen, mit großen Namen geehrt, geziert und gelobt werden, während sie anderswo ihre Pfauenfedern gewaltig hervorthun, die sie doch in christlicher Demuth sinken oder gar ausreißen lassen sollten. Solche scheinbare Sanftmuth ist der ärgste Stolz und die ärgste Ehrsucht: es ist Heuchelei, Schmeichelei, Liebkosen, heimliche Bosheit, heimliche Arglist, heimlicher Geiz, heimlicher Neid, heimliche Mißgunst, heimliches Irgendwas. Bei dem gemeinen Manne findet es einigen Schein, von verständigen Leuten wird es gemerkt und endlich verlacht; der gemeine Mann läßt sich überreden, wenn man sich nur nach seiner Noth und seinem Anliegen zu stellen weiß, er denkt nicht daran, was für Geschmink und Falschheit dahinter steckt. Nimmermehr aber kann es da etwas Redliches sein, wo man so sehr hinter dem Berge hält, wenn man Brei im Munde hat und dem Kinde nicht will den rechten Namen geben.

Viele können schwerlich leiden, daß von ihrem Nächsten irgendetwas Löbliches geredet und gerühmt werde, es verdrießt sie das im Herzen, als ob ihnen dadurch etwas an ihren Ehren genommen würde; sie schmälern auch selbst, wo nicht durch öffentliches Afterreden, so doch durch heimliches Einhauen, heimliches Ohrenblasen, wie sie ihrem Nächsten möchten eins auswischen, ihm möchten eine Klette anhängen, ihn durch die Hechel ziehen, an seinem Glück und seiner Wohlfahrt hindern, insonderheit mit dem verkleinernden Aber. Sie stellen sich mitleidig, thun als wollten sie dich loben: jedoch mit einem schändlichen Aber stoßen sie alles, auch dich selbst, wieder zu Boden, bringen dich von Ehren, von Hab und Gut und mit Weib und Kind unbarmherzig in Elend und Verderben.

Das ist der Welt Sitte: wir spiegeln uns und kitzeln uns mit fremder Thorheit und bedürfen doch selbst alle wohl, daß uns einer die Hand reicht.

In solchem Welthandel dachte ich: nun helf dir Gott, Philander! Mußt du dich in diese Weltköpfe alle schicken, was wird es dann noch für Angst und Arbeit kosten! Welche Drangsal und Verfolgung wirst du noch von Schelmen, von Dieben, von Zauberern leiden müssen? Heuchelst du nicht mit, sondern wirst wie ein redlicher deutscher Michel frei durchgehen und aus gutem Herzen alles meinen, reden und thun wollen? Dann wird man deiner wenig achten. Heuchelst du aber und thust also, welche Gefahr dann deiner Seele! weil Gott keine falschen Leute, die aus Furcht oder Heuchelei ein Ding thun oder lassen, sondern nur redliche Leute will im Himmel haben. Ich beschloß also, obschon durch böse Zungen gar oft ein frommer Mann, der alles dulden kann, aus seinem Ort gedrängt ist, doch lieber zu leiden als zu lügen, lieber Esel zu sein als ein falscher Hund: Offenheit ist besser als List. Dabei dachte ich aber, es möchte vielleicht nur in meinem Vaterlande so beschaffen sein, anderswo aber redlichere Arbeit und bessere Belohnung geben. Um das recht eigentlich zu erforschen, nahm ich mir alsbald in unschuldiger Einfalt vor, über den blauen Berg in ein anderes Land und Reich zu ziehen und zu sehen, ob daselbst Treu und Glauben, Religion und Redlichkeit auch so vermummt wären, oder besser zu finden, ehrlicher gehalten und belohnt würden.

Zu diesem Ende zog ich im Frühling in Gottes Namen davon und nahm meinen Weg über Nancy in Lothringen auf Paris zu… Als ich Abends daselbst ankam und in der Herberge zum heiligen Nicolaus einkehrte, begab es sich, daß zwei Priester mit zu Tische saßen, Namens Louis von Ainuille und Karl Foussat von Alsdorf; dieselben sagten mir, daß man morgenden Tags einen Besessenen unfern von da in Notre Dame de Bon-Secours, vor St. Nicolaus Pforte, beschwören wollte; wenn ich nun Willens wäre, selbiges mit anzusehen, so wollten sie mir dabei behilflich sein. Ich nahm ihr Anerbieten mit Dank an; dann schlief ich nach geschehenem Nachtwunsch in Gottes Namen ein. Früh Morgens fand ich mich mit meinem Wirth an dem bestimmten Orte ein; da trieb mich denn mein Vorwitz, wie auch die andern, so daß ich gar sehr ins Gedränge gerieth, dem einen hier, dem andern da einen Stoß versetzte, weil jeder der Vorderste sein wollte.

Als mir aber die Zeit zu lang wurde, und ich eben wieder zur Stadt zurückkehren wollte, da begegneten mir zu gutem Glück die obengedachten Priester und redeten mir zu, wieder mit umzukehren und mich weder Zeit noch Mühe deswegen verdrießen zu lassen, und führten mich durch eine kleine Thür hinein zum Altar. Alsbald sah ich einen Menschen von scheußlichem, schrecklichem Angesicht, mit zerrissenen Kleidern, dem standen die Haare auf dein Haupte wie Igelstacheln, seine Stirn war gefalten wie ein Rock, die Augenbrauen gekrümmt wie ein Bogen, die Augen glänzend wie eine Fackel, mit schäumendem Maule wie ein Roß; der fing an jämmerlich zu schreien und greulich zu zittern: er zischte wie eine Schlange, knirschte mit den Zähnen wie ein Eber, blähte den Mund auf wie ein Blasebalg, sperrte die Kehle auf wie ein Schlauch, zerkratzte mit den Händen sein Angesicht und zerschlug sich die Brust und zuletzt, als ob er gestorben wäre, sank er zu Boden und gaffte mit wüsten Gebärden gen Himmel. – O Gott! sprach ich und schlug ein Kreuz, was ist das! und ein Geistlicher, der bei ihm stand und ihn beschwören wollte, sagte zu mir: “Da seht Ihr den elenden Menschen, der vom bösen Geiste besessen ist.” Alsbald hob der böse Geist an in ihm zu reden und rief: “Du Pfaff’ hast’s erlogen, denn nicht ein Mensch ist von einem bösen Geiste besessen, sondern ein böser Geist ist von einem Menschen geplagt. So wisset nun, daß wir Geister, wider unsern Willen gezwungen, bisweilen in den Menschen, insonderheit in den Schergen wohnen. Darum, wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt, so sagt nicht, dieser ist ein besessener Mensch, sondern es ist ein verteufelter Scherge, ein verschergter Teufel, ein Teufelsscherge, ein beschergter Teufel; denn die Menschen können sich insgemein viel besser vor dem Teufel durch das heilige Kreuz segnen und hüten, als vor einem Schergen, daher sie auch Allerwelthaß genannt werden. Auch wenn man unser Wesen und der Schergen Thun gegen einander stellt, so ist es gleichförmig in allen Stücken; denn gleich wie sich die Teufel abarbeiten und geschäftig umherlaufen, damit die Menschen gestraft und verdammt werden möchten, so thun es auch die Schergen und warten mit Verlangen, wo der Richter ihnen einen Angriff zu machen befiehlt. Die Teufel wünschen, daß die Welt nur voll böser Buben wäre; dasselbe wünschen auch die Schergen, damit sie immer zu jagen, zu klagen und zu nagen haben, und sie thun es viel eifriger noch, weil sie ihres Lebens Nahrung in dieser Gestalt suchen und erhalten. Darin sind denn die Schergen noch ärger als die Teufel, denn sie thun demjenigen Böses an, der doch ein Mensch ihres Wesens und Geschlechts ist und ihnen oftmals Gutes erwiesen hat; das thun die Teufel, obschon sie aller Gnaden beraubte Engel sind, aber nicht. Darum höre auf, Pater, denn es ist alles vergebens mit deinen Gaukeleien und Beschwörungen; wenn der Teufel einen Menschen einmal in seine Schlinge bekommen hat, so ist er, wenn ihn Gott nicht erlösen wird, nicht wieder zu retten.

So war es besonders mit diesem Schergen, dieweil ja die Schergen und Teufel eines Handwerks sind, nur darin unterschieden, daß jene verkleidete und vermummte Teufel sind, diese aber unbeleibte, unsichtbare Teufel und ein verdammtes Leben in der Hölle führen, grade wie die Schergen auf Erden.”

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Brauweiler

Heute Nacht bekam ich von Martin Baumgärtner vom Rheinkolleg in Speyer einen Hinweis auf den tausendjährigen Brauweiler Maulbeerbaum – zu finden im Rahmen der Serie „Geschichten der Verbundenheit“ der Regionale 2010. Später am Tag: das Wetter hübschte unaufhaltsam vor sich hin, dazu passend setzte der Baulärm im Hof nach halbjähriger Pause wieder ein, also schwang ich mich aufs Rad, mir besagten Maulbeerbaum genauer anzuschaun. Um mich rum überall erwachendes Leben: der erste Star hüpfte durchs Gebüsch, die früheste Feuerwanze schleppte ihren grellen Schild übern Asfalt. Ich fuhr ohne Karte, nur an den Gestirnen orientiert, dh, an der Sonne, den Domspitzen und den Kühltürmen der Kraftwerke in der Periferie. So querte ich jede Menge Waldstreifen, Sackgassen, Trampelpfade, Baugruben und immer wieder Industriegebiete mit ihren lebenspendenden Freßverschlägen: Colonia Imbiss, oder, kreativer: Müllers heiße Kiste. Am Ende gelangte ich schließlich und tatsächlich nach Brauweiler und fand den umgitterten tausendjährigen Maulbeerbaum (Morus nigra) an genau der Stelle, wo ursprünglich die St. Medardus geweihte Holzkapelle stand, die Pfalzgraf Hermann um 980 n. Chr. in Stein erneuern ließ, wie mich eine davor aufgestellte Informationstafel belehrte. Sonderlich tausendjährig sah es nicht aus, das vertrocknete Holzgewure, aus dem es jedoch trotzig knospte und sproß: das Wunder des Frühlings und der Selbstregeneration Gottes heiliger Gewächse. Hummeln im Tiefflug brummten über die Wiesen des Abteiparks. Gelblich-grüner Regen tropfte von aufgeräumten Weidenzweigen, auch die Gänseblümchen schauten wieder halbwegs zufrieden aus den safttankenden Rasenflächen. „Seit 1864 diente das heutige Bürohaus für rund hundert Jahre der Arbeitsanstalt als Frauenhaus für „Arbeitsscheue“, Diebinnen, Prostituierte und Trinkerinnen.“ Noch so eine historische Lehrtafel, unweit des Gedenksteins für die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt, auch Adenauer soll in einem offenbar nicht mehr existenten Trakt des stark an gängige Schulen erinnernden Gebäudes, von der Gestapo genutzt, eingesessen haben. Brauweiler, um die zentrale Abtei gruppiert, entpuppt sich als seltsamer Ort einer ewig im Aufbruch befindlichen Moderne, krude Bilderstöcke vis à vis Kondomautomaten, die ortsansässige Gourmet Lounge steht im Zeichen des Dönerkegels, im braunlichten Brauhaus rotieren die Münzspielautomaten, das San Remo bietet exotische Eissorten in chemisch-leuchtenden Farben, der Frauenfußball wird auf hohem Niveau gepflegt. Ich tastete mich dann noch durch den Dämmer der Abteikirche, die wie so viele rheinische Kirchen nach St. Nikolaus benannt ist, naiv gearbeitete Nischenheilige im Foyer, dem Schutzheiligen der Radfahrer steckte ich einen innigen Gruß und machte mich auf den Rückweg entlang der Landstraße.