Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz

Von Rhein zu Rhein solls gehen, durch flußgebende Spannungsfelder. Gschwind noch e Fleischkäsweckle beim Offeburger Bahnhofsbäcker, wo mehr en zugige Verschlag halber hauße ausm Bahnhof isch. Vom Bahnsteig aus läßt sich gut beobachten wie das Schienenkraut die Gleise entlangwächst. Offenburg ist unter Zugreisenden bekannt für seine Anschluß-Wartezeiten. Der Bahnsteig ansonsten völlig leer, bis auf uns und einen Schwarzen, die wir auf derselben Sitzbank an unsern Fleischbrötchen kauen. Kaum haben wir uns fünf Meter von der Bank entfernt, um Serviettöses zu entsorgen, erschallt mit Wucht eine Lautsprecherdurchsage: „Ein wichtiger Hinweis der Bahn: achten Sie auf Taschendiebe und lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen!“ Welcher wichtige Hinweis würde wohl erschallen, wenn der Schwarze sich nun unser Gepäck schnappte und damit die Biege machte? „Das war prompt“, sagen wir in Richtung des jungen Mannes, „wir beide müssen gut aufpassen, was wir hier tun, wir werden videoüberwacht“. „Noi, die hen koi Kameras, nur Ferngläser, woisch, die moine mich, ich bin z`schwarz.“ Nur noch eine halbe Stunde und der Anschlußzug dürfte auftauchen. Allmählich füllt sich der Bahnsteig mit Frierenden. Ein freundlicher Rentner von der Bahnhofsmission begrüßt sie alle per Handschlag und mit aufmunternden Worten. Falls jemand zusammenbreche, werde er sich kümmern – und falls innert der nächsten beiden Stunden kein Zug käme, heißen Tee bringen. Der Zug kommt auf die Minute pünktlich. Offenburg zu verlassen, ist immer wieder schön. Sogleich meldet sich der charismatisch dialekttreue Zugbegleiter mit expressiven, diesmal reimfreien Erklärungen. Draußen Möschle Behälterbau (ja, b`halte denn die B`hälter au?) und Schulschluß in Gengenbach mit seinem kinzigenen „Flössermuseum“ (Dreisam, Kinzig, Murg etc – die hübschen Schwarzwaldaus(fall)flüßchen: wie geschwisterlich sie sich ähneln in ihren rasenbegrünten Eingedeichtheiten!). Ha! Schon tauchen sie auf: hübsche, nitzefitzelige, wie für Sagenländer erdachte Hügelchen und spürbar wirkt der Sog des Rhein-Donau-Neckar-Kraftfelds. Außerplanmäßige Stops der Panoramabahn: Tribute an heute selten gewordene Fänomene: aus den Hügeln über Biberach/Baden etwa steigt, vom Zugbegleiter plastisch moderiert, echter Köhlerhaufenrauch. Zudem muß der Lokführer auf dieser Strecke die Bahnübergänge eigenhändig sichern. Haslach („in Haslach gräbt man Silbererz“) heute: stellt man dort Präzisionsdrehteile her und das Zentrum besteht aus drei Supermarkthallen: ALDI, REWE, edeka.

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Steinmauern

Mittagsstille in Steinmauern. Die Altmurg rinnt durchn Ort, farblich Kloakenbräu. Im Niesel der Freilichtpart der Dauerausstellung zur Ortsgeschichte: alles über die Flößerei, behütet von einem winzigen St. Nikolaus hinter Bilderstöckelvitrine. Vor allem im 17. und 18. Jahrhundert blühte der Holzhandel mit Holland: floßfreundliche Tannen und Fichten, von Murgknechten talwärts gelenkt und den Rheinknechten zur weiteren Wertsteigerung übergeben. Zwölf Wochen dauerte günstigenfalls eine Tour vom Schwarzwald bis Dordrecht, und die aus mehreren Lagen zusammengebauten Flöße erreichten 300 Meter Länge, 35 Meter Breite und nahmen bis zu 600 Mann Besatzung auf. Schwimmende Dörfer sozusagen. Eine übliche Ladung bestand neben dem Holz aus 20.000 Kilo Brot, 10.000 Kilo Fleisch, je 700 Kilo Butter und Dörrfleisch, vier Kubikmetern Hülsenfrüchten, einem Kubikmeter Salz, 80.000 Litern Bier und einigen Faß Wein, in den Stallungen an Bord stand zahlreiches Vieh, jeden Tag wurde mindestens ein Ochse verspeist. Einem solchen Kapitalfloß fuhr stets ein Wahrschauer weit voraus, um den Flußverkehr vor der Ankunft des schwer manövrierfähigen Giganten zu warnen (die Streichen genannten Floßruder waren von einem Mann allein nicht zu bewegen). Von Germersheim bis Rotterdam waren 53 Zollstationen zu passieren, der Holzverkauf in Holland streckte sich bisweilen über Wochen und Monate und dennoch lohnte der Verdienst nicht übel. Auf dem Rückweg schlief der Floßherr nachts traditionell mit dem Kopf auf der Geldkatze, die bis zu 100.000 Gulden enthalten konnte, eine für damalige Zeiten angeblich fantastische Summe. Zum Einbinden der Flöße und ihrer Lasten wurden in Steinöfen sogenannte Wieden gebäht, dh mäßig erhitzt, bis der Saft der benutzten Tannen- und Fichtenstangen zu kochen und verdunsten begann, schließlich die Rinde knallend aufplatzte und die Stangen drehfähig waren. So ein Wiedeofen steht zur Volksbildung heuer unter freiem Steinmauerner Himmel. 1913 wurde die Murgflößerei eingestellt, ein Foto zeigt die letzten vier Flößer, drei mit Namen Götz plus einen Herrn Trudbert Fettig, denen noch die alten Steuerbefehle „Frankreich“ und „Hessenland“ (statt wie in der Schifffahrt „backbord“ und „steuerbord“) geläufig gewesen sein mögen. Abgerundet wird dieser hübsche, beiläufige Bildungsflecken von einem felsenbirnenumstandenen Kinderspielplatz sowie zwei Mooreichen, fossile Stämme, aus dem Goldgraben geborgen, der ältere zählt 5000 Jahre, und auf beiden sprießts und knospts: zarte Frühjahrskeime. An Steinmauerns Ortsgrenze nieselts in die kanalisierte Murg, einen stahlblauen Strahl zwischen saftigen Wiesen. Mauersegler zischen unter der Straßenbrücke hindurch, die den Dopplereffekt der sie querenden Wagen durch den Wolf dreht, in einen akustischen Trichter jagt und dabei eine Art Schlauchrauschen produziert, das man mal gehört haben sollte. 1848 entkam der Revolutionär Carl Schurz hier zwischen Murg und Rhein in einem Kahn auf eine Insel, von der ihn französische Zöllner in die Freiheit lotsten, während 19 seiner Kameraden eingeschlossen und erschossen wurden. Das Dröhnen hatte seinerzeit noch andere Dimensionen. Heute wieder: gen Schwarzwald tiefe Nieselhimmel, von Überlandleitungen elegant verknüpft, die milde Spannung an die Wolken abgeben, darunter bärlauchdünstende Wälder.

Venus von Appenweier

Die computergestützte Regionalbahn taucht, von Karlsruhe kommend, in den Morgennebel der zugeschneiten Ortenau, Obstbaumkonturen, reifbewachsen, das Tal Weiß in Weiß, mit Premiere nachbearbeitet scheuert der Standbild-Himmel im Zweiminutentakt an schneebedeckten Feldern. Unschärfen, farblose Pixel, Deckweiß und Kälte, das Zugabteil in Maßen gefüllt mit badisch sprechenden Avataren. Die Venus von Appenweier, die bisweilen im Dreizehnuhrzug aufscheint und verfällt, ihre kräftigen Hüften, ihre rätselhafte Stimme, das fahle Haar und eine Erfahrung, die bis auf die Steinzeit zurückreicht: insgesamt eine Schönheit, die so schön ist, daß sie sich mit nichts vergleichen läßt, es gibt sie tatsächlich, ich habe sie nun gesehen und ihre Erscheinung wird mich nimmermehr loslassen. Dann die Damen aus Baden-Baden mit ihren gerenderten Visagen: professionell aufgeweichte slawische Wangen, polarfuchsbesetzte Schultern, schrille Hautfarben, Zweithaar, entsteigen sie den Zeitschriften auf ihren Schößen, leicht knittrige Geburten ihrer selbst. Ein paar Selfmade-Webmaster im regionaltypisch bodenständigen Gespräch über elektronische Mülltrennung. „Bruchener Meerretti? Bruchener Meerretti?“ tappt ein Gnom die Bankreihen entlang, Meerrettichrieb in den Handtellern, so ein süddeutscher Alberich von der Obst- und Gemüsefront, weiße Wurzelschärfe zieht übern Gang, draußen die eisigen Apfel- und Zwetschgenbäume lösen sich vom Grund, stellen sich schief, wie Sehnen gespannte Äste lassen die dürren kahlen Stämme schnallen und knallen und schneestäubend im Nebelschleier kreisen. Eine Landschaft und ihre Bewohner in Einklang. Der kanalisierte Rhein friert, läuft streckenweise rückwärts, sehr zäh, Eisgang eben, der Zug knirscht und quietscht auf den Gleisen, kräftiges Harschen gekörnten Schnees, irgendeine Murg, die Fische tieffriert in stufenlosem Verfahren, hier in der Region erfunden und in Stuttgart patentiert. Der Schwarzwald und die oberrheinische Tiefebene spielen einmal mehr Inversionswetterlage. Das ist Heimat, das ist mein wunderbares Badnerland. Weiter oben in Haslach, Hausach und solchen Orten bricht die Nebelwand ab, wird das Schwarz der Krähen wieder sichtbar. In Hornberg steht eine der größten begehbaren Kloschüsseln der Welt. Schüsse erklingen. Nebst Kuckucksuhren. Rauschende Wasserfälle. Premium Schinkenspeck. Diese Gegend gibt es nur noch in Computerspielen, wer sie betritt, bekommt einen Chip implantiert, der alte Zeiten wachruft, dunkle Tannen, heideggersches Sein in idyllischen, bis auf den letzten Nanometer erfassten Schluchten voller Schrate und Holzbewohner, der Talblick bildet ein spitzwinkliges Dreieck, gesäumt von Regalen mit Echtnatur in Konservendosen, 425 ml zu 0,99 Euro und dem dazu passenden Schnaps, Wässerle genannt, das im Winter die Gedanken frei hält, frei, frei, frei, niemand kann sie erraten, sie fliehen und eilen vorbei, huschhusch, wie menschliche Schatten.