Ein Grieche endet im Rhein

Chalampe-Neuenburg-SchiffbrückeSchiffsbrücke Chalampé-Neuenburg

Über die Brücken vom badischen Neuenburg ins elsässische Chalampé, weiter auf der Rheinstraße in nördlicher Richtung. Nach 9 Kilometer links ab nach Blodelsheim in die „Rue du Canal d’Alsace“ bis zur Kirche. Jetzt rechts in die „Rue de l’Église“, hier auf den Parkplatz und zum Nordeingang. Beim Betreten des Friedhofs den Blick nach rechts hinten wenden. Eine weiße Marmorplatte erinnert an ein tragisches Ereignis:

grabstein spiro sklawunos

Er kannte Deutschland gut, war in Hamburg, Leipzig und anderen Städten, arbeitete beim Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann, war Mitglied in einer Ortsgruppe der Deutsch-Griechischen Gesellschaft in Patras. Nach erfolgreich abgeschlossenem Ingenieurstudium an der Technischen Universität in Karlsruhe, plante er vor der Heimreise nach Hellas eine Bootsfahrt auf dem Rhein. Zusammen mit einem Freund als Begleiter, in einem Kahn stromabwärts vom Hochrhein bis nach Mainz. Über 400 Kilometer auf dem schon seit Wochen Hochwasser führenden Strom.
Doch die Reise endete jäh bei Rheinkilometer 199 vor Neuenburg. Das Boot zerbrach bei der Kollision mit der 200 Meter langen Schiffbrücke, welche hier seit 1873 über den Rhein führte. Kurz zuvor hatten sie noch die alte Eisenbahnbrücke unterquert, vielleicht abgelenkt vom imposanten Bauwerk, sahen sie die sich schnell nähernde Gefahrenstelle zu spät.
Sein Begleiter schaffte es gerade noch ans deutsche Ufer, während Spiro Sklawunos von den schäumenden Wellen verschluckt wurde.

Sechs Wochen später, am 12. September fand man am französischen Ufer bei Blodelsheim eine männliche Leiche. Vielleicht 25 bis 30 Jahre alt, eher klein. In der rechten Hosentasche eine Reichsmark und eine Uhr, sonst nichts. Da die Identität nicht feststellbar war, begrub man den Unbekannten anonym auf dem Friedhof der elsässischen Gemeinde. Erst später und nach längeren Ermittlungen konnte die griechische Familie den Verbleib des 23-jährigen klären und die letzte Ruhestätte ausfindig machen. Die Eheleute Albertine und Eugen Sitterle aus Blodelsheim pflegten dann das Grab die ganzen Jahre, obwohl sie den jungen Mann und seine Familie nicht kannten. Die Gedenktafel des Grabes wurde nach abgelaufener Ruhezeit auf Initiative von Emile Decker, einem Heimatforscher aus Blodelsheim, an der jetzigen Stelle angebracht. Die traurige Geschichte vom Neuenburger Stadtarchivar Winfried Studer veröffentlicht, der dazu schrieb:

„Die Tafel erinnert auch daran, dass eine Blodelsheimer Familie einem ihr nicht bekannten jungen Mann, der zufällig auf der Gemarkung Blodelsheim gefunden wurde, einen letzten Dienst erwiesen hat.“ Vergelt‘s Gott…! kann der Europäer da nur sagen.

(Für rheinsein zusammengestellt von Bruno Haase)

Presserückschau (Mai 2015)

1
Die Grenzstadt Weil am Rhein will gegen die oberrheinische Saatkrähe vorgehen: “Die wachsende Anzahl der Saatkrähen in Weil am Rhein und die damit verbundene Lärmproblematik beschäftigt derzeit besonders die Bewohner der Gartenstadt. (…) Mehrere Städte an der Oberrheinstrecke seien von der Plage betroffen, was mit Blick auf den Informationsaustausch im Umgang mit den in Deutschland geschützten Tieren auch Weil am Rhein zugute kommen kann: Bereits seit zwei Jahren stehe die Stadtverwaltung in Kontakt zur „Arbeitsgemeinschaft Saatkrähe“ in Lahr (…)” berichtet Die Oberbadische.

2
Der durch Schmelzwasser angestiegene Altrhein gilt als Ursache für ein Kanu-Massenkentern: “Bei einem Ausflug mit Booten sind 22 Menschen auf dem Rhein verunglückt. Die acht Kanus der Gruppe kenterten bei Neuenburg südlich von Freiburg, teilte die Polizei mit. Grund sei die starke Strömung gewesen. Die Insassen der Boote stürzten ins Wasser. 18 von ihnen konnten sich ans Ufer retten oder wurden aus dem Wasser gezogen. Bei den Opfern des Unglücks handelte es sich um Erzieherinnen im Alter von 20 bis 50 Jahren.” (Stuttgarter Nachrichten)

3
“Rund 40 selbsternannte Matrosen und ihr Kapitän rollen (…) einen riesigen Papierbogen auf einem Sportplatz beim Rheinstrandbad Rappenwört in Karlsruhe aus. Dann ist voller Körpereinsatz gefragt, aber auch Feingefühl und Konzentration: Es gilt, für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde das größte Papierboot der Welt zu falten. Nach drei Stunden steht das Boot, laut offizieller Vermessung misst es 13,93 Meter. Weltrekord! In blau-weißen Ringelpullovern hatten sich die Sportler vom Kanukreis Karlsruhe ans Werk gemacht und das Monster-Papierschiff zusammengebastelt – angefeuert vom japanischen Trommler Isao Nakamura und drei seiner Studenten. Der gut gelaunte Karlsruher Schlagzeugprofessor funktionierte für eine eigens komponierte Performance ein umgedrehtes Kunststoffboot zur Trommel um. Sinniger Name des Bootes: “Alter Schwede”.” (Südwest Presse)

4
Wenn die Flöhe husten: “Seit 20 Jahren wacht die Rheingütestation Worms über die Wasserqualität – auch mithilfe von Wasserflöhen. Fangen die Wasserflöhe im Analysegerät an, langsamer zu schwimmen oder zu taumeln, stimmt etwas mit dem Rhein nicht. Zuletzt geschehen am 6. Mai, als Hochwasser am Oberrhein eine große Menge an Unkrautvernichtungsmitteln von den Feldern in den Rhein spülte. Die aus dem Verhalten der Wasserflöhe errechnete Kurve erreichte damals die gelbe Alarmschwelle. Wird die rote Schwelle erreicht, ist zu befürchten, dass der Rhein vergiftet ist. (…) An vier Stellen des 300 Meter breiten Flusses werden Proben entnommen: (…) Die Proben werden aufwändig chemisch analysiert, die schnellsten Ergebnisse liefern aber neben den Wasserflöhen auch die Algen: “Wenn sie vergiftet sind, leuchten sie schwächer”. (…) Vier Fließstunden entfernt von der Wormser Station liegt im hessischen Biebesheim das einzige deutsche Wasserwerk, das Wasser direkt aus dem Rhein entnimmt und damit auch den Ballungsraum Frankfurt versorgt. Rheinabwärts in den Niederlanden sind fünf Millionen Menschen direkt vom Rhein als Trinkwasserspender abhängig. (…) Im Schnitt gibt es (…) einmal im Jahr einen roten Alarm. Vor 20 Jahren seien es noch neun gewesen.” (Der SWR über die infolge der Sandoz-Katastrofe gegründete Rheingütestation, laut ihres Leiters “die größte Gewässerüberwachungsstation weltweit”)

Warum ein Basler “Basiliskenbrünnli” nach Neuenburg am Rhein kam

Vorweg: Basler und Neuenburger Bürger sind stolz auf ihr hervorragendes Trinkwasser, was sie auch mit ihren vielen Brunnen in den jeweiligen Stadtgebieten zum Ausdruck bringen.

basiliskenbrunnenSeit dem Jahr 1993 gibt es in Neuenburg am Rhein einen “Basler Platz”. Dieser befindet sich vor dem Eingang des früher so genannten Doktorhauses an der Basler Straße 3. Die offizielle Einweihung vollzogen Bürgermeister Joachim Schuster und der damalige Basler Regierungsrat Dr. Christof Stutz, der von der “Basler Zeitung”, zu einem der zehn einflussreichsten Basler der Gegenwart gewählt wurde. Als Gastgeschenk hatte der Eidgenosse ein Basler Original im Voraus-Gepäck, ein “Basiliskenbrünnli”. Seit 120 Jahren findet man diese etwa sechs Zentner schweren Fantasiebrunnen in der Schweizer Stadt am Rheinknie. Mit Hilfe der originalen Holzmodelle, diese lagern unter Verschluss bei den “Industriellen Werken Basel” (IWB), werden von Zeit zu Zeit streng limitierte Nachgüsse hergestellt. Für die urnenförmige Säule und das reich verzierte Becken wird Grauguss verwendet. Der pro Tag ca. 2,5 Kubikmeter wasserspeiende Basilisk, ein im Mittelalter gefürchtetes Mischwesen aus Hahn und Schlange, ist aus Bronze gefertigt. Am Brunnenfuß ist ein zierliches Trinkschälchen angebracht, welches stets frisches Wasser für Vierbeiner bereithält. Interessant ist die Positionierung der Brunnen: bis auf eine Ausnahme am Basler Münster blicken alle Untiere in Richtung Rhein. Unter der Leitung des Basler Brunnenmeisters Rudolf Kämpf, werden die aktuell 28 “Basiliskenbrünnli” mit großer Liebe und Sorgfalt gewartet. Um Funktionalität und Aussehen zu erhalten, werden jährlich zwei der Brunnen komplett ausgetauscht und aufwändig restauriert. Es stehen immer mindestens fünf Ersatzbrunnen im Depot des Brunnenmeisters, werden es weniger erfolgt ein baldiger Nachguss. Nicht so komfortabel hat es sein Kollege in Neuenburg am Rhein, Wassermeister Wilhelm Kößler, der mit seinen Mitarbeitern das fast 20 Jahre alte “Basiliskenbrünnli” gut in Schuss hält, obwohl auch er schon mit Vandalismus-Schäden konfrontiert wurde. In aller Regel wird der vor zwei Jahren neu lackierte Brunnen einmal pro Woche gereinigt. Der Grund zur damaligen Schenkung war eben die passende Ausgestaltung des neu angelegten Basler Platzes, aber auch um der einstmals engen Beziehungen beider Städte zu gedenken. Beispielsweise daran, dass sich 1272 die Neuenburger Bürger in den Schutz des Basler Bischofs begaben, weil sie die Grafen von Freiburg nicht als ihren Stadtherren akzeptieren wollten. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Belagerung Basels. Etwa 20 Jahre später wurde Mathias von Neuenburg geboren, ein bedeutender Chronist des Mittelalters, der später auch als Rechtsberater in Basel wirkte. Erwähnt wurde auch das Jahr 1527, als der Basler Ratsherr und Jurist Bonifacius Amerbach, Martha Fuchs, die Tochter eines Neuenburger Bürgermeisters heiratete. Als Gäste dabei waren der berühmte Basler Stadtarzt Paracelsus, sowie der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam. Es war in der Zeit, als die Neuenburger ihr prächtiges Münster in den Rheinfluten versinken sahen, um trotz allem, wenige Jahre später, dem Basler Domkapitel als Tagungsort zu dienen. Fast wehmütig wurde daran erinnert, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, eine wöchentliche Schiffsverbindung zwischen Neuenburg und Basel existierte. Die Hauptinitiative, sowie die mehrjährige Vorarbeit zur Realisierung der Platzeinweihung, gingen vom Neuenburger Stadtchronisten Winfried Studer aus, der bis heute die Kontakte nach Basel pflegt. In Deutschland besitzen nur die Gemeinde Hausen im Wiesental, als Geschenk der Basler Hebelstiftung, und eben Neuenburg am Rhein einen dieser exklusiven Brunnen. Die baseltypischen Wasserspender wurden in der Vergangenheit aus historischen Gründen und darum mehrheitlich im lokalen Umfeld vergeben. Eine weltweite Verbreitung erfahren sie erst, seit dem die Kantonsverantwortlichen erkannten, dass die Brunnen perfekt in die Philosophie der “Basel. City of Vision” passen. So findet man heute die “Basiliskenbrünnli” sogar in China und aktuell auch in Russland.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Über die Pferdezucht auf den oberrheinischen Inseln

Neuenburg-Fohlenweiden-4
Der Hügelheimer Bürgermeister Isaak Sehringer hatte die Idee, auf den teilweise brach liegenden Rheininseln vor Zienken eine Fohlenweide einzurichten. Der Haken an der Sache aber war, dass zwar damals Zienken zu Hügelheim, die vorgelagerten Rheininseln jedoch zur Stadt Neuenburg gehörten, deren Stadtobere der Unternehmung skeptisch gegenüber standen.
Da boten sich die Grißheimer mit ihrem Bürgermeister Josef Diringer an, die Unternehmung auf einer ihrer Inseln mit 40 Fohlen zu beginnen. Im Mai 1857 lag dafür eine amtliche Genehmigung der Bezirksstelle Müllheim/Baden vor. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr lenkten die Zähringerstädter ein und beteiligten sich am Weidebetrieb. Geplant war bis zu 400 Stuten-Fohlen gegen Gebühr halbjährig in Obhut zu nehmen. Die gemeinsame Aufsicht hatten die Bürgermeister von Grißheim und Neuenburg, deren Aufgabe es war, die Fohlen vor Aufnahme einer genauen Musterung zu unterziehen und diese zu registrieren. Ferner kümmerten sie sich um die Organisation, Versicherung und um die Entlohnung der Hirten. Erwirtschaftete Überschüsse sollten je zur Hälfte in ihre Gemeindekassen fließen. Die in Vorleistung getretenen Kommunen erhofften sich nun, durch eine Eingabe bei der Großherzoglich Badischen Regierung, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Zur Prüfung des Anliegens war eigens der badische Landstallmeister angereist, ein gewisser Freiherr Karl-Ludwig Röder von Diersburg. Im Karlsruher “Landwirtschaftlichen Centralblatt”, vom 30. Juni 1858, ist dazu sein ausführlicher und äußerst positiv ausfallender Untersuchungsbericht abgedruckt.
Zum Zeitpunkt der Inspektion, es war Anfang Juni 1858, standen 107 Fohlen auf den Rheininseln „Langgrün“ und „Stückelkopf“. Die meisten Tiere stammten aus der näheren Umgebung, einige aber auch von Züchtern aus Riegel und Säckingen.
Die im April auf die Inseln geschwommenen Fohlen wurden ausschließlich im Freien gehalten und tagsüber von drei-, nachts von einem Hirten bewacht. Das Futter bestand nur aus dem was auf den Inseln wuchs, vor allem kräftiges verschiedenartiges Gras.
Der Landstallmeister wurde von Neuenburg aus flussabwärts auf die Inseln gebracht, die beidseits der Grißheimer und Neuenburger Gemeindegrenze lagen. Er lobte den Zustand der Tiere, die gut genährt, mit glattem Fell und prächtigen Hufen, auf ihn einen exzellenten Eindruck machten. Er resümierte überschwänglich, dass die Tiere bestens zum Militär-Dienst geeignet wären. Er übersah wohl dabei, dass die Fohlen erst einige Wochen auf den Rheininseln verbrachten.
Denn ganz anders fünf Jahre später. Im Januar 1863 wurde in einer Sitzung der Großherzoglich Badischen Regierung in Karlsruhe das Thema Rheininseln und Fohlenweiden behandelt. Für den damaligen Amtsbezirk Müllheim berichtete Friedrich Rottra aus Kirchen (Efringen-Kirchen), unterstützt vom Badischen Wiesenbaumeister Lauter vom aktuellen Stand der Unternehmung. Das anschließende Urteil war vernichtend. Etliche Fohlen seien in den zurückliegenden Jahren ertrunken und der Ernährungszustand vor Rückgabe an die Besitzer oft miserabel. Nach lebhafterer Diskussion mit dem ebenfalls anwesenden Landstallmeister, der im Sitzungsprotokoll mit keiner Wortmeldung erwähnt ist, wurde festgehalten:
„Der Staat habe nicht die Aufgabe, alle einzelnen Wünsche zur Förderung ganz privater Interessen durch Steuergeld zu unterstützen, das führe zuletzt zu ganz bedenklichen Folgerungen“. Die Versammlung stimmte mehrheitlich gegen die staatliche Unterstützung von Fohlenweiden.
Im Zuge der damals durchgeführten Tulla’schen Rheinkorrekturen verschwanden alle hiesigen Rheininseln, die vormals saftigen Wiesen versteppten. So war auch das Ende der Fohlenzucht auf den Inseln absehbar.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Ein Kälbchen vom Rhein in der Fremde

Kalb-7Neuenburg am Rhein wurde gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges evakuiert. Zuerst Frauen und Kinder, dann ab Mai 1940 auch alle anderen Einwohner. Nur der Bürgermeister blieb mit 15 Bürgern zum Schutz und zur Sicherung der Stadt zurück.
Der Britzinger Bauer und Heimatdichter Fritz (Gillmann) Träris (geboren am 3.11.1898) erinnerte in einem Aufsatz, erschienen in der 1963 veröffentlichten Neuenburger Stadtchronik “Die Geschichte einer preisgegebenen Stadt”, an eine rührige Begebenheit aus dieser schweren Zeit. Zuoberst die in alemannischer Sprache verfasste Geschichte im Original, darunter eine freie Übersetzung ins Hochdeutsche.

“s’Rindli in der Fremde
Wieder isch s Früehlig gsi, im Chriegsiohr 1940. I glaub, s isch endi Mai gsi. Wie ne Lauffüür isch s dur unser Dörfli am Schwarzwaldrand gange: “D Neuberger chömme zue uns hintere!” Ebbe ne Stund spöter sin se a zfahre chu, mit Ochs un Chueh, mit Sack un Pack un mit hochgladene Wäge. No im Vormittag isch e Militärlastwage chu un het e bar Stückli Vieh brocht. Bi unserer Chilche sin si abglade un vu ihre Bsitzer abgholt worde. Nummen e ebbe jährig Rindli het kei Meister gfunde, nüemes het gwißt, wem s ghört. Do isch s halt uff em Chilchplatz an e Baum bunde worde. Z Mittag isch s no dört gstanden un het halt blärrt und brüelt. D Neuberger Manne (un au Fraue) sin verbei chu un henn das Rindli bschaut; aber niemes het das Dierli gchennt. Do het mer das Dierli leid do. I ha mit e bar Neuberger Manne gredet un ha das Rindli in mi Stall gnu, zue miine Chüeh. Wun i aber dem Dierli z fresse gee ha – vu mim Gras, hets dervu kei Hälmli gfresse, s het numme dra umme gschnüfelet un dra umme gschmeckt un hets mit sine churze Hörnli us der Baare grisse, an Bode gheit un isch druff umme dalpt. Numme s Gleck, wun em in d Chripfe gee ha, het s zemme gschleckt. Vileicht het s Durst, han i denkt; ha ne Chessel voll Wasser laufe lo, frisch Quellwasser, wie s bi uns us em Hofhahne chunnt. I han em s in Stall brocht un vor s hi gstellt. Meinener s heig gsoffe? Nit e Schnurre voll! S het numme dra umme gschnüfflet, wie an mim Gras. Z letscht häts der Chessel no umgheit, wenn i en nit ghebt hät. Do han en use in Hof an d Sunne gstellt, daß das Wasser e weng agwärmt gsi isch, ha e Priseli Salz un e Hämpfeli Gleck dri verrüehrt; das hets gsoffe, der ganz Chessel voll. Aber gfresse hets z Obe un am andere Morge nüt. S isch im Stall gstande wie ne Sägbock un het Dag un Nacht numme blärrt un gmurrt un het kei Hälmli vu unserem Gras gfresse. Am andere Morge früeih vor Dau un Dag henn e bar Neuberger Buure im Neuberger Feld e Wage Grüenfueter gholt für ihr Vieh, un hen s uff em Chilchplatz abglade. Wahrschinlich henn si die gliche n Erfahrige gmacht mit ihre Chüeih, wie ich mit ihrem Chalbeli. Au ich ha n e Wisch vu dem Grüenfueter gnu, un ha s dem Dierli z fresse geh. Hei! Hets do gfresse un schnabeliert! Aber vu mim Fueter, wu ni em derzwische gmischlet ha, hets kei Hälmli gnu. Am dritte Tag hets si Eigetümer bi mir abgholt. Er het im e andere Nochberdörfli Unterschlupf gfunde gha un het so Iang nit erfahre, wu si Dierli hi chu isch. E baar Tag spöter han i de Mann wieder troffe. Er het mer verzählt: Absichtlich het er das Dierli uff Feldwege in si Unterkunft gfüehrt – er hets welle weide lo. Aber au do hets kei Schnurre voll gfresse, S het nummen im Gras an de Wegränder umme gschnüfflet un hets mit im Chopf durenaner gstoße.
Gras isch schients nit Gras. S Rindli hetts Brod der Fremdi nit abebrocht, un s isch doch nit wit vum Rhy bis an Schwarzwaldrand.”

„Wieder ist es Frühling geworden, im Kriegsjahr 1940. Ich glaube, es ist Ende Mai gewesen. Wie ein Lauffeuer ging es durch das Dörfchen am Schwarzwaldrand: “Die Neuenburger kommen…!” Nur eine Stunde später kamen sie dann angefahren, mit Ochs und Kuh, mit Sack und Pack und mit hochbeladenen Fuhrwerken. Noch am selben Vormittag traf ein Militärlastwagen mit einer kleinen Rinderherde ein. Bei unserer Kirche wurden sie abgeladen und von ihren Besitzern in Empfang genommen. Nur ein Kälbchen hatte keinen Abnehmer gefunden, niemand wusste wem es gehört. Einstweilen wurde es auf dem Kirchplatz an einen Lindenbaum gebunden. Am Mittag stand es noch immer dort und gab jämmerliche Töne von sich. Nacheinander kamen einige Flüchtlinge vorbei, um sich das Kälbchen anzusehen, aber keiner wollte es kennen. Da hat mir das Tierchen leid getan. Nachdem ich den Neuenburgern Bescheid gab, nahm ich das Kälbchen mit in den Stall zu meinen Kühen. Als ich jetzt dem Tierchen zu fressen geben wollte, von meinem Gras, hat es davon kein Hälmchen genommen. Es hat nur dran geschnüffelt, geschleckt und hat es mit seinen kurzen Hörnchen aus der Futtergrippe zu Boden gestupst um sogleich darauf herum zu trampeln. Nur Schrot und Kleie, was ich in einem Futternapf vermischte, hatte es gefressen. Jetzt wird es Durst haben, dachte ich und zapfte einen Eimer frisches Quellwasser aus dem Hofhahn. In den Stall gebracht wollte es aber auch davon nichts trinken. Nicht einen Schluck, es schnüffelte bloß wieder wie schon zuvor am Gras und hatte den Eimer noch fast umgekippt, hätte ich diesen nicht vorsichtshalber festgehalten. Nun stellte ich das Wasser in den Hof, um es durch die Sonne etwas anzuwärmen. Dann noch ein wenig Salz, Schrot und Kleie untergerührt. So hatte es den ganzen Kübel getrunken. Aber fressen wollte es am Abend und am anderen Morgen wieder nicht. Es stand im Stall störrisch wie ein Sägebock und hat Tag und Nacht gejammert und gemurrt, dabei weiterhin kein Hälmchen vom Britzinger Gras gefressen. Am anderen Morgen, in aller Frühe, hatten einige Flüchtlinge für ihr Vieh im Neuenburger Feld einen Wagen Grünfutter geholt. Sie luden ihn auf dem Kirchplatz ab. Wahrscheinlich hatten sie mit ihren Kühen die gleichen Erfahrungen gemacht, wie ich mit dem Kälbchen. So nahm auch ich eine Hand voll Grünfutter mit nach Hause, um es dem Tierchen zu geben. Weih, oh-weih, wie schön zu sehen, mit welch großer Freude hat es jetzt gefressen. Doch von meinem beigelegten Gras nahm es weiterhin nichts. Am dritten Tag hat es sein Eigentümer bei mir abgeholt. Er hatte in einem Nachbardorf Obdach gefunden und lange nicht erfahren, wo sein Kälbchen abgeblieben war. Einige Tage später habe ich den Mann erneut getroffen. Er erzählte mir, dass er es mit Absicht auf einem Feldweg in seine Unterkunft geführt habe, um es weiden zu lassen. Aber auch da hatte es kein Maul voll gefressen, am Gras der Wegränder nur geschnüffelt und es mit dem Köpfchen durcheinander gestupst.
Gras scheint nicht gleich Gras zu sein. Das Neuenburger Kälbchen hat das Brot der Fremde nicht mögen, obwohl der Rhein vom Schwarzwaldrand nur wenige Kilometer entfernt ist.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil…

Rüttlinger-1823Eine Reisebeschreibung des Auswanderers Johann Jakob Rüttlinger
(1790-1856) aus Wildhaus / Toggenburg / Schweiz.

Wie umständlich das Reisen vor bald 200 Jahren war, berichtet das Tagebuch des ärmlichen Schulmeisters und Volksdichters J. J. Rütlinger aus dem Schweizer Toggenburg, der im Frühling 1823 mit seiner Frau nach Nordamerika auswanderte. Zu Fuß und ein Stück weit im Postwagen gelangte das Paar mit einem Reisebegleiter nach Basel. Hier sollte ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden.

Auszug aus dem:
„Tagebuch auf einer Reise nach Nordamerika im Jahr 1823 von J.J.Rüttlinger“
Schweizer Memoirenbibliothek, Orell Füßli Verlag Zürich, 1925

Rüttlinger schrieb:
„Es war der 9. Mai. Da spazierten wir durch das Volksgewimmel über die Rheinbrücke, als gerade die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen auf den glatt dahin schleichenden Rhein senkte und die vergoldeten Turmspitzen der Stadt wie blitzende Leuchter anzündete. Da erblickten wir am andern Ufer zwei neu angekommene Schiffe, von welchen die Waren ausgeladen wurden. Nach dem Platz hineilend, erkundigten wir uns nach ihrer Bestimmung. Es hieß, morgen früh fahren sie ab nach Straßburg; sie würden uns mitnehmen, die Person für 4 Taler. Wir zeigten dazu große Lust. Aber unser Begleiter hatte noch keinen gültigen Pass. Heute war das Büro schon verschlossen und morgen ging es vor acht Uhr nicht auf. Wir meinten ein wenig, in einer fatalen Lage zu sein. Entweder mussten wir ihn verlassen, oder die Mitfahrgelegenheit versäumen. Wir überlegten nicht lange und wählten das Letztere, weil uns ein solcher Reisegesellschafter zu wichtig schien. Trotzdem schliefen wir diese Nacht ruhig und unbesorgt denn wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Nun holte unser Begleiter seinen Pass von der Polizei, und dann projektierten wir, wie wir weiter reisen wollten. Unser Mitwanderer schlug vor, einen eigenen Kahn zu kaufen um selbst damit zu fahren. So gerne ich auch weiter gewesen wäre, so hatte ich doch keine besondere Lust dazu, mich so einem „dreifach zusammengenagelten Brette“ anzuvertrauen. Der Gedanke aber an mein schweres Felleisen (Rucksack) und die Vermutung, dass es doch zu lange dauern würde, bis wir wieder Gelegenheit fänden zu fahren, entschieden mich zur Einwilligung. Meiner Frau war das ganz recht, und unser Freund als ein unternehmungslustiger Glarner, prahlte damit, schon mehr solche Wagestücke eingegangen zu sein. Ob dem so war, weiß ich nicht; doch fand ich, dass er mit dem Kahn ein wenig besser umspringen konnte als ich. Genug, es wurde ein neues Fahrzeug für eine Dublone gekauft. Man kann leicht denken, dass es kein Kaufmannsschiff war. Wir richteten uns also zur Abfahrt ein, luden unsere kleinen Equipagen ein und nahmen noch einen Mann mit bis Neuenburg, weil es dort für Unkundige eine gefährliche Stelle ist.
Nun schwankt der Kahn dahin. Bei der geringsten Bewegung verliert er sein Gleichgewicht und droht, uns bald rechts und bald links auszuleeren. Jetzt schwimmen wir über die Grenze unseres lieben Vaterlandes. In stummem Stillschweigen die vorige, gegenwärtige und künftige Lage durchphantasierend, kamen wir in Neuenburg an, ohne auf unsere Umgebung geachtet zu haben. Wir bezahlten unseren Schiffsmann und entließen ihn dann. Wir dachten auf jeden Fall unseren Kahn nur dann zu benutzen, wenn wir sonst keine andere Gelegenheit hätten, vorteilhafter und unbesorgter zu fahren. Hier trafen wir mehrere Männer an, welche beschäftigt waren, ein Bretterfloß einzurichten, um damit bis nach Straßburg zu fahren. Wir ließen nicht ermangeln, sie anzusprechen, um uns mitzunehmen. Sie waren dazu bereit, wenn wir bis zum nächsten Morgen warten würden. Wir übernachteten also hier bei einem sehr freundlichen und billigen Wirt, der uns vom Auswandern abraten wollte. Wir schliefen aber dessen ungeachtet, ruhig. Der Morgen kam, und nun sahen wir erst recht, wo wir waren. Die Stadt steht auf einer Anhöhe. Unten stürzt ein Teil des majestätischen Rheins donnernd über ein Felswuhr. Nun sahen wir, dass wer dort den Weg auf dem Fluss verfehlt, eine Beute des Todes ist. Der Wirt erzählte uns, dass hier vor ein paar Jahren ein ganzer Kahn voll Menschen verunglückte, welcher sich der starken Strömung nicht mehr entziehen konnte und ohne Rettung den Fall hinunter stürzte. Es sollen auch Auswanderer gewesen sein. Soeben, als wir den neuen Wasserschwimmer betraten, stieg die Sonne links dem Rhein golden über die mit Schneestreifen g1änzenden Elsässergebirge herab, indem rechts die anmutigen badischen Rebenhügel noch im Schatten lagen. Sanft gleitet das Floß niederwärts zwischen den einförmigen Ufern des Rheins, wo Weidengesträuch zu beiden Seiten in die Fluten herabschwankt und wo nur dann und wann die Turmspitze eines entlegenen Dorfes über das Wald Grün hinausragt. Jetzt präsentiert sich prächtig, nachdem das Floß um eine Ecke sich gewendet hat, Breisach auf zwei Hügeln in blauer Ferne. Dieser heitere Tag entschleiert uns schon das hohe Münster in Straßburg, als wir noch sieben Stunden davon entfernt sind. In Kehl nahmen wir Nachtherberge, und da es den Abend ziemlich unruhig zuging im Wirtshause von allerlei Volks, es war heute Sonntag, so gingen wir ins Freie und weideten unsere Augen an dem freundlichen Untergang der Abendsonne. In dieser so feierlichen Szene dachten wir an unsere Heimat und an unsere dort zurückgelassenen Lieben und Freunde mit innigem Gefühl. Die gleiche Sonne geht uns allen unter; der gleiche blaue Himmel umspannt uns alle; ein Vater im Himmel ist’s, welcher uns alle beschützt und erhält, so lange es sein Wille ist, seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil, dieses war der hoffnungsvolle Ausfluss unserer bewegten Herzen, mitten im lärmenden Gewühle der Welt.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

27.07.1832 Das erste Dampfschiff in Neuenburg am Rhein auf seinem Weg nach Basel

raddampfer stadt frankfurtRaddampfer “Stadt Frankfurt”. (Bild: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main)

Das Oberrheingebiet war einst eine dschungelartige Auenlandschaft mit mehreren vernetzt strömenden Wasserarmen. Alljährliche Hochwasser formten eine schlaufenförmige Flusslandschaft mit vielen Inseln und Sandbänken. Eine schiffbare Fahrrinne, auch Talweg genannt, war für größere Boote nur in wasserreichen Monaten befahrbar. Stromaufwärts mussten diese von Menschenhand, über oft unbefestigte Uferwege, gezogen werden.
Ab 1816 befuhren Dampfschiffe den Rhein, anfänglich aber nur von Rotterdam bis Mannheim. Freiherr Cotta von Cottendorf, ein einflussreicher Stuttgarter Verleger, Unternehmer, Diplomat, Freund von Schiller und Goethe, war ein überzeugter Förderer der noch jungen Dampftechnik. Er nutzte seine weitläufigen Beziehungen, um Investoren für den Bau und Betrieb von Dampfschiffen zu gewinnen. Eine erste Oberrhein-Erkundungsfahrt nach Basel scheiterte im Jahre 1827 hinter Mannheim, am zu großen Tiefgang des Dampfers “Ludwig”, gebaut vom niederländischen Ingenieur G. M. Roentgen.
Fünf Jahre später versuchte man es erneut, wieder mit einem von G. M. Roentgen konstruierten Schiff, welches eine neue Aufgabe suchte, nachdem die Schifffahrtslinie auf dem Main, zwischen Mainz und Frankfurt, wegen Unrentabilität eingestellt wurde. Dieses eiserne Schiff mit dem Namen “Stadt Frankfurt” hatte 10 Mann Besatzung, war 28,50 m lang, 5,70 m breit und hatte nur 48 cm Tiefgang. Die hölzernen Schaufelräder wurden von einer 52 PS starken Brunel-Dampfmaschine angetrieben. Gefahren wurde ausschließlich bei Tageslicht. Teile der Besatzung und alle Passagiere, darunter Cotta, Roentgen, mehrere Geschäftsleute aus Köln mit ihren Frauen, übernachteten in Hotels und Gasthöfen.
Am 22. Juli 1832 legte das Schiff in Kehl ab, um vier Tage später in Breisach einzutreffen. Zur selben Zeit inspizierte der Landkommissär Wilhelm Geigy, als Beauftragter des Handels-Komitees der Schweizer Rheinstadt, mit den Schiffermeistern David und Hindenlang, auf einem Holzkahn bis Neuenburg fahrend, die Wasserverhältnisse. In der Zähringerstadt wurde übernachtet und sich nach eventuellen Gefahrenstellen stromabwärts erkundigt. Niemand im Ort wusste von der bevorstehenden Ankunft eines Dampfschiffes. Am 26. Juli trafen sich die Basler und die Dampfschiffer in Breisach. Schiffermeister David wurde zuvor in die Schweiz zurückgeschickt, um eine Ladung Steinkohle nach Neuenburg zu bringen. Geigy und Hindelang gingen als Lotsen an Bord des Dampfers. So konnte die Reise stromaufwärts fortgesetzt werden. Wegen Gegenwind und starker Strömung konnte das Tagesziel Neuenburg nicht erreicht werden. Nach 15 Stunden mühevoller Fahrt, wurde vor dem Dorf Zienken in einem Nebenarm geankert. Die Passagiere wurden mit Kutschen zur Übernachtung nach Neuenburg gefahren. Am Morgen fuhr die Besatzung das Schiff die restlichen Kilometer stromaufwärts, um die gerade eingetroffene Kohle zu übernehmen. Diese Pause nutzten einige der Gesellschaft, um einen Ausflug nach Badenweiler zu unternehmen. Diejenigen sollten aber erst wieder am nächsten Tag vor dem Dorf Märkt an Bord gehen. In Abwesenheit entging ihnen nun, wie sechzehn starke Bauern, das angekettete Boot über eine reißende Stelle zwischen Kleinkems und Istein ziehen mussten. Danach wurde das letzte Mal die Anker geworfen. Am nächsten Tag, man schrieb den 28. Juli 1832 mittags halb zwölf Uhr, kam Basel in Sicht und man legte unter Kanonendonner und bejubelt von einer großen Zuschauermenge an der Schifflände an.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Schiffsmühle

„Bei Neuenburg am Rhein, im Großherzogtum Baden ist eine dort im Strom angebrachte, erst am Rhein Anno 1829 ganz neu erbaute, auf zwei authentischen Fahrzeugen stehende, 80 französische Schuh lange und 36 breite, Schiffmühle, welche sich im besten Gange befindet, aus freier Hand zu verkaufen. Dieselbe besteht aus zwei Mahlgängen und einer Rennlen, ist mit extra guten Steinen, so wie allem Zubehöre, alles in brauchbarem Zustande, aufs Zweckmäßigste eingerichtet und könnte bis Ende nächsten Märzmonat, oder je nachdem sich Liebhaber zeigten, noch früher abgetreten werden. Ihre dermaligen Eigentümer würden solche ohne anders behalten, wenn sie nicht durch die Unbeständigkeit des Flussbetts im Neuenburger Bann, gar zu öftern kostspielige Veränderungen damit ausgesetzt und die anfänglich benutzte feste Stelle durchaus verloren gegangen wäre. Damit aber ein künftiger Inhaber diesem enthoben sein möge, wollten die jetzigen Besitzer gerne um die Erlaubnis von der resp. Landesobrigkeit anhalten, dieses Werk, welches stromauf- und stromabwärts bewegt werden kann, an jeden wünschbaren andern und bessern Uferplatz der Großherzoglich-Badischen Staaten verlegen zu dürfen, wo man dann versichert ist, daß es weit mehr als jede Landmühle mahlen würde, auch machen sie sich verbindlich die Mühe bei geeigneter Wasserhöhe auf eigene Kosten dahin zu befördern. Der Anschlagpreis sowohl als die übrigen Bedingnisse werden möglichst billig sein und ist sich für die Beaugenscheinung sowohl als das Weitere hierüber in besagtem Neuenburg an Schiffermeister Ignaz Studer, oder auch in Nr. 111 in Kleinbasel anzumelden.“ (Aus einem Inserat in der Baseler Zeitung vom 11. Februar 1832, zitiert nach dem Amtsblatt der Stadt Neuenburg am Rhein vom 05. April 2013)

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Kölner Schiffmühlen

Die in Holz geschnittenen Kölner Schiffsmühlen von Anton Woensam aus dem Jahre 1531 entnehmen wir dem (Stand: heute:) knappen, aber lesenswerten Wikipedia-Artikel über die Kölner Rheinmühlen, der Betriebstechnik sowie Vorkommen dieser speziellen Mühlenart erläutert und weitere Schiffsmühlendarstellungen bietet. Die Bilder der aneinandergekoppelten Mühleneinheiten vermitteln einen kräftigen Eindruck von den Unterschieden menschlicher Nutzung des Rheins im Laufe der Jahrhunderte. Eine reine gewaltsame Naturszene wie von anno Null, als der Rhein gebrannt hat, ist hingegen heuer praktisch kaum mehr vorstellbar.

Presserückschau (Oktober 2012)

„Wer glaubt, die Bonn-Lobby bestünde nur aus drei Provinzdödeln, unterschätzt sie“, verrät die taz unter der martialischen Überschrift „Die Wacht am Rhein“ in einem ausführlichen Bericht über die Bonner Ministerienlobby und den Strukturwandel im ehemaligen Bundesdorf, dieweil uns der EXPRESS gewohnt knackig die Arbeitsweise der Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland nahebringt, welche in geduldiger Kleinarbeit Luftaufnahmen der Alliierten vor und nach den Kriegsbombardierungen auf „0,1 Millimeter große, schwarze Punkte“ begutachten, welche Blindgänger markieren können. Weitere nennenswerte Nachrichten des Oktobers:

1
Seit Wochen und Monaten berichtet die Rheinische Post in immer neuen, meist undurchsichtigen Artikeln vom Eisernen Rhein, einer historischen, weitgehend stillgelegten und nur noch von Güterverkehr frequentierten Bahntrasse zwischen den Häfen von Duisburg und Antwerpen, die evtl (evtl aber auch nicht) ausgebaut/wiederbelebt werden soll, was zu einer komplexen Gemengelage (Komgem) zwischen Politik, Industrie und Bürgerinitiativen in Belgien, den Niederlanden und am Niederrhein führt, welche die regional-interessierte Leserschaft, handelte es sich nicht um ausgemachte Flachlandregionen, als das berühmte Bergekreißen empfinden dürfte.

2
„Die Entscheidung über die Bewilligung von Schadensersatz für bei Dienstunfällen erlittene Sachschäden eines Beamten steht sowohl dem Grund wie auch der Höhe nach im Ermessen des Dienstherrn. Es ist ermessensgerecht, wenn der Dienstherr beim Verlust einer Brille nur die Aufwendungen, die nicht über die medizinischen Notwendigkeiten hinausgehen, bei der Berechnung des Schadensersatzes berücksichtigt“ urteilt laut rechtslupe.de das Verwaltungsgericht Koblenz über eine während eines Polizeieinsatzes im Rhein verlorengegangene Gleitsichtbrille. (Ein Wasserschutzpolizist war bei einer Schiffskontrolle in den Fluß gefallen.)

3
„Die Statue “Krieg” ist zurück am Niederwalddenkmal hoch über dem Rhein“, meldet Die Welt zum Monatsausklang. Zuvor sei die acht Tonnen schwere Bronzestatue ebenso wie zwei Reliefs und die Krone der Hauptfigur “Germania” in der Werkstatt einer sächsischen Denkmalpflegefirma in Ottendorf-Okrilla bei Dresden restauriert worden. Dabei sei auch eine bis knapp einen Millimeter dicke Schmutzschicht entfernt worden: „Der Schmutz wurde mit Spachteln, Chirurgenskalpellen und Ultraschallreinigern in Handarbeit entfernt.“

4
Über den lernfähigen Klärschlamm der BASF schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung: „Rund 3,5 Kubikmeter Abwasser pro Sekunde rauschen von der BASF aus rund um die Uhr in den Rhein: Eine Zahl, die Umweltschützern den Schweiß auf die Stirn treibt.“ Deshalb sei der Bakterienschlamm der BASF-Kläranlage etwas Besonderes: „Die darin enthaltene Bakterienfauna ist über mittlerweile fast vier Jahrzehnte hinweg darin geübt, problematische Abwasserstoffe zu verarbeiten und abzubauen. Der Klärschlamm ist gewissermaßen “lernfähig”, weil die darin lebenden Kleinstlebewesen auf unterschiedlichste chemische Belastungen gut trainiert sind. Normaler Klärschlamm aus kommunalen Kläranlagen stieße hier sehr schnell an seine Grenzen.“

5
Neuenburg am Rhein hofft laut einem Bericht der Badischen Zeitung, im Zuge der Landesgartenschau 2022 tatsächlich an den Rhein angeschlossen zu werden: „”Eine Stadt geht zum Rhein” – so lautete von Anfang an das Motto für das Projekt. Die Rheinkorrektur durch Johann Gottfried Tulla im 19. Jahrhundert, zudem die Autobahn und die Kreismülldeponie haben Neuenburg vom Fluss abgeschnitten. Das soll die Landesgartenschau korrigieren. Die Rheinauen sollen zum Naherholungsgebiet werden – als Bindeglied zwischen Stadt und Fluss. Und zwar über das Ende der Gartenschau hinaus.“

6
In Xanten soll lediglich der Altrhein (und nicht die ganze Stadt) wieder an den Rhein angeschlossen werden, so steht es in einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums: “Umweltminister Johannes Remmel und der Deichverband Poll haben vereinbart, die Planungsleistungen für das Planfeststellungsverfahren zum Anschluss des Xantener Altrheins an den Rhein durchzuführen. Das Projekt ist mit dem Bau des rheinfernen Deiches an der “Bislicher Insel” verbunden und dient gleichzeitig der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie und dem Naturschutz im Naturschutzgebiet “Bislicher Insel”. Der Deichverband Poll hat in den Jahren 2003/2004 mit den Planungen für die oberstromige Anbindung des Altrheins im Bereich Wesel-Werrich begonnen. Dabei wurde deutlich, dass der Altrhein bei höheren Wasserständen im Rhein nur dann durchströmt wird, wenn auch die unterstromige Anbindung östlich des Restaurants “Zur Rheinfähre” verbessert wird.“

7
Last but not least berichtet das Hessen-Tageblatt von einer touristenfeindlichen Aktion mitten in der hochtouristischen Rüdesheimer Drosselgass. An einem Oktobersonntagfrüh gegen 2.15 Uhr habe eine sechsköpfige oberpfälzische Delegation zwei Einheimische angesprochen, „um zu erfahren wo um diese Uhrzeit noch etwas los sei.“ Daraufhin griffen die Einheimischen an, es kam zu einer Messerattacke, „Lebensgefahr ist nicht auszuschließen.“

Außerdem berichtet das neue deutschland über Baulärm im Mittelrheintal und der Landschaftsverband Rheinland stellt in personam Alois Döring fest, daß früher im Rheinland nicht alles besser war, was rheinsein definitiv bestätigen kann.

Blutbad in Neuenburg am Rhein

“Als im Dreißigjährigen Krieg der Schwed’ am Rhein war, stachen einmal die Neuenburger eine schwedische Patrouille tot, und sagten: „Wenn wir nach Schweden kommen, macht’s uns auch so.” Darob entrüstete sich der schwedische General, dergestalt, daß er einen hohen und teuren Schwur tat. „Auch kein Hund soll am Leben bleiben”, schwur er hoch und teuer, und hatte etwas im Kopf, ein Gläslein Norschinger zuviel. Als solches die Neuenburger hörten, schlossen sie die Tore zu. Aber am andern Tag als der Zorn und der Wein von dem General gewichen war, da reute es ihn, denn er war vormittags ein gar menschlicher Herr, und bekam fast große Anfechtung in seinem Gewissen, daß er mit viel unschuldigem Blut sein Wort und seinen Eid sollt’ lösen. Also ließ er den Feldprediger kommen und klagte ihm seine Not. Der Feldprediger meinte zwar, maßen der Feldhauptmann einen Schwur getan hätte, der Gott leid sei, so sei brechen besser als halten. Das glaubte der Feldhauptmann nicht, denn er hielt sein Wort und seinen Schwur über alles teuer. Aber nach langem Besinnen kam’s auf einmal wie Sonnenschein in sein Angesicht, und sagte: „Was ich geschworen habe, das will ich auch halten, Punktum!” Als aber die schwedischen Zimmerleute das Stadttor hatten eingehauen, und der Feldhauptmann ritt selber mit drei Fähnlein hinein, befahl er alle Hunde im Städtlein zu töten, aber die Menschen ließ er leben, und wurden selbigen Tages neunzehn große Metzgerhunde, drei Schäferhunde, vierundsechzig Pudel, acht Windspiele, zwölf Dachshunde und zwei gar feine Möpperlein jämmerlich teils zusammengehauen, teils mit Büchsen zu Tod geschossen. Also hat der Feldhauptmann das menschliche Blut verschont, und doch seinen Eid gehalten. Denn er hatte den Schwur getan: kein Hund soll am Leben bleiben, und ist auch keiner daran geblieben.”

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund 1812)