Presserückschau (Oktober 2016)

1
Paradies auf Erden
“Forscher wollen in einer badischen Kleinstadt das Paradies auf Erden schaffen. Acht Jahre lang soll in Gaggenau (Kreis Rastatt) ausgelotet werden, welche Lebensumstände ein besonders hohes Alter ermöglichen. Die Wissenschaftler wollen verschiedene Maßnahmen in Kitas, Schulen, Seniorenheimen und bei ansässigen Betrieben testen. Es geht beispielsweise um städtische Strukturen, mit denen Ältere vor Vereinsamung bewahrt werden können. Oder um eine für Körper und Seele möglichst optimale Arbeitswelt. Hinter dem Projekt stehen die Uni-Kliniken in Mannheim und Tübingen sowie das Mannheimer Zentrum für seelische Gesundheit.” (Spiegel)

2
Marathonrudern
“42 Kilometer über den Rhein mit seinen teils tückischen Windungen: Das 45. Düsseldorfer Marathonrudern war eine große Herausforderung, die diesmal 180 Mannschaften aus ganz Europa annahmen. Sie starteten (…) beim RTHC Bayer Leverkusen und ruderten von dort zum Gelände des RC Germania in Düsseldorf-Hamm. “Der Schmerz geht, und der Stolz kommt” lautete das Motto.”" (Rheinische Post)

3
Fahrradfriedhof
“Es sind traurige Bilder, die der Rhein da zum Vorschein bringt… Bei niedrigem Wasserstand kommt so allerlei verloren geglaubtes Hab und Gut wieder ans Licht. Aktuell kursieren unter anderem im Kölner NETT-Werk Fotos, die einen regelrechten Fahrrad-Friedhof im Rhein zeigen.” (Express)

4
Reifenfriedhof
“Mit einem Fall von Umweltkriminalität muss sich die Niederkasseler Stadtverwaltung jetzt beschäftigten. Unbekannte haben im Rhein zwischen Rheidt und Niederkassel-Ort zahlreiche alte Autoreifen entsorgt. Die Reifen, die offenbar bereits vor längerer Zeit in unmittelbarer Ufernähe in den Fluss geworfen worden waren, wurden kürzlich von Spaziergängern entdeckt. Begünstigt wurde der Fund durch das derzeitige Niedrigwasser des Rheins.” (Kölnische Rundschau)

5
Lachse und Kontrastmittel
“30 Jahre nach dem Großbrand im Schweizer Chemieunternehmen Sandoz bei Basel tummeln sich wieder viele Lachse im Rhein. 2015 seien rund 800 dieser sensiblen Wanderfische gezählt worden, teilte die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (…) mit. Der Bau vieler weiterer Kläranlagen und andere millionenschwere Investitionen hätten gezeigt, «dass es möglich ist, aus der Kloake Rhein wieder einen weitgehend sauberen Strom zu machen». Weltweit gelte dies in der Fachwelt als ein positives Beispiel der Umweltpolitik. Dennoch bleibt laut der IKSR viel zu tun. Beispielsweise gebe es neben der Verschmutzung mit Mikroplastik noch viele Mikroverunreinigungen wie Medikamente, Hormone der Antibabypille, Insektizide, Duftstoffe aus Reinigungsmitteln und Röntgenkontrastmittel.” (proplanta)

6
Mundartdichtung
“Die Sprache und der Einsatz für den Dialekt verbinden: Das zeigte sich bei der Autorenbegegnung (…) im Weiler Kesselhaus. Auf dem Podium saßen sieben Dichterinnen und Dichter aus drei Ländern, die Kostproben aus ihrer aktuellen Lyrik und Prosa vortrugen (…). Roter Faden bei dieser Mischung aus Lesung und Talkrunde war der grenzüberschreitende Dreyland-Dichterweg. Auf dieser Strecke vom Rheinpark in Friedlingen über Hüningen bis zum Voltaplatz in Basel sind 24 Bronzetafeln angebracht, auf denen ausgewählte Mundartautoren aus dem Dreiland vorgestellt werden. (…) Den Anfang machte der Elsässer Edgar Zeidler. “Was wir gemeinsam haben, ist die alemannische Sprache, die alemannische Kultur”, sagte der Mundartforscher, “diese Wurzeln sollten wir nicht verleugnen.” Zeidlers Texte sind politisch, kritisch, nachdenklich, gehen auf zeitgemäße Themen ein. So las der Autor auf den Punkt gebrachte Gedichte über offene Grenzen, offene Herzen, offene Arme, aber auch über den aufkeimenden gefährlichen Nationalismus, die globalisierte Welt und die Internetgeneration, die nicht mehr kocht, nicht mehr backt, nicht mehr strickt. Als “Grande Dame” begrüßte (Kulturamtsleiter; Anm.: rheinsein) Paßlick die Baslerin Hilda Jauslin, die in Allschwil lebt. Ihre Inspirationen holt sie aus dem Alltag, aus Beobachtungen in der Natur. Hilda Jauslin las sensible Gedichte über das Dreiland: “Drei Länder, drei Dialekte, drei Belchen”, über Grenzen, Schlagbäume, Stacheldraht, Überwachung und den Rhein, der unaufhörlich weiter fließt. Beim Blick auf den “Ryy” werden die Gedanken leicht und weit, heißt es in einem Gedicht der Baslerin, die auch eine anspielungsreiche Geschichte über einen alten Mann und den Dreiländerblick las.” (Badische Zeitung)

7
Neozoon
“Sie sieht aus wie eine Tarantel, ist aber keine. Die haarige Kräuseljagdspinne breitet sich derzeit im Süden von Deutschland aus. Wissenschaftler der Zoologischen Staatssammlung München haben den genetischen Code der Spinne entschlüsselt, die kürzlich erstmals in München entdeckt wurde (…). Eigentlich ist die haarige Spinne, die bis zu fünf Zentimeter groß werden kann, im Mittelmeer-Raum zu Hause, soll aber inzwischen das gesamte Oberrheintal besiedelt haben. Seit etwa zehn Jahren ist sie angeblich in Deutschland auf dem Vormarsch. Forscher vermuten, dass das Tier von Menschen eingeschleppt wurde, weil die ersten Funde an Nord-Süd-Hauptverkehrsachsen belegt sind.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Grenzfunktionen
“Als die Alemannen den zugefrorenen Rhein um das 5. Jahrhundert herum überquerten und sich auf der anderen Seite des Flusses niederließen, schufen sie einen gemeinsamen linguistischen Raum, in dem man alemannische Dialekte spricht. Paradoxerweise wurde der Rhein noch nie so leicht überquert wie heute, die badischen und elsässischen Dialektsprechenden scheinen jedoch ihre sprachliche Nähe nicht wahrzunehmen. Noch erstaunlicher: Die Dialekte des Elsass’ und Baden-Württembergs folgen verschiedenen Entwicklungen. Das zeigt jedenfalls eine erste deutsch-französische Studie, an der Pascale Erhart, Dozentin an der Unistra und Leiterin des Département de dialectologie alsacienne et mosellane, beteiligt ist. „Thema des Forschungsprojekts“, erklärt sie, „ist es, zu verstehen, wie der Rhein als Landesgrenze diesen gemeinsamen Raum trennt. Tatsächlich verschwinden die lokalen Dialektcharakteristika gerade unter dem Druck nationaler Standards. (…) Es verhält sich tatsächlich so, als würde eine sprachliche Grenze die politische ablösen.“” (Unistra)

9
Rheintote
“Rettungskräfte haben (…) in Wesel eine Leiche aus dem Rhein geholt. (…) Wie die Polizei (…) mitteilte, meldete eine Anruferin (…) eine im Rhein treibende Person. Polizei, Feuerwehr und Notarzt rückten zum Rhein bei Wesel aus. Mit einem Hubschrauber wurde nach der Person gesucht. Gegen 13.10 Uhr fand man einen leblosen und unbekleideten Mann. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann Ende 40 oder Anfang 50 Jahre alt ist. Die Ermittlungen der Polizei laufen. Es gilt herauszufinden, wer der Mann ist und woran er gestorben ist.” (Rheinische Post)

“Mindestens zwei Tote, mehrere Verletzte und ein hoher, noch nicht absehbarer Sachschaden – das ist die vorläufige Bilanz einer gewaltigen Explosion und mehrerer Brände auf dem Gelände des Chemieriesen BASF in Ludwigshafen. Bei den Getöteten handelt es sich dem Unternehmen zufolge um zwei Mitarbeiter. Außerdem würden noch zwei Menschen vermisst, teilte BASF am Abend mit. Zunächst war von sechs Vermissten die Rede gewesen. (…) Es gebe auch noch keine näheren Erkenntnisse, welcher chemische Stoff in Brand geraten sei. In dem Hafen würden Flüssiggase, aber auch brennbare Flüssigkeiten verladen. (…) Nach der Explosion wurden demnach Wassersperren zwischen dem Landeshafen Nord und dem Rhein errichtet.” (SHZ)

Der junge Bayer soll sich den Rhein anschauen

“Das deutsche Heer ist nicht dazu da, eine Schule für die Erhaltung von Stammeseigentümlichkeiten zu sein, sondern vielmehr eine Schule des gegenseitigen Verstehens und Anpassens aller Deutschen. Was sonst immer im Leben der Nation trennend sein mag, soll durch das Heer zu einender Wirkung gebracht werden. Es soll weiter den einzelnen jungen Mann aus dem engen Horizont seines Ländchens herausheben und ihn hineinstellen in die deutsche Nation. Nicht die Grenzen seiner Heimat, sondern die seines Vaterlandes muß er sehen lernen; denn diese hat er einst auch zu beschützen. Es ist deshalb unsinnig, den jungen Deutschen in seiner Heimat zu belassen, sondern zweckmäßig ist, ihm in seiner Heereszeit Deutschland zu zeigen. Dies ist heute umso notwendiger, als der junge Deutsche nicht mehr so wie einst auf Wanderschaft geht und dadurch seinen Horizont erweitert. Ist es in dieser Erkenntnis nicht widersinnig, den jungen Bayern wenn möglich wieder in München zu belassen, den Franken in Nürnberg, den Badener in Karlsruhe, den Württemberger in Stuttgart usw., und ist es nicht vernünftiger, dem jungen Bayern einmal den Rhein und einmal die Nordsee zu zeigen, dem Hamburger die Alpen, dem Ostpreußen das deutsche Mittelgebirge und so fort?”

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

Im zarten Schleier des Frühnebels: Hitlers Rheinbetrachtung

“Und so kam endlich der Tag, an dem wir München verließen, um anzutreten zur Erfüllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme, zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden.”

(aus Adolf Hitler: Mein Kampf, 855. Auflage 1943)

Die Loreley in Rossini

rossini_meretbeckerloreleyMeret Becker als Zille Watussnik als Loreley

rossini_loreleymaldreiDrei Beinahe-Loreleyen

“Der Mondschein verwirrte die Täler weit und breit, über die glatten Fluten des Rheins warf die samtene Nacht den zitternden Flügelschlag ihres Schattens…” Mit diesem grausam poetischen Satz beginnt Jakob Windischs (“nur die Bibel hat eine höhere Auflage”) Weltbestseller Die Loreley. Weitere Sätze des fänomenalen Erfolgsromans sind nicht bekannt, denn Windisch ist kein realer Autor, sondern eine Filmfigur in Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief (von Helmut Dietl), ein deutschhumoriges Starvehikel von 1997, das die dramatische Welt der Münchner Schickeria als oberflächliche in Szene setzt. Im Rahmen einer geplanten Verfilmung des Loreley-Stoffes (“diese Wagalaweia-Schmonzette”: Wolf Wondratschek-Imitat Bodo Kriegnitz, gespielt von Jan Josef Liefers) wird die Bedeutung der mythischen Figur mehrfach künstlich-künstlerisch diskutiert. Schauspielerinnen prügeln sich um die Rolle, drei als Loreleyen aufgetakelte Prostituierte vertreten noch die differenziertesten Ansichten hinsichtlich einer zeitgenössischen Interpretation der mythischen Felsenhockerin. Den Zuschlag erhält nach harten Auseinandersetzungen (“Verpiß dich, Watussnik, sonst schlag ich dich mitter Schampanjerflasche tot!”) schließlich das blonde Wunder Schneewittchen (gespielt von Veronica Ferres). Mit dem rheinisch-historischen Vorbild besitzt die Dietl’sche Loreley nur geringe Schnittmengen, eingängige Kinodialoge gehen um die Jahrtausendwende folgendermaßen:

“Hurenloreley, verbrunzte!”
“Wer die Loreley beleidigt, beleidigt Deutschland.”

Essen

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Wieweit Essen rheinische Identität besitzt (nämlich nahezu keine) hatten wir zum Anlaß der Präsentation eines Gedichts von José Oliver geklärt. Nun stießen wir in Essen, einer angenehm gesichtslosen Stadt mit beachtlicher Flächenausdehnung und breiten Autotrassen im Zentrum, deren historische Bauten von Industrieverwaltung und Kaufhäusern überwuchert wurden und die am Bahnhof mit dem Slogan “Einkaufsstadt” für sich wirbt, auf einige Berührungspunkte mit rheinischer Kultur wie etwa den augenfälligen Rheinischen Platz mit seinem U-Bahn-Zugang im Amfitheaterstil.

Einst wurde uns eine Theorie unbekannter Herkunft zugetragen, derzufolge Orte (Straßen und Plätze), die nach Willy Brandt benannt wurden, stets für trostlose Anblicke stünden. Der Willy-Brandt-Platz in Essen bestätigt diese Theorie. Als wir ihn passierten, begann dort gerade die Präsentation eines BMW-Modells. Promoter beschallten über Lautsprecher die öffentliche Fläche mit einstudierten Werbedialogen (“Schauen Sie mal, was wir Ihnen Neues aus München mitgebracht haben!”), addierten ihre mitgebrachte heruntergeleierte gleichsam der lokalen in situ-Trostlosigkeit, welche Passanten und Leute, die am Platzrand im Sonnenschein ihre Arbeitslosigkeit diskutierten mit einem breit angelegten Gleichmut ignorierten, der langjähriger Gewohnheit zu entspringen schien.

Presserückschau (September 2014)

Dieweil die Artenvielfalt global betrachtet schrumpft, wie die BBC jüngst berichtete, scheint sie am Rhein zuzunehmen und sogar Außerirdische einzuschließen. Davon, aber auch von rheinischen Ängsten und Gefahren handeln die interessantesten Pressemeldungen des Septembers:

1
Über den oberrheinischen “Hotspot der Biologischen Vielfalt” zwischen Bingen und Iffezheim, einen recht gedehnten “Flecken”, berichtet Die Welt: “Der Große Wiesenknopf reckt seine kugeligen Blüten in die feuchte Morgenluft. Auf einem bordeauxroten Blütenblatt sitzt eine winzige, hellgrüne Krabbenspinne. “Sie nimmt allmählich die Farbe der Blüte an, damit sie schwerer zu sehen ist”, erklärt Michael Markowski. “Dann schnappt sie die Blütenbesucher.” Markowski steht auf einer Wiese zwischen Rhein und Deich. Zirpende Insekten geben den Ton an, weiter weg dröhnt der Verkehrslärm der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden.” Im Kontroll-Fokus des Naturschutzprojekt des NABU stehen weitere klingende Namen: Pyramidenorchis, Helmknabenkraut, Blutweiderich. Außerdem soll die Artenvielfalt erhöht werden. Geplant ist die Ansiedlung von Sumpfschildkröten bei Bobenheim-Roxheim, dem Moorfrosch soll eine Mulde bei Oppenheim schmackhaft gemacht werden.

2
“Elefantenrennen in Graurheindorf” übertitelt der General-Anzeiger eine Schlagzeile. Von leibhaftigen Elefanten ist im Artikel dann allerdings keine Rede, vielmehr geht es um die rheinische Lust am Vergnügen durch Gruppenverkleiden, in diesem Fall kombiniert mit Paddeln auf dem Fluß: “Die “Black Dog Gang” macht seit Jahren beim Elefantenrennen (…) mit. (…) In diesem Jahr traten sie im Hippie-Look an. (…) Es ging um Spaß, Ruhm und Ehre sowie um Pittermännchen. Sieger waren “Die spontanen Nachbarn” (…). Mit ihrem Motto “Sonnenwelten, frei parken für alle” spielten die Nachbarn von Solarworld darauf an, dass das Unternehmen für seinen Neubau zu wenig Parkplätze geschaffen habe und deshalb viele Autofahrer wild in den Straßen parkten. Die schnellsten Frauen waren die Ex-Bonnas, die als Zenzis von der Alm mitfuhren. Der Junggesellenverein 1839 Rheinlust war (…) das langsamste Team und erhielt die Rote Laterne: Sie waren als Wikinger gefahren und hatten eine riesige Trommel dabei. Die schönste Kostümierung boten “Die charmanten Nachbarn”: Sie hatten sich als Conchita Wurst (…) verkleidet.”

3
Marsianer am Rhein gibt es seit mindestens ungefähr hundert Jahren. Im Ersten Weltkrieg tauchten Marsbewohner für den Film Die Entdeckung Deutschlands von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter, den ersten deutschen Kriegspropagandafilm laut der Freitag, bei uns auf. Von der zwei Stunden langen Urfassung ist heute nur noch ein 15-minütiges Fragment erhalten: “Demnach diente der Film im Kohlrübenwinter 1916 dazu, französische und englische Presseberichte zu dementieren, nach denen in Deutschland Hunger herrsche und die Kriegsproduktion stillstehe. Drei Marsianer, zwei Männer und eine Frau, reisen auf die Erde, um die Berichte zu überprüfen, und lernen ein – wie könnte es im Propagandafilm anders sein! – blühendes Deutschland kennen. Sie genießen Bier und Klöße in München, fahren nach Berlin, wo sie die Rüstungsproduktion begutachten, und nach Kiel, wo ein deutsches U-Boot zu bestaunen ist. Schließlich reisen sie den Rhein hinunter; dort wird das Deutsche Eck besucht und mit dem bereisten Flusslauf nebenher die gegen den Erzfeind Frankreich zu verteidigende Grenzlinie markiert.”

4
Fear and loathing in Mönchengladbach: “Es ist wie das Ungeheuer von Loch Ness: Irgendwann taucht es auf. Nur dass es nicht lustig ist, sondern für Tausende von Gladbachern zu einer Lärmtortur werden kann: der Eiserne Rhein. Zur bekannten und ausführlich erörterten 555 Millionen teuren Neubau-Trasse entlang der Autobahn 52 (die das Land NRW favorisiert) gibt es nun eine Bundes-Variante. Die ist so neu, dass nicht einmal führende Mönchengladbacher Bundes- und Landespolitiker auf Anhieb wussten, was sie davon halten sollen. Bis auf dies: Die Trasse sei wegen des Lärmschutzes so teuer, dass sie im Prinzip gar nicht zu verwirklichen sei” berichtet die Rheinische Post über den Stand der Planungen zur umgestalteten Wiederaufnahme einer Güterzugstrecke von Antwerpen über die Niederlande nach Duisburg.

5
Über neue Inseln am Oberrhein mit hübschen Gemüsenamen berichtet Baden TV: “Das Regierungspräsidium Karlsruhe schafft erstmalig zwei Kies- und Sandinseln bei Au am Rhein, um Tier- und Pflanzenarten zu schützen, die auf diese Flächen angewiesen sind. (…) Zunächst wird an der Spitze der Landzunge „Kohlkopf“, die den Rhein vom Illinger Altrhein trennt, ein Verbindungsgraben angelegt. Dadurch entsteht eine große Insel, auf der sich Wasservögel ungestört aufhalten können. Das in den Illinger Altrhein fließende Rheinwasser sorgt dafür, dass überflüssiger Schlamm und Sand heraus transportiert wird. Zusätzlich entstehen stellenweise kiesige Bereiche, in denen Fische und Neunaugen ablaichen können. Zwischen Verbindungsgraben und Kohlkopfspitze wird auf einer Länge von 400 Metern die Uferbefestigung herausgenommen, sodass sich das Ufer künftig natürlich entwickeln kann. Die neu geschaffene Insel mit ihrem Naturufer bietet Wasservögeln sowohl Nahrung als auch Stellen, die nur bei Hochwasser überschwemmt werden. So besteht die Chance, dass sich der in Baden-Württemberg vermutlich ausgestorbene Flussuferläufer hier ansiedelt und die Flächen als Bruthabitat annimt. Im Innenbogen des Rheins hat sich eine große kiesige Uferbank gebildet, die sogenannten „Tomateninseln“. Aktuell wird diese von durchziehenden Wasservögeln als Rastplatz und zur Nahrungssuche genutzt. Bei Störungen fliegen die Vögel immer wieder auf und verbrauchen viel Energie, die sie eigentlich für die Überwinterung brauchen. Um dies zu vermeiden und den Lebensraum der Vögel zu verbessern, wird auf den Kiesflächen ein Gewässer gebaggert und die Buhnen in diesem Bereich umgebaut. Aus der bisherigen Uferbank wird so überhaupt erst eine richtige Insel.”

6
Reingefahren: “Ungewöhnlicher Fund im Rhein: Ein 17 Jahre alter, lilafarbener Nissan Micra (K11), wurde (…) an der ‘Natorampe’ in Niederkassel von der Feuerwehr aus dem Rhein geborgen. (…) Wie die Polizei berichtet, befand sich im Fahrzeug keine Person. Laut Feuerwehr lag das Fahrzeug ca. 6 Meter vom Ufer und in 2 Metern Tiefe. (…) Nach ersten Ermittlungen war der Nissan im Juli diesen Jahres im Landkreis Neuwied abgemeldet worden. Bislang ungeklärt sind die Umstände, wo und auf welche Art das Fahrzeug in den Rhein gelangte.” (General-Anzeiger)

7
Rheingefahren: “Eine 66-jährige Rollstuhlfahrerin ist (…) in den Rhein in Rüdesheim gestürzt. Wie die Polizei in Wiesbaden (…) bestätigte, war die Feuerwehr aber rechtzeitig vor Ort und zog die Frau aus dem Wasser. Eigentlich hatten sie und ihr Begleiter nur ein Foto schießen wollen. Dabei war der Rollstuhl offenbar die Böschung hinabgerutscht. Die Seniorin kam zur Untersuchung ins Krankenhaus.” (Hit Radio FFH)

8
Rheingefahren (2): “Mit einer spektakulären Rettungsaktion endete (…) der Schulausflug einer sechsten Klasse (…) aus Wesseling auf den Drachenfels. Sechs der 32 Kinder sowie zwei Betreuer waren (…) beim Aufstieg aus den Weinbergen wohl vom Weg abgekommen. Wie die Leitstelle der Bonner Polizei am Montagabend erklärte, war die Gruppe von Elf- und Zwölfjährigen ihrer Klasse vorausgeeilt und dabei offenbar vom Weg abgekommen. Zwei Lehrerinnen folgten den Kindern und gerieten dann in steiles und unwegsames Gelände, etwa 30 Meter unterhalb der Aussichtsplattform des Drachenfels. “Da kamen sie hinein, aber nicht mehr hinaus”, so der Leitstellenbeamte. Dass es von dort offensichtlich kein Weiterkommen mehr gab, war einem Paar aus den USA aufgefallen, das sich (…) zufällig in der Nähe befunden und gegen 13 Uhr die Feuerwehr alarmiert hatte.” (General-Anzeiger) Der Feuerwehr gelang es schließlich, die versprengte Gruppe mit Seilen auf die Aussichtsplattform zu ziehen und einen der eher seltenen Fälle von Bergnot auf Deutschlands angeblich meistbestiegenem, wenngleich mit 321 Metern nicht all zu hohen Gipfel zu einem guten Ende zu führen.

Johanna Schopenhauer quert das Rheinland im Eilverfahren und setzt zu einigem Westfalenbashing an

“(…) In Lille ließ ich ein paar Tage von unsern Freunden wie ein verzogenes Kind mich pflegen; in Lüttich, wo keine uns bekannte Seele lebte, mußte ich zum ersten Mal seit wenigstens zehn Jahren einen ganzen Tag im Bette zubringen, weil das schnelle Reisen meine Kräfte erschöpft hatte. Dann ging es nach dem nahen Aachen. Dort verbrannte ich in einem frisch aus der heißesten Quelle geschöpften Glase Wasser aus kindischer Neugier mir die Finger und verlor darüber einen nicht kostbaren, aber mir sehr werthen Ring; weiter weiß ich für diesmal von der uralten berühmten Kaiserstadt nichts zu bemerken.

Von der vortrefflichen Kunststraße, die jetzt von Köln nach Mainz längs dem Rhein durch das Paradies von Deutschland führt, war vor fünfzig Jahren noch keine Spur vorhanden; der Weg war theils unfahrbar, theils gefährlich und in keinem Fall uns zu empfehlen. Wir wandten uns also von Aachen geradezu nach Düsseldorf, um von dort aus durch Westphalen den kürzesten Weg nach Berlin einzuschlagen, ohne das wegen seiner Düsterheit damals verschrieene Köln mit seinen dreihundert Kirchthürmen, welche die Sage der frommen Stadt zuschrieb, zu berühren.

So viel ich von Düsseldorf, das ich seitdem nicht wieder gesehen, mich erinnere, machte die Stadt einen recht freundlichen Eindruck auf mich; die berühmte, damals noch nicht nach München abgeführte Bildergallerie war die erste bedeutende, die ich seit Berlin und Potsdam, oder vielmehr überhaupt gesehen, und staunend über den Reichthum, der hier sich mir offenbarte, schlich ich langsam durch die weiten Räume, bis ich vor Rubens’ jüngstem Gerichte stand. Auch dieses weltberühmte Gemälde habe ich seitdem nicht wieder erblickt, aber den gewaltsamen, ich kann sagen fürchterlichen Eindruck, den es auf mich machte, haben die fünfzig Jahre, die seitdem verstrichen sind, nicht völlig auslöschen können.

Alle diese wunderseltsam in einander verschlungenen nackten Leiber verzweifelnder oder zu Paradiesesseligkeit entzückter Menschen, die wilden Teufelsfratzen, die holden Engelsbilder, die alle zusammen rings um das kolossale Gemälde zu einem schauerlichen Kranz sich gleichsam verflechten! ich konnte vor innerem Grauen den Anblick kaum ertragen und auch nicht mich davon abwenden. Lange hat er wachend und im Traume mich verfolgt. Ich wünsche, das Gemälde jetzt wieder zu sehen, um es in der Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, das noch immer meiner Phantasie davon vorschwebt.

Aber wie soll ich es anfangen, um die tragikomischen, oft unüberwindlich, oft unaushaltbar scheinenden Mühseligkeiten unserer ferneren Reise durch Westphalen gebührend zu beschreiben? diese mit großen rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, welche die Leute Chausseen nannten, auf welchen wir Tage lang uns fortschleppen lassen mußten, wollten wir nicht zur Abwechselung auf dem daneben hinlaufenden sogenannten Sommerwege bis über die Achse in Koth versinken! (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Jugendleben und Wanderbilder)

Ah quel chien de pays!, schimpft die Schopenhauer gleich im Anschluß an obigem Textausschnitt auf Westfalen und berichtet wortreich über die Unbill dieses Landstrichs. rheinsein hingegen zieht sich vornehm aus der Berichterstattung zurück und verweist Interessenten an frühem Westfalenbashing auf das Projekt Gutenberg.

Ameisengeschichte

6.15 — Die müde Stimme eines Freun­des ges­tern Abend auf dem Anrufbeant­wor­ter. Ich hatte um einen Rück­ruf gebe­ten, der Rück­ruf kam bald. Er mel­dete, er sei gerade auf dem Land in sei­nem Haus und kämpfe mit den Amei­sen. In den dar­auf fol­gen­den Minu­ten hat­ten wir mehr­fach kür­zere Ver­bin­dun­gen, die je nur Sekun­den dau­er­ten. Das waren Verbindun­gen einer Art gewe­sen, die man viel­leicht von frü­her her kennt, Stör­ge­räu­sche, Wort­fet­zen, Stim­men von sehr weit her, geheim­nis­voll. Nach eini­gen Minu­ten war dann end­lich eine sta­bile Verbindung erreicht. Ich hörte einen Bericht jener Vor­gänge, die sich fern, im Rhein­gau, in einem klei­nen Haus, das sich in der Nähe eines Wal­des befin­det, abspielten. Möbel wur­den ver­rückt, in Mau­er­spal­ten geleuch­tet, Die­len angehoben, um das Nest der Amei­sen­tiere, die wie­der ein­mal in das Haus eingewan­dert waren, aufzu­spü­ren. Zu die­sem Zeit­punkt hatte ich noch immer die Vor­stel­lung eines Kamp­fes, der mit den Werk­zeu­gen der Uhrmacher gefochten wurde, Lupen, Pin­zet­ten, dazu feinste Netze, Nadeln, Honigtrop­fen. Rasch wurde deut­lich, dass ich mich in Dimen­sio­nen der Vor­stel­lung bewegte, die mit der Wirk­lich­keit mei­nes Freun­des nichts zu tun hat­ten, mein Freund kämpfte mit Schau­feln, mit Besen, mit Gif­ten, mit Feuer, mit Was­ser. Er sagte, er habe ein­zelne Tiere bereits vor Wochen wahrge­nom­men, sie aber zunächst nicht ernst genom­men. Ich stellte mir vor, wie sie nun über­all sind, ein Haus, das von Amei­sen geflutet wird, ein Haus, das eine Haut von Amei­sen­kör­pern trägt. Sie sollen als Staats­we­sen ohne beson­dere Intel­li­genz sein. Sie bemer­ken nicht, dass man sie bekämpft, sie wer­den weni­ger, aber sie hören nicht auf, sie flüch­ten nicht, gerade des­halb sind sie viel­leicht nicht zu bezwingen. Und wie­der die Frage, neh­men wir ein­mal an ein Volk von Wanderamei­sen näherte sich, was würde ich hören? Viel­leicht ein gut sicht­ba­res Geräusch? — stop

***

Particles von Andreas Louis Seyerlein ist uns unter den literarischen Blogs der liebste: rund durchdacht, voller detaillierter Beobachtungen und merkwürdiger Erfindungen und ganz ohne störende Kommentare. Seyerleins kurze literarische Texte, Particles eben, bilden ein expandierend-kontrahierendes Wahrnehmungscluster, einen Textatem, einen Schwebezustand. Ein feines, durchlässiges, an manchen Stellen bereits verwaschenes Gewebe aus konzentriert beobachteter Wirklichkeit, dem, was die Wirklichkeit bedingen könnte, und dem, was die Wirklichkeit selbst an Fragwürdigem oder schon wieder Unwirklichem erzeugt. Das Particles-Gewebe besteht aus einigen thematischen Hauptsträngen. So fügen sich einzelne Particles zu Textreihen über einen an einem Sauerstoffschlauch in der Tiefsee zurückgelassenen Taucher oder ein mithilfe eines Positionssenders verfolgbares Eichhörnchen namens Frankie, das im New Yorker Central Park lebt. Eine andere Textreihe versammelt die Eindrücke von Medizinstudenten im lichten Präpariersaal der Münchener Anatomie. Käfer und Insekten spielen immer wieder eine Rolle, sowie mutierte und erträumte, mutierende und träumende, aus lang verschwiegenen Existenzen geschöpfte Wesen und Gegenstände. Bisweilen sticht die Realität hervor, wenn der Autor Amnesty Internationals Aufrufe zur Hilfe für Menschen in Not weiterleitet oder alltagsnahe Reisenotizen einstreut, denen dann jedoch gerne Fotografien anhängen, die erneut ins allenfalls Mögliche weisen.
rheinsein dankt Andreas Louis Seyerlein für die Genehmigung zur Veröffentlichung obiger Ameisengeschichte, die hier im Original zu lesen ist, wo sie zusätzlich mit dem Begriff “india” verknüpft steht, eine Verknüpfung, der zu folgen wir empfehlen. Wie nicht zuletzt und ganz besonders der  ausgeklügelten Particles-Anwendung Birdy: mit ihr läßt sich spielerisch eine Nachrichtenmaschine bedienen, welche Informationen über den erwähnten, im Meer ausharrenden Tiefseetaucher Noe liefert.

Angeln am störgestreiften Rhein

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Still aus der frühen Tatortfolge Wenn Steine sprechen. Kommissar Horst Pflüger (gespielt von Ernst Jacobi), ein intellektueller Feuerkopf mit Ansätzen zu Brillanz und dem Spleen, mitten aus dem besten Gehen/Laufen heraus in britisch-eleganter Jagdhund-Vorstehhaltung zu verharren, ermittelt zunächst ins Luftleere und bald gegen untersetzte Stützen der Baden-Badener Gesellschaft. Und gegen deren Töchtern eine, die reichlich seltsame Reitstile pflegt, Pflüger gegen offenbare Etikette-Widerstände einen Lyrikband (!) schenkt, aus dem (Maurice de Guérin (!!!)) er bei passender Gelegenheit nicht nur auswendig zu rezitieren, sondern den er auch gegen Pathosvorwürfe zu verteidigen versteht. Was die Tochter zu gemäßigtem Nachdenken bewegt und auf Pflügers Romanistikstudium in München zurückweisen dürfte. Für authentische Dialektinseln (mittelbadisch) im weitgehend hochdeutsch parlierenden Millionärsstädtchen sorgen die niederen Kasten (u.a. ein polizeibekannter Automatenknacker (“ich hab nur e Mark in de Zigaretteautomat neigschteckt”) und oben (wenngleich eher schemenhaft) zu erblickender Angler, welcher Opfer und Polizei wichtige Hinweise steckt), authentische Baden-Badener Klischeebilder (Casino, Galopprennbahn Iffezheim) wiederum wirken, als wären mit ihnen kleinere Zeitlöcher im Drehbuch zu stopfen gewesen. Der Rhein fließt schön gleichmäßig durch sein von Tullas fleißigen Arbeitern gerichtetes Bett. Wir sehen seltene Filmaufnahmen der heuer ein wenig in Vergessenheit geratenden Kunst des in seiner wirkungsvollen Beiläufigkeit so extremen altdeutschen Kaffeekredenzchens. Die Störgestreiftheit des Rheins erinnert uns an gerhardrichtersche und heisenbergsche Unschärfen: wo Vermutungen und Wissen sich überlagern, entsteht Drive.

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Ihringen

Am Fuße des Kaiserstuhls liegt das von zahlreichen Weinetiketten bekannte Weindorf Ihringen mit seinen Weinstuben und Gartengaststätten mit Weinausschank, mit seinen Winzergenossenschaften und weinverkaufenden Schuhhändlern und Weinfesten (die selbst von gestandenen Bayern unverhohlen mit dem Münchner Oktoberfest verglichen werden), mit seiner tausendjährigen Geschichte als Uringa, und seiner abgegangenen Ortschaft Wolptal, deren Existenz nurmehr vermutet wird. Auf Ihringens Straßen stehen, kurz vor dem nächsten Weinfest, überall nicht etwa Weinflaschen oder schlotzbereite Viertele, sondern Pappschälchen mit saftigsüßen Kirschen – gegen Hinterlassen einer Münze darf sich jeder selbst bedienen. Die Sonne teilt mit: Ihringen gilt als der heißeste Flecken Deutschlands (nunja, was die Durchschnittstemperaturen anlangt). Und dann der Weinort Ihringen als Lyrikort Ihringen: an den Ihringer Häusern hängen stilisierte Faßdeckel bzw -böden mit darauf gepinselten Versen und Sinnsprüchen zum ganz Ihringen beherrschenden Thema: „Im Wein sind / Wahrheit, Leben, Tod, / Im Wein sind Nacht und Morgenrot / und Jugend und Vergänglichkeit, / Im Wein ist Pendelschlag der Zeit. / Wir selbst sind Teil von Wein und Reben, / im Weine spiegelt sich das Leben“ Aufmunternde Blicke einer Weinkönigin, als sie bemerkt, daß ich mir die Verse an ihrer Hauswand einzuprägen versuche. Kurz darauf finde ich in unmittelbarer Nachbarschaft sogar noch stärkere: „Wer dich verschmäht, du edler Wein, / der ist nicht wert, ein Mensch zu sein“