Niederrhein um 1600

geilenkerken_niederrhein

Nicolaas van Geilenkerkens Kupferstich von 1615 zeigt den Niederrhein als Konfliktfeld zwischen Ambrosio Spinola und Moritz von Oranien. Während des spanisch-holländischen Krieges zwischen 1568 und 1648 nutzten die Spanier den Rhein als Nachschubtrasse in die Niederlande.

Der Rhein bei Quarks & Co

Intensiv mit dem Rhein beschäftigte sich das Wissenschaftsmagazin Quarks und Co des Westdeutschen Rundfunks vom 18. Mai 2010 und förderte dabei einige wissenswerte und vor allem: gut im Netz aufbereitete Informationen zutage. So erfahren wir von rheinischen Tierarten, die anderswo ohne Namensnennung (im Hinterkopf wohl unter: Gekreuch) zusammengefaßt werden. Die Sumpfdeckelschnecke ist in der Lage, ihr Gehäuse mit einem am Fuß verwachsenen Deckel zu verschließen. Der Lachs kann sein Heimatwasser am Geruch erkennen. Die Wollhandkrabbe kneift Angelfäden durch, um sich die Köder zu verschaffen. Es existieren Süßwasserschwämme im Rhein! Die militärische Lage im Krebsreich läßt sich etwa wie folgt zusammenfassen: aus dem Donauischen zugewanderte Schlickkrebse vs Wandermuschel (welche den Krebsschlick nicht verträgt), Höckerflohkrebs vs alle anderen Kleinkrebse, bartelnde Barben vs alle Krebsarten, während der aus den USA eingedrungene Kamberkrebs die Krebspest verbreitet, gegen die er selber immun ist. Ebenfalls aus dem Donauischen stammende Schwebgarnelen dringen via Bodensee allmählich nach Nordwesten vor. Der aktuelle Zählstand bewegt sich bei rund 360 Tierarten „im Rhein“. Eintagsfliegenlarven weiden erstmal ein Jahr lang unter Wasser Algen von Rheinkieseln, bevor sie sich in ihr kurzlebiges Fliegenstadium begeben. Bachneunaugen fressen nur als Querder (ihrem eigenartigen Larvenstadium), nicht mehr als ausgewachsene Tiere. Sowieso herrscht auch unter den Larven Krieg. Jene der Prachtlibelle ist auf die der Köcherfliege aus etc, etc – die Sendung liefert prima Bilder und laienverständliche Erklärungen: ein Highlight unter den kursierenden Rheindokus. Sonst noch zu erfahren: eine weitere Entstehungstheorie, die bis Pangäa und die Entstehung des Mitteleuropäischen Rifts zurückreicht und besagt, daß nach Bildung der Alpen zunächst drei voneinander getrennte Teilrheine (Mittelrhein, Oberrhein, Alpenrhein) bestanden, die, nach komplexeren Schritten über hundert Millionen Jahre hinweg, schließlich vor 30.000 Jahren zum aktuellen Lauf fusionierten. Desweitern: Buhnen dienen der Strömungsregulierung und erzeugen schwimmerfeindliche Strudel, Ertrinkende im Rhein: pro Jahr im Schnitt rund 30. Klappschuten transportieren Oberrheinkies als Geschiebezugabe an den Niederrhein und ein Tauchglockenschiff namens Carl Straat ermöglicht Trocken-Spaziergänge auf dem Rheingrund. Tullas Rheinregulierung wird am Oberrhein mittels Poldern wieder in Richtung Naturzustand nachreguliert. (Eine veritable Tierwoche auf rheinsein, das Sommerloch öffnet auch hier sein Maul.)

Neozoen in Köln

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet heute über zahlreiche Neozoen im Kölner Großstadtdschungel. Kein wahnsinnig heißer Artikel, denn viele der erwähnten Tiere sind bereits seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Stadtbild präsent. Ob eingeschleppt, freigelassen oder freiwillig auf Stippvisite: genannt werden Marderhund (den wir allerdings noch nicht selbst erblicken konnten und den die Zeitung mittels einer gerüchtweisen Sichtung anführt), Halsbandsittich, Wasserschildkröte, Kaninchen, Nil- und Kanadagans. Das klingt schon ein wenig nach Vorfreude aufs Sommerloch. Die meisten Neozoen aber böte der Fluß:

“Auch im Rhein tummeln sich Dutzende Tierarten, die es dort vor 100 Jahren noch nicht gab. Georg Becker kennt sie alle, denn der Rhein fließt direkt durch sein Labor auf der Ökologischen Rheinstation der Kölner Universität. Aus einem Bottich an Bord des Forschungsschiffs fischt Becker eine Hand voll Muscheln. (Neue Rechtschreibung oder abgetrennter Körperteil?; Anm.: rheinsein) In einer moosigen Wanne lebt ein Kamberkrebs, nur von der mächtigen Wollhandkrabbe, deren Panzer etwa neun Zentimeter breit werden kann, hat er kein lebendes Exemplar im Labor. „Das ist ein beeindruckendes Tier. Beim Anblick der Krabbe haben mir schon Menschen gesagt, dass sie nicht mehr mit den Füßen in den Rhein gehen“, sagt Becker. (Ein schönes Bild drängt sich da auf: wie die Menschen aus Angst vor der Wollhandkrabbe nur noch auf Händen in den Rhein gehen; Anm.: rheinsein) Die Krabbe sei vor Jahrzehnten aus China als schwimmende Larve im Ballastwasser von Schiffen in den Rhein geschleppt worden. Auf gleiche Weise ist die asiatische Körbchenmuschel nach Köln gelangt. Wo immer man am Rheinufer im Sand oder Kies buddelt, stößt man auf die Schalen der Körbchenmuschel. „Auf einem Quadratmeter leben bis zu 1000 Jungmuscheln. Das ist die Art mit der höchsten Biomasse im Rhein“, weiß Becker. Bereits nach wenigen Jahren stelle sich heraus, ob sich eine neue Art durchsetzen könne oder nicht. Becker und sein Team untersuchen die Auswirkungen auf das Ökosystem im Fluss. So könnte der Höckerkrebs für den Rückgang des Artenreichtums am Niederrhein verantwortlich sein. Der Flohkrebs, eingeschleppt aus dem ponto-kaspischen Raum, soll bereits andere Flusskrebsarten verdrängt haben. Die Artenvielfalt im Rhein habe zuletzt jedoch stetig zugenommen. (Der Artenreichtum am Niederrhein nahm also ab oder wird dies hypothetischerweise noch tun, die Artenvielfalt im Rhein nimmt jedoch zu – klingt ganz nach höherer Naturlogik wie wir sie am liebsten mögen!; Anm.: rheinsein)

Die Muschelschalen sind in den Flachhangbuchten tatsächlich unübersehbar, von den Flohkrebsen konnten wir bisher ein einziges quicklebendiges Exemplar in einer zurückgebliebenen Hochwasserlache sichten. Kamber- und Höckerkrebs in freier Natur zu betrachten, gelang uns bisher nicht, wohl aber ein unbekanntes todbleiches womöglich alteingesessenes Krabbentier in einem Auslaufbauwerk. Die Wollhandkrabbe kennen wir nur aus Filmen. Was uns in dieser Stadt aber wirklich exotisch erscheint, ist das Auftauchen vielfältiger hochspezialisierter nonklassifizierbarer Insekten in seltsamsten Ausstattungen. Manche scheinen bestimmten Hausecken endemisch, andere wieder die Rheinstrände zu scannen. Darunter: Blutsauger, filigrane Flieger, brummig-pummelige Flieger, Hüpfer, Kampfstachler, Netzhautschmeichler. Darüber gibts bisher leider gar keine Artikel oder Gerüchte in breitenwirksamen Blättern.

Das Nashorn vom Rhein

Das Nashorn vom Rhein war (nebst Wasserbüffel und Flußpferd) eines von drei frühen Schubschiffen der Reederei Raab Karcher und wurde zum Star eines wunderbaren Lehrfilms des Museums der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg-Ruhrort. Der gleichnamige Film zeigt aus Kapitänswarte die Einfahrt eines Schubverbands mit vier Leichtern à 1500 Tonnen Verfassungsvermögen in den Rotterdamer Hafen, das dortige Aufnehmen von Schwedenerz für die Hüttenwerke am Niederrhein und die weitere Bergfahrt, „in Gottes Namen“, vor allem durch die schwierige Passage am Binger Loch, mit Ruhrkohle für das Badenwerk in Karlsruhe. Der Kapitän erklärt Schiff, Leichter und Manöver und weist auf die herrlichen Landschaften des Stroms, für die er angeblich keine Blicke haben darf. Auf Youtube ist der knapp viertelstündige Film gestückelt, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

Deutsche Fußballmeister

Wieviele rheinische Teams, drängt sich an einem durchschnittlichen Bundesligasamstag unvermittelt die Frage auf, schafften es zur Deutschen Fußballmeisterschaft der Männer? Natürlich werden darüber Listen geführt, wir exzerpieren:

1907 Freiburger FC
1909 Phönix Karlsruhe
1910 Karlsruher FV
1933 Fortuna Düsseldorf
1949 VfR Mannheim
1955 RW Essen (lassen wir großzügig als rheinisch durchgehen)
1962 1. FC Köln
1964 1. FC Köln
1970 Borussia Mönchengladbach
1971 Borussia Mönchengladbach
1975 Borussia Mönchengladbach
1976 Borussia Mönchengladbach
1977 Borussia Mönchengladbach
1978 1. FC Köln

Das ergibt, für das riesige Einzugsgebiet des Rheins, ein eher mäßiges und bis auf die drei Kölner Meisterschaften, die dieser größten und wohl bedeutendsten, zugleich schlampigsten rheinischen Stadt angemessen erscheinen, auch erstaunliches Bild. Offiziell werden die DFB-Meisterschaften seit 1903 ausgespielt, mit fünf Pausenjahren in den beiden Weltkriegen. Heraus stechen aus rheinischer Sicht die Provinzstädte Mönchengladbach mit fünf Titeln und Karlsruhe, das gleich zwei Meistervereine in den Anfangsjahren, die einige erstaunliche Anekdoten bevorraten, stellt. Weiterhin bemerkenswert: von den acht bisherigen rheinischen Deutschen Fußballmeistern stammt die Hälfte aus Baden, die andere, gewichtigere, vom Niederrhein.

Über den zugefrorenen Rhein

Die Winter müssen in früheren Jahren, wenn auch nicht schneereich, so doch viel kälter gewesen sein als jetzt. Wie hätten wir sonst Schlittschuhlaufen können? Mit dem Spiegel des Rheins pflegte das Grundwasser zu steigen und an den tiefergelegenen Stellen hervorzutreten. Der Kittelbach, der seinen Lauf unter der Clemensbrücke um die Nordbastei der alten Festung zum Rhein hin nahm, trat über die Ufer. Wenn der Frost einsetzte, ergaben sich erwünschte und ungefährliche Eisflächen unter dem Gutshof, dem Barbarossawall oder in „Abels Kull“.
In den Weihnachtsferien spürten unsere Brüder die günstige Gelegenheit aus. Bei scharfem Frost bildete sich die spiegelglatte Eisbahn zwischen den „Kribben“. Der Rhein strömte dicht vorbei, Eisschollen tragend, die leise knisternd, aneinander stoßend, vorüberzogen. Den Eisgang gab es in manchen Jahren auch ohne Gelegenheit zum Schlittschuhlauf. Anfang der neunziger Jahre erlebten wir es, daß der Rhein „stand“. Die Eisschollen hatten sich gestaut, ineinander geschoben und hatten nach Holland hin keinen Abzug. Da konnten wir auf einem bezeichneten Pfad zu Fuß das andere Ufer erreichen. In dem sehr kalten Winter 1928-29 hatten sich Schollen bei Wesel gestaut. Für den fälligen Wandertag des Oberlyzeums wurde dieses Ziel gewählt, um die Schülerinnen die seltene Fußwanderung über den Rhein erleben zu lassen.
Bei Eisgang war immer die bange Frage: Wo wird das Tauwetter zuerst einsetzen? Wenn es den Ober- und Mittelrhein traf, war zu befürchten, dass die strömenden Fluten die Ufer am Niederrhein überschwemmten. In dem ungewöhnlich kalten Winter 1929, als ich unter der Loreley die Autos über die Eisfläche des Rheins fahren sah, lösten sich die Eismassen zuerst in Holland, die Schollen schoben sich allmählich auseinander und glitten in ruhiger Folge der Nordsee zu. Die Gefahr war gebannt.

(aus: Luise Fliedner – Kaiserswerther Erinnerungen)

An den Rhein

Gewalt`ger Bruder, wag ich es, dein Bild,
Das immerzu an mir vorüberfließt
Und sich voll Majestät in mich ergießt,
Im Vers zu spiegeln als dein helles Schild:

Ich diene dir getreu an meiner Statt.
Mein Haus prangt fest an deinem weichen Rand,
Mit blanken Augen froh dir zugewandt,
Sieht es wie ich sich niemals an dir satt.

Am liebsten freilich bist du uns bei Nacht.
Du schläfst nicht ein, ziehst deine große Bahn
Gleich uns gewunden durch des Daseins Macht

Dem Meer, dem Tode zu. Du fühlst ihn nahn,
Und unter den Gestirnen wirr entfacht
Singst du im Sterben leise wie ein Schwan.

Das Sonett stammt von Herbert Eulenberg, der im Garten seines im Text erwähnten Kaiserswerther Hauses direkt am Niederrhein begraben liegt, wie wir auf einer Gartenparty dortselbst im Jahre 2002 entdeckten. Geladen hatte der niederländische Generalkonsul, der das Eulenberghaus bewohnte, zu Schnittchen und gecoverten Mainstreamhits. Der Rhein zu Füßen der Villa wirkte wie ein mächtiger Wächter, ein alle möglichen Angriffe wegspülendes Etwas, ein walzendes, unbezwingbares Wesen, das unterhalb des sanft abfallenden englischen Rasens für aristokratische Reinheit sorgte, eine totalitäre Klarheit, mit weichem Rand vielleicht, die Erinnerung versagt entweder, oder wir biegen sie uns zurecht: der Rhein hatte dort etwas Erschreckendes, allzu sehr zum Meer Hinziehendes, er muß Eulenbergs Nerven geradezu überschwemmt haben.

Niederrheinische Kulturpflanze

Mitte September, just als wir nach Material zu Joseph Beuys` Rheinquerung mit dem Einbaum suchen, widmet Christof Siemes, selbst niederrheinischer Herkunft, in der Zeit dem „Jahrhundertkünstler“ einen Retrospektivartikel, der Beuys als typisch niederrheinisches Heimatgewächs zeichnet. Die Recherchestrategie erinnert uns an eine unserer eigenen: Aufsuchen von Tatorten, Abgleich ihrer historischen und heutigen Nutzung, vulgo: Wirklichkeit. Die Kunsttatorte findet der Autor meist umfunktioniert, andere tun noch ihre beuysschen Schnaufer: „Loch entstand 1981 für die Ausstellung Schwarz: Beuys trieb einfach ein rußiges Ofenrohr durch die brutalistische Waschbetonwand der (Düsseldorfer; Anm. Rheinsein) Kunsthalle. Außen reckt es sich keck zum Himmel und verwandelt das gesichtslose Monstrum in ein Hexenhäuschen. Folgt man dieser Assoziation (und Niederrheiner wie Beuys denken fortwährend in Assoziationen), brodelt im Innern die Alchemistenküche der Kunst, hier wird das Nachdenken über Sinn und Unsinn des Lochs zur sozialen Plastik aufgekocht. Dabei ist in der Halle nichts als das andere Ende des Rohrs zu sehen, eine nachtdunkle Öffnung von 20 Zentimeter Durchmesser knapp über Kopfhöhe, eine Mischung aus Abgrund und Ausguck, ein Symbol des Alls und des Nichts, das die ganzen Ausstellungshalle in Bann schlägt.“ An einer Stelle wird das Ohme Jupp erwähnt, vor dessen Tür, doch einige Schritte vom Ufer entfernt, besagter Einbaum nach erfolgreicher Überfahrt im Oktober 1973 geparkt wurde. Mehr Raum mißt der Artikel der Rheinquerung nicht bei. Dafür fördert er noch ein schönes, wenngleich diskussionswürdiges Zitat Franz Joseph van der Grintens über das Wesen des Niederrhein(er)s zutage: „Man sieht nach allen Seiten über den Horizont hinaus. Das Denken wird durch diese Landschaft sehr begünstigt.“

Der progressive Rheinländer

Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung, hinter dem bekannteren Grevenbroicher Tagblatt eine der wichtigsten Regionalzeitungen des mittleren westlichen Niederrheins, berichtet in der Rubrik “Grevenbroich” seiner Online-Ausgabe von gestern unter der Überschrift „Die ersten Frauen im Zug“ über das progressive Rheinland: „Frauen im Grevenbroicher Festzug – das hat`s noch nicht gegeben. Am Sonntag war Premiere: (…) Auch als letzte Abteilung waren ihnen bei der Parade viele Blicke sicher: Die Damen vom Amazonenkorps “L’equipe noir” aus Orken, die in Blumen geschmückten Sätteln hoch zu Ross saßen.“ Der Artikel ist gespickt mit nicht näher erklärten Fachbegriffen aus dem Schützenwesen (Zugmuli, Zugsau), die der lokalen Leserschaft bekannt sein dürften, dokumentiert die komplette Namensliste der Pionierinnen und berichtet von deren Liebe zu Pferden und zur Tradition, der sie sich nun erstmalig aktiv anschließen: „Obwohl es ein Amazonenkorps ist: Was das Feiern betrifft, unterscheidet sich “L’equipe noir” nicht sonderlich von Schützenzügen, die allgemein noch als Männerdomäne gelten. “Wir haben unsere regelmäßigen Versammlungen, unternehmen einmal im Jahr einen Ausflug, dessen Ziel geheim ist”, berichtet Brigitte Straube. Ihre Zugkönigin ermitteln die Frauen beim sogenannten “Sommer-Shooting”, im Winter wird die Geselligkeit bei der Weihnachtsfeier gepflegt. (…) Das die Frauen beim gestrigen Umzug so gut vom Publikum aufgenommen wurden, freute die Ex-Königin: “Das fand ich richtig gut. Vor einigen Jahren wäre an so etwas gar nicht zu denken gewesen.”"

Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”