Neustätten (3)

neustätten_parole

Daß neben sehr schlichten auch den widerlichsten Ideologien zu folgen sich haufenweise Anhänger und Mitläufer bereitfinden, ist weit über den rheinisch-römisch-germanischen Kulturraum spätestens seit den diesbezüglichen Erfolgen des Nationalsozialismus und Faschismus verbreiteter Kenntnisstand. (Wars wohl vorher schon. Zu dieser Thematik und weiteren Un/Sicherheiten siehe auch: Geschichte des Glaubens (zurecht oft verwechselt mit: Geschichte des Wissens).) In Neustätten allerdings (Gnade und Fluch der späten Stadtgründung) nur aus den Büchern ante urbem conditam, welche dessen hochmodernen Bürgern bereits in den Gencode eingeschrieben sind. Wohl daher und nicht zuletzt aufgrund der vorherrschenden Wohnstruktur (personenstarker Arbeiterbürger-WGs) findet sich in Neustätten eine im deutschsprachigen Raum (und das will was heißen!) weit überdurchschnittliche Anzahl ausgeprägter Ideologien (einzelne Bürger sollen bis zu zwei handvoll davon vertreten). Die sich natürlich im Stadtbild niederschlagen: beispielsweise diese piktografisch gestützte Durchsage einer Splittergruppe des diesel-veganarchisch orientierten „Rheintaler Geschichtsvereins“, ein (an seiner rigorosen Antihaltung erkennbarer) Retroslogan, plaziert an einer der typischen, selbstreinigenden,  porig-rissigen (womit, kaum die klügste Entscheidung des Neustätter Stadtbaurats, die Nichtvorhandenheit von Geschichte fürs Auge ein wenig kaschiert werden soll) weißen Hallenwände.

Neustätten (2)

Die Neustätter Mystik, die sich im Verlaufe der ersten Spätabende des Bestehens der Ortschaft herausbildete und als eine der beiden Grundlagen für die Neustätter Stein-Wasser-Mythologie angesehen werden kann, fußt hauptsächlich auf merkwürdigen Leuchtstein-Funden, die der erste japanische Tourist Neustättens, Bokushi Suzuki, wie folgt beschreibt: „In einem der fabrikähnlichen Häuser Neustättens lebte ein Mann namens Hansruedi Öppert. Eines Abends (wörtlich: des ersten Abends, am Abend aller Abende, dem einen Abend, Anm.: Rheinsein) stieg er die Nationalstraße gegens Appenzell empor, das dort oben in tiefer Vergangenheit lag. Als er die Zeitschranke nicht durchdringen konnte und sich auf den Heimweg machte, bemerkte er ein vom Rheintalgrund ausgehendes blaugrünes Licht, das regenbogenartig zum Himmel aufstieg und sich dort verlor. Weil er ein tapferer Mann war und sowieso in der Gegend wohnte, rannte er die Asfaltstraße hinab, genau auf die Lichtquelle zu. Angelangt, fand er lediglich einen gewöhnlichen Stein. Dennoch hob er ihn auf und band ihn sich vor die Stirn, wo dieser wie zuvor leuchtete und ihm auf dem Heimweg, trotz all der Straßenleuchten, sehr zustatten kam. Bei seiner Arbeiter-WG angekommen, legte er den Stein auf die Fußabtrittsmatte, um sich ein Quöllfrisch aus dem Keller zu holen. Als er zurückkam, war der Stein nirgends mehr zu erblicken.“ Es gibt weitere solche Geschichten. Folgende erzählt der erste Neustätter Ökumene-Priester Alban Öppert, der viele solcher Berichte, Beichten und Schriften gesammelt hat: „Ein Neustätter Fabrikarbeiter fand unter dem Fließband, an welchem die Lizenz-Pinzgauerle verlötet und zusammengeschraubt und -gehämmert werden, ein altes Loch, das noch vor die Zeit der Stadtgründung zurückreichen durfte, und in dem Loch einen faustgroßen Stein außerordentlicher Schönheit, sodaß er ihn sich einsteckte und entgegen der Fabrikregeln mit nach Hause nahm. Nachts leuchtete dieser Stein wie ein fallender Komet. Die Mitbewohner des Fabrikarbeiters entsetzten sich darüber und sagten: „Das ist ein Geisterstein, den niemand besitzen darf.“ In Wirklichkeit waren sie im Imdoktrinationsbeginn befindliche Anhänger einer politisch-religiösen Gruppierung, die jeglichen Besitz ablehnte und die Sache mit den „Geistern“ war nur vorgeschoben. Dennoch hatten sie in diesem Fall recht. Um Unglück von seiner WG fernzuhalten, trug der Fabrikarbeiter seinen Leuchtstein ins Freie und fuhr mit einer Planierwalze über ihn hinweg. Bis in die frühen Morgenstunden gab der zu Staub geplättete Stein noch sein Schimmerlicht ab und am Folgeabend kamen einige Kollegen aus der Fabrik, die von dem Stein hatten erzählen hören, doch da leuchtete er nicht mehr und der Staub war vom Föhn weggeblasen.“ Es gibt in Neustätten und Umgebung zahlreiche solcher Geschichten, auch von Steinen, die schön waren, aber nicht leuchteten: all diesen Geschichten ist gemein, daß die Steine, sobald sie bekannt wurden, aus dem einen oder anderen Grund verschwanden und es heißt, diese Begebenheiten seien auch Anlaß für die Gründung der Neustätter Bewegung „Herkunft braucht Zukunft“ gewesen, die heute ja stärker für ihre Lobbyarbeit zur Überwindung der Herkunftslosigkeit bekannt ist, aber die intellektuelle Beschäftigung mit den Leuchtsteinen soll ihr Ausgangspunkt gewesen sein.

Neustätten

Übernacht dann plötzlich (es dunkelte nicht einmal wie es sonst so schwärzt, vielmehr bestand die Nacht aus grobgekörntem Gries, der sandpapierartig das Vorhandene wegschmirgelte): Neustätten statt Altstätten, dh zunächst einmal garnichts: also etwas (ja nicht einmal etwas!), das geradezu unvorstellbar war ob seiner absoluten Nichtvorhandenheit. Doch sofort begann die Fantasie (und woher die Fantasie eigentlich rührt, das würden wir ja auch gern einmal wissen – oder lieber doch nicht?) das Vakuum anzureichern mit Bekanntem. Es war ja ein Altstätten gewesen an dieser Stelle, das sich gedanklich wieder aufbauen ließe, sollte man meinen, zB mit einigen Verbesserungen versehen, die durchaus möglich waren. Dort wo ein Schwarzes Loch wirkt, das bekanntlich mittels Gravitation/Zerdrängung vorgeht, kommt eine Geschichte (bei ihrem Verschwinden) nicht ohne schwerste Brüche aus. Das mittels Abschmirgeln an der Oberfläche angerauhte Nichts Altstättens jedoch bot eine ideale Fläche, Neues einfach darüberzuschichten, dareinzuschütten, daraufzustapeln. Als erstes gab die Schöfung dem Rhein einen neuen Verlauf, denn der Fluß ist es, der die Stadt zuläßt, und ein neuer Fluß läßt eine gänzlich neue Stadt entstehen. Nur aus Nostalgie (und weil er so eine Art Prototyp des Flußwesens darstellt und vielleicht auch, weil er außerhalb der Neustätter Gemarkung sowohl im Süden als auch im Norden an den herkömmlichen Rhein anschloß) hieß auch dieser wieder: Rhein. In den üppig wuchernden Straßen und Bauten Neustättens fand sich bald das Ehepaar Öppert, die Urbewohner und Stammeltern der Neustätter Moderne. Sie gaben uns eine kleine Stadtführung, während derer, länger als eine Stunde mag sie nicht gedauert haben, eine komplette Bürgerschaft entstand, die auf altbekannte Manier ihre Umgebung besiedelte und in Besitz nahm. Ein Schul- und Handelswesen war innert Minuten ausgebildet, als sei dies pure Selbstverständlichkeit. Kaum länger brauchte das Etablieren einer scharfen, aber tolerant gehandhabten Gesetzgebung. Der Jugendrat verfügte dunkle Ecken in den ansonsten lichtdurchfluteten Alleen, einige der riesigen kastenartigen Wohn- und Arbeitsstätten wurden sofort nach dem Richtfest in Schutt und Asche gelegt, um als Mahnmale der Vergänglichkeit zu dienen: in spiritueller Hinsicht ein erstaunlich vernünftiger Schritt in einer erst stundenalten Stadt. Ein paar trashig geschmückte Brunnen schossen aus dem Boden, die Fassaden bildeten Fachwerk aus und sowieso schien sich vieles, das hier entstand, auch wenn das eigentlich nicht unbedingt sein mußte, am Geiste Altstättens zu orientieren. Bereits am Nachmittag hatte Neustätten sich völlig ausgebildet und war von anderen, herkömmlichen, älteren Städten kaum noch zu unterscheiden. Julia Öppert, mit 14 die jüngste der Öppertfamilie, sagte uns zum Abschied das Neustätter Stadtmotto her, das sich so schön mäandrierend als der alte (kanalisierte) Rhein (von dem in Neustätten zwar niemand weiß, den viele Neustätter aber bei Wetterumschwüngen spüren) in die weiße Fläche des städtischen Quaderwappens schmiegt: „Armut erhebt moralisch nicht über Reichtum. Für jeden besteht gleiches Recht an gesellschaftlicher Teilhabe. Das Prinzip Ausbeutung ist zu überwinden! Revolution!“