Presserückschau (September 2013)

Das nachrichtenarme Sommerloch dehnte sich bis in den September, verabschiedete sich zur Monatsmitte grußlos, womit auch der rheinische Nachrichtenfluß wieder gewährleistet scheint. Die interessantesten Meldungen des Septembers:

1
“Die Rhein Petroleum GmbH, Heidelberg, beginnt (…) ihre erste Probebohrung in Deutschland. Rhein Petroleum wird (…) im südhessischen Riedstadt-Crumstadt bis in eine Tiefe von rund 1.600 Metern bohren. Riedstadt-Crumstadt liegt ca. 50 km südlich von Frankfurt am Main. Die Bohrung endet in den sogenannten „Pechelbronner Schichten“, in denen Rhein Petroleum förderungswürdige Mengen an Erdöl vermutet. Dieses Bohrziel wurde in Folge der umfangreichen seismischen Untersuchungen (…) als vielversprechend definiert. Es liegt im ehemaligen Ölfeld „Stockstadt“, aus dem bis 1994 Öl gefördert wurde und in dem noch signifikante Restreserven erwartet werden. (…) Eine weitere Bohrung, an der die Rhein Petroleum beteiligt ist, hat bereits Anfang August in Karlsruhe-Leopoldshafen begonnen. (…) Die Bohrungen in Riedstadt-Crumstadt und Karslruhe-Leopoldshafen sind die ersten Erdölbohrungen in Hessen bzw. Baden-Württemberg seit 25 Jahren. Im hessischen Teil des Rheingrabens begann schon 1952 die kommerzielle Förderung von Erdöl. Insgesamt konnten bis 1994 aus insgesamt 47 Bohrungen knapp 7 Millionen Barrel Öl gefördert werden. Das Öl sammelte sich in Schichten, die zwischen 1.500 und 1.700 Meter tief unter der Oberfläche liegen.” (Aus einer Pressemitteilung der Deutsche Rohstoff AG)

2
Vage erinnern wir uns einer Bodensee-Schildkröte namens Rheini aus dem Sommerloch vergangenen Jahres. Nun taucht ein neuer Rheini (ein Name, der nicht von ungefähr so originell klingt wie etwa Heini mit vorangestelltem R) auf, erneut aus dem Tierreich, diesmal im Liechtensteiner Vaterland: “Mit dem Projekt “SOS Storch” möchte die Gesellschaft “Storch Schweiz” das Zugverhalten der Weißstörche untersuchen. Mehrere Störche wurden mit Sendern versehen, um ständig ihren Aufenthaltsort zu kennen. Zu diesen Störchen gehört auch “Rheini” aus der Storchenkolonie im Saxerriet. Im Juni verpasste ihm der Verein Rheintaler Storch einen Sender. Derzeit befindet sich “Rheini” in Nordspanien”, etwas präziser: auf einer nordspanischen Müllhalde, welche Rheini und Kumpanen dem Weiterflug nach Afrika neuerdings vorziehen, wie der weitere Artikelverlauf verrät.

3
Wie die bis nächsten März laufende Wittelsbacher-Ausstellung in Mannheim erklärt, warum Bayern am Rhein erfunden wurde, erklärt die Welt: “Was fällt einem zu den Wittelsbachern heute ein? Bayern natürlich (…), wo der “Kini” immer noch eine gewisse nostalgische Verehrung genießt; die Farben Blau und Weiß im Rautenmuster von Wappen und Fahne und idealerweise am Münchner Himmel; Schloss Neuschwanstein. Ja, und natürlich das Oktoberfest, das die Wittelsbacher ihren bayerischen Untertanen schenkten samt Dirndl-Tracht und Lederhosen und Leberkäs’. Doch dieses Bayern mit seiner markanten folkloristischen Physiognomie, es wurde am Rhein erfunden, in der Pfalz. Max IV. Josef, der als erster Bayerischer König von Napoleons Gnaden den Bayern so etwas wie Nationalbewusstsein verordnete, was im Freistaat bis heute kräftig nachwirkt, war Pfalzgraf bei Rhein aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken bis der Reichsdeputationshauptschluss 1803 das Ende der Pfalz als politisches Gebilde besiegelte. Der Metzger, der den Leberkäse erfand, war Hoflieferant in Mannheim und setzte sein segensreiches Wirken im wittelsbachischen Sinne in München fort. So viel zur kernigen Authentizität des Bayerntums.”

4
In den Rheinalpen gedeiht der Hanf am besten “Indoor”, aber illegal, berichtet das Boulevardblatt Blick: “Am Dorfrand von Zizers GR züchtete ein Einheimischer (…) rund 2000 Hanfpflanzen in einem Hühnerstall. Dreissig Wärmelampen sorgten dafür, dass die Pflanzen gut gedeihen konnten. (…) In Hinterrhein GR gingen der Polizei zwei weitere Hanfzüchter ins Netz. Die 23-Jährigen hatten eine Ferienwohnung gemietet und sie zur Indoor-Plantage umgebaut. Wärmelampen, Belüftungs- und Bewässerungsanlagen waren installiert. Bei einer Hausdurchsuchung stellte die Polizei 460 Pflanzen sicher.”

5
“Mittelerde liegt jetzt in Jenins” titelt die Südostschweiz. Jenins wiederum liegt bekanntlich im Heidiland, das traditionell auch als Bündner Herrschaft bezeichnet wird. Die interessante Landschaftsverschiebung verdankt sich einem neuen Museum, welches J. R. R. Tolkiens Romanwelten gewidmet ist: “Mit über 600 Gemälden, 3000 Büchern und unzäh­ligen Merchandising-Artikeln ist es die international grösste Sammlung zur fiktiven Welt Mittelerde. (…) Die Räume des 300 Quadrat­meter grossen Museums ­beziehen sich alle auf verschiedene Regionen von ­ Mittelerde und sind bis ins kleinste ­Detail aus­geschmückt. (…) Zur Eröffnung waren “neben Gästen in Jeans und Hemden auch Hobbits, ­Elben, Orks und Zwerge zu Besuch. Selbst Gandalf der Graue, der in der Realität Jens Götz heisst und aus Darmstadt in Deutschland stammt (…)” Daß der Alpenrhein eine hohe Mittelerde-Affinität besitzt, bestätigt auch unsere Entdeckung einer originalen Hobbit-Behausung am Übergang der verschlafenen liechtensteinischen Gemeinde Nendeln in die geheimnisvollen Bergwälder.

6
Nicht nur in geografischer Hinsicht verwirrend fällt die Analyse der Bundestagswahl in der Onlineausgabe der WAZ aus: “Duisburg liegt am Rhein und nicht an der Spree: Somit war heute Abend die Stimmung im Rathaus am Burgplatz mal rheinisch ausgelassen, mal preußisch spröde; dort, wo wie immer im Ratssaal die Ergebnisse der Bundestagswahl 2013 für die Stadt zusammenliefen und wo über TV die spannenden Bundesergebnisse zu vernehmen waren: Die Gewinner am Rhein (SPD) waren gestern Abend die Verlierer in Berlin und umgekehrt (CDU).”

7
Über den Konkurrenzkampf rheinischer Industriegebiete berichtet Blickpunkt Euskirchen: “In Euskirchen war “Haribo” eine Teilfläche im Industriepark am Silberberg (IPAS) angeboten worden, die man unter dem Titel “Prime Site Rhine Region” schon seit mehreren Jahren zu vermarkten sucht – bislang allerdings erfolglos. Die Entscheidung für Grafschaft begründet der Konzern vor allem mit der guten und zentralen Lage. “Der Innovationspark Rheinland ist ein äußerst geeigneter Standort in der Nähe vom Firmenhauptsitz in Bonn. (…) Kapazitäten in Logistik und Produktion könnten dort perspektivisch weiter ausgebaut werden.”

8
Rheinische Rübenbetrübnis: im Rheinland wird, später als üblich, die Zuckerrübe eingefahren, die Rübensüße liegt unter den Werten des vergangenen Jahres. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: “Die Schornsteine rauchen wieder. Zwar noch nicht alle, aber das ist nur eine Frage von Tagen. Seit Mittwoch werden in Jülich die Knollen angenommen und verarbeitet. Die Zuckerfabrik Euskirchen wird am Montag mit der Verarbeitung der süßen Frucht beginnen. Spätestens ab dann rollen die Traktoren-Gespanne und Sattelauflieger der Maschinenringe wieder durch den Kreis. Teilweise haben die Landwirte bereits Rüben ausgemacht und auf Mieten zum Abtransport bereitgelegt. Das Wetter ist dafür ideal. (…) Im Rheinland und im Rhein-Erft-Kreis liegt die Süße (…) auf dem Niveau des Jahres 2010. Im Norden und Osten würden deutlich höhere Zuckergehalte erwartet, heißt es beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst Zuckerrübe (Liz) in Elsdorf. Die Rübenkampagne hat mit zwei Wochen Verspätung begonnen.”

Hobbithöhle in Nendeln

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rheinsein unterwegs im September

rheinsein war im September als Gast bei drei Abendveranstaltungen auf der Bühne, zwei davon in Museen im liechtensteinischen Vaduz.

Im sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein fand zu Monatsbeginn unser erster Gemeinschaftsauftritt mit Helena Becker statt, die für Das Lachen der Hühner die Dorfansichten (hier ein Beispiel) geschnitten hatte. Mithilfe projizierter Screenshots der Website stellten wir rheinsein als multiple Projektform vor, moderierten unsere kleine, randseitige, von den Postkartenständern der Vaduzer Innenstadt jedenfalls deutlich abweichende liechtensteinische Fotokollektion – und brachten Texte zum Vortrag, welche die nicht allzufernen Quellregionen und das Fürstentum selbst betrafen, darunter natürlich auch Gedichte aus Das Lachen der Hühner, zu denen Helena eine neue Papierschnittserie angefertigt hatte, welche nun Motive aus den Sonetten auf- und sich an den Museumswänden prächtig ausnahm.
Das Lachen der Hühner, vor anderthalb Jahren bei der parasitenpresse herausgekommen, befindet sich mittlerweile in der dritten Auflage; derzeit laufen Verhandlungen über eine limitierte Sonderedition mit Helenas im Kunstmuseum erstmals präsentierten neuen Schnitten an. Der Auftritt fand anderntags Niederschlag in der Printausgabe des Liechtensteiner Vaterlands.

Schräg gegenüber des Kunstmuseums Liechtenstein befindet sich das ebenfalls sehenswerte Liechtensteinische Landesmuseum. Während der Termin im Kunstmuseum ein gutes halbes Jahr im voraus feststand, ergab sich der Termin im Landesmuseum vorort ganz kurzfristig zwischen zwei Gläsern Wein. Über die Vernissage zur Bleuler-Ausstellung hatten wir seinerzeit kurz berichtet, nun kamen wir im Gespräch mit Rainer Vollkommer, dem neuen Direktor des Landesmuseums überein, rheinsein mit dem Bleuler-Konvolut des Museums zu kombinieren: nicht mit den Originalen, denn die sind derzeit in Baden-Baden zu sehen, sondern mit Diaprojektionen, die Bleulersche Spätromantik in einer textlichen Zeitreise zu spiegeln, von präromantischen Ausschnitten über damals zeitgenössische bis hin zu aktuellen, über Städte wie Leverkusen etwa, die es zu Bleulers Zeit noch garnicht gab. Vlado Franjević kreierte aus unserem Auftritt drei kurze Videos für das Museum: ein Interview vor der Veranstaltung, sowie Mitschnitte eines seefiebrigen Textes über Konstanz und eines Rhein-Gedichts aus Das Lachen der Hühner, die nun auf Youtube zu finden sind. Sehenswert für alle Liechtensteininteressierten ist sicherlich Vlados Interviewserie mit Besuchern aus aller Welt, zu finden in der Verwandtschaftsspalte.

Zurück in Köln präparierten wir uns sogleich für einen alpinen Abend mit Hartmut Abendschein und Egon Zähringer im überaus netten kleinen kunstraum dellbrück weit draußen auf der Bergisch-Gladbacher-Straße (also fast schon in Polen), welche alles in allem eine der sehenswertesten Straßen Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt vorstellt. Der Abend stand unter dem Motto „es ist fast gar keine Stimmung vorhanden“ – eine Zeile aus unserem Nendeln-Gedicht. Die Markgräfler Weinbatterien des Kunstraums jedoch schufen zunehmend Stimmung, Hartmut zeigte seine Flooksbooks, las aus seiner Neuerscheinung Dranmor über Dranmor, einen Berner Randgänger, Egon Zähringer jodelte und sang deutsch-schweizer Wirtschaftsnachrichten zum Örgeli, das für den Abend geborgte Murmeltier unseres Sohnes sorgte für Ordnung im Stall und alles in allem ging wieder einmal eine knappe halbe Auflage über den Tresen. Ein paar Bilder der Veranstaltung gibt es bei Hartmut Abendschein.

Schaaner Weih- und Rauhnächte

Es seien die Rauhnächte Tage außerhalb der Zeit, Türen zu Zwischenwelten, in denen Menschen sich in andere Wesen verwandelten, Tiere in menschlichen Dialekten weissagten (wer sie jedoch dabei belauschte, stürbe sogleich), ganz allgemein sich aus dem Rauhnachtalltag detailliert das kommende Jahr voraussagen ließe und Träumen dabei eine spezifische Bedeutung zukomme, weswegen sie besonders beachtet werden sollten.

27. auf 28. Dezember: Wir schwammen in einem blasenwerfenden Käsemeer (moitié-moitié, Gutedel, Herisauer Kirsch, recht wenig Maisstärke), die Schwimmbewegungen blieben trotz der Behinderungen, welche der anhaftende, Fäden ziehende Käse verursachte, flüssig: langsamer, gleichmäßiger, richtungsloser Crawl. Das Meer glich einer sich ins Endliche dehnenden, mithin zuckenden Scheibe, in schwer definierbarer Entfernung umgeben von unerklimmbaren Steilküsten aus weihnachtsbeleuchteter Caquelon-Keramik. Es zog uns in die Tiefe, wir tauchten. Je tiefer wir gelangten, desto flüssiger und durchsichtiger wurde das Käsegewässer, bald verwandelte es sich in ätherisch glimmenden, geheimnisvolle Rheinströme enthaltenden Schnaps, bald in simpelst bewohnbare Blasen aus Landluft, ein Zicklein tollte umher, wir sprachen es an: „Hoi, Zicklein, sag an, was ist deine Lieblingsfarbe?“ „Kartoffel“, antwortete das Zicklein, „oben grün, unten braun.“ Wie zum Beweis trug das Zicklein wildes Kartoffelgrün auf seinem Köpfchen, durch das der Föhnwind mit Buchstabengewalt rauschte, sodaß einzelne Wörter aus dem Gebüsch auf des Tieres Schädel zu Boden rieselten. Dort schnürten sich die Wörter wie Gewürm zu Sätzen, die lauter groben Unsinn ergaben. Lange befaßten wir uns mit dem Humbug nicht; schnitten stattdessen dem Zicklein einen Mistelzweig mit vielen schönen viscinösen Beeren, den es mit den Worten verschmähte, daß Knollen ihm hundertmal lieber wären, mindestens. Was blieb da zu tun? Wir küssten das Zicklein, es verwandelte sich in eine hübsche Bauerntochter, die sofort mit dem Traktor davonfuhr. Über dessen Auspuffgasen drehte sich der Himmel einige Male um die eigene Achse und bot, kaum wieder zum Stillstand gelangt, eine schwarze Tür. Dahinter lag das bekannte Hallenbad, in dessen 50-m-Becken der Bosporus sich sammelt und mal nach links, mal nach rechts strömt. Wir betraten den Ort zum ersten Mal. Auf den Startblöcken saßen Angler. Von hinten sahen sie ganz korrekt wie Türken aus. Obgleich Ausländer, gesellten wir uns ihnen zu. Als Angellaie bewiesen wir zunächst einiges typisches Ungeschick im Umgang mit Haken, Köder und Wurftechnik. Man staunte, lachte und unterwies uns schließlich, auf daß kein Unglück geschehe, mit reichlich Lässigkeit in angemessener Handhabung des Geräts. Und siehe da: kaum hatten wir die Angel ins Schwimmbecken (i.e. den Bosporus) ausgeworfen, straffte sich die Leine: „Ein schneller Fang, aber ein schwerer Fang“, behauptete der Türke zur Linken. Indem er beide Arme an seinen Körper preßte und seinen Körper in rückwärtige Schräglage brachte, zeigte er, wie wir zu ziehen hätten. Nach kurzer Zeit war unsere erste Angelbeute aus den Tiefen des Orkus hervorgezogen: ein leeres 20 Liter-Aluminium-Faß der Marke „Super Beer“. Wir fingen noch zwei magere Fische und einige Badelatschensohlen. Unterdessen senkte sich der Wasserspiegel des Bosporus bis auf wenige Zentimeter über seinem nun gut sichtbaren Kachelboden. Bald verloren wir das Interesse an diesem Türkensport. Der Notausgang bei den Umkleiden führte auf eine wacklige Fußgängerhängebrücke, die nur von wenigen Türken beschritten wurde. Sie bestand aus lose verbundenen Holzplanken, überspannte das Goldene Horn und sah sehr unzuverlässg aus. Ein Warnschild wies auf das für Brückenquerungen zulässige Höchstgewicht: 85 kg pro Türke, 95 kg pro Ausländer. Zwar wogen wir ein paar Kilo mehr, doch das scherte uns nicht. Den Türken war es auch egal. Alle gingen möglichst zügig über die Brücke. Unten warf das Meer öligschwarze Kräuselwellen. Die wenigen Menschen auf dem Weg schwiegen eisern, ihre Gesichter waren zu beschnäuzerten Masken erstarrt; einige von ihnen kämpften, ohne daß sie es sich anmerken lassen wollten, mit der Seekrankheit. Am Ende der Brücke fehlten Planken. Um an Land zu gelangen, war ein Sprung vonnöten, den nicht jeder wagte, da das Land aus glitschigem Fels bestand und der Abgrund zwar kein allzu tiefer, dafür umso schwarzer und öliger war. Mit der Kraft beider Schenkel drückten wir uns von der letzten Brückenplanke ab – und landeten mitten auf der weihnachtsbeleuchteten Schaaner Landstraße mit ihrem regen Verkehr Richtung Vaduz und Nendeln.

Der Traum ist noch nicht zur Gänze ausgedeutet (unsere Experten streiten seit Stunden um diverse Details), auch ist unklar, ob es sich ausschließlich um Traumsequenzen handelt, da einige Fotos existieren, die auf das Gegenteil (nämlich reale, vor allem mit Lichtern und Tieren, also klassisch ausgestattete Weih- und Rauhnachtserlebnisse) schließen lassen. Da wir versichern können, noch am Leben zu sein, werden die darauf zu erblickenden Tiere immerhin nicht wirklich in Menschensprachen gesprochen haben. (Fortsetzung folgt)

Das Lachen der Hühner: Rezension (2)

In der aktuellen Juni-Ausgabe von Kultur, dem Monatsblatt für ebensolche und Gesellschaft in Vorarlberg ist eine Rezension zu Das Lachen der Hühner von Karin Jenny erschienen:

“Ein kleiner Lyrikband mit Sonetten handelt von Liechtenstein. Geschrieben von Stan Lafleur, dem Autor, der in Köln am Rhein lebt und sich den Rhein zum Bruder machte. Unzählige Veröffentlichungen erzählen von dieser Affinität. Ein möglicher Grund, warum er für einige Monate in Liechtenstein lebte und als Stipendiat der Kulturstiftung Liechtenstein seinen Blick auf das Fürstentum warf.

In dem kleinen Band „Das Lachen der Hühner“ veröffentlicht Stan Lafleur elf Gedichte/Geschichten, symbolisch für die elf Gemeinden Liechtensteins. Ergänzt werden die Texte durch Scherenschnitte von Helena Becker, die jede der elf Gemeinden Liechtensteins darstellt. Ihre Arbeiten sind losgelöst von den Texten Lafleurs entstanden und bilden einen eigenartigen Kontrast zu dessen sperrigen Texten.

„Fast keine Stimmung vorhanden. Autos parken
ein und aus. tauschen ihre schnell vergänglichen Menschen
in den Pausen dazwischen erneuert sich, ziellos, der Mittag
breiige Sonne, die mit zwei überschüssigen Strahlen die
Fahrbahn beschiesst: Softeis schmilzt auf Asfalt, die Strassen
fliessen sanft entlang an warmgestellten Einfamilienhäusern
vereinzeltes Himbeerblinken, bisweilen durchsegelt die
Luft ein ausgebleichter Geldschein. Wo liegt morgen,
wo gestern, wo heute?…“

Soviel zu Nendeln, dem Strassendorf im Liechtensteiner Unterland. Lafleur nimmt in seinen Texten die Befindlichkeit der „Fremdstauner“ auf, jener Auswärtigen, die der Tristesse dieses Strassendorfes erliegen. „Bremsspurenmandalas zieren Abzweige zu Seitenstrassen…“ Lafleur schmückt seine Sprache aus, als ob er dem Dorf dadurch einen neuen Glanz geben wollte, als ob es ihm leid tun würde, dass der Glanz nicht von selbst da ist. Die von ihm gewählte Interpunktion, die Anfänge mittendrin, das Mittendrin am Anfang verstärken die spröde Atmosphäre, die allem innewohnt. Er setzt die Syntax gegen die Form, das heisst, Lafleur geht damit über die Form hinaus. Er benutzt eine traditionelle lyrische Form „…geruch gärenden geldes“, nämlich die des Sonetts und setzt eine kritisch beobachtende Alltagssprache dagegen.

Seine Texte zu Eschen, Triesen oder anderen Orten sind nicht weniger sperrig, gleichwohl erlebt man sie als schön, wenn man es mag, dass da einer den Spagat zwischen schmückenden Wörtern und entlarvenden Gesten macht. Lafleur entlarvt, kennt kein Erbarmen und scheint doch ein Liebender zu sein, einer, der das, was er so schonungslos beschreibt, liebt.

Vielleicht ist es dieser gelungene Spagat, der diesen kleinen, von schlichten Klammern gehaltenen Band so einzigartig macht. Vielleicht ist es auch deshalb, weil Liechtenstein so schroff keiner beschreiben würde, der in dieser Rheinregion beheimatet ist. Der Rhein in diesen Breitengraden zeigt anderes als jener um Köln. Keine Erkenntnis, die vom Hocker haut – aber eine Möglichkeit, frühere Einfachheit aufzuspüren, sie heute noch zu orten und ihr eine Sprache zu geben. Lafleur schenkt Liechtenstein mit diesem Bändchen ein wunderbares sprachliches Werk, das lange nachklingt. (…)”

***

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein sind die Bände in den Buchhandlungen Bücherwurm/Vaduz, GMG/Schaan und Omni/Eschen vorrätig.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Rheinische Tierwelt (2)

Innert einer Woche zweimal die Kunde von „regnenden Weidenbäumen“, einem mir bis dato unbekannten Fänomen: aus den oberrheinischen Auen in Form eines Augenzeugenberichts sowie aus dem Riet bei Nendeln in Gerüchtform (ein entsprechender Annäherungsversuch meiner Informantin in Nendeln fand sein frühes jähes Ende im dortigen Morast). Fehlt die Erstwelt-Erfahrung, schafft die Zweitwelt Ersatz:

„Der Schaumwurm (Gäschtwurm): besonders häufig auf Weidenbäumen, denen die Larve im Frühjahr den Saft aussaugt, und ihn in Gestalt eines Schaums (des so genannten Kuckucksspeichels), unter welchem sie oft versteckt ist, wieder von sich gibt. Daher auch die Sage von regnenden Weiden.“ (Zitiert nach: Johann Friedrich Blumenbach – Handbuch der Naturgeschichte 1821)

Obige Stelle findet sich ganz ähnlich bei Friedrich Philipp Wilmsen in seinem „Handbuch der Naturgeschichte für die Jugend und ihre Lehrer“, ebenfalls aus dem Jahr 1821, dort jedoch wechselt der sagenhafte Wurm in die moderne Nomenklatur: „(…) Ferner die Schaumzikade, welche auf Gräsern, und besonders auf Weiden, den Saft einzieht, und ihn als Schaum wieder von sich giebt; er wird Kukuksspeichel genannt, und hat, da er bisweilen in Tropfen herunterfällt, Gelegenheit zu der Sage von regnenden Weiden gegeben.“

Auf Wikipedia klingt dies heute, im Artikel über Schaumzikaden, wie folgt: „Neben der kennzeichnenden Eigenschaft der Schaumnester, in denen sich die Larven der Schaumzikaden entwickeln, gibt es eine Reihe weiterer Besonderheiten in dieser Tiergruppe. Manchmal treten die durch die Larven der Bunten und der Braunen Weidenschaumzikade (Aphrophora pectoralis, A. salicina) erzeugten Schaumflocken in Weiden (Salix) so groß und zahlreich auf, dass Flüssigkeit aus ihnen heraustropft und es aus dem Baum gewissermaßen regnet. Landläufig spricht man dann von „tränenden Weiden“.“