Das Schiff, das nicht mehr da ist

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Wiesen und Auen als leise wogende Fläche: wie der Fluss, der sie durch­strömt – hier, wo der Rhein an Fahrt verliert und an Breite gewinnt, bei Überschwemmung zum See gerät und die Landstraße schluckt, einen Weg, der abbricht im nassen Nichts…
Hier säumen im Sommer Weiden die Ufer, deren Zweige Wasser nippen und Schafe fluten als lebender Teppich die grasigen Böden… Hier am nördlichen Niederrhein lag es einst: ein gestrandetes Relikt, weltversetzt, als hätte das Meer selbst es bei einer frühen Sturmflut zurückgelassen – ein Schiff, das rostige Schiff bei Rheinberg, damals inmitten grüner Ozeane…

Heute finden wir nichts mehr davon, keine Spur – allein im Gedächtnis, das diese Schönwettergeschichten fortspinnt: diese kleinen Ausritte zu siebt im 2CV mit Punk-Musik (Dead Kennedys und Tote Hosen sogar), die blanken Füsse aus dem offenen Verdeck gereckt, der Sonne entgegen… Und dann über diese Schafswiesen hin zum verzauberten Kahn, der Namenloses flüstert: lyrische Prosa von Pira­ten- und Schmuggelaktionen, Rheinromantisches, Weltkriegsthriller… Darauf rumkrabbeln… Späte Abenteuerträume ausleben, sie anschließend mit Pernod und Purpfeifen kühlen und verschwinden machen…

Einmal verstauchte ich mir den Fuß, humpelte zurück durch die blökenden Wollknäuel – zugleich vom Haschisch tierisch mitgenommen, musste geschlagene zwei Stunden im Auto ausharren: zu mir kommen, während die andern sich in der Kneipe vergnügten. Das war auch so ein Ende dieser Geschichte, physischer Schlusspunkt, spät-pubertäre Ausrufe- oder Fragezeichen?

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Das Schiff, das nicht mehr da ist ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007

Pfalzdorf

Anderntags ging es dann weiter Richtung Pfalzdorf. Die grüne Hölle des Niederrheins schluckte mich und mein Radl, Grastentakeln schnellten aus den Wiesen, nesselten an meinen Waden, vorbei gings an ackerwindenbekrochenen Rainen, die Morgensonne nahm Witterung auf, ich spürte, ich mußte da raus, mußte über die Grenze, rüber nach Holland, aber vorher stand nunmal Pfalzdorf auf dem Programm, ich hatte es mir fest vorgenommen, wollte unbedingt des Pälzerisch in diesem Landstrich hören, denn andernfalls würde ich seine Existenz an diesem Ort nicht glauben, ich fuhr also auf entlegenen Wegen und Trampelpfaden, aus dem Off blubberten und zirpten Geräusche exotischer Tiere wie man sie in Köln jenseits des Zoos kaum je zu Gehör bekommt, in der Ferne schienen Menschen meinen Weg zu kontrollieren, sie hielten an und starrten in meine Richtung, auf dem flachen Land ist sowas problemlos über viele Kilometer hinweg möglich. Aber sie starrten nur, machten keinerlei Zeichen, weder ermutigende, noch warnende, vielleicht wars auch nur, weil sie mich nicht kannten – und plötzlich, eh ichs mich versah, hatt ich irgendwelche Schienen überquert und war in den Außenbezirken Pfalzdorfs gelandet. Am Ende der Straße huschten zwei kleine Menschen unbestimmten Alters und Geschlechts hastig in ihre Behausungen. Die Behausungen, das waren hier freistehende Einfamilienhäuser plus Garage, auch in Reihe gebaute, farblich in hellem Staubgrau gehalten. Lungenkrankes Licht sammelte sich im Rinnstein und schwappte von dort ein wenig auf die Fahrbahn. Dies war also wieder ein Flecken Zivilisation. Ich fuhr ans Ende der Straße und bog in eine weitere ein. Den Vorgang wiederholte ich einige Male. Jedesmal ergab sich dasselbe Bild. Die Straßen in Pfalzdorf waren menschenleer. Sobald ich in Sichtweite kam, war bereits alles Leben geflüchtet und wahrscheinlich irgendwo in den langsam atmenden Häusern versteckt. Mittlerweile hatte ich die Innenbezirke Pfalzdorfs erreicht, die sich von den Außenbezirken in keiner Weise unterschieden. Nicht eine Seele unterwegs. Wenn ich hier des Pälzerisch hören wollte, mußte ich an Haustüren klingeln, in der Hoffnung, jemand würde öffnen und mit mir reden. Diese Hoffnung schien mir jedoch völlig unrealistisch und ich war drauf und dran, Pfalzdorf einfach so wieder zu verlassen, als ich sie unvermittelt entdeckte. Sie machte sich in einem zur Straße versetzten Garagenhof zu schaffen und hatte mein Kommen nicht bemerkt. „Guten Morgen“, grüßte ich. Der Schreck hatte sich all ihrer Glieder bemächtigt, sie nestelte ihr Kopftuch tiefer in die Stirn und schlug die Augen nieder. „Ein schöner Tag“, sagte ich und wies mit der Hand auf die Sonne. Sie änderte ihre Gesichtsfarbe, die ursprünglich bronzen gewesen war, in ein sehr blasses Blaß. Nickte oder verneinte mit dem Kopf, die genaue Geste war nicht auszumachen. Sie saß quasi in der Falle, mein Vorderreifen versperrte ihr den Weg zur Haustür. „Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir vielleicht sagen, wie ich aus Pfalzdorf wieder rauskomme? Ich möchte weiter nach Emmerich.“ Sie machte einen kleinen Schritt zurück und zuckte mit den Achseln. Dann spannte sie plötzlich ihren Körper an, ging schnellen entschlossenen Schritts um mein Hinterrad herum, sprang mit drei vier Schritten durch den staubgrauen Vorgarten und verschwand ohne jeden Mucks hinter der Haustür. Ich werde das ein andermal erneut probieren, des Pälzerisch am Niederrhein zu Gehör zu bekommen. Bis dahin halt ich alle Berichte darüber für bloße Kolportage.

RoN Schmidt aus Goch

Einst fuhr ich mit dem Fahrrad von Düsseldorf los, zielte mit dem Lenker auf Orte wie Kevelaer, Kleve, Weeze, letztlich Goch. Am Rande Gochs wohnt der Intensivverdichter und Spiritualclown RoN Schmidt und pflegt sein eigen Reich – dort harrten meiner Herberge, Wein und Wurst. Wir sprachen über das Grün der Wiesen, das Alter der Erde, Leben und Tod, sowie über Bedburg-Hau mit seiner berühmten Klapse und Pfalzdorf, eine Siedlung, in der angeblich mitten am Niederrhein pfälzisch gesprochen wird und die ich mir ob dieser Kuriosität anderntags erradeln und zu Gehör führen wollte. Es sollte an dieser Stelle erwähnt sein, daß das Grün der niederrheinischen Wiesen und Weiden sommers selbst den besten Mann kirre zu machen imstande ist, es streckt sich in jede Richtung und darüber kuppelt ein nuklearblauer Himmel, die punktschweißende Sonne zielt auf den Niederrheiner, insbesondere seinen Kopf, sie macht das auch mit Besuchern des Landstrichs, doch wer den niederrheinischen Sommer mit seinen Abermilliarden im seichten Wind wogenden Halmen komplett durchstehen muß, braucht eine Taktik, z.B. des Verdampfens, um in diesem Inferno göttlichen Sinns nicht den Verstand zu opfern. Auf dem Weg nach Goch hatte ich bereits dutzende Kilometer dieser grünen Hölle durchquert, mit Abstechern in leblose Ortschaften, Dörfer jenseits der Bundesstraße mit zur Mittagszeit verbarrikadierten Häusern und Läden, die Dorfbrunnen immerhin gaben kleine Trinkwasser-Rinnsale, ansonsten menschenabholde Stille, das Flirren über den Feldern nicht eingerechnet. Leblose Höfe, niemand zugegen im großen weiten Nichts. Doch überall schien sich etwas zu Mulm und Doom zusammenzutun. Hin und wieder brach ein Schauer herunter, irgendwann brach der Radweg ab: ich befand mich im Innersten einer unerforschten Region, die gemeinsam mit dem ebenso entlegenen, aber viel hügeligeren thüringischen Vogtland die prallen Arschbacken Deutschlands markiert. Am Spätnachmittag kippte der Tag vollends in sich zusammen und brodelte nurmehr müde, in der Ferne verzog sich in Jaucheschwaden das grausige Quieken großbetrieblich aufgezogener Schlachtschweine – in solcher Umgebung lebt seit Jahrzehnten der Geburtspreuße RoN Schmidt und läßt seine Gedanken schweifen, keine Berge hindern seinen Blick und nun schickte er mir den Hinweis auf vier seiner alten Videos, die just bei Youtube einzusehen sind, Meisterwerke niederrheinischer Lakonie in ihrem Bewußtsein des Wesentlichen, wie es nur auf dem Land noch in archaischer Reinheit zu beobachten ist, wenn überhaupt. Kürzlich wurde mir zugetragen, von Hanns Dieter Hüsch stamme sinngemäß der Spruch: „Wenn sich bei uns am Niederrhein zwei begegnen, geschieht das statt sonst weithin bekannter Grußfloskeln mit dem Satz „haste schon gehört, der und der ist gestorben““. Läßt sich nachvollziehen: Niederrheiner zwischen 14 und 40 sind am Niederrhein schwer anzutreffen. RoN Schmidt belebt diese Vitalitätslücke mit seiner schelmischen Kunst, in der er sich notfalls als der Landschaft angeglichene Frühkartoffel im Morgengrauen denkt und nebenbei deutsches Yoga lehrt: „SETZ DICH / NACKT / AUF EINEN / SPIEGEL / DENKE / ICH / BIN / ZWEI / ARSCHLÖCHER“

Hier gehts zu einem heute frisch eingestellten Poetry Video von RoN Schmidt auf Youtube: Hefeklöße.

Xanten

Von den 35, 36, 37 offiziellen, auf engstem Raum versammelten Sehenswürdigkeiten Xantens ist der Dom Sankt Viktor mit Douvermanns psychedelisch-mystischer Marien-Predella die sehenswerteste, das sogenannte Pesthaus (ohne jeden Pestbezug) die charmanteste, der Rest dazwischen von eher mittlerer Einprägsamkeit. Alles in allem macht der niederrheinische Himmel hier die Musik, er drückt und strahlt und weitet diesen Winkel Erdenrund Richtung Kosmos, außerhalb des Städtchens wölbt er sich von Horizont zu Horizont über die metallische Schlinge des verzweifelt nach Endlichkeit gierenden Rheinstroms, der zwischen gigantischen Maulwurfshügeln davonflieht, die burgengleich aus den ewigen simpel gestrickten Feld-, Weide- und Wiesenteppichen ragen. Der niederrheinische ist seit jeher an die holländischen Himmel gekoppelt, lange vor Inkrafttreten des Schengener Abkommens wurden ihre berühmten Farben über die Grenze geschmuggelt und als ortsnotorische Blaupalette etabliert: Schieferblau, Kornblumenblau, Dunkeltürkis, Schönwetterblau, Schwindligblau, Tiefhimmelblau, Radioaktivblau: Farbtöne, die ihren betörenden Sinn nebenbei auch beim Verdauen des regionaltypischen Frühstücks offenbaren wie es im Train-Stop am Xantener Bahnhof serviert wird: Trockenes Brötchen, Portion Sahne, Brühwurst, einen Apfel – für sagenhafte Zweieurosechzich.
Um das winterliche Xanten herum: tausende dumpf vor sich hintrötender Wildgänse, bisweilen bohren sie sich als ruckende Keile in verrutschte Himmelsteile oder trauern am bereiften Grund mit den Grünkohlbüscheln. Nix von Siegfried und den Nibelungen außer Fake und angestrengter Fantasie: Lidlungenpaläste vor den Toren ersetzen nicht die literarische Tiefe ihrer mythischen Vorgängerbauten, der Kampf ums Dasein zwischen niederen und höheren Angestellten vor Überlebensmittelsortimenten ist allenfalls schwacher Abklatsch großer historischer Schlachten, das ganze Gelände, das dem Vernehmen nach auf Menschenblut stehen müßte, macht einen äußerst drögen Eindruck, einzelne Kraftfahrzeuge stören, wo die Gänse erstmal schweigen, gelegentlich die umgebende Stille: sie besitzt eine besondere Note nie zur Gänze gereifter Heiligkeit. Reichtum und Überfluß des Xantener Hofs, so wie im Nibelungenlied vorgestellt ergo kaum mehr nachvollziehbar in dieser behäbigen Landschaft mit ihren vereinzelten Pappelgruppen und der großen, ständigen, höchstens alle Jubeljahre erfüllten Hoffnung, daß flauschige Schafe aus dem leuchtenden Himmelsgebreite sinken, um unter geräuschlosem Aufprall, seifenblasenähnlich, die Szenerie zu vervollständigen. Das Land ist wild, das Land ist stumm, man treibt sich leidlich dort herum.

Duisburg Hauptbahnhof

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit, hochmoderne Verwunderung (d.h. aufheiternde Verwirrung) schafft wiederum die einzigartige Vitrinenlandschaft in der kränklich beleuchteten Flucht des Duisburger Hauptbahnhofs. Wer per Bahn ins ehemals Siegfriedsche Xanten reisen möchte, bekommt in Duisburg Umsteigen aufgebrummt. Das ist nunmal so. Das hat auch mit Herrn Mehdorn nichts zu tun. Xanten ist abseits geraten, seit die Römer, die Siegmunds, Sieglindes und Siegfrieds, ja selbst der Rhein von dort abgezogen sind. Es fällt also Wartezeit in Duisburg an. Die zu nutzen empfehle ich eine eingehende Besichtigung der Innenwände des maroden Bahnhofsgebäudes. Auf den ersten Blick kaum ersichtlich treiben sie nämlich einen Heiden-Schabernack mit den Wahrnehmensweisen der Passanten. Das konsumbudenartige Ambiente der in die Wände eingelassenen Vitrinen weist vorderhand auf osteuropäischen Einfluß (Budapester U-Bahn, Zentralbahnhof Kattowitz), bietet Wurzelreste längst abgestorbener Kulturstränge (70er Jahre-Ruhrgebiets-Selbstverständnis) und hinterfotzig-infiltrative Installationen aus dem topaktuellen Medienkunstgenre, ohne letztlich zu verraten, welcher Vitrineninhalt welcher Absicht dient. Das wirkt zunächst einmal abstoßend, kehrt sich in seiner Liebe zum deplazierten Detail jedoch zügig in nichts minder als vertrackte Evokation entzückten Staunens. Seit Jahrzehnten vernachlässigte Werbeflächen für namenlose Innenausstatter, bei denen die Tapeten von den Wänden blättern. Design-Toiletten für den Niederrhein. Antikapitalistisches Schmunzeln auslösender Kunstschnee auf fingierten Weihnachtswünschen führender westlicher Industrie- und Bankenbosse. Dazwischen durchgeknallte Installationen vorderorientalischer Lifestyle-Ästhetik in verwaschenen Leuchtfarben. Diese pseudomuseale Verschiebung zwischen artifiziellen und realen Schauwelten, zwischen der Aufforderung zu kaufen und der Aufforderung nachzudenken (am besten jedoch beides!), zwischen Raum und Zeit, und das hüben wie drüben mit krassen gestalterischen Mitteln geht ordentlich auf die Pedipalpen des Betrachters, der sich (mittels seines von den Vitrinen gesteuerten Willens zum Betrachten ebenjener) unversehens in eine kontraktive Zeitzone begibt: der Anschlußzug nach Xanten kommt plötzlich schneller als erhofft, beinah geht er sogar flöten, die Welt dreht sich ferne ächzend einmal kurz auf links, in einem ruckartigen unsichtbaren Schub, fast als wäre nichts geschehen, das Ächzen könnte auch das Bremsgeräusch eines Zuges gewesen sein, der nun in die Weite der Landschaft hinausgleitet. Adieu, Duisburg Hauptbahnhof, adieu!