Presserückschau (Juli 2016)

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“Der Rhein ist nichts für Anfänger, meint Mike Pernox. “Da findet man vor allem Wasser-Pokémon – wenn man sie denn haben will. (…) Dem Rhein würde ich als Standort drei von fünf Sternen geben. Die Wasser-Pokémon, die man dort findet, sind gut, es gibt Enton, Karpador und Goldini”, sagt er. Vor allem aus Karpador könne man später viel machen – das Pokémon entwickelt sich nämlich mit genügend Pflege weiter zu einem Pokémon namens Garados, und das ist zum Beispiel im Kampf mit anderen Spielern und ihren Monstern kaum zu schlagen.”" (Rheinische Post)

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“Am (…) 10.07.2016 wurden zum ersten Mal elf Kinder aus Köln im Rhein getauft. Pfarrerin Dr. Anna Quaas und Pfarrer Mathias Bonhoeffer der evangelischen Kartäusergemeinde feierten den Taufgottesdienst mit über 100 Gästen. (…) Carl, Milla, Lion, Zoe, Marlene, Leonie, Ben, Timm, Trixi, Frida und Jake gehören jetzt zur Gemeinde. (…) Damit der Gottesdienst im Rhein tatsächlich stattfinden konnte, mussten zunächst Genehmigungen eingeholt werden. Sowohl das Grünflächen- als auch das Schifffahrtsamt mussten zustimmen. Auch wenn die Strömung an der Taufstelle nicht besonders stark ist, sorgte die DLRG von einem Boot im Wasser aus für Sicherheit.” (WDR)

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Rheintote
“Ein vermisster Matrose ist bei Ludwigshafen im Rhein gefunden worden. Die Leiche war laut Polizei am Werksgelände des Chemiekonzerns BASF an einer Wasserentnahmestelle entdeckt worden. Der Mann hatte laut Sprecher der Polizei seine Ausweispapiere bei sich, daher konnte er identifiziert werden. Vermutlich ist er ertrunken. Das 46 Jahre alte Besatzungsmitglied war (…) bei Mannheim von einem Kreuzfahrtschiff in den Rhein gefallen.” (Stuttgarter Zeitung)

“Ein 19-jähriger afghanischer Asylbewerber ist (…) im Rhein in Laufenburg AG ertrunken. Seine Leiche wurde (…) im Rechen des Kraftwerks Laufenburg angeschwemmt. Der Mann gehörte zu einer Dreiergruppe von gleichaltrigen Landsleuten, die (…) im Rhein ein Bad nahmen. Dabei gerieten sie in Not. Einer konnte sich selber ans Ufer retten, ein zweiter wurde von einem privaten Bootsfahrer aus dem Rhein gefischt. Der dritte Afghane blieb trotz einer Suchaktion verschwunden. (…)
Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hatte Anfang dieses Sommers darauf hingewiesen, dass im Hitzesommer 2015 auffallend viele Touristen und Asylbewerber beim Baden tödlich verunglückt waren. Die SLRG liess darauf ihre Baderegeln in mehrere Sprachen übersetzen – unter anderem auf Arabisch und Somalisch.” (Blick)

“Horrorfund am Colonia-Hochhaus! Bei einem Spaziergang am Rheinufer stieß der Kölner Adrian H. (Name geändert) am Mittwochnachmittag auf die verstümmelten Überreste eines Mannes. „Es handelte sich um eine männliche Leiche, circa 40-50 Jahre alt, verschnürt in einen blauen Müllsack, ohne Arme und ohne Kopf“, so H. (…). Die sterblichen Überreste sollen nun obduziert werden, um Näheres über das noch nicht identifizierte Opfer und dessen Todesumstände zu erfahren. (…) Eine Mordkommission wurde gebildet, um das Todesrätsel zu lösen.” (Express)

“Die Wasserschutzpolizei musste (…) eine groß angelegte Suchaktion auf dem Rhein bei Orsoy ergebnislos abbrechen. Sie galt einem jungen Mann, der vermutlich ertrunken ist. Dabei handelt es sich (…) um einen 26-jährigen Flüchtling (…). Nach ersten Erkenntnissen soll er ein ungeübter Schwimmer gewesen sein und am Strand in Höhe des Hafens als Einziger im Fluss gebadet haben. Plötzlich sei er von einer Welle erfasst worden, die ihn weggerissen habe. (…) Mehr als 100 Leute beobachteten das beängstigende Szenario. Nach gut einer Stunde wurde die Suche eingestellt.” (Rheinische Post)

“Schon wieder ist ein Flüchtling den Fluten des Rheins ausgeliefert gewesen: Nach einem 19 Jahre alten Nigerianer wurde (…) in Bad Säckingen bei einer großangelegten Rettungsaktion im Rhein gesucht. Der Flüchtling, der laut Polizeiangaben nicht schwimmen konnte, wird bisher noch vermisst. Die Behörden rechnen mit dem Schlimmsten. Der 19-Jährige ist (…) zusammen mit einer Gruppe von Flüchtlingen an den Rhein gegangen, um dort zu baden. Dabei ging der Nigerianer nach Angaben seiner Begleiter einige Schritte ins Wasser und wurde von der Strömung mitgerissen. Der Nichtschwimmer trieb ab und ging unter.” (Badische Zeitung)

“Bei Albbruck (wurde) eine männliche Leiche im Rhein gefunden. Über die Identität des Toten und die näheren Umständen seines Todes ist (…) nichts bekannt. (…) Die Fundstelle befindet sich in der Nähe eines beliebten Freizeitgeländes direkt am Rhein gegenüber der früheren Papierfabrik. (…) Ob der bei Albbruck aufgefundene Tote eventuell mit dem Vermisstenfall G. B. (…) in Zusammenhang steht, ist ebenfalls offen. Mehr Klarheit dürfte erst die von der Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen angeordnete Obduktion durch einen Gerichtsmediziner bringen.” (hierzuland)

4
Konzert auf der Rheininsel Grafenwerth: “”Aus nacktem Felsen dringt es. Noch namenlos, das Quellende, das Rinnende, das Wässrige.” Scheinbar aus dem Off ertönte am Freitag die Stimme von Sven Puchelt. Er saß am Bug des “Rheingold”-Schiffes und erzählte die Geschichte des Rheins, während die Musiker des Ensembles die Schiffsbühne am Heck eroberten. Unter der Leitung von Rüdiger Oppermann reist das Ensemble am Rhein entlang zu insgesamt 15 verschiedenen Orten von Basel über Worms bis Xanten, um das Publikum an den Ufern der Rheinstädte zu begeistern. (…) Rund 150 Gäste lauschten den musikalischen Geschichten vom Rhein als “Alpenwanderer” über den Goldhut von Schifferstadt bis hin zum Nibelungenlied und der Loreley. Und während hinter der Bühne über dem Rhein langsam die Sonne unterging, begeisterten Oppermans Weltmusiker mit teils mittelalterlich anmutender Musik, asiatischem Lautgesang und afrikanischen Trommelkonzerten bis hin zum Big-Band-Gefühl, wenn die 15 Musiker gemeinsam auf der Bühne standen.” (Kölnische Rundschau)

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Unter “füdliblutt” versteht der Schweizer “nackt”. So erklären sich Schlagzeile und Artikel der kostenlos verteilten Tageszeitung 20 Minuten, die sich in der Schweiz, anders als in Deutschland, bis auf den heutigen Tag erhalten hat: “Füdliblutt am Rhein – Ein Nackter zog (…) am Kleinbasler Rheinufer die Blicke vieler Passanten auf sich. Verboten ist das in Basel nicht. Er sei dem Wasser entstiegen, wie Gott ihn geschaffen hat, berichtet ein Leser-Reporter. (…) Einen verwirrten Eindruck soll der Langhaarige gemacht haben, als er im Adamskostüm die Promenade rheinabwärts schritt.”

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“Eine Wette zwischen Schweizern aus Zürich und Elsässern aus Straßburg aus dem Jahr 1456 ist der Hintergrund der Hirsebreifahrt. Zwischen den Städten bestand eine Partnerschaft und die Zürcher Zunftleute wollten mit dieser Fahrt ihren Partnern beweisen, dass sie im Notfall innerhalb eines Tages bei ihnen sein könnten. Als Beweis brachten sie einen Topf Hirsebrei, der bei der Ankunft noch warm war. Seit 1946 findet die Fahrt als Zeichen der Verbundenheit (fast) alle zehn Jahre statt.” (Badische Zeitung)

7
“Der zwischen Hinterrhein und Nufenen neu erbaute Rheinquellweg ist (…) eröffnet worden. Gleichzeitig wurde auch das Projekt «Sprudelnde Geschichten und Dorfbrunnen» feierlich eingeweiht.” (Südostschweiz)

8
“Ein Velofahrer ist (…) in Graubünden über steile Felsplatten hinab in den Rhein gestürzt. Er trieb rund 100 Meter den Fluss hinunter, bis er sich an einem Stein festklammern konnte. (…) Der Unfall hatte sich bei Haldenstein ereignet, als der Velofahrer auf einem schmalen Wanderweg dem Rhein entlang fuhr. Dabei verfing sich laut Polizei seine Lenkstange in einer Stahlkette, die als Haltevorrichtung für Wanderer dient, und er stürzte.” (Basler Zeitung)

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“Damit der Aal eine Zukunft hat, wurden (…) 40.000 Jungtiere zwischen Lampertheim und Wiesbaden-Biebrich in den Rhein gesetzt. Ehrenamtliche Helfer und örtliche Angelvereine hatten diese Aufgabe unter Regie des Darmstädter Regierungspräsidiums übernommen. Sie erfüllen damit die EU-Aalverordnung. (…) Die ausgesetzten Tiere sind etwa 20 Zentimeter lang und damit für viele Fressfeinde nicht mehr interessant. (…) Damit die meisten der 40.000 Aale eine Überlebenschance haben, wurden sie zunächst an Europas Küsten als Jungtiere gefangen und dann in Aquakulturanlagen bis zu ihrer jetzigen Größe aufgezogen. Die beim Darmstädter Regierungspräsidium angesiedelte Fischereibehörde geht davon aus, dass die Aale in den nächsten fünf bis 20 Jahren im Rhein leben und dann auf Wanderschaft in ihre bis zu 6000 Kilometer entfernten Laichgebiete ziehen. Diese Tour geht quer durch den Atlantik bis zur Sargassosee am Rand der Karibik. In der Regel verliert sich dort die Spur der Tiere. Forschern ist es bisher nicht gelungen, Aale bei der Fortpflanzung zu beobachten.” (Echo)

Presserückschau (Dezember 2015)

1
Daß unter verschiedenen Umständen Personen- und Lastkraftwagen in den Rhein gesteuert werden, haben wir in dieser Rubrik gelegentlich dokumentiert. Nun meldet der Schweizer Blick den Sturz einer Pferdekutsche in den Rhein bei Weite SG: “Der Fuhrmann war (…) mit seinem Einspänner auf der Naturstrasse dem Rhein entlang in Richtung Sevelen unterwegs (…). Im Bereich einer Holzhütte sei das Fuhrwerk auf mehrere Hunde getroffen, die sich jedoch ruhig verhalten hätten. Trotzdem sei das Zugpferd erschrocken und habe versucht, Kehrt zu machen. Dabei sei es rückwärts gestolpert und schliesslich mitsamt der Kutsche die Steinböschung hinunter ins Wasser gestürzt. Der Kutscher, der sich mit einem Sprung gerettet hatte, sei dem Gespann sofort hinterher geeilt und habe das Pferd aus der Beschirrung befreit. Das Tier habe sich in der Folge auf eine nahe gelegene Sandbank begeben, von wo es schliesslich wieder habe auf den Weg zurückgebracht werden können. (…) Die Kutsche habe durch einen Abschleppdienst aus dem Rhein geborgen werden müssen.” Der Klassiker ereignete sich kurz darauf in Remagen, wo sich ein Auto selbständig in Richtung Rhein auf den Weg begab, wie der Radiosender RPR1 vermeldet: “Nach rund 200 Metern versank der Wagen in den Fluten. Menschen befanden sich nicht im Auto. Ein Zeugin hatte den Vorfall an Heiligabend beobachtet und die Feuerwehr gerufen. Die hat das Auto inzwischen geborgen. Warum sich der Wagen selbständig machte, muss noch geklärt werden.”

2
Nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern der Universität Basel gehört der Rhein zu den weltweit am stärksten mit Plastikteilchen verunreinigten Gewässern. Da kaum ein Unternehmen Umweltverschmutzungen freiwillig zugebe, stünde nun an herauszufinden, woher die Kontaminationen stammten. Der Kölner Stadt-Anzeiger summiert: “Der Rhein sei der erste große Meereszufluss, der auf Plastikabfall untersucht wurde (…). (Im Artikelverlauf wird von vorherigen Untersuchungen der Donau auf Plastikpartikel berichtet; Anm. reinsein.) Andere Forschende hätten zuvor Ozeane, Seen und kleinere Flüsse unter die Lupe genommen. Die Wissenschaftler entnahmen bis zur Rheinmündung nahe Rotterdam an elf Standorten insgesamt 31 Proben an der Flussoberfläche. Dabei wurde Mikroplastik in einer durchschnittlichen Konzentration von 892 777 Partikeln pro Quadratkilometer gefunden. Zwischen Basel und Mainz waren es 202 900 Partikel. In der Gegend um Köln 714 053 und im Rhein-Ruhr-Raum im Mittel 2,3 Millionen Partikel. Der Spitzenwert von 3,9 Millionen Partikeln pro Quadratkilometer wurde in Rees gemessen, rund 15 Kilometer vor der niederländischen Grenze. Weiter meerwärts sanken die Mikroplastik-Werte wieder.”

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“Eine Leiche am Rheinboulevard, eine möglicherweise Verdächtige, die in einem Penthouse unmittelbar am Deutschen Sport- und Olympia-Museum wohnt, eine Mittagspause mit Blick auf den Rhein und Kamera-Flüge über die Kranhäuser: Im Kölner „Tatort“ (…) ist der Rhein rein optisch ein Hauptdarsteller. Die Dreharbeiten für die aktuelle Folge „Benutzt“ fanden bereits im Oktober/November 2014 statt – also weit vor der offiziellen Eröffnung der Freitreppe des Rheinboulevards am 13. Juli dieses Jahres. Die Baustelle rings herum ist trotz der Dunkelheit während der Szene, in der Ballauf und Schenk die angespülte Leiche des Unternehmers Martin Lessnik begutachten, gut zu erkennen. Auch das Geländer ist noch nicht in seinem heutigen Zustand und wirkt wie ein Provisorium. Bei einem weiteren Besuch des Leichenfundorts, diesmal bei Tage, sind eindeutig die Bauarbeiten zu hören, es wirkt sogar, als ob sich Bauarbeiter etwas zurufen, ganz so, als ob sie sich nicht von den Dreharbeiten des „Tatort“-Teams stören ließen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Der Rhein in Wien: “Ihre „Weihnachtskonzerte“ (…) widmeten die Wiener Symphoniker diesmal ganz dem Rhein, und zwar in seinen romantischen Facetten. Zunächst beschwor man die subjektive Liebe zum Gewässer mit Robert Schumanns Dritter Symphonie in Es-Dur, sodann mit drei Ausschnitten aus Richard Wagners „Götterdämmerung“ sozusagen die mythologische Rolle des längsten deutschen Flusses. Die, chronologisch gesehen, letzte der vier Symphonien Schumanns, die sogenannte „Rheinische“, spiegelt die Anziehungskraft wider, die der Strom auf den Komponisten bis zum gescheiterten Selbstmordversuch ausübte. (…) Durchwegs dramatisch gestaltete sich der zweite und weitaus spektakulärere Teil des Abends, wobei man sich die Pointe versagen musste, dass Richard Wagner im ersten Teil seines „Rings des Nibelungen“ den Rhein in derselben Tonart strömen lässt wie Robert Schumann. Stattdessen erklangen „Siegfrieds Rheinfahrt“, „Trauermusik“ und „Schlussszene“ aus der „Götterdämmerung“.” (Die Presse)

5
Über den Brückenschluß der länderverbindenden Trambrücke zwischen Kehl und Strasbourg berichtet Baden Online: “Ein blauer Himmel und frühlingshafte Temperaturen waren (…) ein Grund mehr, um auf die Europabrücke zu gehen. Viele Schaulustige hatten sich dort und auf der Besucherterrasse am deutschen Rheinufer zur Mittagszeit versammelt, um den Brückenschluss der Tram-Brücke genau zu beobachten. Ein Mann mit Rollator und einer Kamera um den Hals ließ sich das Spektakel auch nicht entgehen. (…) Gegen 13 Uhr war es dann soweit: Der Brückenschluss erfolgte. Aber später als erwartet. Die Stadt teilte auf ihrer Homepage mit, dass der Wasserstand des Rheins mit Hilfe des Stauwehrs des französischen Stromversorgers EDF angehoben werden musste, damit das Einschwimmen des zweiten Trambrückenteils überhaupt vonstatten gehen konnte. Um 13.30 Uhr folgte ein weiterer symbolischer Moment: OB Toni Vetrano aus Kehl und Roland Ries aus Straßburg trafen sich mit ihren ersten Beigeordneten Alain Fontanel und Harald Krapp in der Mitte der Tram-Brücke. Nach einem Händedruck nahmen sich die beiden Oberbürgermeister sogar herzlich in den Arm – zwei Städte, die nun enger verbunden sind.”

Leuchttürme des Rheins: die Wacht zu Worms

Man sagt, das Gebiet um Speyer, um Worms und wie all die altehrwürdigen Städte am Mittelstrom noch heißen mögen – da, wo das Nibelungenlied spielt und manche Sage aus unvordenklicher Zeit mehr – ist so lange schon Kulturland, dass es abstrakt werden musste.
In der Tat – folgt man dem großen Fluss nord-, also stromabwärts, so wird bald hinter Worms die Landschaft ungegenständlich.
Statt des gewohnten Bildes findet sich eine rein mathematische Landschaft. Linksrheinisch die mathematische Gleichung für „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“, es folgt der Graph der Differentialgleichung „großer, schiffbarer Fluss“, dann wieder, leicht alteriert, rechtsrheinisch, die schon bekannte Gleichung, „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“.
Der unvoreingenommene Betrachter spürt angesichts des rein abstrakten Anblicks eine große Verlorenheit. Manche denken an „Landschaften“ wie sie z.B. der Film „Tron“ entworfen hat, andere behaupten, vor diesem Phänomen versage die menschliche Sprache gänzlich und verlegen sich auf das sattsam bekannte Zitat des Philosophen Wittgenstein: „was sich nicht sagen lässt – darüber muss man schweigen … !“
Der Schiffer muss sich der Passage durch die abstrakten Stromabschnitte mit großer Unerschrockenheit und grenzenlosem Gleichmut widmen.
Nach optischen Maßgaben zu navigieren ist völlig ausgeschlossen. Bei der nur mäßig bemerkenswerten Ortschaft Lampert – noch etwas südlich von Worms – steht der mächtige Leuchtturm „Gnadenbild des Heiligen Lambert und seinen Söhnen und Töchtern“. Es handelt sich bei ihm um eine rein geometrisch-nichteuklidische Konstruktion. Statt eines Lichtstrahla sendet er in Zahlen gefasste Koordinatengruppen.
Der Rheinschiffer muss eine gewisse mathematische Begabung aufweisen und traumwandlerisch die empfangenen Koordinatensätze in nautisches Handeln umsetzen.
Nicht immer gelingt dies – die mathematische Formel für „Schiffbruch“ liegt immer in der „Luft“.

(Dreizehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)

Rheingold – Gesichter eines Flusses

Den Dokumentationsfilm von Peter Bardehle und Lena Leonhardt hatten wir vergangenes Jahr im Kino verpaßt. Nun lief er auf Arte. Wie die als Vorbild dienende Doku Die Nordsee von oben wurde der Film mit einer Hubschrauber-Cineflexkamera gedreht, die gestochen scharfe Luftaufnahemn auch aus großer Entfernung ermöglicht. Entstanden sei “ein bildgewaltiger und poetischer Film, der viele unbekannte Gesichter des gewaltigen Flusses zeigt”, verlautbart das Senderinfo. Tatsächlich besteht die Stärke des Streifens in seinen Bildern. Wie in den meisten Rheindokus geht die Reise von den Alpen Richtung Nordsee. Bereits die Arte-Doku Der Rhein von oben hatte den Fluß aus der Vogelperspektive unter Einsatz von Cineflextechnik abgehandelt: viel Unbekanntes zeigt Rheingold – Gesichter eines Flusses dem regelmäßigen Betrachter der regelmäßig von öffentlich-rechtlichen Sendern produzierten Dokumentationen definitiv nicht. Am heimischen Screen entsteht immerhin der Eindruck, daß die Bilderfolge im Kino enorme Sogkraft entfalten dürfte.

tomaseeDer Tomasee aus Sicht der fliegenden Kamera

Dafür sollte dann allerdings der Text ausgeblendet bleiben. Vater Rhein schwadroniert nämlich persönlich (Sprecher: Ben Becker) von seinen Befindlichkeiten. Als Pendant werden historische und sonstige Infohäppchen (Sprecherin: Anne Moll) aus dem Off gereicht. Ben Beckers tiefe Stimme soll das historische Alter des Stroms repräsentieren und Bedeutungsschwere vermitteln. Während die Kamera die Alpenfalten von oben abfährt und beeindruckende Strukturen und Lichtverhältnisse freilegt, erklingt ein bisher unbekannter Schöpfungsmythos: “Vor langer Zeit hausten noch Wunderwesen in den Bergen. Es gab Riesen, deren Scheitel fast bis zur Sonne reichte. Sie wären verbrannt, wenn nicht unser aller Mutter, das Meer, ihnen Wind, Eis und Schnee geschickt hätte. Zum Dank sandten ihr die Riesen zwei Wassermänner mit einem Gruß. Die Berge rückten zur Seite. So wurde ich geboren.” Der altbackene Text, den Vater Rhein in selbstreflexiver Absicht vor sich hinmurmelt, klingt bis auf die zitierte, vermutlich selbstgestrickte Schöpfungspassage, ganz nach den üblichen Bauweisen der letzten rund hundert Rheindokumentationen. Auch von den zwischengeschalteten Informationen wirkte nahezu jede einzelne aus vorangegangenen Filmen bekannt.

sandozRoter Rhein: Archivmaterial zur Sandoz-Katastrofe

soldatenfriedhof im elsaßSoldatenfriedhof im Elsaß

Ein durchgehendes Erzählmotiv bildet Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner: Elektrizität als modernes Rheingold, die ehemaligen Fiebersümpfe im Kühkopf als mutmaßliche Schatzinsel des Nibelungenhorts, der Tagebaubetrieb Garzweiler als Symbol menschlicher Gier und Maßlosigkeit, der dereinst vom Rhein geschwemmt werden soll. Neben der weiblichen Off-Stimme beschäftigt sich auch die Filmmusik von Steffen Wick und Simon Detel in elektronischen Remixes mit dem monumentalen Wagner-Stoff. Als klassische Bilderoper taugt der Film trotz auch aus der Vogelperspektive längst bekannter Landstriche und Szenen in hohem Maße, die akustischen Komponenten begannen wir nach einer Viertelstunde zu verdrängen.

speyrer domBlick auf den Fluß und den Speyrer Dom

rotterdamer hafenVon Robotern errichtete und ständig umgeschichtete Containerstadt im Rotterdamer Hafen

Der Film ist bis zum 26. September 2015 in der Arte-Mediathek verfügbar und wird darüberhinaus am 02. Oktober 2015 um 8.55 Uhr wiederholt.

Das Land Gling-glang

Marcel Crépon, der uns bereits verschiedentlich von seinen Ausflügen in rheinische Gefilde berichtete, war wieder einmal in Deutschland unterwegs und schickt uns folgende Anekdote von einer Zugfahrt, in der sich die Ritterzeit über den Umweg der hebräischen Sprache kurzfristig in der Gegenwart manifestiert:

“Vor zwei Wochen reiste ich mit dem Zug entlang des Mittelrheins, es war der Eurocity von Chur nach Hamburg, der sich ab Basel, wo ich zustieg, mit Karacho durch die Täler und Ebenen des Rheins bewegt. Mir gegenüber saß eine israelische Familie. Die Mutter kümmerte sich um das Baby, der Vater erklärte dem etwas größeren Kind, was links und rechts durch die Fenster zu erblicken war. Da er hebräisch sprach, verstand ich kein Wort, bis in seinen Schilderungen der bekannte Name “Nibelungen” auftauchte. Das Kind versuchte das Wort nachzusprechen, schien jedoch einige Schwierigkeiten damit zu haben, und vereinfachte es in Nibe-gling-glang. Das Kind wiederholte freudig unter leichten Abwandlungen Nibe-gling-glang, Nibe-gling-glang, sein Singsang erinnerte an das Scheppern von Ritterrüstungen, den Aufeinanderprall schwerer Schwerter und verbeulter Schilde, bis nach einer Weile aus den Nibelungen “Eretz-gling-glang”, das “Land Gling-glang” wurde, wobei mir unklar blieb, ob das Kind noch seine Erzählung oder die an den Fenstern vorbeirasende Landschaft meinte, aus der sich einige Burgen von den Höhenkämmen der Weinberge neugierig bis in unser Abteil zu recken schienen.”

Rijngedichten

reno di lei

kostbare druppel
italiaans water
hield zich sterk

overleefde de val
liet zich niet drinken
droeg naar vermogen

passeerde
passeerde
passeerde

ronde
de drachenfels
liet zich wijden
ging weer te water

druppel
danste de rijn af

bereikte de hoek
dreef af

meed de zeeschoot
rolde het duin in

minde

***

vergeten de alp
vergeten de rotswei
valt
valt

loonwater ploetert plichtmatig
schopt schepen voort

loreleyt niet
nibelingt niet
stookoliet
het rheingold

halverwege
is het alleen met de nacht
voedt zich met angsten

wat bevatten die vrachten
drenk ik al die steden
verdrink ik al dat vuil
vul ik al die havens en monden

welke stroom nog te kiezen
welke takken te mijden

ik hunker zo diep naar een schoot
wacht die zee wel op mij?

verward stormt het water
naar voren
dolt zich vast
in tolkamers
wijkt furieus terug

kalmeert
gaat te rade in bingen
biecht op te xanten
ontvangt teerkost
ten eeuwigen reize

achter hem
hurkt het rijndal
verheffen zich münsters en torens

voor hem
ligt open de delta

weidelijk
herstelt zich het water
verneemt al een zweem
van de zee

vloeit over
ooij

berent
belvédère
noviomagus

passeert
bommel en
waarden

passeert
grotius
slot

daar wenkt
een nauw voelbare
vloed

stroomt onder
desiderius
brug

daar trekt
een gebiedende
eb

nadert
botlek licht op

scheur en maas
vatten het water

de zee zwemt genadiglijk op
biedt haar schoot

verkwikt zoet haar het water

***

zéér oude rijn
verliet zich ten einde
op theems
ijzer maas schelde
bereikte calais

stuitte op ijswal graniet
keerde ten oosten

onvermoeibaar opnieuw
rijn zingt een wolgalied

***

het veer is verlaten
zwerfkeien troffen de veerlui

de stuurstand is foetsie
overvaarten verzonken

zee zuigt aan de monden
water glijdt over leegte

(Ein Gastbeitrag von B. Zwaal. rheinsein dankt!)

Das freie Wort.

Sie sollen Alle singen
Nach ihres Herzens Lust;
Doch mir soll fürder klingen
Ein Lied nur aus der Brust:
Ein Lied, um Dich zu preisen,
Du Nibelungenhort,
Du Brot und Stein der Weisen,
Du freies Wort!

Habt Ihr es nicht gelesen:
Das Wort war vor dem Rhein?
Im Anfang ist’s gewesen,
Und soll drum ewig sein.
Und eh’ Ihr Einen Schläger
Erhebt zum Völkermord,
Sucht unsern Pannerträger,
Das freie Wort!

Ihr habet zugeschworen
So treu dem Vaterland,
Doch seid Ihr All’ verloren
Und haltet nimmer Stand,
So lang in West und Osten,
So lang in Süd und Nord
Das beste Schwert muß rosten,
Das freie Wort!

Ach! es will finster werden,
Wohl finster überall,
Doch ist die Nacht auf Erden
Ja für die Nachtigall.
Heraus denn aus der Wolke,
Die, Sänger, Euch umflort;
Erst predigt Eurem Volke
Das freie Wort!

Laßt Eure Adler fliegen,
Ihr Fürsten, in die Welt,
Und sie nicht müssig liegen
Auf Eurem Wappenfeld!
O jagt einmal die Raben
Aus unsern Landen fort,
Und sprecht: Ihr sollt es haben,
Das freie Wort!

(Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen)

Worms. Der Hort

Eh sie dich rauben, eh mit dem Lindwurmblick
Das wehrlos blonde sie flecken, das heilige Gold;
Eh die verseuchte sich, die braune Hur,
Den firmamentenen Mantel unsrer Könige
Um ihre Schwären zerrt; blaumaulicht eh
Grinsend der Mohr den Ring durchs Ohr sich bohrt,
Der unsre Eide siegelt: ehe soll
Die reine Welle strömenden Vergessens
Unsres geborstnen Schildes letzte Weihung
Von uns empfangen. Heiliger Rost verzehre
Das letzte edle Schwert. Mit unserm Kleinod
Bekröne sich das schuppige Gesipp.
Die gläserne Undene wirre plump
Ins schilfene Haar den Gürtel unsrer Fraun.
Auf unsres Helden Goldhorn rufe dumpf
Fischblöden Blicks der odemlosere
Fürst der Koralle die unwissend ach
Schaurige Trauer aller Kreatur,
Daß von des Hornes nächtigem Albenruf
Aufbeben schwer im satten Träume die Völker
Unter dem Niblungenschrei. Und dass der Fluch uns
Werde, bleibe Gesang, gleite nun Goldner,
Hort der Ahnen, hinab. Empfang im Schaume
Unser adliges Erbe,
Reine, reißende Flut.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München 1922.)

Herbsttage am Rhein (2)

Wir fragten sie, um unser Interesse zu zeigen, ob sie auch in der Fistel singen könne. Sie sagte, das habe sie noch nicht versucht, und jetzt stehe ihr der Sinn nicht nach Singen. Morgen aber wolle sie zum hiesigen Zahntechniker gehen. Der sei ihr warm empfohlen worden und nehme nur die Hälfte von dem, was der Arzt in der Stadt fordere. Wir stimmten ihr begeistert zu und baten sie, noch eine Flasche zu bringen. Wir hatten in unserer Behandlungsweise das Richtige getroffen; wir bekamen noch die zweite Pulle.
Der Wein im Jägerhaus hatte es uns angetan. Unsichtbare Gewalten zogen uns täglich zu Wehneibe Plümecke. Zwei Flaschen des köstlichen Tropfens hatte sie uns pro Tag bewilligt.
Ihre Backe wurde täglich dicker, die andere Backe, die die Sache ja eigentlich nichts anging, schwoll vielleicht aus einem gewissen Gefühl für Symmetrie ebenfalls an.
Wir erkundigten uns in wirklich herzlicher Form nach ihrem Wohlergehen und heuchelten ein völliges Aufgehen in ihren Fisteln, ein Interesse, das sich mit nichts anderem mehr in der Welt als lediglich mit ihrer Person befaßte. Der Wein war aber auch zu herrlich.
Sie sagte, sie habe keine Courage, zum Zahntechniker zu gehen. Es scheine übrigens, als ob es so wieder besser werde. Wir möchten doch mal nachschauen, sie habe ein Gefühl, als ob die Fistel beigefallen wäre. Wir schauten ihr wieder in den Mund – Gott, war der Wein schön – und sagten, das scheine uns auch so.
Am nächsten Tage jammerte sie sehr und brachte aus Versehen einen falschen Jahrgang. Wir machten sie schüchtern darauf aufmerksam und fragten voll innigem Mitgefühl mit einem unterstrichenen Unterton von freudiger Hoffnung, wie es heute gehe, ob es sich gemacht habe. Oder ob sie bei dem Zahntechniker gewesen sei.
Nein, aber sie glaube, daß sie doch in den sauren Apfel beißen müsse, denn es werde täglich schlimmer. Wir möchten nur mal sehen.
Wir starrten, innerlich grausend, äußerlich mit dem Interesse eines allernächsten Verwandten in das Tohuwabohu von verschwollenem Zahnfleisch. Wirklich, es war kein schöner Anblick. Ach, wenn sie nur nicht die letzten Flaschen ihres märchenhaften Trankes in ihrem Keller gehabt hätte!
Wir schüttelten ernst die Köpfe und murmelten: “Ja, ja, schlimme Sache, schlimme Sache. Beklagenswerte Frau. Sie sind eine Heldin, eine Märtyrerin!”
Sie brachte jetzt den richtigen Jahrgang. –
Mehrere Tage lang wollte sie immer am anderen Morgen bestimmt zum Zahntechniker gehen.
Eines Tages war Frau Plümecke nicht da. Die Magd brachte uns den Wein. Frau Plümecke sei jetzt endlich zum Zahntechniker gegangen. Nur eine Flasche habe sie herausgestellt, die andere werde sie uns nach ihrer Rückkehr selbst bringen.
An diesem Tage mußten wir uns mit einer Flasche begnügen.
Am nächsten Tage war Frau Wehneibe Plümecke wieder nicht da. Die Magd sagte, die Wirtin sei gestern acht Stunden bei dem Techniker gewesen. Er sei aber noch nicht ganz fertig geworden. Als sie zurückgekommen sei, habe sie ausgesehen, wie der Bahnwärter, der kürzlich vom Zug überfahren worden war. Es sei furchtbar gewesen.
Wehneibe Plümecke habe gestern abend alle ihre Sachen geordnet und lange in der Bibel gelesen. Heute sei sie wieder zum Zahntechniker.
Auch am darauffolgenden Tage war sie wieder hin. Es sei ein schwieriger Fall, der sich nicht überstürzen lasse, habe der Mann gesagt.
Die Magd erzählte, Frau Plümecke sehe jetzt aus wie ein rohes deutsches Beefsteak, das man aus der dritten Etage auf das Pflaster geworfen und über das man dann rote Tinte gegossen habe. Sie habe gekündigt. Sie könne es nicht mehr ertragen. Frau Plümecke sei überhaupt nicht mehr Frau Plümecke. Sie habe ihr sämtliche Kellerschlüssel gegeben. Sämtliche Schlüssel.
Wir tranken an dem Tage fünf Flaschen.
Es war nachmittags halb sechs, als plötzlich die Tür aufging und Frau Wehneibe Plümecke hereinwankte. Die Magd hatte nicht zu viel gesagt. Die gräßlichste Sensation im Museum Wiertz in Brüssel war ein sanfter Ludwig Richter gegen das Bild, das die bedauernswerte Wirtin des Jägerhauses bot.
Erschöpft fiel sie auf einem Stuhl zusammen.
Plötzlich stierte sie mit großen, verglasten Augen die fünf auf dem Tisch stehenden Flaschen und dann uns an.
Wir zitterten und guckten weg.
Ob jetzt alles in Ordnung sei, versuchte ich sie abzulenken.
Sie öffnete nur den Mund und forderte uns mit starrer Geste auf, hineinzuschauen.
Voller Schauder näherten wir uns und blickten in den furchtbaren Abgrund. Ein entsetzliches Durcheinander von abgebrochenen Zähnen, zerfetztem Zahnfleisch, ausgefranster Zunge, bot sich uns dar. Aus einem Backenzahn ragte ein abgebrochener, blinkender Stahlbohrer in dieses Inferno. Uns grauste, wir wandten uns ab, nahmen unsere Hüte und drückten uns scheu zur Tür hinaus.
Ich irrte die ganze Nacht planlos in den Bergen umher.
Toni Bender kaufte sich vier Flaschen Rum.
Die Allgewalt des Weingottes war doch zu stark. Wir hatten einmal Blut geleckt. Wir hatten lange gekämpft und waren unterlegen.
Am nächsten Tage schlichen wir wieder zum Jägerhaus. Nur die Magd war da, die noch immer die Schlüssel hatte. Frau Plümecke war in die Stadt gefahren zum Zahnarzt, der doppelt so teuer war wie der Zahntechniker. Wir tranken fünf Flaschen. Frau Plümecke sahen wir nicht.
Am folgenden Tag saß sie wieder auf ihrem alten Platz am Schanktisch. Sie hatte den Kopf verbunden, sah aber sonst menschlich aus. Sie blickte uns streng an. Wir schlugen die Augen nieder. Sie mußte die Lücke im Keller bemerkt haben. Es kam mir schwer an, mit ihr zu reden. Der Blick in den Höllenrachen wollte mir nicht aus der Erinnerung. Es mußte aber unbedingt etwas geschehen. Ich nahm meine ganze Energie zusammen und sagte mit dem herzlichsten Timbre, den ich aufbringen konnte: “Jetzt ist wohl wieder alles in Ordnung. Können wir der mutigen, famosen Wirtin vom Jägerhaus, der Hebe, der Göttin des besten Tropfens des Rheingaues, gratulieren?”
“Ja, ja, der famosen mutigen Frau Wehneibe Plümecke”, trug Toni Bender auch seinen Teil bei, um die Stimmung zu heben.
Stillschweigend kramte Frau Plümecke in ihrer Tasche herum und brachte ein kleines Zeitungspapierpaketchen, das recht unappetitlich aussah, zum Vorschein. “Da sehen Sie!” Sie schob mir das Päckchen über den Tisch zu. Mit bebender Hand öffnete ich es. Acht abgebrochene Zähne, zwei Wurzeln, Stücke vom Kiefer und was weiß ich, was alles so in einem Mund loszubrechen geht, fielen mir entgegen und sprangen mit schauerlichem Geklapper über die Tischplatte. Einen schrecklichen Anblick bot jener mächtige Backenzahn, in welchem, wie eine Lanze in der Leiche eines Nibelungenrecken, der abgebrochene Bohrer stak.
Der Angstschweiß trat uns auf die Stirn angesichts dieser Schädelstätte. Das Geräusch der springenden Zähne gellte uns in den Ohren. Ein namenloses Entsetzen packte uns. Mein Kragen sprang von selbst auf. Meine Krawatte entknotete sich, leise auseinandergleitend wie eine Schlange. Die festen Manschetten lösten sich mit lautem Knall vom Hemd, sprangen in kurzen, ruckhaften Sätzen durch das Zimmer, stießen knirschende Laute aus und krochen dann blitzschnell unter einen Schrank. Die Augen traten mir aus den Höhlen und baumelten an den Nervensträngen hängend wie zwei Monokel auf meiner Weste herum. Toni Benders Brille lief erst an, wurde dann plötzlich weißglühend und schnitt ihm zischend die Nase ab, die in sein Weinglas fiel.
Ich lag vier Tage im Bett. Toni Bender kaufte sich zwölf Flaschen Rum.
Furchtbare Tage, qualvolle Nächte! Immer verfolgte uns das gespenstige Bild jenes danse macabre.
Der Wein vermochte uns nicht mehr zu locken. Das Grauen vor jener furchtbaren Stätte war stärker.
Ich habe dieses entsetzliche Geschehnis in meinem Innersten zu vergraben, zu ersticken gesucht. Ich habe gekämpft, ich habe alles getan, um den Spuk zu bannen. Es ist mir nicht gelungen.
Das letzte Mittel muß ich versuchen: ich muß davon reden, ich muß das Erlebnis in Worte ketten.
Vielleicht werde ich dann Ruhe finden. Vielleicht.
Wenn nicht, dann bleibt Lysol mein einziger Ausweg und das wäre schade um mich, ich habe mir gerade zwei neue Anzüge machen lassen.

(Hermann Harry Schmitz: Herbsttage am Rhein)

Rijndoorst: Sonderausgabe der DW B über den Rhein aus flämisch-niederländischer Sicht

Die Dietsche Warande & Belfort (DW B) erscheint heuer im 158. (!) Jahrgang und ist somit die älteste noch existierende Literaturzeitschrift in niederländischer Sprache. Ob die DW B sich in ihrer langen Geschichte bereits gesondert dem Rhein gewidmet hat, ist uns nicht bekannt. Diesen Oktober erschien mit “Rijndorst” eine Themenausgabe, in der sich belgische, britische und niederländische AutorInnen (sowie rheinsein als deutscher Beiträger) mit rheinischer Geschichte und Gegenwart beschäftigen.

Herausgeber Bas Groes analysiert im Vorwort „Mythologieën van verlies: de Rijn in de eenentwintigste eeuw“ die Rolle des Stroms als europäisches Symbol in Zeiten der „Ökonomisierung, Banalisierung, Balkanisierung und Trivialisierung des kulturellen Erbguts“, stellt Vergleiche mit der Themse an und zieht, mit den AutorInnen der Ausgabe, den Bogen von der rheinischen Sagenwelt um Wagners Rheintöchter bis in die heutige, auf neoliberalistischem Dung gedeihende Gesellschaft.

B. Zwaal schickt einen Wassertropfen aus dem Reno di Lei auf lyrisch-lakonische Reisen. Der „druppel“ „loreleyt niet“, „nibelingt niet“ und verliert sich schließlich Richtung Themse in einem Deltageäder, das bis Calais im nördlichen Süden und in ein Wolgalied im tiefen Osten reicht.

Den Wasserwegen auf Höhe der Merwede widmet Jan van Mersbergen zusammenhängende Miniaturen: „Met de kano peddelde ik over hele grote bladeren die als eilanden in het water lagen. Ik dacht aan de poster die vroeger in mijn kamer an de muur hing. Er stond en doorsnede op van een Hollandse sloot. Met vissen, planten, kleine beestjes. De sloot op de poster leek helemaal vol leven te zitten. Dat kende ik niet, want in de sloten bij ons in de polder leek vooral kroos te groeien. Er zat wel wat vis, kleine visjes, maar dat was het wel. Ik voer ook langs mooie wite waterbloemen. Later heb ik opgezocht hoe ze heten. Ik voer naar het kanaal. Daar tilde ik de kano van het riviertje in het kanaal, bij het betonnen aquaduct. Ik peddelde het recht uitgegraven kanaal uit. Gegraven door machines, hoopte ik, want ik had wel eens gehoord dat werklozen ingezet werden om kanalen te graven en de klei is hier zwaar en na een paar steken zit je hier op het grondwater en dan loopt ieder gat vol en wordt het noog zwaarder. De bruggen hebben gele relingen hier. Betonnen bruggen met asfalt erop. Het geel steekt af tegen de lucht, vanaf het water gezien, en tegen het gras en het water als je op de weg staat. Ik rookte een sjekkie, zittend op die reling.“

Atte Jongstra schickt, frei nach Jan Frederik Helmers, ein Selbstportrait des Rheins „vol liefde“ auf den Weg, verknüpft in seinen Zeilen die Vatereigenschaften des Stroms mit der Loreley mit der Unbefleckten von Lobith mit den schönen Dünen Katwijks, um hernach Joep Leerssens kurze Geschichte der niederländisch-belgischen Rheindichtung (und worin sie sich von der deutschen abhebt) zu skizzieren.

In „Drijfijs“ treibt Miek Zwamborn auf Zeitreise durch Europa, meist entlang des Rheins, läßt sich von getrockneten Blüten und alten Burgen leiten, schlägt mit Franz Reichelt und seinem unzureichenden Fallschirm bei seinem Todessprung vom Eiffelturm ein 14 Zentimeter tiefes Loch in den gefrorenen Boden von Paris und läßt uns am Konstanzer Wasserwunder teilhaben, als der Rhein eines Vormittags rückwärts floss.

In Düsseldorfer Rheinszenarien versetzt uns John Worthen, der Robert Schumanns letzte Tage auf Erden beschreibt, inklusive seines gescheiterten Selbsttötungsversuchs im eiskalten Strom, bevor sechs unserer Liechtenstein-Sonette aus Das Lachen der Hühner, in niederländischer Übertragung von Lucas Hüsgen, den Rheinschwerpunkt beschließen.

Die DW B hat eine schöne Website, die nebst Leseproben aus “Rijndorst” auch die üblichen Bestellmöglichkeiten bietet.

Keine Nebensache – die Nebenflüsse

Die Dreisam

1.1 Name und Definition

„Dreisam“, so sagt man, bedeute in der Mundart unvordenklicher Zeiten „die Fließende“.
Das mag stimmen oder nicht.
Vielleicht heißt das auch „glückliche Vagina“ oder sonst irgendwas.
Dieses Gewässer entwässert ein bestimmtes Segment des SCHWARZWALDES talwärts.
Durch das ebenso benamte DREISAMTAL werden die Wasser vermittels eines sehr stark regulierten, mithin also denaturierten, Bachlaufes dem VATER RHEIN, unser aller Schicksalsfluss, zugeführt.
Handelt es sich im eigentlichen Sinne doch um kaum mehr als einen munteren, etwas größer gestrickelten BACH, so kann im Falle ergiebigerer Niederschläge doch daraus durchaus ein WILDWASSER werden.
Der Volksmund munkelt, am SANDFANG (1) seien schon Pegelstände jenseits der Zweimetermarke beobachtet worden.
Auf jeden Fall reicht kinetische Energie, Wasserlauf und –menge dazu, Radfahrer und anderes Gesindel in die (zu den meisten Jahreszeiten) eiskalte Flut zu reißen.
Schon mancher entstellte Leichnam musste vom Unratgitter des LEOPOLDKANALES (worin die DREISAM mündet – für die restlichen Kilometer zu VATER RHEIN) entfernt werden …
„Trutz – Blanker Hans!“ (…)

2.2 Schifffahrt und Schicksal

Die DREISAM durcheilt mehrere Dörfer sowie Kleinstädte.
Doch auch die Kleinmetropole BOBBELELOCH wird von ihr durchflossen.
Anders als beispielweise zu JECKENSTEDT trennt sie nicht arm&reich, richtig&falsch etc., sondern einfach nur NORD und SÜD.
Zu BOBBELELOCH besorgt das die ebenso verlaufende EISENBAHN.
Arm und reich gliedert sich in „östlich“ und „westlich“ der BAHNLINIE.
Die DREISAM kann rein gar nichts dazu.
Der verdiente vorzeitliche Bürgermeister WINTERER sah das Gedeihen, Werden und Wachsen von dem RHEINSTROME anliegenden Gemeinwesen – das brachte ihm die göttliche Eingebung, auch sein aufstrebendes BOBBELELOCH bedürfe der Anbindung an den Schicksalsfluss.
Also müsse die DREISAM schiffbar gemacht und dem Gemeinwesen ein Binnenhafen angegliedert werden.
Jedoch verhinderten kleinkrämerische Geringgeister die Verwirklichung dieses kühnen Plans.
Der Versuch, das Gerücht zu streuen, HAGEN VON TRONJE habe den sagenhaften Sagenschatz der NIBELUNGEN nicht bei Worms in den RHEIN gekippt, sondern bei BOBBELELOCH in die DREISAM (diese sei dazumals eben noch durchaus schiffbar gewesen und gewissermaßen seitdem verlandet – ) verbracht worden, wusste nicht zu fruchten.
Statt der erhofften elementaren Ausbaggerung in Eigenarbeit stellten sich nur vereinzelte Irr- und Wirrköpfe ein, die lediglich dem BACHBETT einen gewissen Schaden zuzufügen vermochten.

3.1 Binnenseefahrer und Schicksal

Auf Grund der ausbleibenden Schiffbarkeit blieben die Binnenschiffer sitzen.
Gezwungenermaßen sitzen sie bis auf den heutigen Tag in der Hafenkneipe ohne Hafen, der Gaststätte REICHSADLER.
Die Umbenennung in GOLDENER ANKER wurde abgeschmettert, eine Lokalität für fußballbegeisterte Studienräte in einem der besseren Bürgerviertel kam diesem Ansinnen zuvor.
So warten die Binnenschiffer bis zum Ende aller Tage bzw. deren Anfang (2), wobei sie, gar nicht dumm, sich das beschwerliche Warten mit Produkten der alkoholischen Gärung und den Mädchen mit den losen Schenkeln fachmännisch zu verkürzen wissen.
Aber auch wenn Hopfen, Malz und Gerste, nicht zu vergessen das milde Brauwasser des SCHWARZWALDES, noch so fachmännisch zusammengerührt wurden und sich die Schenkel der lustigen losen Mädchen noch so wollüstig grätschen – spätestens wenn die Silberglocke der Wirtin die LETZTE RUNDE einläutet, damit ankündigt, so kommt Trauer und Schmerz in die Herzen der Fahrensleute.
Und ein Gefühl vom Vergehen des ERSTEN TAGES DER EWIGKEIT (3). (…)

3.3 Ausblick und Sendung

Mächtiger noch als die GÖTTER und GÖTTINNEN von Ebbe und Flut, Werden und Vergehen, sind die WASSERWIRTSCHAFTSÄMTER.
Und eben diese haben verfügt – „in Jahren mit gerader Zahl wird der BACH begradigt – in Jahren mit ungerader Zahl wird der BACH verkrümmt!“
Und also muss es geschehen in EWIGKEIT:
In Jahren mit gerader Zahl wird das Gewässer begradigt, in solchen mit ungerader Zahl gekrümmt.
Einzige Abwechslung im unaufhörlichen Auf und Ab der Zeiten: weil das vereinigte EUROPA fordert, dass der FISCH im Binnengewässer zu fördern sei, wurden geeignete Maßnahmen zur Verkehrstauglichkeit des Gewässers für ebendiese Lebensformen ergriffen – selbige, so hört man, dienen der Jugend aber auch den reiferen Bevölkerungsschichten gerne zur Ergetzung zu Sommerszeiten (Sitzbäder!).

Anmerkungen
(1) Eine Stauvorrichtung mithilfe derer die RUNZMEISTER die Wasser der DREISAM auf die örtlichen GEWERBEKANÄLE zu verteilen pflegten
(2) vgl. Kaiser BARBAROSSA im KIFFHÄUSER etc. usw. usf.
(3) vgl. das MÄRCHEN VOM VÖGELEIN, DAS WO SEINEN SCHNABEL AM GEBIRGE WETZT

Ein Gastbeitrag zum Wesen der Dreisam von Bdolf. rheinsein dankt!

es ist stets herbst in mauenheim

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Vor wenigen Tagen erkundeten wir Mauenheim, Kölns angeblich kleinsten Stadtteil, an den der Rhein allenfalls mit Altarmen einst heranfingerte und von dem es in einem bekannten Gedicht heißt, daß er nur eine einzige Jahreszeit kenne, den Herbst. Doch so klein ist Mauenheim gar nicht. Im Osten, Süden und Westen von mehreren Verkehrsadern, im Norden von einem imposanten Friedhof begrenzt, liegt das in Köln so gut wie unbekannte Viertel “hinter dem Schall”. Vor allem entlang der Schallgrenzen bestehen noch zahlreiche, Wachstum versprechende Baulücken. Markant in Mauenheim wirkt neben dem Nordfriedhof vor allem die Nibelungensiedlung, deren Straßen und Höfe nach den vorzeitlichen Heldinnen und Helden des Nibelungenlieds benannt sind. Zentraler Treffpunkt Mauenheims scheint denn auch der – wunderbares Kompositum: - Siegfriedhof, eine klassische Vorort-Gaststätte, auf deren Speisekarte sich Gerichte wie “Seelachs-Ersatz mit Zwiebeln, Ei und Kartoffelsalat”, “Ölsardinen mit Butter und Brot”, “Restaurationsschnitte” oder “Russen-Ei” finden. Die Menschen auf den Straßen Mauenheims sahen bei unserer Erkundung nicht allzu gesund aus. Viele schleppten Habseligkeiten in Plastiktüten durch die Gegend. Eine Familie sammelte sich um ein Auto älteren Baujahrs, um es langatmig zu besprechen. Die Sonne denunzierte einige trostlose Winkel und klebte Bescheide an Autofenster. Daß sie überhaupt wirkte, gab dem Mauenheimer Dauerherbst einen Anstrich von Frühling. Wohl birgt dieser Herbst in seiner Permanenz saisonale Subkontexte, welche sich in den Vorgärten etwa per verschämtem Blütenschimmer kurz und amateurhaft äußern. Denn: blühte dort bei den Wegplatten wirklich ein Rhododendron? Oder benötigte unser Hirn in der Mauenheimer Trostlosigkeit dringend wenigstens diesen einen Rhododendron, kopierte ihn aus einer entfernten Vororterinnerung und fügte ihn selber ein? Wir können es nicht mit Sicherheit festlegen. Die Straßen Mauenheims jedenfalls strotzen vor Unscheinbarkeit. Sogar die Graffiti bezeugen extreme Einfallslosigkeit. Welche ja nicht unbedingt als herbsttypisch gilt. Typisch für die Hauswände wiederum sind verzweigte Muster, die ehemaliger Efeubewuchs auf ihnen hinterließ: Abgasfrottagen, tief im Rauhputz verankerte Grau-in-grau-Strukturen, die immerhin dem Himmel entgegenstreben. (Wird fortgesetzt.)

Wie Siegfried Brunhild für Gunther gewann

drachenboot

In einem Drachenschiff reisen die rheinischen Recken nach (wahrscheinlich)

island

Island, das gewaltig brennt, dieweil aus den flächendeckenden Bodenfeuern termitenhügelförmig Brunhilds Burg emporragt. Denn Siegfried soll Brunhild, die nur denjenigen heiraten mag, der sie im nordischen Eheschließungsdreikampf besiegt, für Gunther freien. Und wird sie besiegt, so versiegen auch des Landes Feuer. Was einen dramaturgischen Kniff Fritz Langs vorstellt, der über die Originalvorlage hinausgeht. Ohne Siegfrieds Hilfe, der unter seiner frisch erworbenen Tarnkappe in den Kampf eingreifen wird, ist Gunther Brunhild nicht gewachsen, was die Bildsprache deutlich unterstreicht: Brunhild (Hanna

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Ralph unter einem fantastischen Herrscherinnenhelm) sieht beim Eintreffen der rheinischen Recken niemand anderen als Siegfried für “den Kampf ihres Lebens” an. Der berühmte nordische Eheschließungsdreikampf besteht in Felsbrockenweitwurf, Weitsprung und Speerkampf. Verräterisch tänzelt des unsichtbaren Siegfrieds Schatten über den Kampfplatz vor der Burg, doch im Getümmel der Zuschauermassen aus rheinischen Recken und isländischen Jungfern fällt das nur dem informierten Filmbetrachter auf. Unter ein paar schönen frühen Trickblenden geht Siegfried dem zaudernden Gunther zur Hand, und die zuvor unbezwungene Brunhild ist besiegt. Hier noch ihre Burg

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im typischen Nordlicht. Ob es sich wirklich um Island handelt, läßt der Film ausgeklammert. Wo aber sollte es sonst dermaßen brennen, wo sonst im alten Nordland sollten solche Termitenburgen stehen?