Vignetten

“(…) Nataly pflegt eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Gerüchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt führt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe, dem Versuch das Erleben des anderen zu integrieren, die Zurückweisungen, die sie sich ein Leben lang gemerkt hat.
Flickermaschine. Dem Reiz des Zwielichts folgend, mit gleichmässigem Tritt in die Pedale des Fahrrads, durch leere Strassen fährt sie an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Der verwilderte Garten umschliesst das Gelände. Emporragende Bäume umstehen die zur Giebelseite sich öffnende Rasenfläche. Zwischen Farne, Schachtelhalme und Buschwerk zieht sich ein versteckter Pfad. Der im Winter abgestorbene Wacholder flammt rostbraun. (…)
Betört von Nachtatem steigt sie ab. Legt geflissentlich ihr Fahrrad in das nasse Ufergras. Die Aluminiumfelgen spiegeln das Mondlicht gegen die glatt geschliffenen Steine. Während Nataly genüsslich den Rauch einer Zigarette einsaugt, lässt sie die Bewegungen des Tages ausklingen. Blickt dem Strom nach, der seinen Lauf nimmt. Der Fluss tut seine Pflicht, er fliesst immer in eine Richtung und trennt die Ufer. Einerseits befördert er die Menschen, andererseits separiert er sie. Nataly betrachtet das Schwemmland, die sandigen und die bewaldeten Ufer, die von russigen Industrieanlagen gesäumt sind, hört die Schiffe mit den tuckernden Dieselmotoren. Hier wie dort erreicht der Schwimmer sein Ziel auch bei günstiger Strömung nicht ohne eigenes Zutun.
Unstillbare Sehnsucht. Nataly fühlt ein Fernweh… das Reisen auf dem Wasser ist für sie stets ein mythischer Akt, gleichsam ein Bewusstseinsstrom. Die Natur, der Fluss, das Meer, all das bedeutet für Nataly in gleichem Masse Freiheit wie Auflösung. (…)
Nataly beschwört die Kosmogonien des Kontinents, aus denen das alte Europa heraufsteigt. Unter der Oberfläche liegen Vergangenheiten begraben, Geschichte im buchstäblichen Sinn. Sie senkt ein Echolot in die Kulturgeschichte. (…)
Die Anfänge dieser Besiedlung liegen im Dunkel der Vorgeschichte. Wahrscheinlich begann die Geschichte dieser Spezies, bevor die Erde existierte. Mutmasslich sind die Bewohner des Rheinlands Emigranten aus anderen Galaxien, ihnen ist nichts Menschliches fremd, aber auch nichts Unmenschliches. (…)”

Auf der Rheinsein-Lesung in Neuss drückte A.J. Weigoni mir seine Novelle “Vignetten”, aus der die obigen Zitate (hier ausschließlich Stellen mit direktem Rhein/land-Bezug) stammen, in die Hand. Darin geht es um relativ viel auf einen Schlag, das sich zu nährstoffsattem Text verdickt, in Absätze gespalten, die je für sich kleine Welten öffnen/konstituieren, die wiederum vom Erzählpräsens beschleunigt auf ihrem Weg durchs sie verbindende Textnetz preschen. Weigoni selbst nennt die Vignetten unter anderem eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen: der Text unterlag von seinen Anfängen bis zur Publikation rund dreißigjähriger Knetung. Ich finde formal und vom Vokabular viel Achtzigerindieneunzigerlappendes darin, wie es für Düsseldorf (wo der Text vermutlich entstand) in jener Zeit spezifisch gewesen sein mag, eine persönliche Empfindung, sicherlich weil ich es in/seit meinen Ddorfer Anfängen ähnlich gehalten habe: eine Mischung aus u.a. Akademismen, kleiner Form, Punk und Poststrukturalem (hier mit 1a Wortschätzchen wie “Moof” oder “alte Knortze”). Der Text atmet, der Rhythmus bleibt stets spürbar unter den Worten, bisweilen unter- bzw. überspült er auch seine eigenen Bedeutungsketten, ich habe den Text jedenfalls zu hohen Anteilen von seiner Rhythmik erfaßt. Es geht desweiteren um einen Abgleich des Rheinischen mit etwa Nilistischem. Und Nataly schließlich ist eine Figur, der mehrfach im Leben persönlich begegnet zu sein mich dünkt.

»Vignetten«, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover

Eine Hörprobe der »Vignetten« (Begriffssuche nach “Vignetten” führt zu Hörausschnitten aus den beiden Kapiteln “Mäander” und “Uräus”)

Ausführlichere Informationen zum Text finden sich in der Bücherwiki.