Rhein-Meditation (6)

“Die Sohlen brennen, Möwen schreien. Aus einer alten Zeitung steigt der Morgendunst. Im Nacken spüre ich die Sonne ihre morgendlichen Dehnübungen absolvieren. Das Ende ist nah, weil alles immer wieder von vorne beginnt. Ich glaube zu verstehen. Weil ich von nirgendwoher komme. Deswegen gehe ich zu den Quellen, die am Ende des Piers liegen müssen. Weil die Analogien von Quellen und Geburt ebenso fragwürdig sind wie diejenigen von den Mündungen zum Tod. Weil auf dieser Welt alles und nichts stimmt und ich überallhin gehen kann, gerade deswegen gehe ich nirgendwo hin. Stattdessen kommt das Meer auf mich zu, mit geöffnetem Rachen. Die letzten Rheinmeter liegen im Frühdunst und ich gewinne das Gefühl, mich auf einer Verzweigungsader des Mündungssystems zu befinden, die direkt in eine der Verzweigungsadern des Quellensystems greift. Der Blick nach Norden ergibt die Sandwüste eines extrem breiten, endlosen Strandes, darüber dimmen milde lavendelfarbene Himmel, die am Horizont dem Meer sich einen. Der Blick nach Süden fällt auf Hafenkräne, -schlote und -tanks, die Silhouette eines schwarzen Industrieplaneten, gleichsam die Aufhebung des Blickes Richtung Nord. Nasreddin Hoca kommt mir in den Sinn wie er am Flußufer sitzt und sinnt, als vom gegenüberliegenden Ufer jemand ruft: „Wie komme ich denn auf die andere Seite?“ und der Hoca antwortet: „Du bist auf der anderen Seite!“ Es gibt keine andere Seite, und wenn doch, befinden wir uns bereits dort.”

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.
Vorort-Buchvorstellungen finden sich in der Rubrik “Termine“.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5