Wie Siegfried Brunhild für Gunther gewann

drachenboot

In einem Drachenschiff reisen die rheinischen Recken nach (wahrscheinlich)

island

Island, das gewaltig brennt, dieweil aus den flächendeckenden Bodenfeuern termitenhügelförmig Brunhilds Burg emporragt. Denn Siegfried soll Brunhild, die nur denjenigen heiraten mag, der sie im nordischen Eheschließungsdreikampf besiegt, für Gunther freien. Und wird sie besiegt, so versiegen auch des Landes Feuer. Was einen dramaturgischen Kniff Fritz Langs vorstellt, der über die Originalvorlage hinausgeht. Ohne Siegfrieds Hilfe, der unter seiner frisch erworbenen Tarnkappe in den Kampf eingreifen wird, ist Gunther Brunhild nicht gewachsen, was die Bildsprache deutlich unterstreicht: Brunhild (Hanna

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Ralph unter einem fantastischen Herrscherinnenhelm) sieht beim Eintreffen der rheinischen Recken niemand anderen als Siegfried für “den Kampf ihres Lebens” an. Der berühmte nordische Eheschließungsdreikampf besteht in Felsbrockenweitwurf, Weitsprung und Speerkampf. Verräterisch tänzelt des unsichtbaren Siegfrieds Schatten über den Kampfplatz vor der Burg, doch im Getümmel der Zuschauermassen aus rheinischen Recken und isländischen Jungfern fällt das nur dem informierten Filmbetrachter auf. Unter ein paar schönen frühen Trickblenden geht Siegfried dem zaudernden Gunther zur Hand, und die zuvor unbezwungene Brunhild ist besiegt. Hier noch ihre Burg

brunhilds-burg

im typischen Nordlicht. Ob es sich wirklich um Island handelt, läßt der Film ausgeklammert. Wo aber sollte es sonst dermaßen brennen, wo sonst im alten Nordland sollten solche Termitenburgen stehen?

Wie Volker vor Kriemhild von Siegfried sang und wie Siegfried nach Worms kam

hausmusik

Besinnlich geht es zu am Hof von Worms mit seinen geometrisch-schlichten Butterblumen(?)-Bodenfliesen in klassischem Schwarz-Weiß. Kriemhild bewahrt so blond es geht am Fenster, durch das kosmische Strahlung einzudringen droht, höfische Haltung. Barde Volker trägt in Vorwegnahme Bob Dylans Vernuscheltes zu Siegfrieds Einzigartigkeit vor. Aus der Amfore wird in Kürze, von dem bedächtigen Pagen in Lumpenclown-Outfit entfacht, ein wenig Wasserdampf als atmosfärischer Bühnennebel steigen. Ein höchst getragenes Konzertevent.

alberich

Unterdessen lauert stöckchenbekränzt (und später tarnbekappt) der zauselige Alberich in einer Baumspalte draußen vor der Stadt auf den frischbesungenen Drachentöter, der nackter Brust im Nebel auf einem reinweiß-glänzenden Schimmel einhergeritten kommt. Alberich springt den Reiter an, es entspinnt sich ein kurzer Kampf “Heros vs unsichtbarer Zwerg” mit bekanntem Ausgang: die fisselige, aber wirkungsvolle Tarnkappe wechselt den Besitzer und Alberich führt seinen Bezwinger durch rheinische Schluchten- und Höhlenlandschaften zum Nibelungenschatz, der von gefesselten Zwergensklaven wie ein Himmel unter der Erde emporgestemmt wird. Nebst unermeßlichem Geschmeide enthält er auch das Schwert Balmung, eine in Feuer und Blut geschmiedete Wunderwaffe, mit der Siegfried den Zwergenkönig tötet, als dieser ihn erneut attackiert. Endlich ist der

worms

Weg frei nach Worms (hier eine Stadtansicht mit Flachdachwächter) und zu Kriemhild mit den fast knielangen Zöpfen. Unterwegs haben sich Siegfried noch ungefähr zwölf Könige als Vasallen angeschlossen, hier queren Herr und Gefolge die Wormser Brücke, um von König Gunther entgegen Hagens Rat im Wormser Schloß mit seinem Elchgeweih und der deutlich gewagter als die Bodenfliesen gemusterten Bettwäsche bewillkommnet zu werden:

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Der zweite Gesang von Fritz Langs Nibelungen endet bei 49:31 Minuten mit dem berühmten Doppelehedeal. Zum Abschluß noch ein Portrait von Kriemhild (gespielt von Margarete Schön) mit den fast knielangen Zöpfen (hier nur schulterlang im Bild), die vor Siegfrieds Ankunft von einem schrecklichen Traum mit schwarzen Schattenaalen, die sich in lichttaubenschlagende Falken wandeln, heimgesucht wurde:

kriemhild_2

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)

Der Rhein

Du heil`ger Strom, gebenedeiter Strand,
Wo ist ein Deutscher, der nicht frommen Dranges,
Ein andachtglüh`nder Pilger an dir stand?
Wo ist ein Schwan germanischen Gesanges,
Deß Flügelschlag nicht über dir gerauscht,
Der nicht dem Säuseln deines Schilfs gelauscht,
Der nicht gewiegt sich auf dem deutschen Ganges?

Du bietest allen deinen Friedenskuß,
Den Landen rings, der Berge blauen Reigen;
Naht nicht mit Euren Schwertern diesem Fluß,
Laßt Eure Fahnen tief sich vor ihm neigen!
Auf dieser Wasser stillem Bette ruht
Des Volkes Stolz – zum Pfühl dient ihm die Fluth
Erweckt ihn nicht, antastet nicht sein Eigen!

Er ruht und träumt-, der Wellen Schlummerlied
Hat eingewiegt den blondgelockten Recken;
Des Wasserspiegels wallend Nebeln zieht,
Des Kaiserlichen Träumers seidne Decken;
Wer will ihm rauben, was er theu`r erkauft,
Was er mit blut`gen Weihungen getauft,
Wer wagts, aus seinem Schlummer ihn zu schrecken?

Der Fluß ist sein! Aus dieser Schale trinkt
Der deutschen Liebe und der Sehnsucht Taube,
Umher in duftigem Gewinde blinkt
Des deutschen Weines feu`rdurchglühte Traube,
Und wo die hohen Kathedralen steh`n,
Versteinte Siegsgesänge der Ideen,
Da wohnt der deutsche Friedensfürst, der Glaube.

Horch, wie den Strom das Läuten überklingt!
Hell singend kommt die Wallerschaar gezogen,
Im leichten Kahn, der mit dem Schaume ringt,
Von blüh`ndem Kranz und weh`ndem Band umflogen;
Auf morschem Erker zagend lauscht das Reh,
Vom Ringeltanz ins Dickicht schlüpft die Fee -
Das ist der deutsche Rhein, das ist sein Wogen!

Der deutsche Rhein! Seit aus des Epheus Blühn
Die grauen Burgen sonnig niederschauen;
Seit vielgethürmte große Städte kühn
Mit ihren Zinnen seine Wellen stauen;
Seit auf der Männer Stirn, ein Paraclet,
Flammenden Hauches der Gedanke steht,
Die stille Andacht auf der Stirn der Frauen:

Seit durchs Portal von diesen Felsenhöh`n
Der neuen Aera Morgengluth gedrungen,
Und unter ihm, in Heller Glorie Wehn,
Der Karol Magnus sein Panier geschwungen;
Seit in den Blenden, überwiegt von Grün,
Wie sinnend grüßende Gestalten blüh`n,
Roland, Fastrade und die Nibelungen;

Seit, dessen Herrlichkeit die Welt umspannt,
Der Barbarossa thronte zu Gerichte,
Als Reichskleinod die Erde in der Hand:
Seit Eschilbach, der Kaiser im Gedichte,
Die goldnen Klänge alter Melodein,
Zur Krone sich verflocht, ist dieser Rhein
Pulsaderstrom germanischer Geschichte.

Sie hütet still und ernst ihr Eigenthum,
Indeß der Dichtkunst Arme sie umranken;
Zu beider Füßen ruht der deutsche Ruhm,
Ein grauer Löwe mit gewalt`gen Pranken,
Der an der Milch der Schlachten aufgenährt,
Den blut`gen Flamberg hütet und das Schwert,
Das wir geschweißt aus ehernen Gedanken.

Derselbe, der den Libanon durchschritt,
Vom Zorn blutgier`ger Feinde wild umschnoben,
Der einst Byzanz und Accon niederstritt,
Der Roma`s Aar ins Banner sich gewoben;
Der grimmig hingestreckt auf seinem Schild,
Dalag in dem Roncalischen Gefild`,
Der Pranken Trutz gen Mailand aufgehoben:

Vor dem Sicllien und das welsche Land
Wie vor des Aetna`s Flammenguß gezittert,
Der von der Seine grünem Hügelland`
Bis zur Loire neulich noch gewittert;
Derselbe Leu: und donnernd tönt sein Ruf:
Weh` über euch, wenn Eurer Rosse Huf
Das Ufer meines Rheines nur erschüttert!

(Levin Schücking, 1840)

Hohenems

Wege zur Weisheit: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ steht eins der Hohenemser Volksschulgebäude sicherlich ganz volksschulgerecht überschrieben – die Furcht des Herrn (vor wem oder was?) oder doch die Furcht vor dem Herrn? Mehrdeutige Sprüchlein besitzen in der Region scheinbar Öffentlichkeitsrecht. Der gesamte Österrhein ist wahlkampfplakatiert: „Unser Handeln braucht Werte“, „Ohne Mut keine Werte“, „Zeit für klare Worte“: beispielhafte bis -lose Dreierfolge (created by FPÖ?). Auf den Plakaten das verdruckste Foto einer bieder bis latent bösartig anmutenden Frau Jedermann im grafisch leeren Raum. Über der Stadt die Burgruine Alt-Ems (wie immer Anlaß zu Gedanken, welche Schicksale solche Mengen Steine solcherart steile Anhöhen emporschleppten), in Serpentinen zu Fuß erklimmbar. Der zu durchklimmende Hang beherbergt Österreichs größtes Bärlauchreservoir (der Bärlauch wird unten im Schloß in verschiedensten Darreichungen verkloppt, dennoch bleibt genug der Pflanze am Hang stehen, um ganze Dynastien von Bärlauchmillionären hervorzubringen). Von oben, im Bärlauchdunst, Blick aufs Tal mit Altem und Neuem Rhein, die Schlaufe des ersteren und das über letzteren sich ins Österreich wölbende schweizerische Diepoldsau. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein (darin ein schneller heller Fisch, auf- und abschießend: Höllenfisch?) plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Spiegelt sich in einem Schaufenster, das die üppige Pokalsammlung der F.C Hohenems Türkgücü Sportvereine präsentiert. Davor parkt ein aus diversen TV-Krimiserien bekannter „verdächtiger Wagen“ mit plattem Vorderreifen. Die Handschriften A und C des Nibelungenlieds tauchten im 18. Jahrhundert in der Schloßbibliothek auf (tauchten auf? wurden zuvor übersehen und plötzlich gefunden?) und wanderten bald nach Deutschland. Die beachtliche jüdische Gemeinde verschwand im Dritten Reich, heut gibt’s ein Museum und eine Schautafel, die das einstige Judenviertel rekonstruiert. Die Straßen entlang des Österrheins sind überschildert, massig Hinweise auf Firmen, Fabriken, Einzelpersonen – ließen sich (von Irrenden) ebenfalls als Wege zur Weisheit betrachten, als Weisheitslabyrinth.

Randnotiz (2)

Es müssen in einem Rheinepos neben den schönsten kenternden Kanutinnen (welche nachher auf Kenterschoppendionysien zu großen Worten und gern überrheinischer Strahlkraft auflaufen dürfen) natürlich auch Sprayer vorkommen, die gesamte Rheinschiene ist ja heuer besprayt, und so werden es wohl zwei drei vier Jungs sein müssen mit zackigen Bindestrichnamen (A-dam, B-boy, C-C, D-Bill – wird schon noch zackiger gehen…), nachts, die dann völlig abkapuzt oder zumindest unter irgendwelchen so und so rum aufgesetzten Käppis ihre leuchtenden THC-gestützten Bilder denken, während sie drahtig von Brücken hangeln oder sich von Güterzügen die Schlabberhosen schrabben lassen, ihre deformierten Blähstaben und knalligen Fabelfiguren da anbringen auf großflächigem Nachtssindallemauerngrau. Sie sind flink aufn Beinen (tragen immer den angesagtesten Turnschuh), aber die Treibgase der Normfarbdosen sind in den zum Dosenstehlen vorgesehenen Regalen von Mitarbeitern der Heimwerkerbedarfsgroßmärkte in geheimer Absprache mit städtischen Sprayerjägern (z.B. im gesamten Bonner Raum) mit einigem Unerlaubtem, das die Sprayer ein bißchen doof macht und sowieso Minisendern zur Ortung (im Dosenboden bzw den Klimperkugeln) versetzt, weswegen sie, dieweil sie sich an der Westseite des Lärmschutzwalls zu schaffen machen, noch bevor sie überhaupt raffen, daß der auch eine Ostseite besitzt, die von den Ausflugsschiffen her z.B. viel besser wahrgenommen würde (oder man müßte sich das alles halt ersma spiegelverkehrt vorstellen, also von der anderen Rheinseite aus, sodaß Drachenfels und Rolandsbogen übernacht die Plätze tauschten – was sie ja auch tun an bestimmten Tagen, deren Quersumme eine Primzahl ergibt), bevor die artists also in die nächste Stunde langen mit ihren spritzenden Armen, werden sie umstellt von ziemlich dicken Spezialkräften der Stadtverwaltung (in schwarzen Stadtverwaltungsblousons mit feisten Logos drauf), deren Motive jedoch keineswegs im Vorsjugendgerichtbringen oder gar Rückvergrauen der Lärmschutzwände bestehen, sondern schlicht und archaisch im Ausüben alttestamentarischer Racheformen, weswegen sie die Sprayer, dh deren Körper, unter befriedigten Lautäußerungen und handwerklich garnicht mal so schlecht, denn sie haben sogar in ihrer Freizeit unten im Hobbykeller geübt, von unten bis oben und wieder zurück mit städtischem Restlack besprayen, im Dunkeln, weswegen sie den ein oder andern Sohn oder Neffen auch erstmal garnicht erkennen, denen noch ein paar Verwaltungsparagrafen „ins face taggen“, das müßte nicht zwingend Bonn sein, das könnte fast überall spielen, als zeitgenössische Anwendung altgriechisch-trojanischer und nibelungischer Vorgaben.

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.

Xanten

Von den 35, 36, 37 offiziellen, auf engstem Raum versammelten Sehenswürdigkeiten Xantens ist der Dom Sankt Viktor mit Douvermanns psychedelisch-mystischer Marien-Predella die sehenswerteste, das sogenannte Pesthaus (ohne jeden Pestbezug) die charmanteste, der Rest dazwischen von eher mittlerer Einprägsamkeit. Alles in allem macht der niederrheinische Himmel hier die Musik, er drückt und strahlt und weitet diesen Winkel Erdenrund Richtung Kosmos, außerhalb des Städtchens wölbt er sich von Horizont zu Horizont über die metallische Schlinge des verzweifelt nach Endlichkeit gierenden Rheinstroms, der zwischen gigantischen Maulwurfshügeln davonflieht, die burgengleich aus den ewigen simpel gestrickten Feld-, Weide- und Wiesenteppichen ragen. Der niederrheinische ist seit jeher an die holländischen Himmel gekoppelt, lange vor Inkrafttreten des Schengener Abkommens wurden ihre berühmten Farben über die Grenze geschmuggelt und als ortsnotorische Blaupalette etabliert: Schieferblau, Kornblumenblau, Dunkeltürkis, Schönwetterblau, Schwindligblau, Tiefhimmelblau, Radioaktivblau: Farbtöne, die ihren betörenden Sinn nebenbei auch beim Verdauen des regionaltypischen Frühstücks offenbaren wie es im Train-Stop am Xantener Bahnhof serviert wird: Trockenes Brötchen, Portion Sahne, Brühwurst, einen Apfel – für sagenhafte Zweieurosechzich.
Um das winterliche Xanten herum: tausende dumpf vor sich hintrötender Wildgänse, bisweilen bohren sie sich als ruckende Keile in verrutschte Himmelsteile oder trauern am bereiften Grund mit den Grünkohlbüscheln. Nix von Siegfried und den Nibelungen außer Fake und angestrengter Fantasie: Lidlungenpaläste vor den Toren ersetzen nicht die literarische Tiefe ihrer mythischen Vorgängerbauten, der Kampf ums Dasein zwischen niederen und höheren Angestellten vor Überlebensmittelsortimenten ist allenfalls schwacher Abklatsch großer historischer Schlachten, das ganze Gelände, das dem Vernehmen nach auf Menschenblut stehen müßte, macht einen äußerst drögen Eindruck, einzelne Kraftfahrzeuge stören, wo die Gänse erstmal schweigen, gelegentlich die umgebende Stille: sie besitzt eine besondere Note nie zur Gänze gereifter Heiligkeit. Reichtum und Überfluß des Xantener Hofs, so wie im Nibelungenlied vorgestellt ergo kaum mehr nachvollziehbar in dieser behäbigen Landschaft mit ihren vereinzelten Pappelgruppen und der großen, ständigen, höchstens alle Jubeljahre erfüllten Hoffnung, daß flauschige Schafe aus dem leuchtenden Himmelsgebreite sinken, um unter geräuschlosem Aufprall, seifenblasenähnlich, die Szenerie zu vervollständigen. Das Land ist wild, das Land ist stumm, man treibt sich leidlich dort herum.

Duisburg Hauptbahnhof

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit, hochmoderne Verwunderung (d.h. aufheiternde Verwirrung) schafft wiederum die einzigartige Vitrinenlandschaft in der kränklich beleuchteten Flucht des Duisburger Hauptbahnhofs. Wer per Bahn ins ehemals Siegfriedsche Xanten reisen möchte, bekommt in Duisburg Umsteigen aufgebrummt. Das ist nunmal so. Das hat auch mit Herrn Mehdorn nichts zu tun. Xanten ist abseits geraten, seit die Römer, die Siegmunds, Sieglindes und Siegfrieds, ja selbst der Rhein von dort abgezogen sind. Es fällt also Wartezeit in Duisburg an. Die zu nutzen empfehle ich eine eingehende Besichtigung der Innenwände des maroden Bahnhofsgebäudes. Auf den ersten Blick kaum ersichtlich treiben sie nämlich einen Heiden-Schabernack mit den Wahrnehmensweisen der Passanten. Das konsumbudenartige Ambiente der in die Wände eingelassenen Vitrinen weist vorderhand auf osteuropäischen Einfluß (Budapester U-Bahn, Zentralbahnhof Kattowitz), bietet Wurzelreste längst abgestorbener Kulturstränge (70er Jahre-Ruhrgebiets-Selbstverständnis) und hinterfotzig-infiltrative Installationen aus dem topaktuellen Medienkunstgenre, ohne letztlich zu verraten, welcher Vitrineninhalt welcher Absicht dient. Das wirkt zunächst einmal abstoßend, kehrt sich in seiner Liebe zum deplazierten Detail jedoch zügig in nichts minder als vertrackte Evokation entzückten Staunens. Seit Jahrzehnten vernachlässigte Werbeflächen für namenlose Innenausstatter, bei denen die Tapeten von den Wänden blättern. Design-Toiletten für den Niederrhein. Antikapitalistisches Schmunzeln auslösender Kunstschnee auf fingierten Weihnachtswünschen führender westlicher Industrie- und Bankenbosse. Dazwischen durchgeknallte Installationen vorderorientalischer Lifestyle-Ästhetik in verwaschenen Leuchtfarben. Diese pseudomuseale Verschiebung zwischen artifiziellen und realen Schauwelten, zwischen der Aufforderung zu kaufen und der Aufforderung nachzudenken (am besten jedoch beides!), zwischen Raum und Zeit, und das hüben wie drüben mit krassen gestalterischen Mitteln geht ordentlich auf die Pedipalpen des Betrachters, der sich (mittels seines von den Vitrinen gesteuerten Willens zum Betrachten ebenjener) unversehens in eine kontraktive Zeitzone begibt: der Anschlußzug nach Xanten kommt plötzlich schneller als erhofft, beinah geht er sogar flöten, die Welt dreht sich ferne ächzend einmal kurz auf links, in einem ruckartigen unsichtbaren Schub, fast als wäre nichts geschehen, das Ächzen könnte auch das Bremsgeräusch eines Zuges gewesen sein, der nun in die Weite der Landschaft hinausgleitet. Adieu, Duisburg Hauptbahnhof, adieu!