Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Schergenteufel (5)

(…) Unterdessen begab es sich, daß unter den Zuschauenden zwei mit Worten hart und bis zu Schlägen an einander geriethen; als ich danach sah, bemerkte ich, daß es ein Commissarius und sein Controleur oder Gegenschreiber waren, und der Teufel sprach: „Das sind die größten Diebe auf Erden.“ Diese beiden verwiesen einander ihre Schelmenstücke. Da sie mir aber nach ihrem Gesicht und ihrem Thun sehr wohl bekannt waren, denn sie waren die Ursache an meines betrübten Vaterlandes Verderben und Untergang, sprach ich: Wenn der Teufel diese beiden Schindhunde und Marksauger, diese Klatscher und Anbringer, diese Urheber neuer Beschwerden, Auflagen und Leibes- und Seelendiensten nach Verdienst belohnen sollte, wie wunderlich würde es denen ergehen! „Ihr versteht leider nicht viel, sprach der Teufel alsbald aus dem Besessenen, daß ihr uns auch dergleichen loses Gesindel noch zuwünscht; denn ihr wißt doch, daß sie des Teufels ärgste Kinder sind, und wenn ihnen die Hölle nicht schon von Rechtswegen zugehörte, sie durch andere Mittel nimmermehr dahin gelangen könnten. Es ist jetzt an dem, daß wir sie womöglich ganz abschaffen, denn es ist ein recht undankbares Volk und so zur Bosheit abgerichtet, daß sie sich auch unterstehn, uns und unser Reich ins Verderben zu bringen, indem sie eine neue Auflage oder einen Zoll auf unserem Wege errichten wollen: wie neulich in den Niederlanden der hundertste Pfennig von allem Vermögen, der zwanzigste von jeder Wagenladung und der zehnte bei jedem Kauf den Reichen und Armen, Herren und Knechten ewig zu geben streng geboten ist, wie ferner neulich von jedem Fenster auf der Gasse, von jedem Schornstein im Hause, von jeder Stufe auf der Stiege. Da dergleichen Lasten sich von Tag zu Tag vergrößern und mehren, so ist zu befürchten, daß mit der Zeit durch unbillige Steigerungen der Preis dermaßen erhöht wird, daß schließlich Handel und Gewerbe, welche die Welt bisher mit uns gepflegt haben, in Rückschritt gerathen, was unseres Reiches endlicher Untergang und Verödung sein müßte. Wenn sie aber nicht bald von ihrem Beginnen abstehen und aus unserm Reiche verbannt werden, so sind sie ja noch ärmer als die andern Verdammten alle, weil, wie bekannt und offenbar, ihnen der Himmel ohnehin schon verschlossen ist.“

Der Pater, der des langen Geschwätzes müde wurde, sprach endlich: „Wenn der Teufel wünscht, daß es keine Gerechtigkeit oder Gerichtsdiener auf Erden gäbe, so meint er auch, man müsse all diesem Geschwätz wider Gericht und Gerechtigkeit auch beipflichten.“ „Ich meine ja,“ sprach der Teufel: „es giebt keine Gerechtigkeit mehr auf Erden, und wenn du, Pater, die Geschichte nicht kennst, so will ich sie dir erzählen, wie

Wahrheit übers Meer gezogen,
Gerechtigkeit gen Himmel geflogen,
Lüge und Gewalt auf Erden geblieben;

und du wirst daraus verspüren, daß ich ein wahrhafter Teufel bin:

Es geschah, daß Wahrheit und Gerechtigkeit eines Tages sich entschlossen, miteinander zu reisen und beisammen zu wohnen; aber niemand wollte sie aufnehmen, denn Wahrheit war ganz nackt und bloß und hatte nicht viel Schmuck am Leibe; Gerechtigkeit sah sauer aus und achtete keines Menschen. Endlich als sie ohne Hilfreichung herum geirrt waren und niemand sich ihrer hatte annehmen wollen, wurde Wahrheit gezwungen bei einem Stummen einzukehren. Als Gerechtigkeit sah, daß allein ihr bloßer Name bei den Menschen geblieben und gebraucht würde, nur um alle Ungerechtigkeit, Tyrannei und Schinderei zu bemänteln und zu verbergen, bedachte sie sich kurz und kehrte wieder um nach dem Himmel, wo sie hergekommen war. Sie verließ daher eilends die Höfe großer Fürsten und Herzöge, wo ihr viel Schimpf von den Hofschranzen und Fuchsschwänzern widerfuhr. Sie verließ alsbald auch alle herrlichen Gewerbe und die großen Städte (wo man auf Gunst und Vetterschaft mehr sieht als auf Recht), und kam in ein kleines, elendes Dorf, wo sie bei einem schlichten Bauernschulzen einzog Namens Armuth, dessen Weib hieß Einfalt. Weil ihr aber etliche vornehme Herren aus den Städten Bosheit und Frevel gewaltsam nachsetzten, kam sie in ein anderes Dorf und ging dort von Haus zu Haus, ob sich jemand ihrer erbarmen und sie heimlich einlassen wollte. Weil nun Gerechtigkeit nicht lügen noch trügen kann und sie auf die Frage: wer sie wäre? rundweg sagte, ihr Name wäre Gerechtigkeit, da schlug ihr ein jeder die Thüre vor der Nase zu mit dem Bemerken, sie wüßten nichts von ihr, sie sollte anderswo Herberge suchen. Nachdem sie denn überall dermaßen abgewiesen worden war, ist sie endlich davon geflohen und gen Himmel geflogen, daß man seither nichts mehr von ihr hat sehen und erfahren können, als einige kleine Wortzeichen und unmerkliche Anzeichen, die doch so viel Zeugnis geben, daß sie vorzeiten auf der Welt war. Die Menschen, die noch ihres Namens gedenken, eignen ihr einen Stab oder ein Scepter zu, das oben eine Hand hat und das man Gerechtigkeit zu nennen pflegt. Aber es ist ein bloßer Schein, unter dem das arme Volk nur herum gezogen, gefesselt, betrogen und beraubt wird, ärger als von öffentlichen Räubern auf der Straße.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Neuer Rheinarm

Im Urzustand und eigentlich noch bis – im Verhältnis seiner Besiedlungsgeschichte gedacht – vor Kurzem, also vielleicht – wer weiß das schon, das kommende Jahr ist ja wieder mal ein beliebtes Weltuntergangsjahr – in so etwas wie seiner mittleren oder späten Schaffensfase, bildete der Rhein sich aus sich selbst heraus (ab), zweigte sich eins, zwei, drei, schuf viele tausend Branchen, Brachen und Lachen, verließ dabei ganze Städte, änderte Fließrichtungen, sumpfte rum, brach durch, schwemmte, schwand, und allerhand mehr, kurz: machte, was er wollte. Solcherlei Willkür zu bändigen fand der Europäer tief in seinem Innern den homo faber. Bzw den homo tulla. Nun plant er, der fortgeschritten fortschreitende Europäer, einen neuen Rheinarm bei Bimmen. Das Online-Portal derwesten berichtet: „Die niederländische Wasserbaubehörde Rijkswaterstaat plant einen ein Kilometer langen Seitenarm für den Rhein. Der Nebenfluss soll auf der gegenüberliegenden Rheinseite zwischen der Steinfabrik „De Bijlandt“ und der Fähre in Millingen aan de Rijn gebaut werden. Durch die Ausdehnung des Rheins könne man die Hochwassermarken senken und eine Renaturierung der Uferbereiche vornehmen, so Rijkswaterstaat. (…) Der Seitenarm entsteht an einer strategisch sehr wichtigen Stelle: „Dies ist ein kritischer Punkt. Wir befinden uns hier unmittelbar vor der Trennung des Rheins in Waal und Pannerdenschen Kanal. Hier verteilen sich die meisten Wassermassen in den Niederlanden“, erklärt Joost de Jong von Rijkswaterstaat. (…) Der neue Seitenarm wird auf jeden Fall Konsequenzen für die beliebte Fahrrad-Fähre in Millingen haben, die künftig weiter westlich anlegen muss. Für die Fahrradtouristen wird daher auch ein neuer Fahrradweg angelegt.“ Falls die Menschheit wider vieler kritischer Geister Erwarten das Jahr 2012 übersteht, wird sie, werden wohl auch die kritischen Geister, obigen Plänen zufolge, schon 2013 einen amtlichen neuen Rheinarm bestaunen dürfen.

Niederrhein um 1600

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Nicolaas van Geilenkerkens Kupferstich von 1615 zeigt den Niederrhein als Konfliktfeld zwischen Ambrosio Spinola und Moritz von Oranien. Während des spanisch-holländischen Krieges zwischen 1568 und 1648 nutzten die Spanier den Rhein als Nachschubtrasse in die Niederlande.

Maximaler Rheingewinn

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Der Rhein ist längst kapitalisiert. Bestimmte Rheinabschnitte, wie etwa auf Höhe der Leverkusener Bayer-Fabriken, sind Werksgelände und für den Normalbürger gesperrt. Die Tourismusbranche hält ganze Dörfer im Griff. Auswüchse progressiver Rheinkapitalisierung unter Verwendung seines identitätsstiftenden Namens finden sich überall an seinen Ufern (vielleicht weniger in den Niederlanden, rheinsein wills künftig erproben). Unser Screenshot (noch aus dem vergangenen Jahr, inzwischen hat sich der Slogan dynamisch verändert) bezeugt ein Wortspiel, mit dem das Unternehmen BPS Personalmanagement seine Vorstellungen (Visionen?) unter Zuhilfenahme des weltberühmten, hier zudem noch grafisch betonten Flußnamens auf seiner Website zentriert zu einem aus romantischer Perspektive womöglich fragwürdigen, dafür umso kräftigeren Slogan bündelt, dem jedenfalls auch von poetischer Seite, also außerhalb des Krämerkontexts, etwas abgewonnen werden könnte: Rheingewinn: das bedeutet ja wohl Gewinn an Rheinischkeit, Rheinheit, Wassertiefe, Imflußbefindlichkeit, Identität, implizit natürlich auch Talern, bedeutet Nibelungengelungenheit (und zwar ganz besondere), bedeutet, auf spiritueller Ebene den Zusammenschluß von Dasein und lokalem Naturfänomen, Kraft durch Wasser, Ergebenheit in die Zyklik, Leben in der Vorstellung, ein Tröpfchen zu sein, das, vom Felsen ausgeschwitzt, seine lange Reise zum Meer hin antritt, von dessen Oberfläche es verdunstet, bis es sich einer Wolke mengt, um schließlich abzuregnen, zu versickern, Fels oder Boden zu durchdringen und als Quelle wieder auszutreten, wobei sinnigerweise der Weg als Ziel zu gelten hat.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Randnotiz (5)

Manche Informationen erreichen Rheinsein auf derart abenteuerlichem Weg, daß sie Gefahr laufen verloren zu gehen, bevor sie (hier) überhaupt zum Tragen kommen (können) – worin natürlich ein mehrfacher, von uns gern provozierter Reiz liegt: jener des (mithin steuerbaren) Zufalls, jener mittels schierer Verstandeskraft zu überbrückender Lückenhaftigkeit (Fiktionskatalyse), insonderheit jener drohenden Verlusts, der zu erhöhten Leistungen anstacheln mag oder, im Gegenteil, zu mehr Gelassenheit, etc. Solch methodischen Überlegungen zufolge betreibt Rheinsein (nebst zahlreichen anderen Informationskanälen) über all die tausend plus x Stromkilometer hinweg eine nicht näher verratene Anzahl toter Briefkästen, die, das versteht sich aufgrund unseres Personals und unserer finanziellen Möglichkeiten von selbst, weit überwiegend nur sehr sporadisch geleert werden. Sie werden aber, unseres Wissens zumindest, auch nur selten bestückt, und wenn sie bestückt werden, gehen häufig codierte Nachrichten auf hier nicht zu erläuternden Wegen nebenher, welche uns auf Neubestückungen hinweisen. Vor Monaten also machte uns eine Rheinsein-Korrespondentin aus der Nähe von N. auf ein möglicherweise befülltes Depot in der Nähe von S. aufmerksam: gut in der verabredeten Weise getarnt sei dort evtl. ein älterer Prachtbildband über das Rheindelta zur Ansicht vorhanden. Da ein Niederlande-Schwerpunkt hier aus logistischen Gründen noch auf sich warten lassen muß, vernachlässigten wir die Leerung des Depots bis zur nächsten Reise in die betreffende Region. Umso größer die Überraschung, daß a) der riesige (und nur mäßig getarnte) Band unversehrt an Ort und Stelle vorhanden war und b) das titelnde Rheindelta garnicht das niederländische, sondern das bodenseeische bezeichnete. Der Fotograf Bruno Würth aus Altenrhein setzt in “Das Rheindelta” seiner Heimat ein Denkmal in Fotografien, dazu versammelt er einige fremde und eigene Texte zur Geschichte dieser Landschaft, am Ende bekrönt von einem einsamen Gedicht über seine kumpaneiischen Gefühle zu einem Käuzchen. Der Band stammt aus den 70er Jahren, als das litaneihafte Bekenntnis zur Natur bei sich selbst für “bewußt” haltenden Menschen mit breiter Ansage die oberen Bereiche der ewigen Sinuskurve unserer Kultur so immanenter Modeskalen erreichte. Die enthaltenen Bilder präsentieren das Delta gern (ganz) leicht mystisch verschleiert, und entsprechen somit jenen Uraspekten, die dort, glücklicherweise, bis heute genauso wahrnehmbar sind. Eine Doppelung nicht zur Gänze, aber eine weitreichende Überschneidung jener 70er-Eindrücke aus dem toten Briefkasten also mit jenen des lebendigsten Spaziergangs durch Ried, Wald, Flußbett im Jahre 2010: wachsendes Gespür für Zyklik und die Unerreichbarkeit von Perfektion, das notwendige Aufgehen angestrebter Präzision in unmittelbar sie umgebender Unschärfe: Hineingreifen in diesen Nebel, Herausgreifen eines nassen Tiers, Blick in seine Augen, Erschrecken, Erkenntnis, erneutes Nebelaufkommen, dampfende Depots, das ganze Glück liegt auf dem Weg und ist kein Stück vermittelbar, ein Stück vielleicht schon, ein Bruchstück, ganz sicher sogar.

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Topographia Germaniae

Haufenweise frühe Informationen über Orte längs des Rheins liefert (ab 1642) die Topographia Germaniae von Matthäus Merian (Stiche) und Martin Zeiller (Texte), wobei sich letzterer auffällig oft auf Münster und Freher beruft. Im Netz fehlen bisher die Teilstücke Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae und Topographia Circuli Burgundici, wodurch der bisher im Internet vorhandene frühtopografierte Rhein hauptsächlich auf einen deutsch-elsässischen reduziert bleibt, wobei der schwäbische Part nebst eigentlich sehr Badischem auch noch Vorarlbergisches und Liechtensteinisches umfaßt. Die Texte sind schön ediert bei Wikipedia vorhanden, weswegen an dieser Stelle nicht sonderlich viel daraus zitiert werden soll. Sie bieten neben vielen historischen und geografischen Hinweisen vergleichsweise (s. Dielhelm) wenig Anekdotisches, eine Stelle über Germersheim fiel mir jedoch sofort ins Auge: kannte ich Germersheim doch zunächst, bei einer Annäherung per Fahrrad in den achtziger Jahren, als einen jenseits der Landstraße liegenden Ort im Hitzenebel der Müllverbrennung, deren ekelhaft süßer Gestank nach Erbrochenem meinen Besuch vollkommen vereitelte und für mehrere Jahrzehnte aufschob, bis ich mich vergangenes Jahr schließlich von der anderen Rheinseite heranwagte. Umso schöner diese die (offenbar auch prä-MVA-)typische Germersheimer Luft behandelnde Stelle aus der Topographia Palatinatus Rheni: „Es gibt gute Jagten / auch Fischereyen herumb / und wird das Gold da auß dem Rhein gebracht / und gewaschen; hergegen die Lufft / wegen Außlauff deß Rheins / und Morasts / so den Orth daher befestigt / nicht sonderlich gesund ist.“