Loblied auf Konstanz

Oswald von Wolkenstein
In Kostnitz (1431)
(An Margarethe von Schwangau)

1.
O wonnigliches Paradies,
Wie sehr zu Kostnitz find’ ich dich;
Vor allem, was ich hört’ und pries,
Von ganzen Herzen freust du mich.
Inwendig, außen, überall
Zu Münsterling und anderswo
Regiert dein adeliger Schall,
Wer möchte da nicht werden froh?
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

2.
Gebärde, Wort’, ohn’ Tadel klug,
Schaut man, und graziösen Tritt
Von mancher Frau; ich sag’s ohn’ Trug;
Sankt Peter läßt mich’s lügen nit,
Des Lob ich immer preisen soll,
Andächtig, wenn ich im Gebet;
Denn er ist aller Ehren voll,
Und thät’ mir leid, wer anders red’t.
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

3.
Vielzarte, engelhafte Weib’,
Durchleuchtig, schön, mit lichtem Glanz,
Haben besessen meine Leib
Dort in der “Katze” bei dem Tanz.
Doch einer ich gedenke viel
Und ihrer herrlichen Gestalt.
Ja, Ehren, Lust und Freudenspiel
Find’t man zu Kostnitz mannifalt.
Viel Augenweid
In manchem Kleid,
Schlicht, zierlich, weit,
Sieht man zu Kostnitz prangen;
Und Mündlein rot,
Zu meiner Not,
Da eins mir droht
Mit rosenroten Wangen.

(Nachgedichtet von Ludwig Passarge)

Konstanz erweckt leicht den Anschein, bis auf den heutigen Tag von seinem Konzil zu leben, zu dessen Zeit Oswald von Wolkensteins, des „letzten Minnesängers“ obiger Lobestext entstand. Während des dreieinhalbjährigen Konzils von 1414 bis 1418 hatte Konstanz im Schnitt etwa doppelt soviele Gäste wie Einwohner: die Versorgungslogistik erforderte konzentrische Drängungen um den innersten Stadtkern (also die Tagungsorte) herum; nebst Speis- und Tranklieferanten profitierten nicht zuletzt die sogenannten Lei(h)bediennerinnen, die Konstanz regelrecht überschwemmt haben mußten – mit Imperia (von Peter Lenk, inspiriert von einer Kurtisanengeschichte von Balzac) steht und dreht sich überm Hafen eine besondere, vieldiskutierte von ihnen in heutige Tage und Nächte hinein, als bohre sie im sferischen Schnittfeld von Seefläche und Himmelskuppel, von Macht, Animalität und Sehnsucht nach gültigen Antworten. Wie Oswald wirklich zu St. Peter stand, steht für uns auf einem noch genauer zu erkundenden Blatt. Das Loblied gänzlich ironiefrei zu lesen, will uns jedenfalls nicht gelingen. Von den spätmittelalterlichen Dichtern ist uns Oswald aufgrund seiner oft herben, „lebensnahen“, durchschlagenden Art der liebste – und so empfanden wir es als gnadenvolle Koinzidenz, im Rahmen des „Dichter dran“-Festivals ausgerechnet im Wolkenstein-Saal des Konstanzer Kulturzentrums vortragen und uns somit, zumindest in hoch- wie tieffliegenden Gedanken, ans vorläufige, dh (solang es Dichtung geben wird) kaum jemals endende Ende einer Traditionskette reihen zu dürfen.