Niehler Himmelfahrt

rheinblauer Rhein, das ist selten und
gut zu beobachten das Strömen seiner
Mündungsausläufe in den Himmel

der von ufersäumenden Hochbauten
komplett für aufsteigende Christusse
freigesperrt wurde. Gottes Geschöpfe

halten inne, selbst die elektronischen
Vögel verstummen auf Wegweisern
als ihre eigenen Drosseldenkmäler

Lamm an Lamm an Lamm performt
im Pappelschatten wallende Gospels
auf den Kammerton Ä. spalierfahrende

Frachter, rempelnde Passanten, eine
vom Heiland besessene dickliche Frau
erklärt, daß sich stets noch etwas ändern

läßt und segnet die verzerrten Massen
bevor sie überwältigt von der Tiefe des
Nachmittags ganz im Rheinblau aufgeht

Durch den Kölner Norden (2)

Worringen bietet sich en passant als an die Hauptstraße geklatschte und dort ranzig gewordene Kulisse dar. Die Wacht am Rhein heißt eine Gaststätte dort. Sie ist verrammelt. Ein Bunker. Ein letzter Rückzugsort. Aber sicher keine Wacht. Der Gashändler verkauft auch Erdbeeren, Spargel und Räucheraal. Vater Rhein steht blätternd an einer Hausfront geschrieben. Der Fahrradweg ist beidseits befahrbar, jedoch nur eine Spur breit. Um ein mittelgroßes Auto herum bemerken wir aus dem Augenwinkel eine südländisch wirkende Gruppe, mit Gurken bewaffnet. Hinter Worringen ist Köln zuende und beginnt das Bayer-Werk Dormagen. Chlor liegt in der Luft. Auch synthetisch Lauchiges. Undefinierbare, flimmernde Dämpfe wabern über und zwischen den futuristischen Bauten. Hier darf der Passant rheinlängs fortkommen, Bayer hat Hochleitungen über die Straße gebaut, um die Tankschiffe mit Flüssiggas abzufüllen. Was wir bisher stets vermieden: hinterm Bayer-Werk gibt es einen kleinen Abzweig nach Dormagen selbst. Er führt, in höchstens einer Minute, am Sportpark entlang durch ein Wäldchen hinein nach Chinatown und über das Gelände der Dormagener Tafel direkt in die Innenstadt. Eine ziemlich langgestreckte Fußgängerzone dehnt sich dort aus. Eine Einkaufszeile wie in typischen Touristenorten – was Dormagen aber definitiv nicht ist. Auf dieser leicht überlängten Meile findet so etwas wie ein Informations- und Flohmarkttag statt. Ganze Garagen werden angeboten, obskure Kunstwerke und sinnloser Kitsch. Als Lockstoffe an den Standrändern liegen Kekse, Krümel und Nüsschen. Eine fade Fußgängerzone wie in vielen anderen Kleinstädten auch: „Der Schlesier“ verkauft östliche Wurstwaren. Die „super 10 haircompany“ gibt uns die (umgehend wieder verworfene) Idee, einen Wettbewerb für bescheuerte rheinische Friseurladennamen auszurufen. Hinter dem alten Rathaus auf halber Höhe der Fußgängerzone befindet sich das neue Rathaus. Ein Brunnen und Schilder enthalten Informationen zur Ortshistorie. Durnomagus war ein römisches Hilfstruppenlager. Das scheint bis heute durch. Weitere Brunnenskulpturen stellen ein übers gesamte Zentrum verteiltes Ensemble dar und wirken wie unaufgeräumtes, überdimensioniertes, knallbuntes Holzsteckspielzeug für Kleinkinder. Die Dormagener sind an diesem Samstag so gut wie alle in der Einkaufszeile unterwegs. Nur die Randgruppen halten sich etwas an deren Rand. Auffällig: ziemlich mitgliedstarke, ständig untereinander variierende Truppen mit schwarzen Klamotten, Tattoos und Piercings ausgestatteter Jugendlicher, die sofort ihre mitgeführten Salatgurken verstecken, sobald sich ihnen ein Fremder nähert. Als Fremden erkennt man uns in Dormagen offenbar, oder schätzt uns als Fremdkörper ein. Skeptische bis mißbilligende Blicke, als wir das Fahrrad parken, empörtes Abwenden, als wir vor dem Rathaus das Notizbuch zücken. Nur der Buchhändler macht ein freundliches Gesicht, vielleicht ist er ja auf Kunden von außerhalb angewiesen. Als es zu tröpfeln beginnt, sehen wir uns zu Gedanken veranlaßt, ob es sich um echten Regen handelt oder um Niederschläge aus entwichenem Flüssiggas des nahen Werkkomplexes. Schnell versorgen wir uns mit einer der letzten noch erhältlichen Schlangengurken und verlassen den „Ort der Vielfalt“ (wie Dormagen für sich wirbt). Die Gurke kommt in den Rucksack: sobald die Aufstände losgehen, besitzen wir jedenfalls den Passierschein. Auf dem gesamten Heimweg bleibt es allerdings, bis auf ein Platzkonzert in Niehl, ziemlich ruhig.

 

Durch den Kölner Norden

Wer in Mauenheim (wo es, genau wie das berühmte Gedicht behauptet, stets herbstet) wohnt, wo wir in Mauenheim wohnen, wohnt sozusagen eigentlich schon fast in Niehl und als Niehler wohnt man nahezu direkt unterm Bayerkreuz, ist also praktisch Leverkusener. Der Rhein macht in dieser Gegend sehr hübsche Schleifen, deren Schönheit nur deswegen nicht auffallen will, weil die Ufer recht vernutzt sind. Wir radeln durch das alte Fischerdorf Niehl, dessen Einwohner sich einst in Dreiplankenbooten auf den Strom hinaus wagten. Seit die Ford-Werke gebaut wurden, setzen sie lieber Autos zusammen. Die Straßen sind recht leer und werden leerer, je weiter wir nach Norden vordringen, bis plötzlich ein Aussichtspunkt erreicht ist, über dem die Industrie ihre Rachen zur Drohgebärde aufzureißen scheint: Bayer auf der rechten Seite, Ford auf der linken. Einige Schilder zeigen an, was mit Fahrradfahrern passiert, die hier noch weiter wollen. Das Ford-Gelände muß also umgegangen werden, wobei das Umgehen eine Art Queren vorstellt, immer an Werkszäunen und Gleisen entlang, über bröckelnde, von der Natur angegriffene, menschenleere Wege, nur in der Ferne tauchen kleinere Gruppen auf und verschwinden sogleich wieder – reichlich irritierend, daß diese geheimnisvollen Leute allesamt Schlangengurken mit sich führen. Ansonsten gibt es den Imbiss Zur Hexenküche zu notieren – für den großen Slum-Lookalike-Imbissbudenwettbewerb. Am Wochenende ist dort nichts los, leicht vorstellbar jedoch ein Dienstagmittag, an dem die Lackierer dort um Wurst anstehen. Die Luft weist seifige Komponenten auf, dieweil der Himmel sich selbst überlagert wie x-fach gefalteter Stahl. Direkt hinter die Ford-Werke duckt sich Merkenich, an dessen Hauptstraße hockt ein Mann in einem Kabuff, als sei er der Ortschaftspförtner, das Kinn apathisch auf ein Exemplar Cucumis sativus gestützt. Merkenich ist rheinlängs hinterfahrbar. Dort erstrecken sich Naturschutzareale, dh ungemähte Wiesen, aus denen die Kreuzkröte vor zwei Jahren aufs Esso-Gelände auswanderte, wedelnde Holderbüsche, Pappelgeflirre. Köln beginnt nun mit erstaunlicher Ländlichkeit. Pferdekoppeln über Pferdekoppeln, glückliche Pferdemädchen, Erdbeerstände, Spargelstecher, Hofläden. Wir verweilen unter einem Rheinkasseler Kirschbaum. Schwebfliegen registrieren die Bewegungen unseres Stiftes beim Notieren, reagieren auf dessen Tänzchen wie die Kobra auf die Flöte des Schlangenbeschwörers. (Damit müßte sich doch was mit pekuniärem Niederschlag anstellen lassen!) An St. Amandus prangt ein Totenschädel. Die Kirchentünche ist lachsfarben, das mag auf einstigen Salmfang verweisen. Die Langeler Fährgastronomie korrespondiert im Nadelstreifen-Outfit mit der Rheinkasseler Kirche. Langel bietet einige Badebuchten, nicht ganz so hübsch wie die in Rodenkirchen, dafür weniger stark frequentiert. In den Auen ringsumher brüten Wiesenpieper, Stieglitz, Kiebitz, Girlitz, Firzling und weitere Vögel, die auf I lauten, wir entdecken zunächst einen Fasan, der den nächsten Rain entlanggockelt. Wiesensalbei, Klatschmohn, Ackerwinde, Margeriten („sehen aus wie kleine Spiegeleier / innen gelb und an den Rändern weiß / ausgefranst am Rand aber rund in der Mitte / genauso sieht sie aus die Margerite“ – wie Harald „Sack“ Ziegler einst treffend befand). Es piept aus den Wiesen, wir kiebitzen und crossen das Worringer Schlachtfeld.

Rheinischer Traum

“Heute Nacht am Niehler Ufer, in den Schlaf gewiegt von den Rheinwellen und dem Verkehrsrauschen, hatte ich einen Traum von einem besseren Leben. Beim Morgenkaffee im Internetcafé fand ich völlig überrascht einen Ausschnitt daraus, “den stummen Schrei der Volksmassen”, als hätte man mir meinen Traum abgefilmt, in meinem Posteingang. Ein mir unbekannter Absender namens Leyton84 hatte mir einen Link zu Youtube geschickt. Der Link enthielt dieses Video:

Im Traum konnte ich den Handlungsort nicht bestimmen. Die Angaben zum Video verorten meinen Traum wie folgt: Puerta del Sol, Madrid, 0.00 Uhr. Aber könnte sich mein Traum nicht dennoch überall sonst abgespielt haben?”

(Eine zur Freigabe versendete Mail von Jochen Meier, hier in Ausschnitten wiedergegeben. Den Link haben wir mittels Einbetten des bezeichneten Videos ersetzt.)

Rheintiere

Heute im Kölner Zoo die Schautafeln gesehen, auf denen Elefanten auf den Trampelpfaden am Niehler Ufer und Kamele über die Zoobrücke flanieren: fotoshopgenerierte, recht lebensecht wirkende Vermengungen urbanen und selvatischen Lebens, eine hübsche Idee, zumal die Tiere im Zoo, darunter nun auch ein Tapir (ein veritabler Salatfreund) die Rheinluft zu schnuppern ja reichlich gewohnt sind (der Fluß fließt praktisch nebenan), daß es gradezu Wunder nimmt, daß nicht ständig tierische Ausbruchsversuche geschehen. (Immerhin: den himalayischen Halsband- und Alexandersittichen, die mittlerweile einige Städte der Rheinschiene und sogar noch ganz andere freifliegend bevölkern, wird nachgesagt, sie hätten ihren anhaltenden deutschen Eroberungsfeldzug vom Kölner Zoo aus begonnen.) Im angeschlossenen Aquarium findet sich die gesamte Rheinstrecke raumgrafisch stilisiert, darunter abgetrennte Becken mit jeweils der alpinen, bodenseeischen, ober-, mittel-, niederrheinischen Fischfauna, im Mündungsbereich des Rotterdamer Hafenbeckens zieht der aquaristische, ansonsten selten gesehene Sterlet seine ruhigen Runden und direkt gegenüber der amazonische Arapaima (ein menschenähnlich-mystisches Schwimmwesen, in dessen Visage Jahrtausende abzulesen sind), in einem Zwischenbereich der Piranha, der ja in einigen industrienahen Rheinzonen im warmen Abwasser leben, gar überwintern soll. Ich stelle mir einen Rheintsunami vor, eine Riesenwelle, die die Tiere anland, ins weitgehend unvergitterte Rheinland schwemmt. Clown- und Nasenfische ziehen an meinem Fenster zum Hinterhof vorbei. Überhaupt werde ich dort, in dieser Hinterhofmulde, eines Tages, wenn der Nordseespiegel steigt, meine Gondolieren festmachen, um Touristen auf den neuen Wasserwegen durch die Stadt zu schaukeln, lang kanns nicht mehr dauern und es wird mindestens ebenso romantisch werden und monetär sicher einträglicher als mein bisheriges Dichterleben.

Zehn Millionen Jahre Rhein

Vor geraumer Zeit erreichte Rheinsein folgende Pressemitteilung des Kölner Künstlers Georg Joachim Schmitt: „Am 23. September 2009 feiert der Rhein ein denkwürdiges Jubiläum: Genau zehn Millionen Jahre zuvor bahnte sich zaghaft der erste Rinnsal des Urrheins seinen Weg an Köln vorbei. Aus diesem Anlaß soll dem Rhein widerfahren, was Menschen seit Urzeiten selten verweigert wurde: An diesem Tag soll der Rhein getauft werden. Da sich sein Name in allen Kulturen und zu allen Zeiten bewährt hat, wird sein offzieller Taufname „Rhein“ lauten. In einer feierlichen Zeremonie am linksrheinischen Ufer unweit des Niehler Hafens, inmitten eines Hains, auf feinsandigen Boden, am seichten Gestade einer weit ausholenden Bucht, wird die Rheintaufe stattfinden. Die Taufsubstanz wird Wasser sein, das seinen Zuflüssen entnommen wurde, bevor es die Gelegenheit hatte, Rhein zu werden. Die Tatsache, daß ein sehr großer Teil des Rheins sich aus Zuflüssen speist, die eben noch gar nichts davon wissen, daß ihre Flüssigkeit demnächst einen anderen Namen tragen wird, wird bei der Rheintaufe genossen. Wenn der Rhein zu dem getauft wird, was er ist, fließt Wasser aus einer Taufkaraffe in den Rhein, das eigentlich längst Rhein geworden wäre: Er wird aus sich selbst getauft, in seinem Namen, auf seinen Namen. Seine Namen: Das sind die Quellbächlein, der namenlose Regen, Gischt, Nebel, tiefliegende Wolken, kleine Flüsse, geschmolzenes Gletschereis, Seen. Es wäre unmöglich, all das aufzuzählen, was den Rhein zum Rhein macht, ihn seit nunmehr 10 Millionen Jahren zu dem macht, was er ist: der schönste Fluß der Welt. Stellvertretend für alle anderen wurde die altehrwürdige Mosel auserwählt, als derjenige Zufluß zu dienen, der Taufwasser mit sich führt, ebenso ihr Zufluß Sauer, deren Zufuß Our, deren Zufluß Ulf und deren Zuflüsse Thommerbach, Huscheiderbach und Mühlenbach in den regenreichen Niederungen der Ardennen. All dies hilft sich gegenseitig zum „einen“ Rhein zu werden, indem es Namen annimmt und seine Namen wechselt.“ Womöglich ist Herr Schmitt aus Naturschutzgründen mit einer nibelungischen Tarnkappe zur Taufzeremonie erschienen, Rheinsein konnte ihn heute Nachmittag auf dem bezeichneten Areal jedenfalls nicht ausmachen. Das natürliche Rheinspektakel war aber auch nicht von schlechten Eltern: changierende Wetter prangten über den sandigen Niehler Buchten, die Sonne: mal brüllte sie unhörbar hochfrequent, dann hielt sie sich wieder bedeckt, am Bootsanleger gegenüber machte sich ein Schwarzgekleideter ritualartig zu schaffen, Schiffe und Vögel zogen Linien durch den Tag und auf dem Hafengelände spielten die Container Stapeldich. Südlich des Cranachwäldchens besprach eine Zehnergruppe protestantisch aussehender älterer Menschen im Kreis stehend und vom Blatt einen abgesägten Baumstumpf. Im Schwimmbad gab es Zwiebelkuchen und Pfälzer Federweißen, der auch für Traubensaft durchgegangen wäre, und als Rheinsein ob solcher Verlockung der letzten Wespe mit drastischen Worten die Jahreszeit klarmachen mußte, beging das erschreckte Tier umgehend im nächsten verblühten Zierstrauch Seppuku.

Flora

Wenn ich in Köln von meiner Wohnung zu Fuß Richtung Rhein schlendre, brauche ich, auf Schleichwegen und ein wenig querfeldein, bis ans Ufer eine knappe Stunde. Mein Viertel und die benachbarten, die ganz ähnlich heißen, muten traurig an, die Straßen sind wie zum Beleg für die allweil schwärende Stimmung nach niederrheinischen Ortschaften und Städtchen benannt. Vorbei geht’s an mal ranzigen, mal frisch und geschmacklos aufgestellten Reihenhaussiedlungen, gesichtslose Wohnschachteln für den Massenmenschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Seit zehn Jahren wohne ich selbst in solch einer Schachtel und nicht nur mein Äußeres, nein, mein ganzes einst so rebellisches Wesen hat sich in dieser Spanne schleichend den Vorgaben der Nachbarschaft angeglichen. Namenlos wandeln wir über die vollgeschissenen Gehsteige, manche von uns grüßen einander, andere halten das längst für überflüssig, meist erkennen wir uns nicht, weil wir eh in Belanglosigkeit aufgegangen sind. Unter feuchtkaltem Himmel bläht der Teig der Tage. Ich verschiebe meine Position, die frustriert mahnenden Wände wechseln von Block zu Block die Farbe oder blättern mit ihr rum. Hin und wieder eine Gestalt, die mittels Jogging versucht, dem persönlichen Verfall entgegenzuwirken, zu spät, zu spät, innen ist sie schon angefault, das Blut schießt in ihren angestrengten Kopf, es will hinaus in die Welt, von der es nichts weiß, die Gestalt produziert am laufenden Meter Bilder jener letzten Lächerlichkeit, die sich zum Kloß in unseren Hälsen auswächst, dort führt ein Geschichtsloser seine Kampfhunde aus, d.h., er läßt sie frei herumrennen, sieht ihnen im großen und ganzen sehr ähnlich, kontrolliert aber den eigenen Speichelfluß besser, dort ein Alter mit Zierhund, und da hinten zwei Schülerinnen mit Grauemausgesichtern, da hilft die billige Schminke auch nicht, im Gegenteil. Manche von den Alten hat man lang nicht mehr gesehen, wenn einer stirbt wird er ohne großes Aufhebens abtransportiert, ein junger neuer Nachmieter ist schnell gefunden, die Wohnschachteln recyceln ihre Inhalte selbsttätig, Individualität und schöne Wünsche spielen keine Rolle, ich schreite durch utopielose Landschaften, und erst die Flora, Kölns gepflegtester Park, deutlich jenseits der Kalkarer Straße, bricht dieses Bild mit gärtnerischer Opulenz – und dazu passend: benerzte Damen, botanisierende Pärchen, Halbwelt vor Kamelienblüte. Hier existiert einer der wenigen direkten Durchstiege in die Tropen, ein überdachter Dschungel schwitzt seine Luftfeuchtigkeit mitten in die Reihenhausseele, ringsum sprießen Stachelannone, Papaya, Vanille, Karambole, grellgelbe Kakaofrüchte leuchten durchs dichte Blattwerk, Hirschgeweihfarne tentakeln nach betongewohnten Schädeln, der Bambus rauscht und ächzt und knarzt, in den Pfützen lauern bösartige ausschleimende Welse mit nesselnden Tastschlingen, der plötzliche Ruf des Aras zerfetzt das Trommelfell, dort im Gebüsch springen zwei halbnackte Malaiinnen davon, sie sind mit giftigen Lanzen bewaffnet und tragen schicke Röckchen aus dem schlankmachenden Fächer der Loulo-Palme. Bromelien und Epifyten haben sich durch mein Ohr gefressen und geben meine verschlungenen, von Puderquastmimosen gedämpften Gedanken an die Außenwelt weiter, es ist ein sattes Grün und Rot, von Strelitzienpfeilen durchschossen, die Dreieckspalme markiert den Notausgang, raus hier, nur raus in ein anderes Grau, Geranien, das reicht doch, das ist doch genug, und ein Balkon aus Waschbeton, daran angebracht eine Satellitenschüssel mit direkter Verbindung ins Weltall, Google Maps, ein beruhigender Blick in landschaftliche Vergangenheit, dort fließt er, der Rhein, es gibt ihn noch, irgendwo da draußen, hinter anthropofagen Hausreihen mit strahlenden Geranien am Revers.