Über die Pferdezucht auf den oberrheinischen Inseln

Neuenburg-Fohlenweiden-4
Der Hügelheimer Bürgermeister Isaak Sehringer hatte die Idee, auf den teilweise brach liegenden Rheininseln vor Zienken eine Fohlenweide einzurichten. Der Haken an der Sache aber war, dass zwar damals Zienken zu Hügelheim, die vorgelagerten Rheininseln jedoch zur Stadt Neuenburg gehörten, deren Stadtobere der Unternehmung skeptisch gegenüber standen.
Da boten sich die Grißheimer mit ihrem Bürgermeister Josef Diringer an, die Unternehmung auf einer ihrer Inseln mit 40 Fohlen zu beginnen. Im Mai 1857 lag dafür eine amtliche Genehmigung der Bezirksstelle Müllheim/Baden vor. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr lenkten die Zähringerstädter ein und beteiligten sich am Weidebetrieb. Geplant war bis zu 400 Stuten-Fohlen gegen Gebühr halbjährig in Obhut zu nehmen. Die gemeinsame Aufsicht hatten die Bürgermeister von Grißheim und Neuenburg, deren Aufgabe es war, die Fohlen vor Aufnahme einer genauen Musterung zu unterziehen und diese zu registrieren. Ferner kümmerten sie sich um die Organisation, Versicherung und um die Entlohnung der Hirten. Erwirtschaftete Überschüsse sollten je zur Hälfte in ihre Gemeindekassen fließen. Die in Vorleistung getretenen Kommunen erhofften sich nun, durch eine Eingabe bei der Großherzoglich Badischen Regierung, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Zur Prüfung des Anliegens war eigens der badische Landstallmeister angereist, ein gewisser Freiherr Karl-Ludwig Röder von Diersburg. Im Karlsruher “Landwirtschaftlichen Centralblatt”, vom 30. Juni 1858, ist dazu sein ausführlicher und äußerst positiv ausfallender Untersuchungsbericht abgedruckt.
Zum Zeitpunkt der Inspektion, es war Anfang Juni 1858, standen 107 Fohlen auf den Rheininseln „Langgrün“ und „Stückelkopf“. Die meisten Tiere stammten aus der näheren Umgebung, einige aber auch von Züchtern aus Riegel und Säckingen.
Die im April auf die Inseln geschwommenen Fohlen wurden ausschließlich im Freien gehalten und tagsüber von drei-, nachts von einem Hirten bewacht. Das Futter bestand nur aus dem was auf den Inseln wuchs, vor allem kräftiges verschiedenartiges Gras.
Der Landstallmeister wurde von Neuenburg aus flussabwärts auf die Inseln gebracht, die beidseits der Grißheimer und Neuenburger Gemeindegrenze lagen. Er lobte den Zustand der Tiere, die gut genährt, mit glattem Fell und prächtigen Hufen, auf ihn einen exzellenten Eindruck machten. Er resümierte überschwänglich, dass die Tiere bestens zum Militär-Dienst geeignet wären. Er übersah wohl dabei, dass die Fohlen erst einige Wochen auf den Rheininseln verbrachten.
Denn ganz anders fünf Jahre später. Im Januar 1863 wurde in einer Sitzung der Großherzoglich Badischen Regierung in Karlsruhe das Thema Rheininseln und Fohlenweiden behandelt. Für den damaligen Amtsbezirk Müllheim berichtete Friedrich Rottra aus Kirchen (Efringen-Kirchen), unterstützt vom Badischen Wiesenbaumeister Lauter vom aktuellen Stand der Unternehmung. Das anschließende Urteil war vernichtend. Etliche Fohlen seien in den zurückliegenden Jahren ertrunken und der Ernährungszustand vor Rückgabe an die Besitzer oft miserabel. Nach lebhafterer Diskussion mit dem ebenfalls anwesenden Landstallmeister, der im Sitzungsprotokoll mit keiner Wortmeldung erwähnt ist, wurde festgehalten:
„Der Staat habe nicht die Aufgabe, alle einzelnen Wünsche zur Förderung ganz privater Interessen durch Steuergeld zu unterstützen, das führe zuletzt zu ganz bedenklichen Folgerungen“. Die Versammlung stimmte mehrheitlich gegen die staatliche Unterstützung von Fohlenweiden.
Im Zuge der damals durchgeführten Tulla’schen Rheinkorrekturen verschwanden alle hiesigen Rheininseln, die vormals saftigen Wiesen versteppten. So war auch das Ende der Fohlenzucht auf den Inseln absehbar.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Von der Schwanenjagd

Singschwan Höckerschwan_kl“Ach du lieber Schwan!”

Am Weihnachtstag anno 1829 wurde in Steinenstadt am Oberrhein ein Schwan getötet. Dieses im süddeutschen Raum eher seltene Geschehen, war einer Münchner und Regensburger Zeitung eine Schlagzeile wert.
Was war geschehen?
Mehrere Singschwäne zogen zum Überwintern bis zu uns an den südlichen Oberrhein. Diese Schwanenart ist etwas kleiner als die hier heimischen Höckerschwäne, ein Alter von bis zu 20 Jahren können aber auch sie erreichen. Ihnen fehlt der unseren Schwänen namensgebende Nasenhöcker, ihre Schnäbel sind schwarz-gelb und sie haben einen fast geraden Hals. Zuhause sind sie in der osteuropäischen und sibirischen Taiga. Auffällig ist ihr ausdauernder Gesang, ein tiefes Posaunen. Ein damaliger Jäger kannte wohl diese Unterschiede, wusste auch, dass das Fleisch von Singschwänen genießbar ist, sogar bei einigen Nordeuropäern als Delikatesse gilt. Im Gegensatz dazu soll das Fleisch von Höckerschwänen ungenießbar sein.

Im Folgenden ist der Artikel aus der „Regensburger Zeitung“ vom Mittwoch, den 6.Januar 1830 abgedruckt:

Nachrichten aus dem In- und Ausland
„In Steinenstadt, Amt Müllheim, wurde den 24.12.1829 in einem Altwasser zunächst beim Ort, ein Schwan (Singschwan, Anas Cygnus) erlegt. Er war in Gesellschaft von noch sieben. Sein Gewicht beträgt 18 Pfund und seine Länge von der Schnabel- bis Schwanzspitze 57 französische Zoll. Dieser schöne Vogel mit seinem schwarzen Schnabel, schwarzen Füßen und blendend weißen Federn, ist bei uns ein seltener Gast und ein Zeichen großer Kälte im Norden. Ohne Zweifel wird es den Übrigen bei gegenwärtiger Witterung auf unserem in viele Arme geteilten Oberrhein, auf dem sie ausreichende Nahrung finden, wohl noch einige Zeit gefallen und dürfte es darum dem aufmerksamen Jäger gelingen, des einen oder des andern noch habhaft zu werden.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase aus Neuenburg am Rhein. rheinsein dankt!)

Ein Müllheimer Original

“Aus meiner Kinderzeit erinnere ich mich des alten Bliß. Er wohnte zu jener Zeit in einer Dachkammer meines großelterlichen Hauses in Müllheim. Ich sehe ihn heute noch vor mir, den großen, breitschultrigen Alten mit seinen roten Backen mit weinroter Nase, schneeweißem Haar und ebensolchem Napoleonsbärtchen. Unter buschigen Augenbrauen schauten ein paar ganz verschmitzte Augen hervor, und wenn seine tiefe Stimme dröhnte, und seine schweren polternden Schritte Großvaters Treppe herunterkamen, packten mich Angst und Neugier gleich stark, und ich rannte klopfenden Herzens in die schützende Wohnstube, um dort mein Gesicht an eine schmale Türspalte zu drücken und neugierig hinauszugückeln.
Bliß war lange Jahre schon Witwer und hatte kein eigenes Heim mehr, sondern schusterte nur noch in den Häusern. Sein ganzer Verdienst, soweit er nicht für das Lebensnotwendigste gebraucht wurde, wanderte ins Wirtshaus, und er konnte gar oft sagen: “Freu di Gürgeli, ‘s git e Durmarsch.”
Saß er an der Arbeit, so schaffte er wie ein Junger, aber die Pause zwischen den Arbeitstagen, in denen er keinen Hammer anrührte, waren oft lange. Wenn er ein bis zwei Tage in einem Hause gearbeitet hatte, so verlangte er gewöhnlich am Feierabend einen Vorschuß, und war dann ein oder mehrere Tage unsichtbar, bis die Geister des Alkohols ihre Wirkung verloren hatten. Er konnte so treuherzig betteln, daß die Leute seinem Verlangen immer wieder nachgaben.
Bei der alten Frau Bollin in der Badgasse bat er einmal am Abend des zweiten Arbeitstages: “Bollene, gämer doch anderhalbi Mark.” Auf ihre Frage, warum nicht eine oder zwei, antwortete er immer nur: “Gämer jetzt anderhalbi Mark.” So erhielt er diese und ward zwei Tage nicht mehr gesehen. Am dritten Morgen erschien er harmlos und setzte sich auf sein Dreibein, um die Arbeit wieder aufzunehmen, wie wenn er sie am Abend zuvor erst unterbrochen hätte.
Bliß erzählte gern aus früheren Jahren, so auch aus der Zeit, als er heiraten wollte. Anfangs der sechziger Jahre bestand noch das Gesetz, daß ein Paar, daß einen Hausstand gründen wollte, zusammen ein Vermögen von 200 Gulden besitzen müsse. Er und seine Braut hatten nun beide nichts, und bekamen daher die Erlaubnis zur Heirat nicht. Darauf ließ der Oberamtmann Bliß privatim zu sich kommen, redete ihm ins Gewissen und sagte ihm unter anderem: “Bliß, jetzt ist Er doch so lange Jahre in der Fremde gewesen, da hätte Er sich doch etwas ersparen können.” Bliß sah ihn an, und der Schalk saß ihm in den Augen, als er zur Antwort gab: “Herr Oberamtmann, wo ich in d’Fremde bi, isch in mim Wanderbuech gstande, ich soll ehrlich sy un rechtschaffe, un my Handwerch recht lehre, aber vom spare, Herr Oberamtmann, vom spare isch nüt drin gstande.” Der Oberamtmann drehte sich nach dem Fenster und verbiß ein Lächeln. “Bliß, Er kann gehen.” Darauf hin wurde dem Brautpaar die Heiratserlaubnis erteilt.
Sein loses Mundwerk nahm ihm niemand übel, er war nun einmal so ein Kerl, und man konnte ihm nicht zürnen. Einmal, als er beim alten Bürgermeister Bär gearbeitet hatte, und dieser ihm seinen Lohn auszahlte, sagte Bliß: “So, das wird jetzt rumpis un stumpis versoffe, das Geld, wo me bim Bürgermeister verdient, bringt aim doch kai Glück.” (…)”

Die Markgrafschaft war in den fünfziger Jahren die Monatsschrift des Hebelbundes. Mit Anekdotensammlungen und Gedichten suchte das Blatt den Geist Johann Peter Hebels aufrecht zu erhalten. Der Text über das Original “Der alte Bliß” (auch bekannt als “Pascha Bliß”) stammt von der Müllheimer Heimatdichterin Ida Preusch-Müller. Die Markgrafschaft ist Geschichte, der Hebelbund scheint sich trotz anderslautender Gerüchte bis heute zu halten. Und auch auf rheinsein steht dem hebelschen Geist stets die ein oder andere Zufluchtsecke offen, sich primär, sekundär oder tertiär herumzutreiben bzw zu verweilen.

De Kinäs mach d’Rhii gäl!

De Urhahn

Wenn de Urhan balzä düät
Des goht eim siedig heiß ins Blüäd -
Maidli – chum!“

(Gerhard Jung: „De Urhahn“)

He!
„De Kinäs hett de Geli Fluss – un’ mir hän de Rhii“, so denkt sich de Greger Max. Nochdenklich lässt er si Zittig sinke.
„Greger Max“, hießt er bii de jungi Lüt – er striicht doch immer gern durch Mülle, nachts, un’ frogt jungi Lüt, ob sie mit ihm nicht wond mitem heimgo – „er hätt doch au ganz tolli Musik vum Greger Max!“, so said er immer.
Wege sellere Musik vom Greger Max wird er no halt Greger Max gheisset.
G’hirotet isch er scho, aber er macht scho ä arg schwule Iidruck – do denk doch gli, der wott der an die Wäschi go – auch wenn sini Aldi im Neschd nebendra liegt.
Überhaupt sini Aldi… di isch immer im Edeka an de Kass un goscht umenand – ihre Alde goht wenn’s nur goht uff Friburg in die „Regina-Bar“, des isch so ä Puffbar, wo die lose Wiiber mit obe rum nix a umenander hocke, jo, so goschd’s Wib vom Greger Max umenand.
Wenn de selle Kerle nachts triffsch, no frogt er dich au gern: „No sag ämol – kenn mer kaini, die wo de Schlitz quer hätt? Wenn de mir eini bringsch, no kriegsch hundert Mark vu mer.“
Aber obwohl er ä Aldi hätt und immer vu Wiiber schwätzt, macht er doch ä schwuli Iidruck.
Do wärsch bigott froh, wenn e numhes einä zum Mitsuffä sücht und de mit heilem Fidele wieder us dr Stub chömmsch.
Hüt het er ä güäts z’Niini cha – z’schaffä hätt er jo eh nit, d’Chies kummt jo vu d’ Wohlfahrt – und er hätt Zittig gläsä, do hän sie gschriebe, de Kinäs isch ganz mächtig am vorwärts go.
Wütig springt er uff.
„No losemol…“, denkt er do bi sich, „wenn di nu alli chömma – Herrgottsdundergipfel – no wird’s do eng bi üs im Ländle…!“
Uff de Schreck brucht er nu erst ämol ä Chriisiwässerle.
Heidenei, des tüät güäd!
Scho cha er viel besser überlege -
Vu selle Kinäse gits doch glatt Milliarde – he! Wenn selli alli do akomme wodde – Jo leck mich doch am Stengel! Do hätts ni wieder ä Platz nit! Di fresse dr noch’s allerletschd Hoor vom Nischel! Di sinn imstand!
Do müäsch doch ebbis düä! D’Regierung holt am End no die alle ins Land – Und denn wird usm Rhii de Gel’ Fluss!
Uff de Schreck muss sich de Greger Max noch ä Chriisiwässerle extra genehmige…

(Ein Gaschtbeitrag von Bdolf (2013), rheinsein dankt.)

Markgräflerland

Tempowechseln unterworfener Blick auf die Landschaft: Zug-, Fuß-, Baum-, Vogel-, Insekten- und Rheingeschwindigkeit. Aus der Zeitung lachen R(h)ein Adams – eine Bryan Adams Coverband. Was soll diesen Tag noch toppen? Im Zug bin ich umgeben von einzeln hervorgestoßenen Lautwolken, der örtliche Dialekt ist ursprünglich gediegener Ruhe verpflichtet, wird er für aufgeregtere Situationen verwendet, gleicht der Anwender schnell einem biomechanischen Blasebalg, der zischende Luftfetzen in die Gegend pumpt: „duweizzschz“, „schaemmemenett“, „pszzblsszufff“. Bald ist das Abteil gefüllt mit diesem dadaistischen Wahnsinn, eine Performance sondergleichen, in die sich auch noch einfältige Mutmaßungen pfälzischer Tageswanderer mischen: drinnen kreist die BILD – draußen buckelt und streckt sich gelassen der Tuniberg hinter wilden Kirschen, Wein, jungem Mais und Spargelkraut. Es tauchen Flecken auf wie Bad Krozingen, Müllheim oder Auggen. In Orten, in denen schon die Namensgebung schiefläuft, steigt man wohl besser garnicht erst aus. Allerdings stören sie auch kaum den luziden, stets sich selbst sublimierenden Anblick des Markgräflerlands mit seinen schrillen kleinen Klatschmohn-Emoticons (und ihrer wunderbaren Korrespondenz mit den signalgeringelten Schloten, drüben im Elsaß). Es sind sanft von Wind und Sonne bestrichene Anblicke, die dunklen Kirschen, drall und prall vor süßem Saft geben die erotischen Sprenkler in einem Tal, das Gott ganz nebenbei während einer wohlgelaunten Mußestunde entworfen haben mag. Die etwas später designte Menschheit mags ihm wiederum bis heut mit zahlreichen Wegkreuzen, Weinbergkapellen, Feldarbeit und Ausflugstätigeiten danken.