Maas-Waal-Kanal (2)

II

Glücklicherweise gibt es am selben rechten Ufer, auf der Höhe des nicht weniger rechteckigen Viertels Neerbosch-Oost, noch ansprechende Lyrik im öffentlichen Raum, vom 2015 verstorbenen Dichter H.H. ter Balkt, einem der unbestritten wichtigsten Dichter der modernen, oder gar der niederländischen Lyrik überhaupt, der über Jahrzehnte in genau dem bescheidenen Viertel wohnte, dem er im stählernen Oktogon am Deich folgendes Gedicht widmete:

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Neerbosch-Ost

Unter den Quellwolken und den Flügelschlägen schwebt über
Neerbosch die Musik der Straßen; und von der Nachti-
gall nicht mehr … Öffne aber deine Ohren, und da hörst du die Mu-
sik, von Tango, Bolero, Zimbel und Mazurka.
Finklein zwitschern in den Hecken!
Der Boden der Stadt ist der Boden des Landes, und Luft
ist der Grund des Daseins!
Tschü, prr, weh und hüyet.
Dort wo die Stadt vom Wege abkommt, dort fangen die Dörfer an,
und Märchen fingen so immer schon an … Das Märchen des Fuchses
im Schnee im Waldstück des Barons, und ein Märchen war das
nicht.
Halb Windbö halb Rammbock ruft meine Stimme an einem Ufer
über die Bäume von Neerbosch hinweg: “Stillgestanden!” – hier ging doch
etwa einst Theofano, die Byzantinerin, als Kunst und Kul-
tur in Nijmegen blühten, auch wenn das nur 15 Jahre anhielt, als
es hier noch nicht das Jahr 1000 war.
Ja, unter den beringten Tauben und auch den unberingten
erklingen die Stimmen und wehen die Fuhren Staub!
Werfe die Türen zur Ferne auf, Neerbosch. Deine
zwei Supermärkte empfehlen deinen Gaumen.
Die Welt hat sich in ICH verwandelt, und das Land, in einem Mantel
aus Staub, hält eine Diät aus Wasser und trocknem Brot.
Ja, das Land ist Markt und Geschäft.
Aber egal wie die Gewinner gewinnen, die Vögel bleiben am Singen.
Ost oder West, Neerbosch-Ost das Beste erklingen lieblich und klar
die Sänge in Hecken und Hagen-

Der Name Neerbosch-Oost lässt schon erraten, dass es noch so etwas wie einen westlichen Teil gibt, und zwar Neerbosch selber. Die ehemalige Ortschaft wurde vom Kanalbau durchtrennt, der westliche Teil in den 1980ern noch vom Stadtteil Lindenholt verschlungen. Zur Erinnerung findet man an beiden Deichen, nur wenige Meter vom Ter Balkt-Gedicht entfernt, seit 2011 ein Werk des Künstlers Rob Sweere,

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das die bei vielen Bewohnern anscheinend noch quicklebendige Nostalgie nach dem ursprünglichen Zustand (den keiner selber erlebt haben dürfte) zum Ausdruck bringen soll, die genaue Stelle einer einst durchgehenden Straße anzeigend.

Von solchen Überlegungen unbeeindruckt, führt die Kanalfahrt weiter durch die Nijmegener Gewerbegebiete, wo man erleben kann, wie Schiffe verladen werden,

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bis hin zur (doppelten) Weurter Schleuse, nahe dem aus dem Verkehr gezogenen

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Kraftwerk, worauf schon in der ersten Folge meiner Waal-Erkundung eingegangen wurde.

Weurt selber, das linksufrige Dorf nebenan, gibt zu einem Stilbruch in meiner Schwarzweiß-Reihe Anlass, nicht weil es generell so umwerfend koloriert wäre, sondern wegen eines Privatgartens, der vor Farben nur so strotzt:

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Der Herr mit von Spinnengewebe heimgesuchten Brillengläsern, wohl als Fan der niederländischen Nationalmannschaft gedacht, ist ein einzelnes Beispiel aus einer Vielfalt farbenfroher Puppen (nicht nur menschlicher Gestalt, sondern auch tierischer, etwa ein Purzelbaum schlagendes Schwein) und weiterer Gegenstände, die auf geschätzten achtzig Quadratmetern ein lebhaftes Universum bilden, in dem übrigens auch Elvis Presley seinen Auftritt hat.

Sein Rheinkieselanzug führt unentwegt zum Kanaldeich zurück, denn umso näher ist jetzt der Waal. Auch am nördlichen Kanalende habe ich den Ventjager schon mal aufgenommen, aber es gibt ja noch andere Schiffe auf der Welt, darunter kein geringeres als den Neptun selber. Man könnte meinen, das hier ist doch nur

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die Nummer 2, aber es ist trotzdem nicht irgendein Schiff: Wegen einer Vielzahl umweltschonender Innovationen wurde dies Nijmegener Tankschiff 1997 mit dem Umweltpreis der niederländischen Schifffahrtindustrie ausgezeichnet, und so fährt hier ein wahrhaftiges Vorzeigeschiff am Containerhafen vorbei, sowie am Regelwerk der Schifffahrtaufsicht. Ich wäre allerdings gespannt, ob dort einer mitbekommen hat, was es denn mit dem hinterlassenen Klappstuhl auf sich hat. Denn nein, der Urenkel des Proviantbootbetreibers Karel van der Sluissen ist nicht vor Staunen wegen Neptun 2 umgekippt.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal berichtet er in einem Zweiteiler vom Maas-Waal-Kanal, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 1 handelte u.a. von dessen Erbauung und dem niederländischen Hang zum Quadrangulären.)

Maas-Waal-Kanal

I

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Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

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So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

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Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

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Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

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Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

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Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

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Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

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Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

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man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)

Die Brücke von Arnheim (2)

arnhem_die brücke von arnheim_2Die John Frostbrug über den Nederrijn ist in Deutschland über den Umweg Hollywood bekannt als “Die Brücke von Arnheim”. Benannt wurde die Brücke nach dem britischen Generalmajor John Frost (im Film dargestellt von Anthony Hopkins), der ihr Nordende mit seinen Fallschirmjägern im Rahmen der Operation Market Garden gegen eine deutsche Übermacht einnahm und zeitweise verteidigte. Heute überqueren in Arnhem vier Brücken den Nederrijn, der touristische Fokus liegt deutlich auf der John Frostbrug, die das Zentrum mit den südlich gelegenen Stadtteilen verbindet. Die pinkfarbenen Radler weisen auf den Giro d’Italia, dessen zweite und dritte Etappe dieses Jahr abwechselnd Start und Ziel in Arnhem und der am südlichen Rheinarm Waal gelegenen Nachbarstadt Nijmegen nahmen.

arnhem_die brücke von arnheimAm nördlichen Brückenende sind Schautafeln und ein Weltkriegsgeschütz aufgestellt, die über die Wendungen und Zerstörungen der Schlacht um Arnhem informieren.

arnhem_die brücke von arnheim_3Spiegelfragiler Brückenaufbau in den Scheiben eines Gebäudes an der Rijnkade, der Arnheimer Uferpromenade.

arnhem_die brücke_strichcodeAuf rätselhafte Weise applizierter Strichcode am nördlichen, im Wasser stehenden Stützpfeiler. Den Pfeiler zu sprengen war im Krieg ein Job, von dem keine Rückkehr eingeplant war.

Nijmegen (3)

nijmegen_mauerrotNijmegen ist, eine in rheinischen Höhen und Niederungen seltene Kombination, klassisch katholisch und zugleich politisch so rot, daß es, in den Niederlanden, als La Habana der Niederlande bezeichnet wird.

nijmegen_the non beingRund ein Viertel der Einwohnerschaft Nijmegens besteht aus Studenten, der akademische Grundanstrich äußert sich u.a. im derzeitigen Trend des Heideggerrauchens: dafür werden “Onto” genannte, zu zigarrenähnlichen Gebilden gerollte Buchseiten aus “Sein und Zeit” inhaliert, um danach zur Aktion überzugehen.

nijmegen_harter winterRhein wird in Nijmegen übrigens nicht gesagt. Der Nimweger und die Nimwegerin gehen eindeutig und ausschließlich an die Waal – der Rhein fließt (als Nederrijn) in der wenig geliebten, von der Anhöhe des Valkhofs in Sichtweite gelegenen Nachbarstadt Arnhem. In Nijmegens Innenstadt ist die Waal nicht sonderlich präsent, an der Waalkade, der Flußpromenade, ist wiederum plötzlich die unmittelbar angrenzende Stadt vergessen. In einer kleinen Torbogen-Unterführung, die Stadt und Fluß verbindet, lungern zwei Jugendliche, konsumieren Ontos und unterhalten sich in unfaßbaren Schachtelsätzen, die nachhallen, dieweil wir uns im Zickzackkurs durch das allgegenwärtige Backsteinrot auf den Rückweg machen. Zum Abschied grüßt, an dieser Stelle überaschend, der zugefrorene Fluß von einer Schautafel am Bahnhof, die so ungeschickt plaziert ist, daß wir auf die Umrandung eines Hochbeets steigen müssen, um an die dargestellten Informationen zu gelangen.

Nijmegen (2)

nijmegen_wilma graat“Zij de het weten komen hier haring eten” lautet der Slogan von Wilma Graat, einem von mehreren Fischständen auf dem Samstagsmarkt, wobei sich im Niederländischen “wissen” perfekt und bedeutungsschwanger auf “essen” reimt. Die auf dem Bild zu erblickende Heringsbox steht separat neben dem großen mobilen Laden mit Meeresfischauswahl, der zugleich, wie in den Niederlanden üblich, als Fischbraterei dient. Vor dem Wagen hat Wilma Graat drei Stehtische aufgestellt, eine Plane schützt vor Aprilwetterscherzen. Der Stand ist beliebt, die Kundenschlange reißt nicht ab: gemächlich aber stet wandern Fischbrötchen und Kibbeling-Portionen über den Tresen. Den für eine Fischhändlerin passend-unpassenden Namen Graat (deutsch: Gräte) faßten wir als Lockmittel auf, das Schicksal herauszufordern, nachdem wir auf Ko Tao einst beinahe an einer Gräte erstickt wären.

nijmegen_innenstadtHäufig kam uns zu Ohren, daß Nijmegen eher unter die häßlicheren Städte des Rheinsystems zähle. Den Eindruck können wir nicht bestätigen. Zwar existieren in den Niederlanden zahlreiche zurecht als attraktiver geltende Städte, doch bietet Nijmegen, das bisweilen ein wenig künstlich und an einigen Stellen wie aus Bauklotz-Sondereditionen zusammengesetzt wirkt, genügend angenehme Ecken und Perspektiven, insbesondere im Vergleich mit vielen deutschen Städten ähnlicher Größe. Bis vor wenigen Jahren noch soll das Zentrum voller häßlicher Flecken gewesen sein. Im April 2016 wirkt es wie neugemacht und frisch geleckt. Vielleicht weil Nijmegen sich auf den Radrennzirkus Giro d’Italia vorbereitet, der Anfang Mai für zwei Tage in der Stadt gastieren und insgesamt drei Etappen lang durch die umgebende Provinz Gelderland verlaufen wird. Zur Giro-Vorbereitung sahen wir bereits allerlei Klimbim wie die goldene Säule mit den historischen Siegernamen, das Trikotrosa des Führenden in der Gesamtwertung und lautstark kommentierte Langsamfahrwettbewerbe mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone aufblitzen.

nijmegen_babyheadDie verzweigte Fußgängerzone ist kräftig bevölkert, das Tempo ebenso gemessen wie die Freundlichkeit der Einwohner: Nijmegen präsentiert sich als wohltemperierte, an diesem Tag allerdings von untypischen Böen heftig gerüttelte Stadt. Beim Streifen durch Haupt- und Nebenstraßen werden wir unvermittelt aus einem unverhangenen Fenster beim Staunen bestaunt – innere Musik hebt an und alte Songzeilen gehen uns durch den Schädel: “Look out of your windows, watch the skies / read all the instructions with bright blue eyes” und “Old eyes in a small child’s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight’s brightness shuns”.

Nijmegen

nijmegen_bombardementIn Nijmegen lassen sich, über die Stadt verteilt, aus verschiedenen Anlässen offiziell applizierte Gedichte entdecken. Nicht so viele wie in Leiden, wo über hundert muurgedichten als integraler Bestandteil des öffentlichen Raums fungieren. Aber doch eine erstaunliche Anzahl: die ersten drei fielen uns bei der Anreise mit dem Bus von Emmerich ins Auge. In einem Schaufenster bei einer Bushaltestelle war großflächig die “Route Brandhaarden Bombardement Nijmegen 22 Feb 1944″ annonciert, mit Begehungsplan und drei Gedichten, die auf das Ereignis Bezug nehmen. Die Bombardierung der Stadt, die an die 800 Menschenleben kostete, ging von amerikanischen Lufteinheiten aus, die Nijmegen mit der deutschen Nachbarstadt Kleve verwechselten.

nijmegen_maulwurfEin Gedicht von Victor Vroomkoning ist auf einer Wandtafel an der Außenmauer der Stevenskerk anzutreffen. Es stellt den heldenhaften Widerständler “tegen een onmenselijke staat” als nachtaktiven, namen- und gesichtslosen Maulwurf dar, der sich selbst keinesfalls als Held versteht, dieweil er sein Leben für die Freiheit der Stadt einsetzt.

nijmegen_marikenMit Mariken van Nieumeghen befaßt sich das Gedicht des Belgiers Louis Paul Boon, der zu den bedeutendsten Autoren niederländischer Sprache der Neuzeit gezählt wird. Mariken ist eine aus dem Mysterienspiel (hier der vollständige Text) bekannte Figur der Stadtgeschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert. Nach einer Kränkung, die ihr zuteil wurde, verschreibt sich Mariken dem Teufel und sündigem Lebenswandel. Später findet sie auf den christlichen Weg zurück. Heute stehen gleich zwei Mariken-Skulpturen in der Nijmeger Innenstadt.

nijmegen_spielplatz“wij willen een handvol kinderen, wijn, en / een speelplaats flink door de zon afgerost” (Gedichtzeilen an einer Spielplatzmauer von Hans Lodeizen)

De Waal

nijmegen_waalWaalabbildung auf der Rampe eines Gastronomieschiffs

Waal lautet der niederländische Name des südlichen Rheinarms nach der Flußspaltung wenige Kilometer hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Erste große Stadt an der Waal ist Nijmegen (deutsch: Nimwegen), das auf ein Römerkastell zurückgeht und mit Maastricht um den Titel “älteste Stadt der Niederlande” konkurriert. Der Fluss begrenzte die Stadt lange Zeit im Norden, mittlerweile setzt sich Nijmegen zaghaft, aber deutlich erkennbar am nördlichen Waalufer fort. Drei Brücken überspannen die Waal auf dem Stadtgebiet, die jüngste davon, De Oversteek (Die Überquerung), wurde 2013 eröffnet: ihr Name soll u.a. an die Operation Market Garden der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs erinnern, die mit “A Bridge Too Far” von Hollywood mit großem Staraufgebot verfilmt wurde.

nijmegen_waalbrugPromenade und Waalbrücke

Das Waalufer ist in Nijmegen als Promenade angelegt, Caféterrassen, Gastronomieschiffe und ein staatliches Spielcasino bilden die Hauptattraktionen, das Verkehrsaufkommen auf dem Wasser ist erheblich, zwischen den nach Osten und nach Westen ziehenden Frachtern schippert De Pannenkoekenboot, ein Rundfahrtschiff, dessen Gäste mit dem Versprechen auf unbegrenzten Pfannkuchenverzehr gelockt werden. Vom Zentrum fällt der Blick gen Osten auf die direkt anschließende Naturlandschaft Ooijpolder, aus der wir während der Bus-Anfahrt Störche aufsteigen sahen, dieweil ein Hase sich ins Grün entlang der Straße duckte. Von Kribben getrennte Buchten reihen sich dort so weit der Blick reicht: die Natur beginnt nur drei kräftige Steinwürfe vom Zentrum der Großstadt entfernt.

nijmegen_brückenEisenbahnbrücke und De Oversteek

NIJMEGEN, GASTVRIJ und REFUGEES WELCOME steht in weißer Farbe weithin sichtbar auf die Flußpfeiler der Waalbrug gepinselt. Als sie 1936 eröffnet wurde, wies sie (wie es wohl kaum eine Rheinbrücke ohne irgendeinen Rekord gibt) die “größte Stützweite einer Bogenbrücke in Europa” auf. Vom Valkhofpark, der von der Uferpromenade über Treppen zu erreichen ist, läßt sich der Fluß noch besser überblicken. Aussichtspunkte bieten ein Münzfernglas und das Zitat “quem dabis haec possit qui dare cuncta locum” des Nijmeger Dichters Johannes Smetius (1590-1651), der beim Ersinnen des Verses ebenfalls am Geländer gelehnt haben mag wie 400 Jahre später nun wir plus gelegentlich auftauchende Touristen.

nijmegen_segwaySegway-Tourismus an der Waalkade

Zaltbommel: Schriftsteller und Gespenster

Ohne Händedruck geht’s nicht im Fußball. So läuft’s auch beim Zaltbommeler Amateurverein N.I.V.O.-Sparta, der größte der Region Bommelerwaard, der bald zu einem zeitgemäßeren Gelände wechseln wird. Ausrangierte Tore sind zur Seite gestellt, ausgemusterte Materialien, wie zum Beispiel die Korbwagen, sind käuflich zu erwerben; die Trainingsplätze hingegen werden nur von der Fläche her zurückgelassen. Der Graswuchs ist von solcher Qualität, dass man die Böden zur Grundlage der neuen Plätze abzugraben vorhat.

Solches Unterfangen wirkt schon fast, als wäre da ein einfallsreicher Schriftsteller mit im Spiel gewesen, und tatsächlich, Vorstandsvorsitzender des Vereins war über längere Zeit ein Schriftsteller – der später maßgeblich an der Errettung des Traditionsvereins FC Den Bosch (aus ’s-Hertogenbosch) beteiligt war, zu der Zeit, als sich dort ein junger Ruud van Nistelrooij im Mittelfeld versuchte.
Dieser Jan Schouten verfasste damals aber noch keine Belletristik, sondern einflussreiche Sachbücher zu Themen wie soziale Kompetenz, Management, später zum Rheinischen Kapitalismus; wirkungsvoller noch ist die von ihm mit gegründete Firma, die sich über die ganze Welt verbreitet hat, ohne dafür den Hauptsitz in der alten Kleinstadt am Waal aufzugeben.

Dieses Schouten & Nelissen bietet Trainingsprogramme zur persönlichen Entwicklung als Grundlage für erfolgreiche Unternehmen an. Erste Anregung dazu fand der Diplompsychologe Schouten bei Experimenten in englischen Kohlebergwerken, die belegten, wie sehr informelle Betriebsstrukturen das Wohlergehen der Mitarbeiter fördern. Wer seine persönlichen Möglichkeiten nicht nach Abteilungen abgeschottet sieht, entwickelt sich freier und findet sich im sozialen Umfeld bequemer zurecht. Schoutens Hauptanliegen war die psychotherapeutische Komponente; später stellte sich heraus, dass derart strukturierte Betriebsamkeit auch wirtschaftlich ertragreicher ist, eine Einsicht die mit zur Idee des Rheinischen Kapitalismus beitrug. Auch wenn dieser Begriff an die Wirtschaftsordnung der Bonner Republik gemahnt, könnte man schon fast meinen, dass er auf Zaltbommel am Waal zurückverweist – als hätten im ehemaligen Schulgebäude von Schouten & Nelissen Philips und Marx wieder zu einander gefunden.

Jan Schouten, der, wenn auch im Rentenalter, gerade wieder ein Online-Projekt mit Kursen für weniger Betuchte herausgebracht hat, wirkt bei persönlicher Begegnung als ein leidenschaftlicher, nichtsdestotrotz bescheidener Mensch. Sein öffentliches Werben fürs Training sozialer Kompetenzen als gesellschaftlich relevant ab den 1970ern rühre sogar daher, dass es ihm selber an solcher gefehlt habe. Seine auf die Außenwelt visierte, geschäftliche Laufbahn sei mit der Empfindung einer inneren Einsamkeit einhergegangen, deren Grillen im Kopf ihm nur literarisch zu bewältigen erschienen.
Da betrifft es nicht unbedingt persönliches Wirrsal. Sein 2015 erschienener zweiter Roman De aanjagers greift ein verdrängtes Kapitel der jüngeren niederländischen Geschichte auf. Die Heldin Maria hat sich in heutiger Zeit den Spätfolgen zu stellen, die ihr eine selber nicht erlebte tragische Liebesgeschichte aus den ersten Nachkriegsjahren eingebracht hat. Herbeigeführt war die von der “Operation Black Tulip”, als der niederländische Staat aus Rachegelüsten eine größtmögliche Anzahl deutscher Staatsbürger in Nijmegener und Arnhemer Transitlager zusammenzuführen und abzuschieben versuchte.
Dieses Schicksal traf nicht nur Nazis und Nazi-Mitläufer, sondern auch solche, die mehr oder weniger aktiv Widerstand geleistet hatten, von ihrem Umfeld nie als Deutsche wahrgenommen, oder gar als Juden in die Niederlande geflüchtet waren – so wie in Schoutens Roman der Fall. Insgesamt wurden 3691 Deutsche abgeschoben. Die damit einhergehenden, oftmals gravierenden Ungerechtigkeiten wurden u.a. vom Erzbischof Jan de Jong (zu Kriegszeiten führende Stimme des Widerstandes) angeprangert, was mit zur allmählichen Einstellung des Programms, sowie zum späteren Totschweigen geführt hat. Die Heldin aus Schoutens Roman, die sich betont als Frau von Welt durch die Geschichte bewegt, wirkt als Sinnbild einer Gesellschaft, die sich in Äußerlichkeiten verliert ohne sich der eigenen Schuld an Ausgrenzung von Unschuldigen stellen zu wollen – was Maria letztendlich doch noch hinkriegt, als Vorbild für viele im Hier und Jetzt.

Ein anderer Zaltbommeler Schriftsteller heiratete selber eine rumänische Jüdin mit deutschem Pass um sie vor Inhaftnahme zu schützen. Da lebte dieser Johannes van de Walle (1912-2000) aber noch nicht im Zaltbommeler Bau namens De Trippen von 1610,

sondern als Journalist in der niederländischen Kolonie Curaçao, wo 1940 deutsche Staatsangehörige vorsorglich inhaftiert wurden. Da Curaçao nie von den Deutschen besetzt wurde, dauerte ihre Haft bis zum Kriegsende, woraufhin sie in die oben erwähnten Transitlager verlegt wurden. Genauso hätte es der Frau Van de Walle ergehen können.
In den Jahren 1942-1946, als Van de Walle selber von der niederländischen Exilregierung beauftragt war, die Bewohner der damaligen Kolonie Surinam zu den Kriegsumständen in den Niederlanden aufzuklären, geriet er von der Kolonialherrschaft immer tiefer angewidert. Bei seiner Heimkehr in die Niederlande wurde ein von ihm verfasster Bericht, der fürs allgemeine Wahlrecht in den Kolonien plädierte, nicht dankend abgenommen. Mehr noch als zuvor in den Kolonien, wurde Van de Walle zum Fremden im eigenen Land.
Seine fünf, zwischen 1956 und 1963 erschienenen Romane setzen sich mit dem Kolonialismus auseinander, aus der Perspektive hellhäutiger Außenseiter heraus, die sich mit den Umständen zurechtzufinden versuchen. Mal betrifft es Missionare, mal Goldgräber oder auch Großgrundbesitzer zu Zeiten der Abschaffung der Sklaverei. Van de Walle wird nachgesagt, sein Schreiben mache auch den Leser zum Außenseiter: Dies hat ihm nur ein beschränktes Interesse der niederländischen Leserschaft eingebracht, die sich eh kaum um die Umstände in den westlichen Kolonien scherte. Dort hingegen wurde er fleißig gelesen. Eine Neuauflage seiner Werke in den 1990ern brachte ihm ein denkwürdiges Fernsehinterview ein, führte aber erneut nicht zu allgemeiner Anerkennung, auch wenn er von der Kritik als Vorläufer von Gabriel García Márquez geehrt wurde. So gilt es nach wie vor, ihn zu entdecken.

Ein dritter Schriftsteller hält sich zur Entdeckung in einer Zaltbommeler Dachrinne bereit.

Die Betonskulptur zeigt ihn voll konzentriert bei der Arbeit, der er über Jahrzehnte nachgegangen ist, bevor er sich in der Dachrinne zu Ruhe setzte. Hier ist tatsächlich keine Phantasiefigur dargestellt, sondern die reale Person des Amsterdamer Sportjournalisten Ed van Opzeeland. Als erster niederländischer Fußballreporter vertrat er der Meinung, Zeitungen sollten sich nicht mit der bloßen Wiedergabe der Ergebnisse wichtiger Spiele begnügen: So fuhr er 1956 nach Paris, als dort das erste Europapokal-Endspiel ausgetragen wurde. Keine niederländische Zeitung zeigte sich aber interessiert, dem von ihm verfassten Bericht (zu Real Madrid : Stade de Reims 4:3) in ihren Kolumnen Platz einzuräumen. 1966 war das schon anders: Da landete er seinen größten journalistischen Coup, als zum ersten Mal ein niederländischer Verein es in die zweite Runde des Europapokals schaffte. Nach dem legendären, bei dichtem Nebel ausgetragenen Spiel in Liverpool, wo Ajax Amsterdam den FC Liverpool 5:1 zu schlagen vermochte, fügte er seinem Interview mit Ajax-Coach Rinus Michels eigenständig den Satz “Fußball ist Krieg” hinzu, der dann über Jahre weltweit als der von Michels gemünzte Inbegriff der (mittlerweile ins Stocken geratenen) niederländischen Spielauffassung galt. Im Übrigen hat Van Opzeeland, Verfasser von mehreren Büchern zu Sportthemen und öfters mit dem berühmten Fotografen Ed van der Elsken unterwegs, auch den Namen “Studio Sport” ausgedacht, das niederländische Pendant des Aktuellen Sportstudios.

Sein eigenes Dachrinnenpendant ist ein Werk des Künstlers Joris Baudoin,

lange in Zaltbommel, jetzt im nahegelegenen Heerewaarden wohnhaft. Es ist auch beileibe nicht die einzige Betonskulptur, mit der Baudoin (auch gerne als Joris Beton bezeichnet) eine Zaltbommeler Dachrinne ausgestattet hat: Seit 1994 hat er so viele solcher “Rinnengespenster” (“gootspoken”) hergestellt, dass eine spezielle Wanderroute des örtlichen Fremdenverkehrsamts an ihnen entlang führt. Sogar tauchen sie mittlerweile auch außerhalb Zaltbommels auf, bis hin nach Deutschland und Frankreich.
Anregung zu seinen poetisch-skurrilen Betonüberraschungen fand Baudoin bei den üppigen Figuren, mit denen die gotische Sankt-Johannes-Kathedrale in ‘s-Hertogenbosch ausgeschmückt ist. Die eigenen werden von ihm immer nach Maß des jeweiligen Baus und Auftraggebers hergestellt, mit einer bunten Palette zufolge. So gibt es Affen, Beginen, spielende Kinder, einen Korbflechter, ein Nilpferd, einen Drachen, Cupido, Schilfgespenster, einen Zahnarzt, eine zeigende Frau, und und und – so wie auch diesen Fotografen,

der bei Instandsetzungsarbeiten etwas nach unten weggesackt sein soll. Sein Einfassen der Welt findet aber unabänderlich in der Rinne des Fotogeschäfts statt, wo Baudoin regelmäßiger Kunde war, als er täglich die Fortschritte beim Bau der Nijhoff-Brücke fotografierte: Aus insgesamt 700 Dias stellte er einen anderthalbminutigen Filmstreifen her, in dem sich die Brücke in Windeseile errichtet.
Solches Durchhalten bezeugt die präzise Vorgehensweise Baudoins. Ohne jede Menge Skizzen und genaue Überprüfung der gewünschten Stelle gibt es keine Rinnengespenster. Auch ist die Platzierung der Skulptur nicht immer ohne Gefahr:

Dieses vergoldete Ferkel zum Beispiel konnte Baudoin nur im Korb eines Mastwagens mit Todesverachtung an Ort und Stelle bringen. Das Schwein, eigentlich gedacht als Geschenk zum vierzigsten Geburtstag des Kneipeninhabers, ließe sich übrigens auch getrost als ein Prosit betrachten auf die Zeit bis 1933, als die Hauptverkehrsstraße zwischen Utrecht und ‘s-Hertogenbosch, mit Inbegriff der örtlichen Waalfähre, noch durch Zaltbommel lief. Zur Erholung der Reisenden gab es damals am Markt gute sechzig Kneipen, weit mehr als heutzutage noch der Fall.
So umrunden wir jetzt noch mal die Ecke in Richtung Waal, dort wo es die Fähre gab: Unterwegs begegnen wir einem weiteren Baudoin-Gespenst, angeregt von einer versuchten Plastiknachahmung auf dem Dach der Frittenbude “Restauratie Tigo”: ein Fußballer im Tenue des Nijmegener Eredivisionisten NEC, Lieblingsvereins des Inhabers. Auf Geheiß von dessen Ehefrau hat Baudoin dem einen NEC-Fan hinzugefügt. An Tigo-Fritten ißt der sich gerne richtig satt.

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Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Hier zum zweiten Mal das Städtchen Zaltbommel.
(Zum Flußgeschlecht des/der Waal eine kurze Anmerkung: die deutsche Wikipedia weist die Waal als weiblich aus. In älteren Quellen hatten wir zuvor nur den männlichen Artikel gefunden. In französischer und spanischer Sprache ist der niederländische Rheinfortsatz jeweils männlich. Im Niederländischen ist de Waal weiblich, die männliche Bezeichnung zugelassen, der niederländische Artikel lautet im Maskulinum und Femininum gleich.)

Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

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Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

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Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

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Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

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Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

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Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.

Latium im Land von Maas und Waal

Einer der unangefochtenen Klassiker der Popmusik auf Niederländisch ist “Het land van Maas en Waal” von Boudewijn de Groot, aus dem Jahr 1967. In diesem Lied, das damals nahezu im Minutentakt im Radio zu erklingen schien, zieht das Zirkus Jeroen Bosch, dem König von Spanien entkommen, über Gebirge und Hügel und durch den großen Wald ins Land von Maas und Waal. Was es genau mit der Anziehungskraft dieser Gegend auf sich hatte, wird aus dem Lied nicht so richtig klar, durch die bunte Schilderung der fröhlich fliehenden Truppe festigt sich beim Hörer aber eine Vorstellung betörender Lebhaftigkeit.

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Es war in der Tat ein bewegter Tag, als ich in Alem war: Der Fischwagen war wieder da, den ganzen weiten Weg aus Werkendam her. Kaum hatten beide Damen ihr Geschäft eröffnet, da kamen die Alemer schon herangeschwärmt. Und zwar aus gutem Grund, denn im Dorf gibt es weiterhin nichts Mittelständisches mehr, auβer einer Reihe Bed and Breakfasts. Gäste werden die im Januar wohl keine gehabt haben, so wie es auch auf den nahegelegenen Bootsstegen, trotz mehrerer Jachten, betagt zuging.
Das Wasser, im dem die Boote herumplätschern, ist übrigens nicht der Waal, sondern ein abgetrennter Teil des Maas: Am nördlichsten Punkt ist dies ehemalige Flussbett nur einen einzigen Kilometer vom Waal hinter den Bäumen entfernt.

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Bis 1935 befand sich Alem, jetzt nördlich der Maas, am südlichen Maas-Ufer: Die dann durchgeführte Kanalisation setzte den über Jahrhunderte üblichen Überschwemmungen ein Ende. Auβer bei Woudrichem, wo sich die Maas mit dem Waal zur Merwede vereint, ist das Land von Maas und Waal nirgendwo sonst so eng wie hier, auf der Alemer Halbinsel, fünfzehn Kilometer nördlich von ´s-Hertogenbosch, Heimat des Jeroen Bosch.

In meiner Tramperzeit gab es mal diesen jungen Deutschen, der meinte, das Initial-s stünde für “Sankt”: Ein heiliger Herzog ist aber nicht gemeint, hier geht’s lediglich ums Kürzel des bestimmten Artikels im Genitiv. Alem hingegen, so klein wie es ist, kann sich schon mit einer Heiligen brüsten. Seit dem 13. Jahrhundert war der winzige Fleck über Jahrhunderte ein richtiger Wallfahrtsort, zur Verehrung der St. Odrada, deren Reliquien dort bis ins 17. Jahrhundert aufbewahrt wurden. Die Heilige war der Legende nach eine Adelstochter aus dem belgischen Teil der Kempen, die ihr Leben Gott widmen wollte, es von der Stiefmutter aber unterbunden bekam, auf einer Wallfahrt mitzufahren, es sei denn, sie zähme sich ein wildes Pferd zurecht. Und wie das eben so geht, nahm sich das junge Mädel einen Lindenzweig, und gleich kniete ein schneeweißes Pferd vor ihr hin, auf dessen Rücken die kleine Odrada dann die zehn Kilometer zum Wallfahrtsort Millegem noch vor den Eltern zurücklegte. Dort entspross dem herrlichen Lindenzweig eine blühende Linde, und als Odrada sagte, dass sie dürstete, offenbarte sich ein Brunnen, der später im Ruf stand Augenkrankheiten zu heilen.
Bald aber erkrankte das fromme Wundermädchen selber. Ihrem letzten Wunsch zufolge wurde ihr Leichnam in einem holen Baum von einem Ochsengespann durch die Welt gefahren, um sie dort zu bestatten, wo die Tiere halten würden. Ihre postmortale Irrfahrt ging erst im 90 Kilometer nördlicher gelegenen Alem zu Ende, wo der Vater seiner Tochter zu Ehren eine Basilika errichtete.

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Die heutige katholische Kirche (hier rechts im Bild), die so-und-so-vielte an gleicher Stelle, wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Die Kirche links ist die ehemalige evangelische, wo jetzt ein Dachziegelmuseum beherbergt ist.
Es stehen in Alem mehrere Häuser zum Kauf angeboten. Ob diese Abtrünnigen den gleichen Weg verfolgen werden, wie eine Tochter des Dorfes im 19. Jahrhundert? Den wenigsten dürfte bekannt sein, dass diese Maria, in entgegengesetzter Richtung zu St. Odrada, über Rotterdam und Brüssel die letzten Jahre ihres Lebens in Monte Carlo verbrachte. Auch ihr moralischer Weg war dem des frommen Wundermädchens recht zuwider: Als brave Schneidertochter mutierte sie zuerst zur Bordellmodistin, später dann zur Bordellmadame. Ihre Tochter, sozusagen in gleicher Branche tätig, stellte sich im Verborgenen der Gestapo zur Wehr in Amsterdam. Diese wahre Begebenheit bildet die Grundlage eines eigenen Romanprojektes für die nächsten Jahre.

Wer von ´s-Hertogenbosch nach Alem gelangen möchte, muss letztendlich bei einem weiten Verkehrskreis nach rechts abbiegen. Die unmittelbar danebengelegene Ortschaft ist zwar winzig, aber immerhin der Ort, wohin alle Wege führen. Rome heißt sie nämlich, Rom also. Anzeichen eines Vatikans habe ich nicht erkennen können, aber man weiß ja nie, ob sich nicht doch der heutige Papst, der eben auf Bescheidenheit steht, im Geheimen dort niedergelassen hat (in Nachfolge der italienischen Ziegelfabrikarbeiter, die hier einst ihre Kolonie hatten). Leider fand ich erst später heraus, dass ich dann doch, zum ersten Mal in meinen Leben, in Rom gewesen war: So fehlen hier Fotos der heiligen Stadt.

Fährt man in diesem Latium geradeaus, gelangt man eineinhalb Kilometer weiter zum Dorf Rossum, wo aus einem Plaggenhüttenschornstein Rauch hervor zu qualmen scheint.

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Umso friedlicher ein solcher Anblick, wenn man bedenkt, dass der Ortsname eines der blutigsten Zeitfächer der niederländischen Geschichte heraufbeschwört: In diesem Ort befand sich das Stammschloss der Familie von Maarten van Rossum, Feldmarschall des Herzogtums Geldern im 16. Jahrhundert. Die Opferzahl seines Treibens lässt sich nicht mal annähernd beziffern: Plündern und Brandschatzen waren über gute dreißig Jahre hinweg seine bevorzugte Strategie beim verzweifelten Versuch des Herzogs, sich entgegen den Habsburgern noch als selbstständige Territorialmacht zu behaupten. Dabei umfasste das Herzogtum nicht nur die Stadt Geldern und direktes Umland, sondern auch die heutige niederländische Provinz Gelderland, zu der Rossum immer noch gehört.

Geldern ging letztendlich leer aus. Nicht nur kam das Herzogtum dann doch an die Spanischen Niederlände, beim Frieden von Münster erfolgte sogar noch die endgültige Spaltung. Trotz des unrühmlichen Ausgangs werden die verheerenden Feldzüge des Maarten van Rossum allgemein als Vorspiel des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier im Achtzigjährigen Krieg bewertet. Niederländer meiner Generation haben den Feldmarschall wohl eher als reinen Schurken in Erinnerung, der 1969er Fernsehserie Floris zufolge (Sprungbett für Rutger Hauer und Paul Verhoeven), in der er der böse Hauptgegner des blonden holländischen Ritters Floris ist.

An sich natürlich erfreulich, dass das heutige Rossum nicht die geringste Spur eines Blutvergießens aufzeigt, man kann’s aber auch übertreiben: Bis ins letzte Detail scheint alles zum vorgeschobenen Posten Brabanter Gemütlichkeit aufpoliert. Frisch und säuberlich wirkt hier alles Nostalgiebeladene. Entsprechend betrifft es da, wo der Rauch aus dem Schornstein hervorqualmt, umso weniger eine Plaggenhütte, sondern den (vom Waal-Deich her aufgenommenen) Dachfirst eines riesigen alten Hofes, der vor in Stand gesetzter Wohlhabenheit nur so strotzt. Ihm gegenüber befindet sich eines jener Geschäfte, die sich in zunehmendem Masse über die Niederlande verbreiten: Ein Trödelladen nach französischem Muster, eine sogenannte brocante, wo noch die hässlichsten Möbel aufgefrischt als Gartenperlen von der Hand gehen.

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Etwas weiter begegnet man einer DHL-Station, so wie sie mir in den Niederlanden bislang nirgendwo auffiel: Links und rechts der Straße stehen gute zwanzig gelbe Lieferautos beisammen, wohl damit man nicht außer Auge verliert, sich im Jahrhundert der Internetbestellungen zu befinden, oder aber, als müsste das Band zu Geldern doch noch auf der Schnelle hergestellt werden. Das ginge übrigens auch mit einem der Sportwagen, die man sich beim dazugehörigen Autohändler besorgen kann. In Rossum kauft man Porsche oder MG. Irgendein Abweichler fährt in einem Auto herum, als wäre das Zirkus Jeroen Bosch gerade unterwegs. Das aber war das After Party Hotel.

Da wagen wir lieber einen Blick über den Waal, wäre es nur zum Verweis aufs Werk des schon mal erwähnten Malers Willem den Ouden, wohnhaft im nahegelegenen Dorf Varik, am anderen Flussufer.

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Auf meine Anfrage für ein Treffen wurde leider nicht reagiert, der Künstler ist aber auch nicht mehr bei bester Gesundheit, und zu Fotografen hat er sich eh schon mal negativ geäußert. Aber immerhin, gute fünfzig Jahre lang widmete er seine Kunst der Waal-Landschaft, gab er sich ausgiebig dem wechselhaften Spiel von Wolken und Sonne hin. Auch wenn seine Werke hin und wieder ins allzu Mystische abwandern, bezeugen sie, darunter besonders seine Zeichnungen, der vielgestaltigen Unermesslichkeit der Natur alle Ehren (sei es natürlich ohne Hochspannungskabel, wie im Foto).
Im Einklang damit machte er sich, zusammen mit dem Amsterdamer Dichter Willem van Toorn, einen Namen als vehementer Kritiker der Deichmodernisierungsmaßnahmen. Dies wurde ihm nicht dankend abgenommen, als die Region 1995 vom rasant angestiegenen Wasserpegel arg bedroht wurde. Der endgültige Entschluss ist noch fällig, aber es liegen schon Pläne bereit, in den nächsten Jahren genau bei Varik eine weitere Nebenrinne, wie bei Nijmegen, einzurichten. So wächst zur Sicherheit des Zirkus Jeroen Bosch ein Land von Maas und Waal und Nebenrinnen heran.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal auf den Spuren eines niederländischen Schlagers. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Dodewaard

Auf einer Rheinkreuzfahrt war ich noch nie.
dodewaardDaher kann ich unmöglich sagen, was unterwegs so alles verkündet wird, wenn das Schiff an jenen gestreiften Betonbauten vorbeifährt, gegenüber vom Dorf Deest. Vielleicht wird auf Nostalgie erpichten Fahrgästen sogar vorgemacht, es würden dort Schilfrohrprodukte gelagert. Denn der Rohdachdeckerbetrieb ist ein traditioneller Geschäftszweig in der Region, heutzutage besonders gefragt unter solchen, die es sich leisten können. Wenn dort etwas zum Trocknen gelagert ist, dann wohl eher das Gebäude selber, nichts Geringeres als ein monumentales Auslaufmodell: In dreiβig Jahren soll es abgerissen werden, zugunsten freier Naturentwicklung. Fürs abgeschaltete Atomkraftwerk Dodewaard sieht es trüb aus.
dodewaard_2Aktiv seit 1969, war es nie an vorderster Stelle Stromversorgungsanlage, sondern diente vor allem Forschungszwecken. Auch wenn es dem Stromnetz angeschlossen war, stellten sich die Betriebskosten als weit zu hoch heraus, um die erzeugte Elektrizität wettbewerbsfähig zu machen. Das recht kleinformatige Werk war ein Exemplar des relativ seltenen Siedewasserreaktortyps. Das zum Turbinenantrieb benötigte Wasser wurde über den betriebseigenen Hafen, dessen Benutzung Privatpersonen immer noch verwehrt ist, dem Waal entnommen, und floβ dann über diesen Weg auch wieder in den Fluβ zurück. Die dazugehörigen Anlagen sind beide noch da.
dodewaard_3Der ursprüngliche Luftschacht des Werkes ist hingegen abgerissen worden. So sieht es jetzt um einiges schlichter aus, als wofür die vereinten niederländischen Nuklearforschungsinstitute den Entwurf auf ihrer Webseite immer noch anpreisen. Schlicht wie er ist, stelle er ein leuchtendes Vorbild für eine ganz neue Atomkraftwerkegeneration dar. Blöd nur, dass es diesen einen Zwischenfall namens Siedewasserreaktor Fukushima gegeben hat.

Da hatte Dodewaard aber schon lange ausgedient, nachdem es eine entscheidende Rolle im niederländischen Verhältnis zur Atomkraft gespielt hatte. Die niederländische Anti-AKW-Bewegung der 1970 fokussierte sich zuerst auf den schnellen Brüter in Kalkar und die Urananreicherungsanlage in Almelo. Enttäuscht über die Wirkungskraft des Protestes entschlossen sich dann Gruppen aus Arnhem und Nijmegen, sich auf die Anlage in Dodewaard zu konzentrieren und weit aggressiver vorzugehen.
dodewaard_4Oktober 1980 kam es zu einer Blockade. Wenngleich sich 15.000 Menschen daran beteiligten: Die übergroβe Mehrheit hielt die barsche Wetterlage und die weite Entfernung zwischen eigenem Zeltlager und dem von der Polizei hermetisch abgeriegelten Kraftwerk nicht allzu lange aus. Der Protest versickerte. Das lief im September 1981 ganz anders. Es versammelte sich eine ungefähr gleich groβe Menge: Jetzt aber hatte man das Zeltlager weit näher ans Kraftwerk gerückt, und auch das Wetter zeigte sich wesentlich freundlicher. Das Ganze schien eine Zeitlang friedlich abzulaufen. Dann versprühte die Polizei aus nie geklärtem Grund Tränengas in die Menge. So kam es zu einer wahrhaften Schlacht, woran sich auch vom Bürgermeister Dodewaards herbeigerufene rechte Schlägertrupps beteiligten. Nach drei Tagen entschloss sich die Anti-AKW-Bewegung zum Abbau der Blockade. An der kurz darauf in Arnhem folgenden Demo gegen Atomkraft und Polizeigewalt nahmen 45.000 Menschen teil: Sie stellte sich als entscheidender Wendepunkt heraus.

Nach einer breiten, von der Regierung ausgeschriebenen, gesellschaftlichen Kernenergiediskussion, wurde 1986, kurz vor der Tschernobyl-Katastrophe, das endgültige Aus für Dodewaard beschlossen. 1997 abgestellt, sogar sieben Jahre eher als geplant, wurde das Werk bis 2003 inwendig gereinigt, geräumt und verriegelt. Wenn alles nach Plan läuft, soll es 2045 am Bau keine Spur von Radioaktivität mehr geben, damit er zum Abriss freigegeben, das Grundstück der Natur überlassen werden kann.
dodewaard_5Ob es dazu kommen wird, ist mittlerweile allerdings fraglich. Die Verwaltungsfirma (an der u.a. E.On partizipiert) hat, so wie es aussieht, die gesetzlichen Vorlagen missachtet und für die Demontage finanziell nicht ausreichend vorgesorgt. Ein älterer Dorfbewohner, der mir auf dem Parkplatz vor dem Werk begegnet, erzählt, vor kurzem sei die Überwachungsanlage vollends umgestaltet und ausgeweitet worden. Beim geringsten Verdachtsmoment, auch wenn nur Kinder herumspielen, seien Wachleute innerhalb dreiβig Minuten zur Stelle: Ihn würde nicht wundern, falls doch darauf abgezielt würde, einer Demontage zu entgehen.
Ob er sich dann auch wieder von Kernenergiegegnern bedroht fühlen wird, so wie von denen, die, seiner Erinnerung nach, damals die Häuser ringsherum stürmten, an Türen und Fenstern herumpolterten? Dass man vielleicht Zuflucht vor Polizeigewalt suchte, dürfte er, klarer Atomkraft-Befürworter, weggesteckt haben. Die neue Generation scheint sich ohnehin weniger um solche Szenarien zu scheren.
dodewaard_6In nächster Nähe zur geschichtsträchtigen Industrieruine hat sich ein Baby zur Welt gemeldet. Vorangeschoben wird es von der älteren Schwester, begleitet von Vati und Mutti: Es wird gelacht. War da was? Mit den Nachbarn unterhält man sich zur Flüchtlingsproblematik.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des stillgelegten niederländischen Kernreaktors Dodewaard. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Die Brücke von Ewijk

Gute zehn Kilometer stromabwärts von Nijmegen findet sich eine Grazie. Sie ist aus Beton. Verbindet sich aber teils mit einer anmutigen Landschaft, in der üppige Weiden sich am Wasser vergnügen, fast als hätte es nie Menschen gegeben, die sie hätten kappen wollen. Und als gäbe es nirgendwo auch nur das geringste Zeichen menschlichen Eingreifens. ewijkDem ist in der Wirklichkeit natürlich nicht ganz so: Den Weiden begegnet man an einem kleinen See im Deichvorland, Teil eines Naturschutzgebietes namens Beuningse Uiterwaarden. Bis vor 25 Jahren jedoch bestand dieses Areal, das sich von der westlichen Stadtgrenze von Nijmegen her über zehn Kilometer entlang des Waal erstreckt, noch aus ökologisch geringwertigen Weideland. 1989 wurde es dann abgegraben und umgekrempelt um dem Fluβ mehr Freiraum zu bieten, so wie gleichzeitig der Natur neue Entwicklungsmöglichkeiten (auch wenn dabei Interessen hin und wieder auf einander prallen: Schutz einer besonderen Salamander-Art vs. Klimawandelmaβnahmen) und den urbanen Menschen Erholungschancen.
Denen ist ein freier Zutritt gestattet, den man wenn erwünscht über die Betongrazie erwirbt. Sie ist nämlich eine Brücke, und zwar die Verkehrsbrücke zu Ewijk. Betrachtet man sie von östlicher Seite her, fügt sie sich geschmeidig in die Landschaft, als wären die beiden seit jeher für einander gemacht worden. Von westlicher Seite her, wo noch die Nutzlandschaft vorherrscht, erscheint sie wie von solcher Zweisamkeit ein Herold, Mahnzeichen für schutzbedürftige Naturschönheit. ewijk_2Eine Brücke bleibt aber immer ein Zweckgebäude. Um sich als solches umso besser zu behaupten, wird sie jetzt (zum ersten Mal seit ihrer Eröffnung 1976) einer weitreichenden Renovierung unterzogen, was aus deutscher Sicht, gewohnt die eigenen Brücken zerfallen zu sehen, wie eine Märchengeschichte aus irgendeinem Schlaraffenland erscheinen dürfte. Es kommt aber noch romantischer. Die ursprüngliche einige Brücke ist nicht länger einsam: Jetzt liegen zwei neben einander, ewijk_3und zusammen tragen sie einen Namen, der sogar auf die historische Bedeutung der ganzen Region verweist: die Tacitusbrücke. Tacitus nämlich berichtet in seinen Historien vom Aufstand der Bataven, ringsherum des heutigen Waal angesiedelt, die gegen die Römer aufbegehrten. Dieser Aufstand breitete sich aus über die ganze Region rundum Noviomagum (Nijmegen) und Colonia Ulpia Traiana, (Xanten). Die Geschichte wird von Tacitus aber nicht zu Ende erzählt: Sie bricht ab an einer ehemaligen Brücke, wo Delegationen der beiden Kriegsparteien sich zu einem Abkommen begegnen.
Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt ist sie endlich wiederhergestellt, diese Brücke. Damit auch der Verkehr wieder ungehindert flieβen kann, ewijk_4über diese wichtige Verbindung zwischen Nord und Süd: keine Staus mehr, wie es lange der Fall war. Darüber hinaus ist die Konstruktion der ersten Brücke erneuert und befestigt worden, wo sie doch zu zerbrechen drohte. Und wer sieht denn schon gerne so nah an einem Naturschutzgebiet eine ganze Herde Autos ins Wasser donnern? Die ganze Neugestaltung der Brücke soll für 30 Jahre reichen, wobei natürlich zu hoffen ist, dass sich der Verkehr in Zukunft in Grenzen hält, denn sonst bräuchte man vielleicht irgendwann ein drittes, zusätzliches Teil.
Und die Abgase, und wie steht es um den Klimawandel? Ach, der Fluβ hat eben mehr Freiraum, wenn auch nicht uneingeschränkt. Sowohl stromaufwärts wie auch stromabwärts wird, genauso tüchtig wie an der Brücke selber, an den Buhnen herumgewerkelt. Auch die werden näher ausgebreitet und befestigt, westwärts dabei von weidenden Kühen moralisch unterstützt: Wasserwerke ewijk_5und Viehstapel, holländischer geht’s kaum. Nur, was dürfte jenes unscheinbare, gestreifte Gebäude am Ufer gegenüber wohl auf sich haben? Wenn es auch sieht wie irgendeine Lagerhalle, hat es, noch keine fünf Kilometer von der Tacitusbrücke entfernt, weitreichende Bedeutung für die jüngste Geschichte der Niederlande. Die Wildgänse, die sich zu dieser Jahreszeit wieder sammeln in der Region, kümmert es nicht: Auch die zahmen Gänse des linken Ufers sehen es sich ohne Aufruhr an, als wäre das Kapitol sicher wie eh und je. ewijk_6Es hat aber mal Zeiten gegeben, wo am rechten Ufer Menschenmassen kundtaten von der Angst, die Sicherheit der Niederlande wäre von gestreiften Bauten bedroht.
Darüber mehr im nächsten Beitrag.

(Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal in Text und Bild. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Gentrifizierung des Waals: über die neue Nebenrinne in Nijmegen

nebenrinne Besonders gefährdet vom Klimawandel sind, wer hätte anders gedacht, die Niederlande. Nicht nur aufgrund des ansteigenden Meerespiegels, sondern auch wegen der zunehmenden Chance, dass Rhein und Maas gröβere Wassermengen als je zuvor ins Land bringen dürften. Daher wurde vor einigen Jahren ein umfassendes Wasserbauprogramm beschlossen, das verheerenden Fluβüberschwemmungen vorbeugen soll.

nebenrinne_2 Wenn es um den Rhein geht, wäre Nijmegen die erste Stadt, die solcher Gefahr ausgesetzt ist. Der Waal macht dort eine scharfe Kurve, verengt sich obendrein. Wie malerisch dies auch immer aussehen mag, es stellt gleichzeitig eine erhebliche Gefahr dar. Der untere Teil der gröβtenteils am linken Ufer gelegenen Stadt hat schon mehrmals Überschwemmungen erlitten: Was wäre, wenn noch weit massivere Wassermassen auf ihn zukämen?

nebenrinne_3 Um dem zu trotzen, wurde in den letzten drei Jahren der Deich am rechten Ufer 350 Meter nördlicher verlegt, die dortigen Obstbäume und Gewächshäuser fielen dem Programm zum Opfer. Der bisherige Hauptdeich und die zugehörigen Landstreifen wurden zur Insel, indem man eine Nebenrinne ausbaggerte, die dem Fluβ mehr Freiraum zu bieten hat. Insgesamt neigt sich jetzt das Projekt dem Ende zu: Anfang Dezember dieses Jahres soll es fertiggestellt sein.

nebenrinne_4 Es wäre dann annähernd der Zustand wiederhergestellt, wie er vor Jahrhunderten gewesen sein muss: Bevor Deiche und Buhnen den Lauf des Wassers einzudrängen anfingen, bestand der Fluβ hier aus mehreren mäandernden Rinnen. Aus Mäandern wird aber nichts mehr werden: Nicht nur aufgrund des Deiches, sondern auch weil das Ufer des mittleren Teils der Nebenrinne gänzlich zugepflastert sein wird. Dieser Teil hat an Tagen, an denen der Rhein die Stadt bedroht, als Auffangbecken zu dienen, bietet aber in friedlicheren Zeiten der Vergnügungsschifffahrt Raum. Das bepflasterte Ufer wirkt wie ein geglättetes Amphitheater, schon fast als ein Verweis auf die römischen Ursprünge der Stadt.

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Um die Nebenrinne selber herum entwickelt Nijmegen ein neues, zeitgemäβes Gesicht. Auf dem heutigen rechtsrheinischen Areal, erst 1998 an die Stadt gezogen, weil es innerhalb der damaligen Stadtgrenzen kaum Raum gab sich noch auszubreiten, ist mittlerweile ein architektonisch abwechslungsreicher Stadtteil entstanden. Zur Entlastung der östlichen Straβenbrücke aus den 1930ern wurde im Westen eine fast harfenähnliche, weitere Waalbrücke erbaut.

Das nahegelegene Kohle-und-Biomassekraftwerk am linken Ufer soll 2016 ausgemustert werden, zugunsten eines umfassenden Projekts zur nachhaltigen Stromerzeugung. Auf dem ehemaligen Gewerbegebiet nebenan entsteht ein weiteres neues Wohnviertel, dessen Hauptblickfänger das gewagte Etagenhaus, zwischen Eisenbahnbrücke und Hafen, sein wird. Hinterm ehemaligen Gewerbegebiet gibt es jetzt noch so etwas wie das alte Arbeiterviertel Waterkwartier. Von der Gentrifizierung des Waals wird es allmählich eingefangen werden. Es wird alles so hübsch. Absolut. Alles wird dem Genuss der vollendeten Formen dienen, mitsamt Bistros und was es nicht noch alles gibt. Teils dank des Klimawandels wird man sich um den Waal herum satt vergnügen können, auch wenn vorerst noch geschuftet wird.

(Bilder und Text für rheinsein von Lucas Hüsgen. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

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Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

De Rijn: een tochtje naar de hoofdstad

Amsterdam, waterrijke stad, deels gebouwd op hout uit het Schwarzwald, is rijkelijk voorzien van bruggen. Maar de stad met de meeste bruggen van Europa ligt aan de rivier waarover dat hout naar hier kwam: de Rijn.
Bruggen kun je opvatten als metafoor: voor de rol van mythen, geschiedenis, cultuur, als constructies van menselijke betekenissen, terwijl het stuk natuur zijn gang gaat. Daarom houd ik hier aan de hand van een paar Rijnbruggen, begeleid door eigen foto’s, een vertelling over de Rijn als mythe in het heden, vervlochten met politiek en toerisme, voort stromend naar de toekomst.

Toegegeven, voor het meest mythische deel van de Rijn is dat niet de meest geëigende aanpak: tussen Mainz en Koblenz heb je er, afgezien van de bijbehorende stadsbruggen, helemaal geen. Maar dat betekent niet, dat dat oord van zwelgende romantiek, tussen zijn steile bergwanden met wijngaarden, probleemloos op zijn plek ligt. Het valt niet op, als je er doorheen treint. Er zijn echter steeds meer mensen die het helemaal niet fijn vinden, dat jij dat doet; die er niet van genieten, dat er vierentwintig uur per dag doorheen wordt getreind, niet alleen door mensen, maar vooral ook door goederen. De Betuwelijn draagt in ernstige mate bij aan de inmiddels continue overlast in het dal van de Mittelrhein, waar het geluid zo heerlijk hangen blijft. Menigeen in die smalle stadjes hoopt diep in zijn hart, dat de schone maagd op de Loreley de treinmachinisten dermate betovert, dat die stomweg oplossen in de woeste baren van het brede water. Of, variërend op Heine’s Loreley-gedicht, waarbij het minstens goed is om te weten, dat ‘Schaffner’ het Duitse woord voor ‘conducteur’ is:

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schaffner und Bahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.

Daar gaat het niet van komen. Zo kun je slechts actie voeren – en dat gebeurt, onophoudelijk, maar met weinig kans op succes: de Rijn als oord van voort tuffende scheepvaart is voor de snelle wereld te langzaam. Het leidt tot de bittere ironie, dat het als ecologisch meest verantwoord beschouwde vervoersmiddel, de trein, die oude plaatselijke idylle van samenleven tussen mens en natuur almaar verder ondergraaft. En de mensen kunnen niet weg: zij raken hun huis aan de spoorbielzen niet kwijt. Ze zitten gevangen in een idylle, die je enkel toeristen toewenst. Maar ook die hebben, met al die herrie op de hotelkamer, er steeds minder trek in.

Ze tijgen misschien noordelijker, zoals wij, naar zes, welbeschouwd: zeven, bruggen, in drie staten van voltooiing. We treffen als eerste een bouwwerk dat heel wat van die treinen naar het Rijndal ziet passeren.
Tegelijkertijd werpt zijn naam een gestrenge schaduw over het imago van het Rijnland als oord van gemoedelijkheid en lossere levensstijl: de Keulse Hohenzollernbrücke.
De naam verwijst naar die ene dynastie die het keurvorstendom Brandenburg opstootte in de vaart der volkeren, om dan als koninkrijk Pruisen vanaf 1871 de Duitse keizer te leveren. De eerste van hen, Willem I, ziet u links te paard.
De oude vrije rijksstad Keulen, in 1815 na een Frans intermezzo toegevallen aan Pruisen, werd rap tot vesting omgebouwd, vanuit de gedachte dat het Rijnland ‘de eerste beschermingswal voor de Duitse vrijheid en onafhankelijkheid’ vormde. Dat kreeg eens te meer vorm, zodra de Hohenzollern de keizerstroon bekleedden, en Duitsland, onder rijkskanselier Bismarck, voor het eerst in de geschiedenis tot een staatkundige eenheid werd omgesmeed. Het was de tijd waarin het lied ‘Die Wacht am Rhein’ hoogtij vierde, met zijn roemruchte regel ‘Lieb Vaterland, magst ruhig sein’. Het bolwerk Keulen moest in hoge mate tot die zielenrust bijdragen. En om juist daar de grootsheid van de Duitse cultuur te beklemtonen, werd eindelijk die enorme, onvoltooide gotische kerk afgebouwd, de welbekende Dom, pal aan brug en Hauptbahnhof gelegen.
De komst der Pruisen bracht Keulen een gestrengere mentaliteit dan men er gewoon was. De al sinds jaar en dag bestaande uitlaatklep, geheten carnaval, greep eens te meer om zich heen, aanvankelijk via het uitdagend dragen van Franse uniforms. De Pruisen deden alles om het carnaval te reguleren, maar de bijbehorende vrijheidszin liet zich niet zomaar beteugelen: ze waaierde uit over het Rijnland. Diezelfde wieg van het Rijnlandse carnaval groeide na de Tweede Wereldoorlog uit tot een van de meest liberale steden van Duitsland, zeker ook op cultureel gebied. Al heeft Keulen op dat punt door de opkomst van Berlijn aan betekenis ingeboet, de statusverandering van militair bolwerk naar levendig oord van samenkomst uit zich tegenwoordig minstens nog aan de Hohenzollernbrücke. De hekken tussen spoor en fietsgedeelte worden opgesierd door vrijelijk op te hangen liefdessloten: fietssloten, waarmee paartjes hun verbondenheid uitdrukken.

Zulke staalharde gevoelswarmte geldt in Keulen niet per se voor die andere stad in het Rijnland, waarvan de twee voornaamste, identieke, Rijnbruggen tegenwoordig heel Noordrijn-Westfalen representeren, door hun dagelijks verschijnen in het decor van het WDR-nieuwsmagazine Aktuelle Stunde. Een ervan ziet u hier, gefotografeerd vanonder de ander:
03_rijnbruggende Rheinkniebrücke van Düsseldorf, de Verbotene Stadt, zoals Keulen en Düsseldorf elkaar noemen. Dat gekibbel vindt zijn oorsprong in een van de verkeersknooppunten te Düsseldorf: de Worringer Platz. Worringen was een vlek ter plekke van het plein, waar in 1288 een boerenleger onder graaf Adolf von Berg de Keulse bisschop versloeg, met als resultaat dat het nabije gehucht aan het beekje de Düssel stadsrechten verwierf. Sindsdien is het nooit meer goed gekomen tussen het aloude Keulen en het omhooggevallen dorp, dat bovendien pas rond 1700 wat voor te stellen begon: keurvorst Johann Wilhelm II von Jülich-Berg, op zijn Düsseldorfs Jan-Wellem, legde toen de grondslag voor het moderne Düsseldorf, zowel economisch als cultureel. Ook het voornaamste stadspark, de Hofgarten, is aan hem te danken. Het legde de basis voor de negentiende-eeuwse uitbouw als ‘Gartenstadt’, terwijl de stad ook anderszins zijn vleugels uitsloeg, op een wijze die zich de huidige bezoeker niet eens kan voorstellen.
Die weerklinkt ook niet direct in het ene stuk muziek, dat Keulen en Düsseldorf met elkaar verbindt: de Derde Symfonie van Robert Schumann, bijgenaamd de Rheinische. Schumann schreef zijn stuk in 1851, juist aangesteld als stedelijk muziekdirecteur te Düsseldorf. Inspiratiebron vormde de op dat moment nog niet voltooide Dom van Keulen. De daaraan ontleende sfeer van goedmoedige levensvreugde, ondanks de duistere momenten uit het derde en vierde deel, verleende de symfonie zijn bijnaam. Maar al snel werd Düsseldorf ook de stad van duistere momenten, van vierentwintiguurs-arbeid, met name in de staalindustrie. Ze zijn nagenoeg allemaal weg, maar ooit stond Düsseldorf vol met fabrieken, en daar werkten mensen uit allerlei streken, tegen karig loon, in weinig florissante behuizing. Waar Düsseldorf van de ene kant de stad was van de burgerij, het hogere kader, de fabrieksdirecties, de culturele sector, was ze van de andere kant ook sterk proletarisch. Nog altijd bestaat die scheidslijn: het noorden is het deel met de meeste toeristische aandacht, het deel van de Rijnpromenade met zijn terrassen en Lufthansa-reclamevlaggen, met de moderne architectuur van de Medienhafen, met de Altstadt, die zich op de borst klopt de langste kroegtoog ter wereld te zijn, met zijn musea en galeries en zijn altijd wat sjieke gemoedelijkheid, alsook de ietwat prijzige Königsallee.
Het zuiden is gemiddeld armer: het begint pal achter Hauptbahnhof, met de wijk Oberbilk. Ga van het welgestelde Oberkassel, aan de overkant van de Rijn, naar Oberbilk, en je hoeft maar naar de gevels te kijken om het verschil te zien. Het oude communistische en anarchistische bolwerk Oberbilk, oord van de bloedig neergeslagen Spartacus-opstand van 1919, dan gepaaid met volkstuinen en een centrale drankenkiosk, maakte later mee, dat de geallieerde bommenwerpers de fabrieken spaarden, de huizen echter aan flarden schoten. In de jaren nadien was het ach zo gemoedelijk Rheinische stadsbestuur uitermate laks met de wederopbouw van die wijk vol minder prestigieuze vreemdelingen. Pas de laatste jaren wordt de schade ingehaald, al zal het moderne gerechtsgebouw op de plek van de als laatste buiten werking gestelde staalfabriek niet meteen het gevleugelde gezegde van oude Oberbilkers tenietdoen: ‘In Düsseldorf war ich schon lange nicht mehr.’

Dertig kilometer noordelijk is het probleem van uitgewiste industrie nog wat radicaler: in Duisburg, de stad met de meeste bruggen van Europa, een goede 700. Een ervan is kapot, maar dat komt niet door de Tweede Wereldoorlog.
04_rijnbruggen Het oude bruggenhoofd, met zijn burchtachtige uitstraling, werd pas echt toonbeeld van vooruitgang, toen het van zijn spoorbrug werd ontdaan, die vanaf 1873 de huidige wijken Rheinhausen en Hochfeld met elkaar verbond. In Rheinhausen, ginds aan de linkeroever, stichtte ietwat later de familie Krupp het Hüttenwerk Rheinhausen, binnen de kortste keren het grootste hoogovens-complex van Europa, gelijk opgaand met de razende ontwikkeling van Duisburg als geheel. Al snel voldeed de brug niet meer, waarop ze in 1927 werd vervangen door die ernaast, al is dit de derde versie, in 1949 aaneengelast op basis van restanten van de eersteling, zelf in 1945 opgeblazen door de zich terugtrekkende Duitse troepen. Het provisorische karakter ontgaat je niet, als je het bijbehorende fietspad neemt. Reis je er dan met de trein overheen, ben je er wat minder gerust op.
Al geldt die slechte staat voor een op de zeven Duitse bruggen, ze tekent ook Duisburg. Lang was die grootste binnenhaven van Europa op het kruispunt van Rijn en Ruhr, een moloch van zware arbeid. Het Rheinische van de goedmoedige levensvreugde ging vooral op in ‘Maloche’, het Duitse woord dat treffend de vermoeienis van zijn betekenis uitdrukt: keihard ploeteren. Dat gold voor duizenden mensen uit verre streken, die soms met zijn vijven één bed moesten delen. En dat harde werken bleef maar doorgaan, ook na de verregaande destructie tijdens de Tweede Wereldoorlog en de wederopbouw: bij een extreem lage werkloosheid moesten steeds meer arbeiders van buiten worden aangesleept, primair vanuit Turkije.
Vanaf de jaren 1970 verloor de staalindustrie echter stilaan de concurrentie met opkomende Aziatische machten. Zo werd Rheinhausen in 1987 uitvalsbasis van een van de grootste arbeidersopstanden uit de geschiedenis, uit protest tegen de sluiting van de hoogovens. Die uiterste solidarisering tussen arbeiders van verschillende herkomst mocht niet baten: het Hüttenwerk ging ten einde. Nu rest enkel nog het oude receptiegebouw, ergens tussen containerterminals.
Duisburg is die teloorgang nog altijd niet te boven, ondanks alle pogingen tot ‘Strukturwandel.’ Waar ooit het bevolkingsaantal enkel steeg, loopt het nu drastisch terug: wijken vervallen, steeds minder belastinggeld stroomt binnen bij een stad die steeds verder rood staat. Tal van projecten om Duisburg te laten aansluiten op het Rijnland als oord van het goede leven, mislukken, al kan niets op tegen het debacle van de Love Parade met zijn eenentwintig doden in 2010, toen nieuw Rijnlands elan belangrijker was dan levensvatbaarheid.
In Duisburg is minstens één sector wel succesvol: de rosse buurt, de grootste van Europa. Een van de belangrijkste pandjesbazen daar is – vanwege Rheinhausen, waar die rosse buurt niet is – dit jaar in het nieuws geweest. Hij bezit daar een appartementencomplex uit de jaren 1960: niet meer tiptop, maar voor Roemeense, en zeker voor Bulgaarse Roma, een oord van ongekende luxe. Die nieuwe bewoners waren een tijdlang echter nog niet gewend aan vuilnisophaal – niet zo handig in Duitsland. De omwonenden niet blij met de rotzooi, demonstraties volgden, de pandjesbaas werd uitgemaakt voor uitbuiter (maar de vraag was enorm, het aanbod beperkt; had hij veertig mensen voor bodemprijzen in één appartement gestald, was het ook niet goed geweest), extreemrechts bemoeide zich ermee, waarop linkse activisten lukraak buurtbewoners in elkaar mepten.
Toen een groep bewoners het voor de nieuwe buren opnam, leek de Rheinische gedachte van de smeltkroes van culturen, gepaard aan de herinnering aan bittere tijden, dan toch de overhand te krijgen. Maar de sociaaldemocratische burgemeester en de politiewoordvoerder moesten zo nodig zeggen, dat ze die EU-burgers weg wilden hebben. Het rood-rood-groene stadsbestuur hielp nog een handje mee door de kwestie te reduceren tot een aangelegenheid van de politie, terwijl die vooral de nieuwelingen op criminele activiteiten had onderzocht: naar bleek, ten onrechte. De stigmatiserende law and order-variant van het Rijnlandse model, de sociaaldemocratische idee van overheidsinzet tot rechtvaardige maatschappelijke samenhang, kreeg zijn logische vervolg: nergens in Noordrijn-Westfalen verwierven bij de recente Bondsdagverkiezingen de drie extreemrechtse partijen zoveel aanhang. Die voelden zich afgelopen weekend voldoende gesterkt voor een nog veel uitgesprokener racistische demonstratie, toegejuicht door mensen uit de buurt. In een andere wijk werd de afgelopen dagen zelfs een huis met vier Roma-families in brand gestoken. De buurt schaarde zich echter meteen rond de slachtoffers.
Misschien biedt het oude bruggenhoofd in zijn nieuwe functie toch iets van hoop: aan zijn overkant is een uitgebreid observatiecomplex ingericht, inclusief speeltuin. Zodat men over de burchtachtige mentaliteit goed Rijnlands lachen kan.

Ook in het noordelijker Wesel moet je autoriteiten niet te serieus nemen:
05_rijnbruggenhet gevaarlijke spoorlijntje op de voorgrond, deel van de Rijnpromenade, leidt naar buiten bedrijf genomen industrie. De spoorbrug aan de overkant heeft evenzeer haar beste tijd gehad. Ze werd, evenals de brug te Duisburg, in 1945 door de Duitse troepen opgeblazen. Hier kwam het nooit tot eerherstel: de kosten wogen niet op tegen de te verwachten opbrengst. Gezien de geschiedenis was dat verstandig. Al vanaf haar ingebruikname in 1874 was ze een financieel blok aan het been. Ze maakte deel uit van een project om Hamburg met Parijs te verbinden, met Venlo als scharnier. Maar de aanleg van deze meest geavanceerde brug van haar tijd, was zo kostbaar dat van meet af aan een toeslag moest worden berekend, terwijl de streek tussen Wesel en Venlo niet draagkrachtig genoeg was.
Dat gebied aan de overzijde heet de Niederrhein: een wonderschone, maar onzekere streek, want niemand weet waar zij precies haar grenzen heeft. Vast staat, dat de streken rond Kleve en Geldern er deel van uitmaken, maar daar is alles mee gezegd. Volgens de een behoort Mönchengladbach in het zuiden er wel bij, volgens de ander niet, wat ook weer geldt voor het noordelijke Wesel. De onzekerheid wordt versterkt door de historische positie van de streek, als meest Nederlands stukje Duitsland, tot diep in de achttiende eeuw zelfs ‘Niederlande’ genoemd. De wisselwerking tussen oost en west zwakte pas af onder Bismarck, minstens door diens bestrijding van het plaatselijke dialect, een mengelmoes van Nederlands, Limburgs en Duits.
Het gevoel van uitzondering binnen Duitsland zit echter dieper. Vijf eeuwen lang hadden de Romeinen in hun belangrijke nederzetting Ulpa Traiana, dichtbij het huidige Xanten, hun eigen ‘Wacht am Rhein’ tegen de Germanen. Maar dat Ulpa Traiana nooit de positie van Keulen bereikte, hangt samen met de reden, waarom de Niederrheiners zich eerder negatief met de Rijn identificeren. In hun streek konden zich, even afgezien van het zuidelijke Moers, nooit havensteden ontwikkelen, vanwege de fluctuerende loop van het water. Dit lot trof Ulpa Traiana in de derde eeuw na Christus: de haven verzandde, toen de rivier een nieuwe bedding vond.
Zo identificeert zich de traditionele Niederrheiner eerder met de eigen directe omgeving dan met de Niederrhein als geheel, anders dan in menige andere Duitse streek het geval. Die onzekere identiteit raakt inmiddels wat nader omschreven, door de opkomst van het toerisme, wat tot grotere regionale trots leidt. En niet voor niets: de Niederrhein nodigt alleen al uit tot prachtige fietstochten. Maar dat toerisme geldt meer de oude stadjes met hun rijke geschiedenis dan het water; meer de weidse uiterwaarden en de dijken dan de Rijn zelf; meer een riviertje als de Niers dan de grote Rijn; meer het landschap met zijn lommerrijke, kronkelende openheid dan het schaduwloze kronkelen van de Rijn. Al met al is de Niederrhein de streek waar de Rijn als mislukte grensrivier het minste bestaat; waar de mythe langs de mensen afglijdt.

Het was allemaal heel anders gelopen, als de rivier er zo bij gelegen had.
Ja, dit is Rijnwater, maar niet de Rijn bij Arnhem. Het bruggetje waarvan hier de eerste taludsporen verschijnen, wordt aangelegd over het zogeheten Meertje, het stroompje, dat parallel aan de grote oude Nijmeegse Waalbrug is gelegen. Het is niet minder dan een brug van nieuw elan, rechtstreeks samenhangend met het elegante bouwwerk dat twee kilometer stroomafwaarts nu bijna voltooid is.
Met zijn tweeën maken ze deel uit van een project dat Nijmegen tot stad van de toekomst moet maken.
Wie in Nijmegen woont, hoeft maar naar de Waalkade te gaan om overweldigd te raken door de kracht van het water, zoals het zich onder de oude Waalbrug door slingert: een schouwspel van ootmoed en ontzag, daar waar de rivier voor een stuk relatief smal is. Door klimaatverandering dreigt zich dat natuurgeweld tot ongekende proporties te kunnen ontwikkelen. Zo wordt inmiddels gewerkt aan een project, waarbij een ontlastende nevengeul gegraven wordt, er aldus een eiland ontstaat. Tegelijkertijd moeten nevengeul en eiland het toerisme bevorderen.
De grote brug is binnen dat project bestemd om de verkeersstromen vanuit het nieuwe, grotendeels al voltooide Nijmegen-noord soepeler te laten verlopen. Maar wie serieus bedacht is op ecologische consequenties, zou er juist voor moeten zorgen dat in de eigen contreien vooral extra landbouwgrond beschikbaar komt, zodat we heel wat minder voedsel vanuit verder gelegen streken moeten laten aanrukken. In plaats daarvan is Nijmegen nu voorzien van een flink Vinex-complex, waar het even kan duren voor je bij het winkelcentrum belandt.
Het eerdere bruggetje moet het de toerist op zijn beurt makkelijker maken om direct vanaf de Waalkade langs de boorden van de Waal te wandelen. Anders zou hij, in de Vierdaagse-stad Nijmegen, een hele kilometer moeten omlopen. In de uiterwaarden komen dan nog heel wat meer plastic flessen terecht. En mede vanwege diezelfde hoop op toerisme komt ook almaar dichterbij de dag, waarop in het Valkhof-park, met zijn weidse uitzicht, een imitatie-donjon zal verrijzen, die in zijn magere up moet herinneren aan de immense burcht die er ooit stond, zinnebeeld van Rijnlandse grootsheid.
Om het bijbehorende optimisme te beklemtonen, heeft men op de spoorbrug een Nescio-citaat gepoot. Logisch zou zijn: ‘‘Op een zomermorgen om half vijf, toen de zon prachtig opkwam, is hij van de Waalbrug gestapt.’’ Dat kun je een toerist niet aandoen. Zo staat er nu: ‘Zij staarde in de Waal. Mooi hè? Toen leunde ze haar bovenlijf uit ‘t raampje en keek naar Nijmegen, dat daar lag op de heuvels aan de rivier, zoo on-Hollandsch, zwak romantisch, […].’ Et cetera, maar die romantiek staat wat haaks op het rondom gerealiseerde inzicht, dat klimaatverandering de grootsheid van de Rijn tot een gevaar kan maken. Immers: als het IPCC gelijk heeft met de voorspelling, dat we in het slechtste geval in het jaar 2100 een temperatuurstijging van 4,80 C tegemoet kunnen zien, dan leven sommige kinderen van nu tegen die tijd in een wereld zonder besneeuwde Alpentoppen. In de winter komt al hun regenwater vrolijk deze kant op; in de zomer is er misschien nauwelijks water. De Nijmeegse pleziervaart zou een heel seizoensgebonden onderneming kunnen worden; de Rijn als constante stroom eens te meer een mythe.
Wat ook kan, is dat de recente, nauwelijks besproken waarschuwing van verzekeringsgigant Swiss Re bewaarheid wordt, en wel, dat in het jaar 2100 de Randstad onder water staat. Dan biedt onze oude Middeleeuwse hoofdstad Nijmegen vanuit zijn hippe donjon uitzicht over de Baai van Arnhem, en is de benedenstroomse Rijn voorgoed een mythe, samen met de Betuwelijn.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen. rheinsein dankt! Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer gibt es auf seiner Homepage. Dort zu finden ist auch der hier präsentierte Text, erweitert um einige Anmerkungen zum Schicksal der Roma in Duisburg.)

Hume in Nijmegen: you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt

Nimeguen, 20th March.

We have come from Breda in two days, and lay last night at Bois-le-duc, which is situated in the midst of a lake, and is absolutely impregnable. That part of Brabant, through which we travelled, is not very fertile, and is full of sandy heaths. Nimeguen is in the Gueldre, the pleasantest province of the seven, perhaps of the seventeen. The land is beautifully divided into heights and plains, and is cut by the branches of the Rhine. Nimeguen has a very commanding prospect, and the country below it is particularly remarkable at present because of the innundation of the Wahal, a branch of the Rhine, which covers the whole fields for several leagues; and you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt during the inundations of the Nile. Nimeguen is a well-built town, not very strong, though surrounded with a great many works. Here we met our machines, which came hither by a shorter road from the Hague. They are a berline for the general and his company, and a chaise for the servants. We set out to-morrow, and pass by Cologne, Frankfort, and Ratisbon, till we meet with the Danube, and then we sail down that river for two hundred and fifty miles to Vienna.

(David Hume)

Saint Goar le batelier

Saint Goar est non seulement un débarcadère, mais encore un pèlerinage. Autrefois un beau château fortifié veillait sur la ville, mais en 1794 nous en avons fait sauter les murailles. Un aubergiste est entré par la brèche et y a bâti une auberge.
Quant au vieux saint qui avait donné son nom à la ville, il a bien perdu matériellement quelque chose aussi au passage des Français ; mais moralement, il a conservé une influence encore fort raisonnable pour le XIXe siècle.
Voici comment saint Goar a mérité cette grande réputation qui, de nos jours encore, s’étend depuis Strasbourg jusqu’à Nimègue.
Saint Goar était contemporain de Charlemagne, et par conséquent assistait à la lutte du grand empereur contre les infidèles. Pendant longtemps le saint regretta amèrement de ne pouvoir aider le fils de Pépin autrement que par ses prières. Saint Goar était non seulement ermite, mais encore batelier. Il se livrait à ce regret tout en allant prendre sur la rive droite du Rhin un voyageur qui lui avait fait signe de le venir chercher, lorsque tout à coup il lui vint une idée qui lui parut être tellement une inspiration du ciel qu’il résolut de la mettre à l’instant même à exécution.
En effet, à peine saint Goar se trouva-t-il avec le voyageur au milieu du Rhin, c’est-à-dire à l’endroit où le fleuve est le plus rapide et le plus profond, que, cessant tout à coup de ramer, il demanda à son passager de quelle religion il était, et ayant appris qu’il avait affaire à un hérétique, il quitta la rame, se jeta sur lui, le baptisa en un tour de main, au nom du Père, du Fils et du Saint-Esprit, et aussitôt, de peur qu’un baptême ainsi administré perdît de sa vertu, il jeta le nouveau converti dans le fleuve, qui l’emmena tout droit dans le paradis. La même nuit, l’âme du noyé apparut à saint Goar, et, au lieu de lui faire des reproches sur la manière tant soit peu brutale dont il l’avait forcée de sortir de ce monde, elle le remercia de lui avoir procuré la félicité éternelle. Il n’en fallut pas davantage au saint, avec les dispositions naturelles qu’il avait, pour le lancer dans cette nouvelle voie convertissante ; aussi, à partir de ce moment, y eut-il peu de jours qui ne fussent marqués par une conversion nouvelle. Quand il avait affaire à un chrétien, au contraire, saint Goar ne se contentait pas de lui faire traverser le Rhin, il le conduisait à son ermitage, et là il partageait avec lui les dons que la piété des fidèles y entassait avec une prodigalité qui, en s’augmentant d’heure en heure, prouvait que la réputation du saint grandissait à vue d’oeil.
Or il arriva que cette grande réputation parvint jusqu’à Charlemagne, qui, en sa qualité de connaisseur, appréciait le moyen de conversion adopté par saint Goar, et résolut de ne point laisser un si puissant auxiliaire sans récompense. Il vint donc comme un simple étranger pour passer le Rhin, et ayant fait le signe accoutumé, il vit venir à lui le bon ermite ; mais son désir de passer le fleuve incognito fut sans résultat, car Dieu avait empreint sur sa face une telle majesté, que saint Goar le reconnut avant même qu’il n’eût mis le pied dans la barque.
Un pareil hôte devait laisser trace de son passage ; aussi, arrivé à l’autre bord, et ayant bu d’un petit vin qui lui parut agréable, Charlemagne demanda des renseignements sur la terre qui le produisait, et, ayant appris qu’elle était à vendre, il l’acheta et en fit don à l’ermite, lui promettant de lui envoyer de plus un tonneau et un collier.

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