Johanna Schopenhauer über den Kölner Dialekt (samt Listen)

“(…) Der kölner Dialekt im Munde des Volkes, eine Art Plattdeutsch, das aber mit der eigentlich niedersächsischen Mundart nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit hat, noch weniger mit dem deutschen Patois der benachbarten Flammänder, scheint eine ganz eigenthümliche, für sich bestehende Sprache zu sein. Fremden, selbst Niedersachsen bleibt sie anfangs ganz unverständlich, und Keinem wird es jemals gelingen, sie sich ganz anzueignen, und gäbe er sich auch die größte Mühe darum. Eine Menge durchaus fremdartiger Worte, sowie die Physiognomie, die Gestalt und das ganze äußere Wesen der echten Kölner, deuten durch mancherlei Eigenthümlichkeiten auf eine in längst vergangenen Zeiten sich verlierende Abstammung von einem fernen Volke, von aus dem Süden eingewanderten Kolonisten; einige gelehrte Sprachkundige behaupten sogar, daß manche Worte, besonders aber Ortsbenennungen, die man täglich hier im Munde des Volkes hört, unter der nämlichen Bedeutung auch in der griechischen Sprache sich wieder antreffen lassen, worüber ich freilich nicht urtheilen kann. In Bonn und der ganzen benachbarten Gegend, bis Koblenz zu, wird zwar auch eine Art Plattdeutsch gesprochen, aber der Kölner wird doch überall an seiner Sprache erkannt, die durch eine Menge verstümmelter, ursprünglich französischer Worte, welche während der langen Oberherrschaft der Franzosen in dieselbe aufgenommen wurden, noch seltsamer wird. Anfangs erscheint diese Sprache dem nicht daran Gewöhnten sehr rauh und unangenehm, besonders da das Volk in Köln, wie in allen großen Städten, einen sehr lauten Sprachton sich angeeignet hat; doch wird man nur einigermaßen mit ihr bekannt und lernt sie verstehen, so gewinnt sie etwas ungemein Ehrliches und Treuherziges, wie alle plattdeutschen Dialekte. Verstehen und sprechen können muß diese Volkssprache jeder Einwohner von Köln, denn sie bietet das einzige Mittel, sich, selbst den nicht ganz niedern Volksklassen, verständlich zu machen und zugleich ihr Vertrauen zu gewinnen; im Munde der Gebildeten hat sie sogar eine gewisse anmuthige Naivetät, die besonders im Munde der Frauen sehr angenehm werden kann; auch ist sie aus den engeren Familienkreisen, selbst der Vornehmeren noch bei weitem nicht ganz verbannt, und Anklänge aus ihr werden selbst beim Hochdeutschen der geistreichen und gebildetsten Männer und Frauen sehr merkbar. Das Hochdeutsche im Munde der Kölner hat überhaupt etwas Fremdartiges, das aber bei weitem nicht so unangenehm breit und platt auffällt, als zum Beispiel in Oestreich; auch bedienen sie sich mancher Ausdrücke auf eine ganz eigenthümliche Weise; fragt man eine kölner Dame, bleiben Sie heute Abend zu Hause? so antwortet sie »doch« anstatt ja. Eine Hamburgerin, eine Leipzigerin setzt ihren Hut auf und thut ihren Shawl um, eine Kölnerin zieht Beides an; ein Viertel auf fünf, heißt in Köln eigentlich ein Viertel auf sechs, nämlich fünf Uhr, und noch eine Viertelstunde dazu, wodurch der Fremde oft sehr irre gemacht wird, und so gibt es der Abweichungen von der gewohnten Bedeutung der Worte hier noch unzählige. Uebrigens halten die Kölner ihre eigentliche Volkssprache sehr in Ehren; sie im Theater zu hören, macht ihnen immer viel Freude, und manches Lied wird in ihr gedichtet, besonders zur lustigen Karnevalszeit, an dem Vornehme und Niedere sich höchlich ergötzen. Einige fremdartig klingende Worte und Ausdrücke aus der eigentlichen Volkssprache, und ein Vers aus einem darin geschriebenen Gedichte mögen hier noch einen Platz finden, um einigermaßen einen Begriff von ihrem eigenthümlichen Klange zu geben.

Einige Worte im kölnischen Volksdialekt.
Amelung, zu irgend etwas Lust oder Neigung empfinden.
Klappei, Schnatterelster, Plaudertasche.
Schlabbern, vergießen.
Schlabberteut, Einer, der ungeschickt etwas vergießt.
Pollefigen, die Fersen.
Wackbroden, die Waden.
Schabau, Branntwein.
Schafvoué, Wirsingkohl.
Kunkelfusen, Umschweife.
Klüngel, Umtriebe.
Klooch, Feuerzange.
Kottörsche, eine kleine Flasche.
Schaaf, Schrank.
Döckes, oft.
Klaaf, Kall, Geschwätz.

Aus fremden Sprachen entlehnte Worte.
Kudiat, Wachstube, »Corps de Garde«.
Baselmanes, seinen Kratzfuß machen, aus dem Spanischen, oder von »baiser les mains«.
Jampetaatsch, Possenreißer, von »Jean-potage«.
Rodderöhnsbäsche, Riechfläschchen, von »odeurs«.
Rattekahl, gänzlich, von Radical.
Et hoof nit, es ist nicht nöthig.
Et geit dirrn, es geht fort, beim Spiel gebräuchlich.
Ekkesch, nur.
Geng, geschwinde.

Charakterbezeichnungen.
Zibbel, ein dummer Mensch.
Lellbeck, Gelbschnabel.
Schnabbeck, ein vorlauter Mensch.
Gappstock, ein Maulaffe.
Drüchleech, ein trockner Patron.
Bapergeest, ein unruhiger, ewig beschäftigter Mensch.
Wippstätz, Springinsfeld.
Raafalls, ein Habsüchtiger.
Schnüssepitter, Sauertopf, Maulhänger.
Zintemöhres, eine schlaffe, gutmüthige Seele.
Möhnegrößer, Muhmengrüßer, Schleicher.
Hannesopräch, ein langer, steifaufrecht sich haltender Mann.
Huhsküchen, eine stille, gute Hausfrau.
Hattmanns-Ann, eine unbesonnene, vielgeschäftige Frau.
Sluddermatant, Schlampampel, eine unordentliche Frau
Fladderhex, eine nicht eben bösartige, geschwätzige Klätscherin.
Rament, Pohei, Unruhe.
Klörekall, einfältiges Geschwätz.
Törelör, langweiliges Einerlei.
Gegiefels, heimliches Lachen oder Kichern. (…)”

Dumas und das Vaduzer Sauerkraut

Alexandre Dumas der Ältere (der Musketiere- und Graf von Monte Christo-Dumas) hält auf seiner Reise entlang den Ufern des Rheins gezwungenermaßen in Vaduz und erhält eine kostenlose Lektion in Sachen Sauerkraut: “Obwohl ich den Bodensee so schnell wie möglich erreichen wollte, war ich gezwungen, in Vaduz Halt zu machen. Seit unserer Abfahrt regnete es in Strömen. Pferd und Kutscher weigerten sich hartnäckig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun – das Pferd unter dem Vorwand, daß es bis zum Bauch im Schlamm versinken würde, und der Kutscher, daß er bis auf die Knochen naß sei. Es wäre übrigens tatsächlich grausam gewesen, auf Weiterfahrt zu bestehen. Aufgrund dieser filantropischen Erwägung entschloß ich mich, die jämmerliche Herberge zu betreten, vor deren Schild mein Wagen so jäh angehalten hatte. Das war keines jener hübschen Schweizer Châlets, gegen die bloß einzuwenden ist, daß sie leider in unseren englischen Gärten so oft nachgebildet werden. Bei der Luziensteig hatten wir die helvetische Republik verlassen und das kleine Fürstentum Liechtenstein betreten, das sich, so sehr es sich auch seiner Freiheit rühmt, gegenüber dem Kaiserreich nur durch die Unsauberkeit seiner Einwohner auszuzeichnen scheint. Kaum hatte ich den Fuß in den engen Flur zur Küche gesetzt, die gleichzeitig als Aufenthaltsraum für die Reisenden diente, als mir ein unangenehmer Geruch nach Sauerkraut die Kehle zuschnürte, der mir – gleichsam wie die Speisekarte am Eingang einiger Restaurants – das mir bevorstehende Menu meines Abendessens ankündigte. Also ich neige dazu, bezüglich Sauerkraut dasselbe zu sagen, was ein gewisser Pfarrer bezüglich Schollen gesagt hat, nämlich daß die Welt bald untergehen würde, wenn es nur Sauerkraut und mich auf Erden gäbe. Ich begann also, meinen ganzen deutschen Wortschatz aufzubieten, um ihn für das Studium der Speisekarte dieses Dorfgasthofs zu verwenden. Die Vorsicht war durchaus angebracht, denn kaum hatte ich mich zu Tisch begeben (…) wurde mir auch schon ein gehäufter Teller mit besagtem Gericht vorgesetzt. Zum Glück war ich auf diesen infamen Scherz vorbereitet, und so wies ich den wie der Vesuv dampfenden Teller mit einem so deutlich ausgesprochenen „nicht gut“ zurück, daß man mich für einen reinrassigen Niedersachsen halten mußte (…). Ein Deutscher wird immer glauben, schlecht gehört zu haben, wenn jemand behauptet, daß er kein Sauerkraut mag. Wenn man seine Ablehnung gegen sein Nationalgericht gar in dessen Muttersprache zum Ausdruck bringt, so wird sein Erstaunen selbstverständlich grenzenlos sein. Es herrschte also einen Moment lang Schweigen, ja Verblüffung – so als hätte ich eine abscheuliche Gotteslästerung begangen, während die Wirtin ihre völlig in Verwirrung geratenen Gedanken mühsam wieder in Ordnung zu bringen suchte. Das Resultat ihrer Überlegungen war schließlich ein mit gequälter Stimme hervorgebrachter Satz, von dem ich kein Wort verstand. Aber nach dem Minenspiel zu urteilen, das die Worte begleitete, meinte sie offenbar: „Aber gütiger Gott, wenn Sie kein Sauerkraut mögen, was mögen Sie dann?“ „Alles dies, ausgenommen“, erwiderte ich unter Aufbietung all meiner sprachlichen Fähigkeiten, was soviel heißen sollte wie „alles, nur kein Sauerkraut!“ Anscheinend hatte mein Abscheu auf mich dieselbe Wirkung wie die Empörung auf Juvenal. Nur anstatt mich zu Versen anzuregen, hatte er mir den entsprechenden Gesichtsausdruck verliehen. Das bemerkte ich an der unterwürfigen Art, mit der die Wirtin das unselige Sauerkraut vom Tisch nahm. Ich wartete also auf den nächsten Gang, und um die Zeit tot zu schlagen, amüsierte ich mich immer damit, Kügelchen aus meinem Brot zu formen und grimassierend wie ein Affe ein saures Gesöff zu probieren, das nach Essig schmeckte und so vermessen war, sich als Rheinwein auszugeben, bloß weil es in einer Flasche mit langem Hals serviert wurde. „Und nun?“, fragte ich die Wirtin. „Und nun?“, antwortete sie. „Was ist mit dem Abendessen?“ „Ach so!“ Und da brachte sie mir wieder das Sauerkraut. Ich dachte, wenn ich dem Sauerkraut nicht die Ehre erwiese, dann würde die Wirtin mich bis zum Jüngsten Gericht verfolgen. Ich rief also einen Bernhardiner, der mit geschlossenen Augen auf seinem Hinterteil saß und sich unverdrossen Schnauze und Pfoten vor einem Riesenfeuer röstete, an dem man einen Ochsen hätte braten können. Sowie er meine guten Absichten begriffen hatte, verließ er seinen Platz am Kamin, kam zu mir, und mit drei Happen hatte er das fragliche Gericht verschlungen. „Gutes Tier“, sagte ich, streichelte es und gab der Wirtin den leeren Teller zurück. „Und Sie?“, fragte sie mich. „Ich esse etwas anderes“, erwiderte ich. „Aber ich habe nichts anderes“, erwiderte sie. „Wie bitte?“, schrie ich aus der Tiefe meines Magens. „Haben Sie denn keine Eier?“ „Nein.“ „Kein Kotelett?“ „Nein.“ „Keine Kartoffeln?“ „Nein.“ „Keine…“ Mir war eine Erleuchtung gekommen. Ich erinnerte mich an die Empfehlung, das Fürstentum Liechtenstein unter keinen Umständen zu verlassen, ohne seine Pilze probiert zu haben, die zwanzig Meilen im Umkreis berühmt sind. Doch als ich diesen glücklichen Einfall umsetzen wollte, stieß ich auf eine Schwierigkeit: Ich konnte mich weder auf Deutsch noch auf Italienisch an das Wort erinnern, das es unbedingt auszusprechen galt, wenn ich nicht hungrig zu Bett gehen wollte. Ich saß also mit offenem Mund da und fand keine Worte. „Haben Sie… haben Sie vielleicht… Zum Teufel, wie heißen die Dinger auf Deutsch?“ „Die Dinger?“, wiederholte die Wirtin mechanisch. (…) Ich nahm also meinen Bleistift und zeichnete mit aller Sorgfalt, derer ich fähig war, die kostbare Pflanze, das Objekt meiner Begierde, auf ein schönes, leeres, weißes Blatt Papier. Ich darf wohl behaupten, daß meine Zeichnung soviel Ähnlichkeit aufwies, wie man erwarten kann, wenn Gottes Werk von Menschenhand wiedergegeben wird. Meine Wirtin folgte meiner Arbeit mit sichtlich intelligenter Neugierde, sodaß ich voller Hoffnung war. „Ah! Ja, ja, ja!“, rief sie, als ich den letzten Bleistiftstrich getan hatte. Sie hatte verstanden, die gute Frau! Sie hatte so gut verstanden, daß sie nach fünf Minuten mit einem aufgespannten Regenschirm zurückkam. „Bitte schön“, sagte sie. Ich warf einen Blick auf meine mißglückte Zeichnung. Die Ähnlichkeit war tatsächlich vollkommen. „In Gottes Namen“, sagte ich, mich geschlagen gebend. „Dann bringen Sie mir eben das Sauerkraut.“ „Das Sauerkraut?“ „Ja!“ „Es gibt kein Sauerkraut mehr. Drago hat den letzten Rest gefressen!“ (…)”