Presserückschau (Januar 2013)

„Houston am Rhein“ (Kölner Stadt-Anzeiger) oder „Schilda am Rhein“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung): die Einschätzungen Kölns klaffen weiterhin auseinander. Langweilig wird es in der Stadt, die auf altem Rheinsand steht, so schnell nicht. Seit Jahren sorgt der U-Bahnausbau in Köln für bundesweite Schlagzeilen, in diesem Monat wieder (siehe unten, 4). Doch au woannerschter am Rhoi isch ebbes los:

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„Im Herzen Europas, wo der Rhein Frankreich, Deutschland und die Schweiz verbindet, liegt das Upper Rhine Valley. Die Region ist mit über 21.000 qkm fast so groß wie die Toskana. Wie diese lockt sie seit Jahrhunderten Touristen an, die Kunst, Kultur und gutes Essen lieben. Upper Rhine Valley ist eine kompakte, landschaftlich und kulturell enorm vielfältige Region. In den sehens- und liebenswerten Städten Baden-Baden, Basel, Colmar, Freiburg, Karlsruhe, Mulhouse und Strasbourg sowie zahlreichen weiteren Städtchen und Dörfern auf beiden Seiten des Rheintals lassen sich Natur, Kunst und Kultur erleben und das Leben genießen. Und: Die wirtschaftlich prosperierende Region mit rund 6 Millionen Einwohnern ist leicht erreichbar und gut erschlossen. Drei Länder in einem Tag, auch das ist hier leicht machbar.“ (regiotrends.de)

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Über essentielle Unterschiede zwischen Biber und Mensch im Verhältnis zum Rhein (in Grenzach) schreibt die Badische Zeitung: „Während man bei der Gemeinde darüber nachdenkt, wie man den Rhein als Standortvorteil nutzen, wie der Fluss mehr in den Alltag der Bürger rücken könnte, geht der Biber viel spontaner vor. Die Nagetiere, die sich seit den 90er Jahren wieder am Hochrhein wohlfühlen, sind vor vier Jahren auch in Grenzach angekommen. Statt die Regionalplanung zu bemühen und Bebauungspläne erstellen zu müssen, haben sie sich nur wenige Meter vom Hochrheinwanderweg einen Bau errichtet, dessen Größe auch die Biberexpertin des Regierungspräsidiums beeindruckt.“

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Infolge der Sperrung der Leverkusener Brücke für den Schwerlastverkehr im vergangenen Dezember ist nun auch die benachbarte Mülheimer Brücke für größere Transportfahrzeuge teilgesperrt, nachdem das Kölner Amt für Brücken und Stadtbahnbau festgestellt hatte, daß der Schwerlastverkehr auf die Nachbarbrücke ausgewichen war, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet: „Man müsse (…) jetzt reagieren, um zu vermeiden, dass an der Mülheimer Brücke ähnliche Schäden entstehen wie an der Leverkusener Autobahnbrücke.“

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Das Zittern des Kölner Domes ist sogar bis hoch in den Norden zu spüren, wo das Ereignis vom Hamburger Abendblatt verbreitet wird: „Eine neue U-Bahn-Verbindung lässt den Kölner Dom erzittern. Deshalb seien Gebäudeschäden zu befürchten, sagte Dompropst Norbert Feldhoff (…). Das historische Gemäuer sei “für derartige Belastungen nicht ausgelegt”. Man könne ein Zittern wahrnehmen und auch ein Rauschen. Es sei unstrittig, dass dies auf den U-Bahn-Verkehr zurückgehe, sagte Feldhoff.“ (Anm. rheinsein: Unser Test im Dominnern fiel, was U-Bahn-induziertes Zittern und Rauschen belangt, negativ aus. Es kann aber gleichwohl spirituell induziertes Zittern und Rauschen auftreten, weniger am Dom, als vielmehr im Schädel des/der Dombesuchenden.)

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„In Deutschland, China und anderen Industrienationen macht sich der stark angestiegene Verbrauch von Seltenen Erden nun auch verstärkt in der Umwelt bemerkbar. Hochtechnologie-Metalle, die zu den Seltenen Erden gehören, sind zum Beispiel ein wichtiger Bestandteil von Windturbinen und anderer moderner Elektronik; ihr Verbrauch steigt weltweit. Flüsse sind mittlerweile in vielen Ländern auch mit dem in der medizinischen Diagnostik verwendeten Kontrastmittel Gadolinium belastet. Eine neue Studie der Geochemiker Michael Bau und Serkan Kulaksiz zeigt, dass der Rhein darüber hinaus mit Lanthan und seit einigen Monaten auch mit Samarium verschmutzt ist. Der Rhein ist damit von den großen Flüssen der Erde derjenige, der am deutlichsten mit Seltenen Erden kontaminiert ist. Wie die Jacobs-Geochemiker nachweisen konnten, gelangen pro Jahr mehrere Tonnen dieser Hochtechnologie-Metalle mit Industrieabwässern nördlich von Worms ins Flusswasser und werden dann in die Nordsee, aber auch ins Trinkwasser von Rheinanliegern eingetragen.“ (idw-online)

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„Der Verein Schwanenschutzkomitee Hochrhein ist am Hochrhein und darüber hinaus bis Breisach im Einsatz. (…) Aktuelle Situation: Der Rhein ist derzeit so sauber wie noch nie. Fischbestände und Artenvielfalt werden reduziert. Das Wachstum von Wasserpflanzen, die Nahrungsgrundlage der meisten Wasservögel, geht zurück. Das Schwanenkomitee findet bereits im Herbst abgemagerte Schwäne und Wasservögel, die aufgebaut werden müssen.“ (Südkurier)

Außerdem erinnert die Klever Ausgabe der Rheinischen Post an die Geschehnisse im Januar vor 50 Jahren, als der Rhein von der Loreley bis zur holländischen Grenze „zum Stehen kam“: bei bis zu minus 32 Grad war der Fluß Mitte Januar 1963 zum bisher letzten Mal zugefroren. Auch der Bonner General-Anzeiger ruft das Ereignis mit seiner damaligen Titelschlagzeile wach: „Auf dem Rhein tanzen und flüstern die Schollen“ und die FAZ legt nach: „Glühweinstände mitten auf dem Rhein“.

Presserückschau (Dezember 2012)

Zum Jahreswechsel passend erscheint auf unserem Screen die Frage, ob nicht eigentlich immer wieder dasselbe in der Zeitung stehe? Für die Presserückschau dürfte eine Bejahung dieser Frage bedeuten, daß sie fortzuführen ab einem gewissen Grad an Themenabdeckung überflüssig würde. In der Vergangenheit haben wir tatsächlich den ein oder anderen Zeitungsartikel nur unwesentlich verändert oder ganz identisch zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Stellen vorgefunden. Würden zigtausende Rheinmeldungen aus hundert Jahren überblendet/auf Schnittmengen untersucht, was wären die zentralen/häufigsten Begriffe/Themen? Folgt eine Nachricht der Aktualität nicht nur, sondern nimmt sie die Aktualität auch vorweg, sodaß sie beinahe blind, ihrem konkreten Anlaß weitgehend entkoppelt lanciert werden könnte?

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“Warum gibt es im Rhein keine Aale mehr?“ fragt die Badische Zeitung und schildert ihre Vorort-Recherchen: „Für Sekunden zuckt der Aal im grünen Netz. Dann schlägt der Schwanz geschmeidig nach hinten aus, der glitschige Fisch landet im aufgewühlten Wasser des Grand Canal d’Alsace bei Kembs. Er trägt einen Sender unter der weißen Bauchhaut. Er ist einer von 50 Akteuren. Französische Forscher wollen herausfinden, warum die Aalbestände in Europa und besonders am Rhein dramatisch zurückgegangen sind. Über die Ursachen wird spekuliert: Wasserkraftanlagen und Stauwehre, Umweltverschmutzung, Pilzkrankheiten oder Überfischung in manchen Flussmündungen? (…) “Gesichert ist, dass es innerhalb weniger Jahre in den 80er-Jahren zu einer Zäsur gekommen ist”, erklärt Sébastien Manné vom Amt für Wasser und Wasserlebensraum, er überwacht das Forschungsprogramm. Die Zahl der Aale ging danach um 95 Prozent zurück.“ Am Niederrhein wiederum wird der Aal fleißig gefangen, jedoch vor seinem Verzehr gewarnt, weil der Fisch zuviele Schadstoffe aus chemischen Altlasten am Rheingrund enthalte.

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Über ein dreijähriges deutsch-niederländisches Projekt, an dem auch die Hochschule Rhein-Waal beteiligt war und das nun 81 Buchseiten abwirft, schreibt die Rheinische Post. In der Publikation „Genießen im Grünen – Groen genieten in der Region Rhein-Waal“ seien die Vorzüge der wenig bekannten „grünen Insel“ zwischen den Ballungsräumen Rhein-Ruhr und Randstad Holland dargestellt: „Wunderschön wird der Niederrhein in all seinen typischen Facetten dem Leser vor Augen geführt. So sieht man große Heuballen vor der Silhouette der Schwanenburg: „Selbst in Städten wie Kleve ist es am Niederrhein nie allzu weit bis zum nächsten Acker.“ Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der Produktion: „Das Ackern liegt dem Niederrheiner im Blut“. Auch Grünkohl, Eier von frei laufenden Hühnern, Weizenanbau, Äpfel mit roten Backen oder Käseerzeugnisse sind Wirtschaftszweige der Zukunft.“

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„Die Leverkusener Rheinbrücke ist für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen gesperrt worden. Enorme Schäden hätten diese Maßnahme notwendig gemacht, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Ob die Mängel überhaupt zu reparieren sind, ist unklar.“ (Kölner Stadt-Anzeiger)

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„Cette semaine, le projet commun des neuf ports du Rhin Supérieur a été lancé – le «corridor européen multimodal du Rhin Supérieur» devient ainsi une réalité, constituant un maillon central du transport fluvial sur l’axe Rotterdam – Gênes. L’Europe des transports est en train de se constituer et le Rhin Supérieur fait partie des éléments centraux donnant en même temps un exemple d’une coopération tri-nationale réussie“, teilt das euroJournal mit. Dem „multimodalen Korridor“ gehören die Häfen von Straßburg, Colmar, Kehl, Karlsruhe, Ludwigshafen, Mannheim, Basel, Mülhausen und Weil am Rhein an.

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Von einer halbwegs höllischen Passagierkonzentration auf der Bellriva berichtet die Frankfurter Rundschau: „Auf einem Rhein-Kreuzfahrtschiff vor Wiesbaden sind in der Nacht zum Samstag mindestens 54 Reisende an schwerem Brechdurchfall erkrankt. Weil die Ursache dafür zunächst völlig unklar war, wurde das Hotelschiff unter Quarantäne gestellt – niemand durfte von Bord.“ Als Verursacher wird der Norovirus vermutet, die Feuerwehr sei ihm bereits auf der Spur. Die größte Gefahr beim Norovirus bestünde in Dehydration. (Wahnsinnsidee: Ein Süßwasserschiff voller Dehydrierender, die sich in üblen Schwällen die Seele aus dem Leib treiben. Hieronymus Boschs Visionen als Wirklichkeit vor Wiesbaden.) Ein Fluch scheint auf der Bellriva zu liegen: „Das Schiff war erst im Frühjahr dieses Jahres in die Schlagzeilen geraten, nachdem es bei Karlsruhe von einem Lotsen auf Grund gesetzt und dabei fast versenkt worden war.“

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Ein Zusammenschluß namens „Trinationale Metropolregion Oberrhein“ betreibt „das touristische Leuchtturmprojekt “Upper Rhine Valley”“, meldet baizer.ch, das Portal des Wirteverbands Basel-Stadt: „Neue Vorhaben, die auch in der Region wirken und dort die Wahrnehmung stärken, sind die Entwicklung und Installation von Schildern, die den Eintritt ins “Upper Rhine Valley” an allen Autobahnen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kennzeichnen, die Entwicklung und Kennzeichnung grenzüberschreitender Ein- und Mehrtagesradtouren sowie die Verbindung der Weinstrassen links und rechts des Rheines zu einer gemeinsamen “Oberrheinweinstrasse”.“

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Hat das die Loreley getan? Eine Meldung aus der Frankfurter Rundschau: „Ein mit Stahl beladenes Güterschiff ist (…) auf dem Rhein bei Sankt Goar nahe der Loreley auf Grund gelaufen. (…) Ursache der Havarie sei ein Fehler des Schiffsführers gewesen.”

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„Am 26. März 2013 organisiert das grenzüberschreitende Forschungskonsortium Neuro-Rhine im Plenarsaal des Conseil Régional d’Alsace in Straßburg einen internationalen Kongress für Experten und Praktiker der Neurogenese und der Neuroprotektion“, verkündet rmtmo.eu, das Portal der offenbar anglofilen „Trinationalen Metropolregion Oberrhein“ (siehe 6) bereits jetzt: „Neuro-Rhine ist ein Konsortium von 10 Partnern aus der Trinationalen Metropolregion Oberrhein und Umgebung: Universitätsklinikum Freiburg, SATT CONNECTUS Alsace, Centre National de Recherche Scientifique (CNRS), Région Alsace, Association Neurex Alsace, Universität Basel, Universität des Saarlandes, Land Baden-Württemberg, Land Rheinland-Pfalz.“

Ansonsten jede Menge Berichte zu den Hochwasserständen (“der Rhein ist für die Schifffahrt gesperrt”; “der Rhein darf wieder von Schiffen befahren werden” etc etc), die in ihrer schubartigen Häufung zeitgeraffte Plastiken in unserer Imagination hervorrufen: eine Art holografischer Tischrhein zum Selberbedienen, dessen Vorbild eine Kreuzung aus Modelleisenbahn und Strömungsbecken mit lyrischen Unterständen sein könnte.

Elsässische Sprichwörter

“Esch e hüss so gross wie de rhin, es passt doch numme eini frau nin.”

“Denne vun Milhüse esch`s égàl wenn d`Strosburier in de rhin brùnze.”

“Nùmme d`tote fisch schwimme met`m strom.”

“M`r soll nit geje de strom schwemme.”

Neue Rheinmetropole, neue Rheinlänge

Das Monatsende bringt essentielle Meldungen zur rheinischen Existenz: nicht nur, daß die Länge des Rheins wegen eines Zahlendrehers bisher öffentlich meist falsch mit 1320 statt mit richtig 1230 Kilometern angegeben wird, wie der Kölner Biologie-Professor Bruno Kremer laut gestrigen Zeitungsmeldungen per eigenen Vermessungen herausgefunden haben will, nein, es existiert sogar recht unvermittelt eine neue Rheinmetropole, wenn auch zunächst nur für einen Monat, wie der folgenden Ankündigung (merci erneut an Roland Bergère) entnommen werden kann:

Ecole Regionale des Beaux-Arts in Besançon: Copacabana doesn’t exist! About the existence of the Rhin Rhône territory

If there is a place where human utopia has been achieved, that place is Copacabana. It is decadence in the poetic sense. The decadence in Copacabana works as a curtain, a protection for everything which happens within. Copacabana doesn’t have a centre, nor links with golden youth… It is a sort of oasis for all kinds of… Copacabana is wonderful. It is a wonderful town. Copacabana doesn’t exist!

This exhibition is the result of work carried out in a workshop of research at the ERBA. It was initiated by Philippe Terrier-Hermann and carried out jointly by students and two artists in residence, Ariane Bosshard, graphic artist, and Maxime Brygo, photographer. The question of creating a Rhône-Rhine agglomeration, utopian conurbation of two million inhabitants, stretching in an arc from Le Creusot to Bâle, including especially Dijon, Besançon and Mulhouse, has been the driving force of this workshop based on the question of how the territory can be represented. Indeed, isn’t this territory for now a mere mental representation? Will not this new entity measuring more than 300 Km in length, with an efficient high speed train network as backbone, exist only for an elite or a limited circle of informed civil servants and elected officials? Does the development scheme take into account all the essential aspirations of the inhabitants in all their diversity? Is grouping of competences in order to establish centres of excellence to exist on an international level compatible with the necessity to preserve social benefits and access to culture. Where are the centre and the boundaries of an agglomeration? How do we represent a new metropolis made up of diverse cities, each having their own specific identity, equally historically as mythically? We have tried to reply to these questions both together and individually and present our diverse research here. Maxime Brygo, in his photographic work attempting to represent this agglomeration has searched for images meaningfully illustrating history and symbols. He questions the subject of identification with a territory, its history and its potential monuments. Two notes, one official, the other descriptive are given to each of these pictures. In this way, Maxime Brygo offers us the chance to dare to assume the position of judge between the image and its potential interpretations; he leaves the images to float in an undefined status. With this body of work, Maxime Brygo asserts that this territory exists in its capacity to link these stories and their representations. As an accompaniment to this research, Ariane Bosshard has reflected on the traceability of this mental territory and on the good way of realizing a book about such a myth. So, she has conceived a black book, a book to elaborate mentally only from what is given to us: the oral description of the pictures. Thus she also plays with the zones of mental construction existing between words and images.

Artists’ representation of a territory stimulates possibilities and their perception of these possibilities is potentially utopian. Though attempting to activate a deliberately real territory, artists, through their visions have potentialities for turning them into Utopia (Nicolas Moulin, Bernard Voïta, Edwin Zwakman…). Either by the use of shifting, altering shapes, framing, darkening, … or any odd vision, the works shown here transform our perception of the world and lead us to look at it in another way. Gabor Osz shows a photograph of a beach, normally a place for leisure, in a warlike vision, having converted a bunker into a camera obscura. The virgin Namibian landscape by Balthasar Burkhard offers possibilities. David Renaud and Philippe Terrier-Hermann present maps which, though realistic, are made unusual by their own point of views. Ayako Yoshimura depicts a new territory, between utopia and heterotopy : a hyper megalopolis combining Tokyo, Shanghai, São Paulo, Chicago, New York and Yokohama; Marie-José Burki presents a scan of the Genevan suburbs. A manure heap by Philippe Gronon plays as a counterpoint to three cliché-like landscape paintings by Lisa Milroy. Sébastian Diaz-Morales’ movie takes us into unknown and unidentified areas, though real. Simon Faithfull’s video showing an abandoned fishing station in the Falkland Islands inhabited again by the native population as well as Neal Beggs’ performance about appropriating public spaces suggest an opportunity for hope. Delphine Bedel has travelled the mythical Route 66 from Chicago to Los Angeles, Gérard Collin-Thiébaud has wandered through Corsica and Valérie Jouve has approached Munster by river, rail and road. With ‘Celebration’, Quirine Racké and Helena Muskens present a town built in 1996 by Disney, which is how a capitalistic firm has seized the concept of Utopia…

Innovation may bring some practical applications contributing to activate some concepts of utopia in its desire of a better ‘living together’ but it ought to be done in respect of community ideals specific to its genesis. Should utopia be applied thanks to innovations only available for an elite, it would result again in a dead end, in the same way as the one which led to the dismantling of the housing schemes buildings of the 60′s and 70′s.

Putting in place utopias based on innovation should benefit to everybody, far from the law-and-order drifts of gated communities or other barrio cerrados. These walled residential areas started in the USA, are developing from Buenos Aires to Cape Town and show a worrying rise in Europe. This fantasized Rhine-Rhône metropolis, in which it would take 20 minutes for a Besançon resident to attend an opera in Dijon or for a Belfort inhabitant to be in Mulhouse thanks to high speed trains is surely a pleasing idea, but on the condition that access to the trains should not be challenged by an elitist commercial policy which would again result in a new failure for Utopia. At least, this is the message which seems to be expressed by the artists and their ‘territorial’ visions!

«Today, the world is too dangerous for anything less than utopia» Richard Buckminster Fuller

Opening: Jan 28th from 8pm to midnight
From 28th January to 26th February 2010: Open from Monday to Friday from 2pm to 7pm (closed from 6th to 23rd February)

Mulhouse sémantique (4)

SIGN*A*RAMA (toute votre communication visuelle): Musée de l’Impression sur Etoffes: sieht selber aus wie`n riesiger Kartoffeldruckstempel. Halbmonddurgang: Skulpturen lustiger bunter präzisionsdurchlöcherter, offenbar stark aufmunternd bedrogter Kühe vorm Neuen Rathaus. Wie eine müde Herde Tiere im Zoo: die Arbeitslosen, die einen Kinderspielplatz in Beschlag nehmen, gegenüber dem Resto Social mit warmem Mittagstisch. “M. de Montaigne ging auch die Kirche, denn sie sind nicht katholisch. Es war unendlich Beispiele zu sehen, die Freiheit und gute ceste der Nation und des Reisin hoste zurückzukehren des dieser Stadt und einem wunderschönen Palast und avoit dor, wo er den Vorsitz führt, um seine host-Tabelle.” Halbmonddurgang: Bierstüwa Wistüwa Klapperstei. Immer wieder begegne ich ein und derselben Person in den Straßen: dem Fotografen der Fassaden auf Google Street View mit seinem unkenntlich gemachten Gesicht. Halbmonddurgang, halbmondabwärts: „Am 19. Oktober 1977 wurde Hanns Martin Schleyers Leiche in Mülhausen gefunden.” Halbmonddurgang, in der Vollkrümmung: Das Noumatrouff (elsässisch für „nun mal druff“?) wirbt mit seinem Wolfskopfmenschen. Halbmonddurgang, Engstelle: Bus 11 BRUSTLEIN. Halbmonddurgang, Zentrend: am Markt auf der gedeckelten Ill weist ein letzter Stand darauf hin, daß man noch elsässisch spreche. Feinste Teilchen und Krümel dringen von der Straße durch die Sohlen in die Schuhe, erhitzen sich durch die Reibung beim Gehen und Stehen. Nach einigen Stunden hat sich unter den Füßen ein Teppich aus glühender, dennoch feuchter Asche gebildet: élégance africaine in der Rue de Stalingrad. Schwer zermauserte Tauben. ANTIGEL. Gezeichnet: Jeannine Coiff. (Nee: der Pröbstlin.)

Mulhouse sémantique (3)

In den Citroën-Werken wird die Krise verdrängt. Der Himmel verliert eine kaum nachweisbare pappig-feuchte Substanz, die sich an Abgase, Straßenstaub und Stadtpegel bindet, zunächst macht sichs in Hautfurchen und -rillen bemerkbar, später wird auch die Hirnaura bedeckt, viele Leute sitzen und stehen einfach nur glotzend herum, managen auf diese Weise den Tag. PUB FICTION. Vierseitenbeschriftet die Lambertsäule am Hàfelemàrkt (dt: Töpfermarkt): „Dem durch Selbstthatigkeit entwickelten grossen Geiste. Die Mitburger.“ (Die Umlaut-Punkte wurden bei einem aufsehenerregenden Diebstahl zwischen den Zeiten entwendet, das ß ersetzten die Diebe spaßeshalber durch ein Doppel-s.) „Sa cendre repose à Berlin. Son nom est ecrit dans les fastes d`Uranie.“ Finster Gàsslà. HIP HOP BLING BLING SHOP. Jesus Christus, gestern und heute und derselbige auch in Ewigkeit. GRUNGE BOUTIK. Aufs Alte Rathaus sind in goldwallenden Gewändern auf goldfarbener Haut jede Menge Tugenden (oder was dafür gehalten wird) gepinselt. Davor dreht sich das mit feinstem Fin de siècle-Kitsch ausgestattete CARROUSEL1900. Grüne, basketballkorbähnliche Müllständer, mit Klarsichttüten bestückt. Café Miam Miam Friterie. Ceci n`est pas un sparkle pom. Dem gehört die Straße, der sie beschriftet? Dem gehört die Straße, der sie beschreibt? Langsam wächst der Morgen über sich hinaus und dringt in die Rue Schlumberger (vorerst nicht rauszufinden, welchem der zahlreichen Schlumberger sie gewidmet ist), in der ungelesen aufgeschlagene Autobiografien im Schatten ruhen: „Mein Leben als Hydrant“, „Erinnerungen an mein schwaches Fleisch rund um den Dönerspieß“, „Wenn ich das gewußt hätt“ und „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Mulhouse sémantique (2)

Salade de Betteraves, Salade Multicolore, Salade Cornélia, Salade Charcutières. Blick auf städtische Blumen. Schneeweißer Pitbull zerrt Pärchen längs der Ill. Meringuettes, zu deutsch: Baisers. Die abgeranzten Straßen, die hohen Preise. Über der 17 Grad-Sommerstadt dräut ein stumpfzahniger Himmelsrachen. Korrespondiert mit einigen einsturzgefährdeten Dächern. Corpus delicti – ancient rituals for a modern world. Eine Dame im Bikini klebt am Schaufenster, dahinter Vorhänge in ausgebleichtem Lila. Süßkirschenpflicht in den Vorgärten der Rue Buhler, Rue des Roses, eingekesselt von Leerstand, Eckenstehern, Staublichturbanität. FLUNCH. Feiste Europäerinnen tanzen grau und wild auf einem Relief am Tour de l`Europe, 112 Meter hohes dreieckiges Stahlbeton-Konstrukt, das sowohl das moderne Mulhouse als auch das Dreiländereck symbolisieren soll. Paßt schon. Der Heilige Ronald mit den feuerwehrroten Haaren schläft arglos unter einem weißen Laken, ist eigentlich schon tot und erwartet die Tunneldurchfahrt zur ewig elsässischen Kost. Hair of Time (drei Gegenvorschläge „zum Ausdiskutieren“: Time of Hair, Hair Time, Time Hair). Wie läßt sich Mulhouse als Teil der Eidgenossenschaft vorstellen? Weit über die eigene Geburt hinaus zurückdenken. Menschen sind angelegt, um über Straßen zu wuseln. Das eint uns (fast) alle. Mit einem Mariannenobelisken gedenkt Mulhouse seinen Befreitheiten von 1918/1944, auch seinen Söhnen die in Indochina herumbefreiten. Halal: die große Schweinefleischfreiheit. WÄRTSILÄ FRANCE. Das Elsaß und seine Affinität zum Erhalt diakritischer Zeichen.

Mulhouse sémantique

Im Norden beginnt Mulhouse zinedinezidanesk mit Bolzplätzen zwischen Hochhausgruppen und Wohnbaracken. IRISL. Im Zentrum ein Illhafen, Hausboote, verwaiste, geranien- und petunienbekästelte Promenade (kein Geranien-Petunien-entweder/oder!), schwammig grün dümpelnde Ill, bekränzt von kleinen Schaumwürfen, PET-Flaschen, ertrinkenden Blüten. Zwangsbestorchlogot: Potasse d`Alsace. Les Voyages Lesage. Repas Rapide. Ungesungene Chansontitel. Halsbrecherisch kunstfliegende Spatzen. Nahe der Rheinoper, dh im Theater-, dh wohl auch im Künstlerviertel klebt auf dem Boden die Kotze von letzter Nacht. Dezente Bettler. Les Amis de l`Emancipation Sociale, les Amis du Monde Diplomatique, les Auditeurs Modestes et Géniaux de Belfort vous invitent à un débat avec Francois Ruffin sur le thème de son livre „La Guerre des Classes“. Mischkulturelles Straßenbild. Menschen mit Hunden und Kindern (Square Steinbach) – wer geht mit wem Gassi? Arbre de la Liberté (8. Mai zerkratzt) – jedenfalls: ne filigrane Jungeiche. Le kiosque de Brothisla (tatsächlich e Brothäusle un net der Nam vun der Fra wo hinnerm Trese steht). Fleischnakas. AND` GEL NAILS. Formation, pose d`ongle, changez de vie. Von grünen Hoffnungsbögen überspannte Straßenbahnhaltestellen. Vélocité – städtische Leihräder gegen Elektrocash. Rue Engel Dolllfus, wer heißt denn so? Aha, ein „Industrieller und Philanthrop“, früher Doppelname. Im Gimex Market drehn sich die Grillhähnchen in ner Schutzvitrine am Tagesrand entlang. KISS KLUB. Betül, je t`aime. Was ist nun ein bétul? (Bétel?) Umgekehrt die Türken wieder: MIL FÖY für millefeuilles. Weitere übersetzerische Feinheiten: Rue des Bonnes Gens/Güàtàlitstross. Rue de la Justice/Schindergàsslà.