Nietzsche erinnert sich

An Carl von Gersdorff in Berlin

Kösen 11 Oktob 1866.

„[…] Ich bin diese Ferien nicht verreist, sondern sitze in arbeitsamer Einsamkeit in Kösen, das meine Mutter und ich, um der Naumburger Cholera zu entgehen, seit vier Wochen bewohnen […]; ich schreibe Dir im Überrock, mit einer Decke über meine Füße, da unser Zimmer keinen Ofen hat; doch hat dieser Zustand schon Sonnabend sein Ende, wo wir wieder nach Naumburg zurückkehren. Abgesehen von diesen letzten, kalten, nebeldichten Herbsttagen haben wir uns über liebenswürdig helles und warmes Wetter zu freuen. Einige Nachmittage waren so mild und sonnig, daß ich unaufhörlich jener einzigen und unwiederbringlichen Zeit gedenken mußte, wo ich, zum erste Male vom Schulzwange frei, ohne die Fessel des nicht verbindenden Verbindungslebens, den Rhein mit dem freien stolzen Gefühl einer unerschöplich reichen Zukunft sah. Wie schade, daß ich mich um diese wirkliche Poesie durch jene selbsteignen Qualen brachte, die den unmündigen Studenten so leicht als Quellen der Freude erscheinen […]“

(aus: Friedrich Nietzsche – Sämtliche Briefe)