Der progressive Rheinländer

Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung, hinter dem bekannteren Grevenbroicher Tagblatt eine der wichtigsten Regionalzeitungen des mittleren westlichen Niederrheins, berichtet in der Rubrik “Grevenbroich” seiner Online-Ausgabe von gestern unter der Überschrift „Die ersten Frauen im Zug“ über das progressive Rheinland: „Frauen im Grevenbroicher Festzug – das hat`s noch nicht gegeben. Am Sonntag war Premiere: (…) Auch als letzte Abteilung waren ihnen bei der Parade viele Blicke sicher: Die Damen vom Amazonenkorps “L’equipe noir” aus Orken, die in Blumen geschmückten Sätteln hoch zu Ross saßen.“ Der Artikel ist gespickt mit nicht näher erklärten Fachbegriffen aus dem Schützenwesen (Zugmuli, Zugsau), die der lokalen Leserschaft bekannt sein dürften, dokumentiert die komplette Namensliste der Pionierinnen und berichtet von deren Liebe zu Pferden und zur Tradition, der sie sich nun erstmalig aktiv anschließen: „Obwohl es ein Amazonenkorps ist: Was das Feiern betrifft, unterscheidet sich “L’equipe noir” nicht sonderlich von Schützenzügen, die allgemein noch als Männerdomäne gelten. “Wir haben unsere regelmäßigen Versammlungen, unternehmen einmal im Jahr einen Ausflug, dessen Ziel geheim ist”, berichtet Brigitte Straube. Ihre Zugkönigin ermitteln die Frauen beim sogenannten “Sommer-Shooting”, im Winter wird die Geselligkeit bei der Weihnachtsfeier gepflegt. (…) Das die Frauen beim gestrigen Umzug so gut vom Publikum aufgenommen wurden, freute die Ex-Königin: “Das fand ich richtig gut. Vor einigen Jahren wäre an so etwas gar nicht zu denken gewesen.”"

Vignetten

“(…) Nataly pflegt eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Gerüchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt führt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe, dem Versuch das Erleben des anderen zu integrieren, die Zurückweisungen, die sie sich ein Leben lang gemerkt hat.
Flickermaschine. Dem Reiz des Zwielichts folgend, mit gleichmässigem Tritt in die Pedale des Fahrrads, durch leere Strassen fährt sie an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Der verwilderte Garten umschliesst das Gelände. Emporragende Bäume umstehen die zur Giebelseite sich öffnende Rasenfläche. Zwischen Farne, Schachtelhalme und Buschwerk zieht sich ein versteckter Pfad. Der im Winter abgestorbene Wacholder flammt rostbraun. (…)
Betört von Nachtatem steigt sie ab. Legt geflissentlich ihr Fahrrad in das nasse Ufergras. Die Aluminiumfelgen spiegeln das Mondlicht gegen die glatt geschliffenen Steine. Während Nataly genüsslich den Rauch einer Zigarette einsaugt, lässt sie die Bewegungen des Tages ausklingen. Blickt dem Strom nach, der seinen Lauf nimmt. Der Fluss tut seine Pflicht, er fliesst immer in eine Richtung und trennt die Ufer. Einerseits befördert er die Menschen, andererseits separiert er sie. Nataly betrachtet das Schwemmland, die sandigen und die bewaldeten Ufer, die von russigen Industrieanlagen gesäumt sind, hört die Schiffe mit den tuckernden Dieselmotoren. Hier wie dort erreicht der Schwimmer sein Ziel auch bei günstiger Strömung nicht ohne eigenes Zutun.
Unstillbare Sehnsucht. Nataly fühlt ein Fernweh… das Reisen auf dem Wasser ist für sie stets ein mythischer Akt, gleichsam ein Bewusstseinsstrom. Die Natur, der Fluss, das Meer, all das bedeutet für Nataly in gleichem Masse Freiheit wie Auflösung. (…)
Nataly beschwört die Kosmogonien des Kontinents, aus denen das alte Europa heraufsteigt. Unter der Oberfläche liegen Vergangenheiten begraben, Geschichte im buchstäblichen Sinn. Sie senkt ein Echolot in die Kulturgeschichte. (…)
Die Anfänge dieser Besiedlung liegen im Dunkel der Vorgeschichte. Wahrscheinlich begann die Geschichte dieser Spezies, bevor die Erde existierte. Mutmasslich sind die Bewohner des Rheinlands Emigranten aus anderen Galaxien, ihnen ist nichts Menschliches fremd, aber auch nichts Unmenschliches. (…)”

Auf der Rheinsein-Lesung in Neuss drückte A.J. Weigoni mir seine Novelle “Vignetten”, aus der die obigen Zitate (hier ausschließlich Stellen mit direktem Rhein/land-Bezug) stammen, in die Hand. Darin geht es um relativ viel auf einen Schlag, das sich zu nährstoffsattem Text verdickt, in Absätze gespalten, die je für sich kleine Welten öffnen/konstituieren, die wiederum vom Erzählpräsens beschleunigt auf ihrem Weg durchs sie verbindende Textnetz preschen. Weigoni selbst nennt die Vignetten unter anderem eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen: der Text unterlag von seinen Anfängen bis zur Publikation rund dreißigjähriger Knetung. Ich finde formal und vom Vokabular viel Achtzigerindieneunzigerlappendes darin, wie es für Düsseldorf (wo der Text vermutlich entstand) in jener Zeit spezifisch gewesen sein mag, eine persönliche Empfindung, sicherlich weil ich es in/seit meinen Ddorfer Anfängen ähnlich gehalten habe: eine Mischung aus u.a. Akademismen, kleiner Form, Punk und Poststrukturalem (hier mit 1a Wortschätzchen wie “Moof” oder “alte Knortze”). Der Text atmet, der Rhythmus bleibt stets spürbar unter den Worten, bisweilen unter- bzw. überspült er auch seine eigenen Bedeutungsketten, ich habe den Text jedenfalls zu hohen Anteilen von seiner Rhythmik erfaßt. Es geht desweiteren um einen Abgleich des Rheinischen mit etwa Nilistischem. Und Nataly schließlich ist eine Figur, der mehrfach im Leben persönlich begegnet zu sein mich dünkt.

»Vignetten«, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover

Eine Hörprobe der »Vignetten« (Begriffssuche nach “Vignetten” führt zu Hörausschnitten aus den beiden Kapiteln “Mäander” und “Uräus”)

Ausführlichere Informationen zum Text finden sich in der Bücherwiki.

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.

Schikos Rhein

Hagen-in-WormsDer Düsseldorfer Fotograf Schiko (der Link führt zu seiner Website inkl. schönem Fotoblog) hat meine literarischen Anfänge in den frühen 90ern begleitet, mal als Aktionist in den stark rheinisch gefärbten Seminaren von Frau Cepl-Kaufmann, mal als Sänger meiner Lieder und natürlich mit der Kamera. Jüngst trafen wir uns bei der Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim wieder, wo Schiko erzählte, daß er inzwischen den Rhein fotografiert habe. Ich werde nach und nach einige seiner Rheinszenen hier einstellen und, soweit bereits möglich, mit meinen Blicken abgleichen. Diese Aufnahme zeigt Hagen von Tronje beim Verklappen des Rheingolds in Worms. Gleich starte  ich den Versuch, mit dem Zug an Worms vorbeizufahren, und bin gespannt, ob es wirklich klappt. Evtl muß ich die Strecke am Laptop umleiten. Denn Worms und Umgebung fehlen bisher auf meiner Karte der abgeschrittenen Rheinstrecken – bestenfalls vage kann ich mich an einen Besuch der Stadt in meiner Kindheit erinnern: nichts als Kopfsteinpflaster.