Rotterdam (6)

rdam_kop van zuid

Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

***

Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Breakfast on the Maas

rdam_hotel new york_van der brink

(…) Woman: Can you hear the birds? Birds are the cruelest creatures I know. Always singing and chirping. Wherever you are. Birds make too many promises. They’re unbearable.
Nothing has changed here. Nothing at all… Last year I sat here with my husband. We sat together, yet even then I was alone. One evening we went for a stroll and I saw you walking. On your way home. You were carrying a green plastic bag. The very same color as the Maas on a cloudy day. You were going to your wife.

Waiter: In the bag was something for myself. Something I collect.

Woman: What does your wife think of your collection?

Waiter: I don’t know. I haven’t got a wife.

Woman: What was in the bag?

Waiter: A ship. A ship in a bottle. I’ve never liked forests. But I love the sea. You can see for miles at sea. Miles and miles. Even the foam on the milk reminds me of the sea, the foamy surf. My collection is beautiful. I keep the ships in a box of wood shavings. Whenever I feel like looking at them I have to polish them first.
The portholes are all in different places. A ship is beautiful because it is a ship. (…)

(aus Maria Heiden: Breakfast on the Maas, Rotterdam 1997. Translation: Stacey Knecht. rheinsein dankt Maria Heiden für die Bereitstellung des Ausschnitts ihres Einakters, der im Hotel New York im Rotterdamer Hafen angesiedelt von Einsamkeit, Entfremdung, Auseinanderdriften und der Suche nach dem Glück handelt. Die “Frau” redet im frühmorgendlich verwaisten Hotelrestaurant auf den “Kellner” ein und erzählt von ihrem Mann, der mitsamt seiner Globensammlung die gemeinsame Wohnung und Ehe verlassen hat. Nun streift sie, selbst einen Globus als Erkennungszeichen unterm Arm, durch die Straßen, in der Hoffnung, ihren Mann aufzuspüren. Das Hotel New York ist in Rotterdam ein berühmtes Gebäude. Das heutige Luxushotel im neu entstehenden Stadtteil Kop van Zuid diente einst als Sitz der Holland America Lijn, mit der in den Jahrzehnten um 1900 herum Millionen nach Amerika auswanderten und stand in den 80ern, als der markante Umgestaltungsprozeß Rotterdams begann, mehrere Jahre leer. Mit Maas ist in Rotterdam die Nieuwe Maas, eigentlich der Rhein gemeint. Das Umschlagbild stammt von Mark van der Brink, dessen fotografische Blicke auf verschiedene Städte entlang der Maas den Band illustrieren.)

Erasmusbrug

rdam_erasmusbrug willemsbrugZweibrückenansicht: der rote Pylon gehört zur Willemsbrug, der “Golden Gate Bridge” von Rotterdam

rdam_erasmusbrugZu Fuß über die Nieuwe Maas nach Kop van Zuid, Rotterdams “Schäl Sick”

Takelage im Veerhaven vor strahlend weißen Schrägseilen

Hoek van Holland

Die meisten Dokumentarfilme über den Rhein enden mit seiner Nordsee-Einmündung bei Hoek van Holland, einem Dörfchen hinter den Dünen. Interessanterweise sehen die Niederländer dort garnicht den Rhein einmünden, sondern die (Nieuwe) Maas, die am sogenannten Maasmond allerdings nicht mehr (Nieuwe) Maas, sondern Nieuwe Waterweg heißt. Tatsächlich fließen durch den Nieuwe Waterweg, einen tief ausgehobenen Schifffahrtskanal des gigantischen Rotterdamer Hafengefüges, Rhein- und Maaswasser gemeinsam in die Nordsee (bzw. fließt bei Flut die Nordsee in Rhein/Maas). Von wo bis wo der Nieuwe Waterweg heißt wie er als artifizieller Rheinfortsatz nunmal heißt: auch darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Über die komplizierten Strukturen der Wasserläufe des Deltas und ihre verwirrenden Bezeichnungen gibt dieser Wikipedia-Artikel einigen Aufschluß.

rheinsein jedenfalls hält sich zugute, am 10. Juli 2013 bei Hoek van Holland erstmals und tatsächlich den Rhein mit eigenen Augen in der Nordsee aufgehen gesehen zu haben. Südlich des Kanals eiferten gottesanbetende Roboterkräne der Petroleumhäfen, nördlich davon begann ein breiter, von Dünen begrenzter, kaum bevölkerter, dafür mit zahlreichen gastronomischen Angeboten gesäumter Sandstrand. Eine unstete Meeresbrise fabrizierte Sandwehen, bald rieselten wir selber und fühlten uns den Dünen nah verwandt.

nieuwe-waterwegBlick auf den Nieuwe Waterweg und Rotterdamer Hafen von Norden. Auf dieser Seite befindet sich ein Pier, der weit ins Meer hinausreicht.

golfslagEin Schild warnt vor Wellenschlägen, die von Ozeanriesen ausgelöst werden können.

maasmond_2Bewacht von Windspargeln ergießt sich, mäßig spektakulär, der Rhein ins Meer.