Maas-Waal-Kanal (2)

II

Glücklicherweise gibt es am selben rechten Ufer, auf der Höhe des nicht weniger rechteckigen Viertels Neerbosch-Oost, noch ansprechende Lyrik im öffentlichen Raum, vom 2015 verstorbenen Dichter H.H. ter Balkt, einem der unbestritten wichtigsten Dichter der modernen, oder gar der niederländischen Lyrik überhaupt, der über Jahrzehnte in genau dem bescheidenen Viertel wohnte, dem er im stählernen Oktogon am Deich folgendes Gedicht widmete:

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Neerbosch-Ost

Unter den Quellwolken und den Flügelschlägen schwebt über
Neerbosch die Musik der Straßen; und von der Nachti-
gall nicht mehr … Öffne aber deine Ohren, und da hörst du die Mu-
sik, von Tango, Bolero, Zimbel und Mazurka.
Finklein zwitschern in den Hecken!
Der Boden der Stadt ist der Boden des Landes, und Luft
ist der Grund des Daseins!
Tschü, prr, weh und hüyet.
Dort wo die Stadt vom Wege abkommt, dort fangen die Dörfer an,
und Märchen fingen so immer schon an … Das Märchen des Fuchses
im Schnee im Waldstück des Barons, und ein Märchen war das
nicht.
Halb Windbö halb Rammbock ruft meine Stimme an einem Ufer
über die Bäume von Neerbosch hinweg: “Stillgestanden!” – hier ging doch
etwa einst Theofano, die Byzantinerin, als Kunst und Kul-
tur in Nijmegen blühten, auch wenn das nur 15 Jahre anhielt, als
es hier noch nicht das Jahr 1000 war.
Ja, unter den beringten Tauben und auch den unberingten
erklingen die Stimmen und wehen die Fuhren Staub!
Werfe die Türen zur Ferne auf, Neerbosch. Deine
zwei Supermärkte empfehlen deinen Gaumen.
Die Welt hat sich in ICH verwandelt, und das Land, in einem Mantel
aus Staub, hält eine Diät aus Wasser und trocknem Brot.
Ja, das Land ist Markt und Geschäft.
Aber egal wie die Gewinner gewinnen, die Vögel bleiben am Singen.
Ost oder West, Neerbosch-Ost das Beste erklingen lieblich und klar
die Sänge in Hecken und Hagen-

Der Name Neerbosch-Oost lässt schon erraten, dass es noch so etwas wie einen westlichen Teil gibt, und zwar Neerbosch selber. Die ehemalige Ortschaft wurde vom Kanalbau durchtrennt, der westliche Teil in den 1980ern noch vom Stadtteil Lindenholt verschlungen. Zur Erinnerung findet man an beiden Deichen, nur wenige Meter vom Ter Balkt-Gedicht entfernt, seit 2011 ein Werk des Künstlers Rob Sweere,

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das die bei vielen Bewohnern anscheinend noch quicklebendige Nostalgie nach dem ursprünglichen Zustand (den keiner selber erlebt haben dürfte) zum Ausdruck bringen soll, die genaue Stelle einer einst durchgehenden Straße anzeigend.

Von solchen Überlegungen unbeeindruckt, führt die Kanalfahrt weiter durch die Nijmegener Gewerbegebiete, wo man erleben kann, wie Schiffe verladen werden,

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bis hin zur (doppelten) Weurter Schleuse, nahe dem aus dem Verkehr gezogenen

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Kraftwerk, worauf schon in der ersten Folge meiner Waal-Erkundung eingegangen wurde.

Weurt selber, das linksufrige Dorf nebenan, gibt zu einem Stilbruch in meiner Schwarzweiß-Reihe Anlass, nicht weil es generell so umwerfend koloriert wäre, sondern wegen eines Privatgartens, der vor Farben nur so strotzt:

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Der Herr mit von Spinnengewebe heimgesuchten Brillengläsern, wohl als Fan der niederländischen Nationalmannschaft gedacht, ist ein einzelnes Beispiel aus einer Vielfalt farbenfroher Puppen (nicht nur menschlicher Gestalt, sondern auch tierischer, etwa ein Purzelbaum schlagendes Schwein) und weiterer Gegenstände, die auf geschätzten achtzig Quadratmetern ein lebhaftes Universum bilden, in dem übrigens auch Elvis Presley seinen Auftritt hat.

Sein Rheinkieselanzug führt unentwegt zum Kanaldeich zurück, denn umso näher ist jetzt der Waal. Auch am nördlichen Kanalende habe ich den Ventjager schon mal aufgenommen, aber es gibt ja noch andere Schiffe auf der Welt, darunter kein geringeres als den Neptun selber. Man könnte meinen, das hier ist doch nur

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die Nummer 2, aber es ist trotzdem nicht irgendein Schiff: Wegen einer Vielzahl umweltschonender Innovationen wurde dies Nijmegener Tankschiff 1997 mit dem Umweltpreis der niederländischen Schifffahrtindustrie ausgezeichnet, und so fährt hier ein wahrhaftiges Vorzeigeschiff am Containerhafen vorbei, sowie am Regelwerk der Schifffahrtaufsicht. Ich wäre allerdings gespannt, ob dort einer mitbekommen hat, was es denn mit dem hinterlassenen Klappstuhl auf sich hat. Denn nein, der Urenkel des Proviantbootbetreibers Karel van der Sluissen ist nicht vor Staunen wegen Neptun 2 umgekippt.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal berichtet er in einem Zweiteiler vom Maas-Waal-Kanal, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 1 handelte u.a. von dessen Erbauung und dem niederländischen Hang zum Quadrangulären.)

Maas-Waal-Kanal

I

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Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

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So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

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Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

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Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

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Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

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Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

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Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

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Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

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man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)